Noch 1950 der bessere Volkswagen: Hanomag 1,3 Liter

Die Idee eines „Volkswagens“ lag bereits im Deutschland der 1920er Jahre in der Luft. In der Presse und am Stammtisch waren die unterschiedlichsten Konzepte Gegenstand hitziger Debatten – praktische Konsequenzen blieben jedoch lange aus.

Während bei den Amerikanern die Volksmotorisierung dank industrieller Massenproduktion längst in vollem Gange war, verzettelten sich deutsche Hersteller mit abwegigen Konzepten wie dem Hanomag „Kommissbrot“.

Später bekam der Maschinenbaukonzern aus Hannover aber noch die Kurve und baute auch „richtige“ Autos, die sich für deutsche Verhältnisse recht gut verkauften. Der krönende Abschluss sollte der 1938 vorgestellte Hanomag 1,3 Liter sein.

Dieses moderne Modell haben wir zwar bereits hier ausführlich vorgestellt, doch fehlte bislang noch eine Aufnahme der besonders gelungenen Heckpartie. Das ändert sich mit folgendem Originalfoto, das der Verfasser kürzlich erstand:

Hanomag_1.3_Liter_1950_Galerie.jpg

Hanomag 1,3 Liter; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Selten ist die Heckansicht eines Autos so harmonisch wie auf diesem Foto von 1950. Natürlich fühlt man sich gleich an den Volkswagen aus Wolfsburg erinnert, der ähnliche Linien aufwies, aber damals noch ein Nischendasein führte.

Mit dem Hanomag war man auch wenige Jahre nach Ende des 2. Weltkriegs – der Wagen trägt ein Kennzeichen aus der britischen Besatzungszone – angemessen motorisiert.

Der wassergekühlte Vierzylinder des Hanomag 1,3 Liter leistete 32 PS, womit eine Spitzengeschwindigkeit von 115 km/h möglich war. Der VW mit luftgekühltem Boxermotor bot 1950 lediglich 25 PS und kam knapp über Marke von 100 km/h.

Während der Hanomag 1,3 Liter bereits 1938 über hydraulische Bremsen verfügte, stattete Volkswagen 1950 nur das Exportmodell damit aus. Mit 12-Volt-Elektrik war der Hanomag auch in dieser Hinsicht besser gerüstet.

Dann war da noch das großzügige Platzangebot, das einen geräumigen Kofferraum umfasste:

Hanomag_1.3_Liter_1950_Heckpartie

Hier sehen wir überhaupt einige interessante Details: die außenliegenden Scharniere der Kofferraumhaube – merkwürdig inkonsequent beim offenkundigen Bemühen um eine strömungsgünstige Linienführung.

In der rechten unteren Hälfte der Heckklappe erkennt man den „Hanomag“-Schriftzug mit dem markentypischen Flügelemblem – irgendwelche künstlichen Typbezeichnungen brauchten die markanten Autos der 1930er Jahre noch nicht.

Selten so gut zu erkennen ist die Gestaltung der Radkappen – sie waren ursprünglich verchromt, sind hier aber lackiert und die Sicken sind mit weißer Farbe ausgefüllt.

Auch die Stoßstangen sind dunkel lackiert –  möglicherweise hatte der Hanomag den Krieg bei der Wehrmacht zugebracht und geriet nach 1945 in neue Hände.

Die Besitzer konnten sich mit diesem Wagen im Jahr 1950 jedenfalls glücklich schätzen und wussten wohl, was sie an dem robusten und nach wie vor modernen Auto hatten.

Hanomag_1.3_Liter_1950_Frontpartie

Fünf Jahre nach Kriegsende ging es noch sehr bescheiden zu in Deutschland, selbst wenn man das Glück hatte, ein eigenes Auto zu besitzen.

Vom Überfluss der Wirtschaftswunderzeit war man noch weit entfernt, die Taille und das praktische Schuhwerk der verhalten lächelnden jungen Dame sprechen für sich.

Doch besaß man einen Fotoapparat und hatte Gelegenheit für diese schöne Aufnahme des damals immer noch eindrucksvollen Hanomag – wir können den damaligen Wert eines solchen Fahrzeugs nicht annähernd ermessen.

Heute fristen die attraktiven Automobile von Hanomag nur ein Nischendasein, ihnen fehlt das Prestige der großen Marken, dabei waren es einst echte Qualitätswagen. Das war auch ihr Problem – sie waren schlicht zu teuer, um größeren Erfolg zu haben.

So ist ein Hanomag 1,3 Liter 80 Jahre nach seiner Vorstellung seltener als ein zeitgenössischer Adler, Mercedes oder Opel – dabei hatte er einst das Zeug zum Volkswagen, wenn er mit über 3.000 Reichsmark nicht so teuer gewesen wäre…

© Michael Schlenger, 2018. All entries in this blog (including embedded photos) are copyrighted by the author, unless otherwise indicated. Excerpts and links may be used, provided that credit is given to Michael Schlenger and https://www.klassiker-runde-wetterau.com with appropriate and specific direction to the original content.

Jetzt auch mit Vierradbremsen: Presto Typ E 10/40 PS

Nicht schon wieder ein Presto – den hatten wir doch kürzlich erst (und das nicht zum ersten Mal).

Stimmt, der nach dem 1. Weltkrieg verbreitete Typ D 10/30 PS der Chemnitzer Marke ist in diesem Blog ziemlich lebendig – vermutlich gibt es in der Presto-Galerie bereits mehr historische Aufnahmen davon als überlebende Fahrzeuge…

Heute können wir aber tatsächlich etwas „Neues“ in Sachen Presto bringen, den ab 1925 gebauten Nachfolgetyp E 10/40 PS.

Er besaß noch den schnittigen Spitzkühler des Vorgängers – der den Presto-Wagen ein unverwechselbares Gesicht gab.  Aber in technischer Hinsicht war man nicht untätig geblieben.

Aus dem nach wie vor 2,4 Liter großen Vierzylinder – ein klassischer Seitenventiler – hatte man nunmehr 40 statt 30 PS herausgeholt. Solchermaßen beflügelt stieg die Höchstgeschwindigkeit des Presto von 70 auf 80 km/h.

Passend zum gestiegenen Leistungsvermögen hatte man dem E-Typ auch Vierradbremsen verpasst – wie damals üblich noch mechanisch betätigt.

Dieses Detail ist das Hauptunterscheidungsmerkmal des Presto Typ E 10/40 PS gegenüber dem Typ D 10/30 PS. Das war dem Verfasser lange nicht bewusst, weshalb er bei früherer Gelegenheit den folgenden Wagen ebenfalls als Typ  D 10/30 PS angesprochen hatte:

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Presto Typ E 10/40 PS; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Die trotz starken Lichteinfalls von links reizvolle Aufnahme mit dem doppelt belichteten Paar lässt die vorderen Bremstrommeln gut erkennen, weshalb es sich um einen Typ E 10/40 PS handeln muss.

Wie es scheint, besaß der Nachfolger des D-Typs statt ausgestanzter breiter Luftschlitze ein aufgenietes Blech mit schmaleren und zahlreicheren Luftschlitzen in der Haube.

Oder war dies erst bei späten Modellen des bis 1927 gebauten E-Typs der Fall?

Auf einer anderen Aufnahme eines Presto E 10/40 PS sehen wir zwar ebenfalls die vorderen Bremstrommeln, aber die Ausführung der Luftschlitze scheint noch wie beim Vorgänger zu sein, sofern dies auf dieser mäßigen Aufnahme überhaupt zu erkennen ist:

Presto_Typ_E_10-40_PS_1_Galerie

Presto Typ E 10/40 PS; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Bei Presto in Chemnitz entstanden zwischen 1921 und 1927 keine zehntausend Exemplare der Typen D und E, sodass man noch von einer Manufakturproduktion ausgehen kann.

Da ist es gut möglich, das man entweder bei den letzten D-Typen schon Vierradbremsen verbaute – vielleicht als Zubehör – oder dass bei den ersten E-Typen noch Bestände an Motorhauben des Vorgängers verbaut wurden.

Wer hierzu Näheres weiß, kann dazu die Kommentarfunktion nutzen – ergänzende Informationen werden im Blog-Eintrag berücksichtigt.

Viel mehr lässt sich angesichts der dürftigen Literatur zur Marke Presto zum Typ E 10/40 PS vorerst nicht sagen.

Sollte jemand über einen zugehörigen Originalprospekt verfügen, wäre es natürlich schön, diesen der Leserschaft zugänglich zu machen, die sich aus monatlich über 1.500 Vorkriegsenthusiasten zusammensetzt.

Nicht vorenthalten möchte der Verfasser dem geschätzten Publikum zwei weitere Originalfotos von Presto-Wagen des Typs E 10/40 PS aus seinem Fundus.

Da hätten wir zunächst diesen außergewöhnlichen Schnappschuss:

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Presto Typ E 10/40 PS; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Dieses tolle Foto lässt das beeindruckende Platzangebot in einem sechssitzigen Tourenwagen der 1920er Jahre aus der Vogelperspektive erkennen.

Die Aufnahme wurde vermutlich von einem Balkon im ersten Stock eines Hauses in Leipzig geschossen – jedenfalls entstand der Abzug laut umseitigem Stempel in einem Fotoatelier in der sächsischen Großstadt.

Möglicherweise zeigt das Foto den Presto bei einer Veranstaltung in der Nachkriegszeit, für die sich die Insassen „fein“ gemacht hatten. So ganz zusammenpassen wollen die Kostümierungen jedenfalls nicht.

Wenn dies zutrifft, könnte dieser Presto heute noch existieren. Denn auch unter den Sachzwängen des Sozialismus bestand in Ostdeutschland eine lebendige Vorkriegsautoszene, der wir das Überleben zahlreicher Wagen verdanken.

Und weil es so schön ist, haben wir hier eine weitere Aufnahme eines Presto Typs E  10/40 PS aus Zeiten der „DDR“:

Presto_Typ_E_10-40_PS_Tourenwagen_DDR_Galerie

Presto Typ E 10/40 PS; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Spitzkühler mit tropfenfömigem oberem Abschluss, Vierradbremsen, gerade geschnittene und spitz auslaufende Vorderkotflügel, aufgesetztes Blech mit Luftschlitzen – das ist ganz klar ein Presto Typ E 10/40 PS.

Am in Fahrtrichtung linken Rahmenausleger erkennt man das spezielle Oldtimer-Kennzeichen, das von den „DDR“-Behörden ausgegeben wurde. Es handelt sich somit eindeutig um ein Nachkriegsfoto.

Der Zustand des Presto scheint ausgezeichnet gewesen zu sein – eventuell war das Verdeck erneuert worden, es sieht zu gut aus, um als mindestens 30-jähriges Original durchzugehen.

Bei diesem Wagen dürfen wir erst recht davon ausgehen, dass er das sozialistische Menschenexperiment im Osten unseres Landes unbeschadet überstanden hat. Vielleicht erkennt ja jemand den Presto wieder und weiß, wer der heutige Besitzer ist.

Den Freunden der Marke Presto sei übrigens an dieser Stelle versprochen, dass inzwischen auch Originalfotos der noch selteneren Nachfolgetypen F 10/50 PS bzw.  G 12/55 PS aufgetaucht sind – sie werden hier ebenfalls zu ihrem Recht kommen…

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Mercedes-Konkurrent mit Brezelfenster: NSU-Fiat 1500

Der Titel des heutigen Blog-Eintrags mag verwegen klingen, doch beschreibt er präzise das Fahrzeug, dem wir uns aus ungewöhnlicher Perspektive nähern.

Aufgenommmen wurde es einst an einem sonnigen Vorfrühlingstag in den späten 1930er Jahren in der damaligen Provinz Hessen-Nassau:

Fiat_1500_Heckpartie_Galerie

NSU-Fiat 1500; Originafoto aus Sammlung Michael Schlenger

Wohl als erstes fällt das zweigeteilte Rückfenster auf, das nach dem Krieg noch eine Weile den Volkswagen zierte und bis heute als „Brezelfenster“ bekannt ist.

In den 1930er Jahren besaßen viele Wagen mit stromlinienförmig gerundeter Heckpartie solche geteilten Scheiben, die kostengünstiger herzustellen waren als ein der Karosserieform angepasstes durchgehend gewölbtess Fenster.

Auf historischen Aufnahmen von Vorkriegsautos bekommt man dieses Detail indessen selten zu sehen, weil die Heckansicht meist nicht die repräsentativste war.

Wenige Limousinen jener Zeit besaßen ein so harmonisch gestaltetes Hinterteil wie der Wagen auf dem Foto. Zusätzlich betont werden die fließenden Formen durch die Zweifarblackierung .

Die außergewöhnliche Eleganz der Heckpartie ist ein erster Hinweis auf die Herkunft des Entwurfs, man möchte beispielsweise an ein französisches Auto denken. Am Ende werden wir – wenn auch auf Umwegen – dennoch in Deutschland landen.

Wie geht man nun in einem solchen Fall vor, wenn selbst die Detailvergrößerung kein Markenemblem und keine Typbezeichnung erkennen lässt?

Fiat_1500_Heckpartie_Detailansicht

Die gewölbten Radkappen scheinen völlig glatt zu sein, keine Sicke, kein Schriftzug – auch hier besticht eine Schlichtheit, die dennoch gefällig wirkt.

Sehr raffiniert ist die verchromte Einfassung des im Heck eingelassenen Reserverads – das dadurch weniger wuchtig wirkt. Die beiden kleinen Elemente unterhalb der Scheibe dürften mit einem Chromring eingefasste Entlüftungsschlitze sein.

An der Seitenpartie überwiegt ebenfalls der Eindruck konzentrierter Klarheit bei zugleich spannungsreicher Linienführung, die die Gerade vollkommen meidet.

Sehr dezent untergebracht sind die senkrechten Chromgriffe der beiden Türen, die gegenläufig angeschlagen sind. Sie geben den entscheidenden Hinweis auf die Herkunft der Limousine.

Den Versuch, die Türgriffe in der Außenhaut der Karosserie möglichst verschwinden zu lassen, kennt man vor allem von italienischen Autos der Nachkriegszeit. Tatsächlich taucht dieses Detail schon bei Fiats der 1930er Jahre auf:

Fiat_500_Heckpartie

Fiat 500 „Topolino“; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Auf dieser stimmungsvollen Nachkriegsaufnahme – einer aus einer ganzen Reihe, die wir noch vorstellen werden – erkennt man in verkleinerter und vereinfachter Form viele Details des Wagens von dem ersten Foto wieder.

Die Scheibenräder mit den schlichten Radkappen sind nahezu identisch, wenn auch die Seiten- und Heckpartie weniger elegant und reduzierter wirkt.

Dieser Fiat 500 „Topolino“ , wie er ab 1936 mit enormem Erfolg gebaut wurde – übrigens auch im alten NSU-Werk in Heilbronn – besitzt außerdem ganz ähnliche, senkrecht angebrachte Türgriffe.

Vom Fiat 500 war es dann kein weiter Weg mehr bis zu Identifikation des mysteriösen Wagens als Fiat 1500, der nahezu zeitgleich auf den Markt kam und ebenfalls in Deutschland gefertigt wurde.

Mit diesem technisch wie formal hochmodernen Modell hatte Fiat ein Auto im Programm, das selbst einem Mercedes 170 Konkurrenz machte.

Wer das für übertrieben hält, dem sei zugutegehalten, dass der Fiat 1500 hierzulande in der Veteranenszene keine Rolle spielt und von der Presse ebenfalls ignoriert wird.

Hier haben wir eine Seitenansicht des Modells, die den starken Einfluss der Stromlinie auf die Gestaltung deutlich macht:

Fiat 1500_Seitenansicht

Fiat 1500; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Auch technisch hatte der „große“ Fiat einiges zu bieten:

Statt eines schwachbrüstigen Vierzylinders wie beim Mercedes 170, der aus 1,7 Liter Hubraum gerade einmal 38 PS herausholte, verbaute man in Turin einen Sechszylinder, der aus nur 1,5 Liter standfeste 45 PS quetschte.

Schon früh hatte sich das Talent der Italiener abgezeichnet, auch bei kleinen Hubräumen hohe Dauerleistungen zu erzielen. Dazu trugen die strömungsgünstig im Zylinderkopf hängenden Ventile bei, während der Mercedes 170 ein braver Seitenventiler war.

Bei ähnlichem Wagengewicht war der Fiat etwas schneller als der Mercedes (115 km/h ggü. 110 km/h) – sein Benzinverbrauch (12 Liter) war nur unwesentlich höher.

Wie der Mercedes 170 verfügte der Fiat 1500 über hydraulische Vierradbremsen, nur mit seiner hinteren Starrachse war er im Nachteil.

Während Mercedes für den 170er schon in der zweitürigen Ausführung 4.350 Mark aufrief, bekam man beim NSU-Fiat 1500 für 100 Mark weniger bereits vier Türen.

Das Raffinierte daran war, dass der Fiat 1500 keine Mittelsäule hatte, was in Verbindung mit den gegenläufig angeschlagenen Türen einen besonders komfortablen Einstieg erlaubte.

Mit so einem Fiat 1500 konnte man sich Ende der 1930er hierzulande durchaus sehen lassen – sofern man auf das Prestige des Mercedes-Kühlers verzichten konnte:

Fiat_1500_Frontpartie

Fiat 1500; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Diese Herrschaften scheinen jedenfalls mit ihrer Wahl recht glücklich gewesen zu sein.

Dass der Fiat 1500 einst in Deutschland als ausgezeichnete Konstruktion wahrgenommen wurde, verrät die Tatsache, dass er nach Kriegsausbruch weitergebaut wurde. Erst 1941 endete im NSU-Werk in Heilbronn die Produktion.

Wo sind diese leistungsfähigen und eleganten Wagen geblieben? Auf einer hiesigen Klassikerveranstaltung hat der Verfasser jedenfalls noch nie einen gesehen…

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Reiz des Eigenwilligen: Renault KZ 10 CV von 1928

Viele französische Vorkriegsautos genießen hierzulande kein sonderliches Prestige.

Während für einen Mercedes 190 SL – ein schönes Auto, aber kein Meisterwerk – sechsstellige Beträge aufgerufen werden, ist eine der Ikonen des französischen Automobilbaus der 1930er immer noch erschwinglich: der Citroen 11 CV.

Das auch als Gangsterlimousine bekannte Modell ist technisch wie formal in einer Liga mit dem legendären Lambda von Lancia einzuordnen – beide Wagen waren ihrer Zeit enorm voraus und sind für Gourmets absolute Leckerbissen.

Citroen 11CV_Frankreich_Galerie

Citroen 11CV; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Preislich hat sich beim Citroen 11CV jedoch in den letzten Jahren nicht allzuviel getan. Er gehört immer noch zu den erschwinglichen Vorkriegsklassikern. Was könnte die Ursache sein: Ignoranz, Unsicherheit, Herdentrieb?

Man könnte es schon eher verstehen, wenn es um den Renault KZ 10 CV ginge – der war wirklich eigenwillig und technisch unspektakulär – schönsehen kann man ihn sich nicht.

Aber selbst solch ein „schräger Vogel“ von der anderen Seite des Rheins hat seinen Reiz:

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Renault Type KZ 10 CV; originale Postkarte aus Sammlung Michael Schlenger

So charmant die (für die Aufnahme gestellte) Situation auch ist, die auf einer zeitgenössischen Postkarte festgehalten wurde, so fremdartig wirkt das Auto darauf, speziell die Frontpartie.

Kaum zu glauben, dass man bei Renault diesen eigenwilligen Typ mit nur wenigen Änderungen von 1922 bis Anfang der 1930er Jahre baute.

Es handelt sich um eine Variante des Renault KZ 10 CV mit konventionellem 2,1 Liter-Vierzylinder, von dem wir bereits zwei Beispiele vorgestellt haben.

In Frankreich waren diese braven und zuverlässigen Wagen als Taxi verbreitet, weshalb man sie auf zeitgenössischen Abbildungen recht häufig sieht. Hier eine Postkarte aus Paris, auf der man mindestens drei solcher Renaults sehen kann:

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Paris, Justizpalast und Sainte Chapelle; originale Ansichtskarte aus Sammlung Michael Schlenger

Diese Ansichtskarte schickte in den 1920er Jahren eine junge Dame auf Reisen an die Familie in Deutschland – ein Aufenthalt in Paris war damals noch eine große Sache.

Zu der aufregend anderen Welt in der Seine-Metropole gehörte auch der dichte Autoverkehr, allenfalls im damaligen Berlin ging es ähnlich quirlig zu.

Zurück zum Renault Type KZ 10 CV: Technisch tat sich bei dem Modell über die Jahre nicht viel, aber formal wurde das Auto behutsam weiterentwickelt.

Das sieht erst bei genauem Hinsehen und im Vergleich mit früheren Versionen. Folgende Aufnahme zeigt die erste Variante, die von 1922-26 gebaut wurde:

Renault_1924_Galerie

Renault Type KZ 10 CV; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Haupterkennungsmerkmal ist das ovale Markenemblem an der Vorderseite der Motorhaube. Übrigens war der Renault Typ KZ 10 CV das erste Modell der Marke, bei dem der hinten angebrachte Kühler nicht mehr seitlich über die Haube hinausragte.

Ungewöhlich ist an diesem Wagen der hölzerne Nutzfahrzeugaufbau. Eventuell handelte es sich um eine Type KZ Colonial, der ab 1925 mit kurzem Radstand angeboten wurden.

Im Jahr 1926 tauchte erstmals das rautenförmige Markenemblem auf der Motorhaube auf, das auf folgendem Foto gut erkennbar ist:

Renault_Type_KZ_10_CV_1926_Galerie

Renault Typ KZ 10 CV; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Abgesehen vom geänderten Markenemblem und dem langen Radstand sind kaum Unterschiede zu erkennen – man merke sich bei der Gelegenheit die Höhe der Schwellerpartie und die Form der Vorderschutzbleche.

Im darauffolgenden Jahr 1927 erhielt der Renault Type KZ 10 CV Stoßstangen, sonst blieb alles beim alten. Erst 1928 ergaben sich größere Änderungen im Erscheinungsbild.

So schmiegten sich nun die Vorderschutzbleche näher an die Räder an, folgten also nicht mehr einer geraden Linie zum Trittbrett. Außerdem war das Chassis niedriger, was sich in einer flacheren Schwellerpartie bemerkbar machte:

Renault_Type_KZ_10_CV_Ak_nach Tschechien_AusschnittGut zu erkennen sind auch die kleinen Positionsleuchten auf den Kotflügeln, die bei den Vorgängermodellen noch nicht zu sehen waren. Auch die konzentrischen, hell abgesetzen Kreise auf den Scheibenfelgen scheinen hier erstmals aufzutauche.

Acht statt zuvor sieben (wenn nicht alles täuscht) Luftschlitze in der Motorhaube weisen ebenfalls auf eine nur behutsame Modellpflege hin.

Die Kundschaft schätzte offenbar die konservative Linie des Renault Type KZ 10 CV, dessen Frontpartie immer noch an die allerersten Modelle der Marke erinnert.

Außer dem rautenförmigen Markenemblem, das neuerdings wieder die Ausmaße der Vorkriegszeit erreicht, einnert heute bei Renault nichts mehr an diese Modelle.

Eigenwillig gestaltet sind die Wagen der Marke nach wie vor. Aber sie erscheinen längst nicht mehr konservativ, sondern auf beinahe brutale Weise progressiv. Die Kundschaft von heute scheint das zu mögen – so ändern sich die Zeiten…

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1912: Winterliche Ausfahrt im offenen NAW „Sperber“

Der Februar 2018 gibt sich nach mildem Jahresbeginn recht winterlich – nachts Minusgrade, tagsüber Schneeschauer.

Die nasskalte Witterung ist kein Vergnügen, auch wenn wir im 21. Jahrhundert meist nur kurze Strecken an der frischen Luft zurücklegen müssen. Ob im eigenen Auto, Bus oder Bahn – eine zuverlässige Wärmequelle ist meist in Reichweite.

Wer kann sich heute noch vorstellen, unter diesen Bedingungen eine Spritztour im offenen ungeheizten Automobil zu machen?

Wohl kaum einer – abgesehen von Bewohnern der britischen Inseln und den Veteranenfreunden vom ASC Hessen, die ihre traditionelle Winterausfahrt „Rund um Schotten“ im Februar abzuhalten pflegen.

Vor über 100 Jahren hatten die Automobilisten jedenfalls keine Wahl – die meisten Fahrzeuge waren offene Tourenwagen, teure geschlossene Aufbauten waren die Ausnahme.

So ist zu erklären, weshalb im Februar 1912 diese Herrschaften ohne Dach über’m Kopf unterwegs waren:

NAW_Sperber_02-1912_Pk_Danzig_Berlin_Ltnt_Engel_IR_19_Galerie

NAW „Sperber“; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Wir kennen den Aufnahmezeitpunkt deshalb so genau, weil diese Aufnahme einst als Postkarte von Danzig nach Berlin verschickt wurde.

Empfänger war ein Leutnant Engel vom III. Bataillon des 19. Infanterieregiments mit Standort in Görlitz.

Der Absender, der mit „Berthold“ unterschrieb – der genaue Wortlaut der Nachricht ist schwer zu entziffern – dürfte einer der jungen Soldaten auf dem Foto gewesen sein. Man konnte damals auch privat geschossene Aufnahmen als Postkarte versenden.

Nun aber zur Frage, in was für einem Wagen die Männer einst im Winter irgendwo im Umland von Danzig unterwegs waren. Dazu werfen wir wie den obligatorischen näheren Blick auf die Frontpartie:

NAW_Sperber_02-1912_Pk_Danzig_Berlin_Ltnt_Engel_IR_19_Frontpartie

Die markante Kühlermaske mit der wellenförmigen oberen Einfassung des Kühlernetzes kam dem Verfasser auf Anhieb bekannt vor.

Ähnlich, aber ausgeprägter -und natürlich mit Markenemblem – fand sich das vor und nach dem 1. Weltkrieg unter anderem bei NSU. Das Fehlen einer Plakette oder eines Schriftzugs machte jedoch stutzig.

Fast wirkt es so, als sei auf dem Abzug an der Frontseite des Kühlers etwas wegretuschiert worden. Eigentlich sollte an dieser Stelle nämlich der Name des Modells eingeprägt sein wie auf folgendem Foto, das wir vor längerem hier vorgestellt haben:

NAW_Sperber Dieser Wagen besitzt einen ganz ähnlichen Kühler und mit etwas gutem Willen ist darauf „SPERBER“ zu entziffern.

Dabei handelte es sich um ein verbreitetes Modell der Norddeutschen Automobilwerke aus Hameln, das von 1911-1919 angeboten wurde.

Der Gesamteindruck der beiden Wagen ist recht ähnlich – im Detail finden sich nur geringfügige Unterschiede, speziell am Aufbau, was nicht viel heißt.

Gewissheit gab dann folgende Originalreklame aus dem Fundus des Verfassers:

NAW_Sperber_6-18_PS_1913-14-Reklame_Galerie

NAW-Reklame aus Sammlung Michael Schlenger

Hier sehen wir nun präzise das Modell, in dem die Soldaten auf der ersten Aufnahme unterwegs waren. Sogar der Aufbau hinter der Frontscheibe ist identisch, was bei so frühen Wagen nicht selbstverständlich ist.

Die in der Reklame genannte Motorisierung 6/18 PS ist eine von fünf bisher bekannten Varianten. Sie scheint erst ab 1912 verfügbar gewesen zu sein, davor und danach nennt die Literatur in derselben Steuerklasse die Ausführungen 6/14 und 6/20 PS.

Ob der NAW Sperber auf unserer Postkarte nun ebenfalls einen 6/18 PS-Motor besaß, muss vorerst Spekulation bleiben – es sei denn, ein Kenner der Marke weiß es genauer.

Jedenfalls ergibt sich aus dem Datum der Postkarte, dass es ein „Sperber“ von 1911 oder Anfang 1912 gewesen sein muss. Von den sehr wenigen Originalfotos dieses Typs ist diese womöglich eine, die auch bei der Datierung anderer Aufnahmen hilft.

In der Literatur gibt es jedenfalls kaum aussagefähige Fotos von NAW-Automobilen, was die allmählich wachsende Zahl von NAW-Fotos in diesem Blog interessant macht.

Bleibt die Frage, was es mit dem fehlenden Schriftzug auf dem Kühler auf sich hat.

Die vier Männer in dem Wagen hätten es uns vielleicht sagen können, aber von ihnen ist nur diese Momentaufnahme ihres Daseins geblieben, das womöglich schon wenige Jahre später auf den Schlachtfeldern des 1. Weltkriegs endete.

Nicht ausschließen können wir immerhin, dass das Auto überlebt hat – eine handvoll davon gibt es noch. Ist eines mit glattem Kühler ohne Typenschriftzug darunter?

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Selbstbewusster Auftritt 1929: Brennabor „Juwel 6“

Zu den einst bedeutenden deutschen Automarken, von deren Modellpalette keine überzeugende Gesamtdarstellung vorliegt – weder in Buchform noch im Netz – gehört der traditionsreiche Hersteller Brennabor aus Brandenburg.

Selbst mancher Kenner von Vorkriegsfahrzeugen aus dem deutschen Sprachraum ist sich des Rangs von Brennabor nicht bewusst: Nach dem 1. Weltkrieg war die Firma kurzzeitig der nach Stückzahlen bedeutendste Autohersteller Deutschlands.

Fast zeitgleich mit Opel installierte man eine Fließbandfertigung nach amerikanischem Vorbild – die entscheidende Voraussetzung für eine wirtschaftliche Produktion.

Leider blieb Brennabor der Erfolg von Opel versagt – aufgrund einer wenig durchdachten Modellpolitik. Denn was bietet sich für eine Massenproduktion besser an als ein erschwingliches und doch vollwertiges Einsteigerfahrzeug?

Diese Lehre aus dem US-Vorbild zog man bei Brennabor im Unterschied zu Opel leider nicht. Stattdessen verzettelte man sich nach vielversprechendem Anfang zunehmend mit nicht marktfähigen Konzepten, darunter auch 6- und 8-Zylinderwagen.

Mit einem dieser Modelle aus der Spätphase der Automobilproduktion von Brennabor befassen wir uns heute anhand der folgenden Aufnahme:

Brennabor_Juwel_6_1929-32_Galerie

Brennabor „Juwel 6“; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Das ist ein Bild ganz nach dem Geschmack des Verfassers – und sicherlich vieler Leser dieses Blogs für Vorkriegsautos: Hier haben wir keine sterile Werksaufnahme, keine fade Prospektabbildung und kein modernes Foto eines restaurierten Fahrzeugs.

Nein, das ist ein Dokument, wie es lebendiger kaum sein kann. Der Wagen dient dabei eigentlich nur als Staffage für die Inszenierung der einstigen Besitzer und Fahrgäste.

Kein Mensch würde heute mehr vor seinem Wagen derartig posieren – schon allein deshalb nicht mehr, weil moderne Autos banale Erfüllungsgehilfen im Alltag und keine Prestigeobjekte mehr sind.

Vor rund 90 Jahren dagegen – die Aufnahme entstand um 1930 – gehörte man als Autobesitzer hierzulande noch zu einer hauchdünnen Schicht – das galt selbst für den primitivsten Kleinwagen.

Wie stolz müssen die Leute erst auf einen solchen Brennabor gewesen sein! Man sieht es nicht auf Anhieb, aber es handelt sich immerhin um das 6-Zylindermodell „Juwel“.

Das 45 PS starke Fahrzeug ist an den drei Feldern horizontaler Luftschlitze in der Motorhaube zu erkennen, außerdem an der darunterliegenden Griffmulde:

Brennabor_Juwel_6_1929-32_Ausschnitt3

Die Scheibenräder mit vier Radbolzen „passen“ ebenfalls zu dem pünktlich zur Weltwirtschaftskrise 1929 aufgelegten kleinen Sechszylinder mit 2,5 Liter Hubraum.

Brennabor hatte seit 1928 einen 3,1 Liter messenden Sechszylinder mit 55 PS im Programm – den Typ AS. Parallel dazu gab es zwar auch schon ein kurzlebiges 45 PS-Modell – den Typ A, dessen Aggregat sich aber in Bohrung und Hub von dem des nachfolgenden Brennabor „Juwel“ unterschied.

Man ahnt hier etwas von der unübersichtlichen Modellpolitik bei Brennabor, mit der man letztlich auf keinen grünen Zweig kam.

In technischer Hinsicht waren die genannten Brennabor-Wagen allesamt konventionell – also brave Seitenventiler mit 3-Gang-Getriebe und mechanisch betätigten Bremsen.

Gemessen an vergleichbaren Typen deutscher Hersteller war der Brennabor „Juwel“ recht günstig zu haben – etwas mehr als 5.000 Mark kostete die Limousine.

Doch was half das, wenn ein Chevrolet Series AC mit 45 PS starkem Sechszylinder am deutschen Markt für deutlich weniger Geld zu haben war?

So blieb es bei wenigen tausend Exemplaren des Brennabor „Juwel 6“ bis zum Ende der Fertigung im Jahr 1932. Mit solchen Stückzahlen war man beinahe wieder bei der Manufakturfertigung angelangt.

Ein Jahr später – 1933 – endete der Automobilbau bei Brennabor für immer. Was bleibt, sind einige schöne Zeugnisse, die an diese erloschene Tradition erinnern.

Die flotte junge Dame auf dem Trittbrett steht sinnbildlich für den einst so selbstbewussten Auftritt der Marke aus Brandenburg:

Brennabor_Juwel_6_1929-32_Ausschnitt2

Schon diese Pose wäre bei heutigen Autos unmöglich – auch deshalb lieben wir Vorkriegswagen – weil sie so vollkommen anders sind.

Die Liebe zum historischen Automobil hat vielleicht in Situationen wie dieser ihre Wurzeln – die frühen Wagen standen für eine neue, unbeschwerte Lebensart, die den meisten vom Alltag absorbierten Zeitgenossen vorenthalten blieb.

Wer einst so einen Wagen besaß, hatte im wahrsten Sinne des Wortes eine neue Stufe des Daseins erklommen. Das stilvolle und repräsentative Erscheinungsbild der meisten Vorkriegsautos spiegelt noch heute ihren gesellschaftlichen Stellenwert wider.

Wem das zu hochgegriffen erscheint, möge sich einmal bewusst mit der ans Groteske grenzenden oder schlicht belanglosen Gestaltung moderner Alltagsautos vor der Haustür auseinandersetzen…

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Vom Fronteinsatz zur Heckansicht: BMW 315 Cabrio

Heute befassen wir uns einmal wieder mit dem BMW 315 – einem Vertreter der 1933 aufgelegten Serie flotter Sechszylinder, die Urväter des legendären Dreier-BMW.

Diese attraktiven Wagen besaßen erstmals das typische BMW-Gesicht mit der charakteristischen Doppelniere – hier am Modell 303 mit dem kleinsten Sechszylinder der Baureihe zu bewundern:

BMW_303_1933_Galerie

BMW 303; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Der ein Jahr später herausgebrachte BMW 315 mit 1,5 statt 1,2 Liter brachte es bereits auf 34 PS, was bei einem Wagengewicht von etwas über 800 kg damals ein ordentlicher Wert war.

Auf hydraulische Bremsen mussten die Käufer verzichten – vermutlich eine Preisfrage oder man hielt die Bremswirkung gut eingestellter Seilzugbremsen für ausreichend.

Mit dem BMW 315 haben wir uns schon ausführlich befasst, nämlich hier. In der Sache lässt sich zu einem so gut dokumentierten Fahrzeugtyp kaum Neues sagen. Doch tauchen immer wieder Fotos auf, die den Wagen in nicht ganz alltäglichen Ansichten zeigen.

Dabei führt uns heute eine Aufnahme von einem außergewöhnlichen „Fronteinsatz“ zu einer seltenen „Heckansicht“ – oder zwei davon, um genau zu sein.

Dass die agilen BMW 3er nach Kriegsbeginn auch bei der deutschen Wehrmacht eingesetzt wurden – es gab sogar eine Kübelwagenvariante – ist auf vielen zeitgenössischen Bildern dokumentiert.

Etwas aus dem Rahmen fällt aber diese Aufnahme:

BMW_315_WH_Galerie

Zu sehen ist eindeutig ein BMW 315 in der Ausführung von 1934/35, zu erkennen an den auf sechs Felder verteilten Luftschlitzen in der Motorhaube.

Es handelt sich um ein ursprünglich in München (Kennung: II A) zugelassenes Cabriolet, das spätestens nach Kriegsbeginn beschlagnahmt und einer Abteilung des Heeres (WH auf dem Schutzblech steht für „Wehrmacht Heer“) zugeordnet wurde.

Der Wagen muss schon einige Zeit bei der Truppe im Dienst gewesen sein, das verraten die Abnutzungsspuren an der überlackierten Chromstoßstange. Wieso die Radkappe unlackiert blieb, ist rätselhaft – ein Ersatzteil, das noch nicht „militarisiert“ wurde?

Die Tarnaufsätze auf den Scheinwerfern sprechen ebenfalls dafür, dass wir eine Aufnahme nach Kriegsausbruch vor uns haben.

Die beiden Unteroffiziere hinter dem BMW sind nicht mehr die jüngsten – zumindest der eine ohne Mantel scheint Fronterfahrung zu haben, wie die Abzeichen auf der Feldjacke vermuten lassen – hier sind Kenner gefragt.

Was aber war wohl der Anlass dieser Aufnahme, auf der der BMW mit Blumen und Zweigen geschmückt zu sehen ist?

Vielleicht entstand das Foto bei einer Einheit, die 1939 bzw. 1940 vom Polen- oder Frankreichfeldzug in die Heimat zurückkehrte – bei diesen Gelegenheiten wurden die Heimkehrer an den Standorten mit großem Hallo begrüßt – man findet öfters Aufnahmen solcher Situationen, für die die Fahrzeuge geschmückt wurden.

Wie es dem BMW in den darauffolgenden Kriegsjahren ergangen ist, wissen wir nicht. Dafür haben wir zwei Aufnahmen eines solchen BMW 315 Cabriolets, das das Inferno überstanden hat.

Der Reiz dieser Fotos besteht zum einen darin, dass wir hier die selten abgelichtete Heckpartie sehen, zum anderen „leben“ sie von den einstigen Besitzern darauf:

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BMW 315; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Die ernst nach hinten schauende junge Dame mit Frisur und Hut im Stil der späten 1940er Jahre steht in denkbarem Kontrast zu dem mitgenommen wirkenden Wagen, der vor einer Berglandschaft aufgenommen ist.

Möglicherweise täuscht der Eindruck und das Auto ist bloß auf einer Urlaubsreise schmutzig geworden. Der gute Zustand des Verdecks spricht eher für eine gepflegte Substanz des Autos.

Außer dem Kennzeichen aus der britischen Besatzungszone Rheinland (Kennung: BR) sehen wir Radkappen im selben Stil wie auf dem Foto des Wehrmachts-Wagens.

Auch der markante Verlauf der seitlichen Zierleiste und die Form des angesetzten Kofferaums findet sich in der Literatur genau so beim viersitzigen BMW 315 Cabriolet des Baujahrs 1934/35.

Dass man den Typ aus dieser Perspektive so genau bestimmen kann, ist schon außergewöhnlich. Dabei halfen zeitaufwendige Recherchen und eine Prise Glück.

Nun aber die angekündigte zweite Aufnahme, die wohl von der feschen Dame gemacht wurde, die wir gerade kennengelernt haben:

BMW_315_Nachkrieg_2_Galerie

BMW 315; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Das ist ein ausdrucksstarkes Porträt, wie man es bei Amateuraufnahmen selten findet. Der großgewachsene Herr ist hier mit versonnenem Blick festgehalten, was mag in dem Moment hinter seiner Stirn vorgegangen sein?

Wir dürfen vermuten, dass wir es hier mit einem Paar zu tun haben, das sich auf dem Rückweg von einer Urlaubsreise befindet – beide sind kräftig gebräunt. Sie scheinen gutsituiert gewesen zu sein und legten Wert auf stilvolle Erscheinung.

Damals waren die Erinnerungen an den Krieg noch frisch und man meint, auf diesen Zeugnissen zu erkennen, dass die beiden zwar frei von materiellen Sorgen waren, aber dennoch nicht ganz unbeschwert durch’s Leben gingen.

Mehr wissen wir nicht – unser Paar scheint keine Nachkommen gehabt zu haben oder diesen waren die Fotos von einer Urlaubsreise im BMW aus alter Zeit gleichgültig.

Jetzt erfreuen wir uns an ihnen – ein anrührender Moment aus der Zeit vor bald 70 Jahren wird der Vergessenheit entrissen und im Netz wieder lebendig. Genau das ist die Magie von Vorkriegswagen auf alten Fotos

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Stilvoll durch den Winter: Adler „Trumpf“ & „Primus“

Wir nähern uns der Mitte des Monats Februar und registrieren erfreut, dass die Tage endlich wieder länger werden. Doch der Winter ist noch nicht ganz vorüber – Temperaturen um die null Grad und häufige Schneeschauer erinnern uns daran.

In der Wetterau zwischen Taunus und Vogelsberg – der Heimat des Verfassers – fallen die Winter meist mild aus. Dennoch scheinen speziell junge Männer wild entschlossen, mit dicken Schals und Mützen mit Ohrenklappen Väterchen Frost zu simulieren.

Man fragt sich, ob dies bloß modische Attitüde ist oder ob die Burschen hierzulande heutzutage wirklich so schnell frieren. Was ziehen die bloß an, wenn’s mal wieder einen richtig strengen Winter gibt?

Unsere Altvorderen waren da aus anderem Holz geschnitzt:

Adler_Primus_Winter_Galerie

Adler Primus; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Auf dieser Aufnahme sieht man den Schnee fast waagerecht vorbeisausen – nicht gerade ideale Bedingungen für einen Schnappschuss im Freien vor dem Automobil.

Die junge Dame im Kostüm mit Bluse und Krawatte – ein raffinierter Stil, den man heute schmerzlich vermisst – hält sich dennoch wacker. Ihr Begleiter mit fesch sitzendem Hut und zweireihigem Mantel scheint ebenfalls guter Dinge zu sein.

Vermutlich war es bloß ein Tag mit Temperaturen um die null Grad, an dem ein kräftiger Schneeschauer in Windeseile Frontscheibe und Nummernschild zuwehte – auf der Straße jedenfalls zeigt sich eher Schneematsch.

Bei solchen Bedingungen kam man auch mit einem Wagen mit Heckantrieb zurecht, wie wir ihn auf dem Foto sehen. Der klassische Flachkühler mit dem stilisierten Adler verrät, dass es sich um einen „Primus“ der Frankfurter Adlerwerke von 1932 handelt.

Dieser blitzsauber gezeichnete Wagen war die konservative Variante eines Mittelklassemodells, mit dem Adler damals einen großen Erfolg landete.

Mit 32 PS aus 1,5 Liter Hubraum war man im Deutschland der frühen 1930er Jahre angemessen motorisiert. Das Fahrwerk des „Primus“ war mit blattgefederten Starrachsen zwar konventionell, doch immerhin gab es hydraulische Vierradbremsen.

Parallel dazu gab es ein fortschrittliches Schwestermodell, den heute bekannteren Adler „Trumpf“. Davon haben wir ebenfalls ein zur Jahreszeit passendes Foto:

Adler_Trumpf_Cabriolet_Winter_Galerie

Adler „Trumpf“; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Vom identischen Motor abgesehen war bei diesem schönen 2-türigen Cabriolet, das ebenfalls 1932 entstanden sein dürfte, praktisch alles anders:

Mit Frontantrieb (man beachte die Schneeketten vorn) und Einzelradaufhängung bot Adler hier ein modernes Konzept, das auch durch den schräggestellten Kühler auf Anhieb vom traditionellen Primus zu unterscheiden war.

Weshalb man bei diesem zukunftsweisenden Typ, der von Hans Gustav Röhr entwickelt wurde, noch Seilzugbremsen verbaute, bleibt rätselhaft. Selbst Wagen der unteren Mittelklasse wie der Typ 4/23 PS von Hanomag besaßen damals hydraulische Bremsen.

Möglich, dass die seilbetätigten Bremsen bei korrekter Einstellung ausreichten und man aus Kostengründen daran festhielt. Denn Limousine und Cabriolet des Fronttrieblers Adler „Trumpf“ waren teurer als die jeweiligen Varianten des „Primus“.

Kann jemand sagen, wer der Hersteller des feinen Adler „Trumpf“ Cabrios war, das wir auf dieser Winteraufnahme sehen? Es scheint keine Standardkarosserie zu sein.

Was bleibt, sind zwei schöne Dokumente, die eine Vorstellung davon vermitteln, wie selbstverständlich die heute sorgsam behüteten Adler-Veteranen einst im Wintereinsatz bewegt wurden und wie stilvoll man sich damit präsentierte.

Vielleicht eine Anregung für Besitzer solcher Adler-Wagen, auch selbst möglichst „original“ daherzukommen…

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Familienkutsche mit 6 Zylindern: Ein Opel von 1927

Wer heutzutage in die Verlegenheit kommt, eine Familie mit mehr als fünf Personen in seinem Auto unterzubringen, ohne gegen die Menschenrechte zu verstoßen, landet meist bei einem busartigen Gefährt von ernüchternder Funktionalität.

Diese hierzulande als „Van“ bezeichneten Wagen bieten viel Platz und Komfort, keine Frage – aber würde man sich damit anlässlich einer Ausfahrt ablichten lassen?

Wohl kaum, den Status als geschätztes Familienmitglied und nicht nur genutztes Arbeitspferd haben moderne Großraumlimousinen längst verloren.

Wie anders war das – und vieles mehr – vor rund 90 Jahren, als folgende Aufnahme bei einem Familienausflug entstand:

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Opel 12/50 oder 15/60 PS; Originalfoto aus Sammlung Michal Schlenger

Diesen schönen Schnappschuss hat einst auf einer Wiese irgendwo im Rheinland ein Familienvater fabriziert, für den natürlich auch das Auto mit auf’s Bild gehörte.

Solche Aufnahmen macht man schon lange nicht mehr – heute lädt man stattdessen eitle Selbstporträts („Ich vor der Elbphilharmonie“) im Netz hoch oder verschickt Fotos aus dem Sterne-Restaurant („Der Nachtisch, ein Traum“), die keiner bestellt hat.

Dagegen gibt es selbst auf banalen Abzügen aus dem Familienalbum wie auf der obigen Aufnahme jede Menge zu entdecken.

Ob es der (mutmaßliche) Chauffeur links im Hintergrund ist oder der facettenreiche Kleidungsstil der übrigen Personen – auf so einem Foto ist oft weit mehr festgehalten als nur ein altes Auto – weshalb wir genau solche Aufnahmen lieben.

Dabei ist im vorliegenden Fall der Wagen selbst durchaus beachtlich, auch wenn er auf den ersten Blick schwer identifizierbar scheint. Wer an ein US-Massenprodukt wie Chevrolet denkt, liegt gar nicht so verkehrt.

Das Auto ist zwar kein US-Fahrzeug, war aber stark von amerikanischen Wagen inspiriert, die in der zweiten Hälfte der 1920er Jahre den Markt im deutschsprachigen Raum überschwemmten.

Zu den einheimischen Firmen, die den Stil der großzügigen und gut ausgestatteten Sechszylinderwagen aus US-Produktion zum Vorbild nahmen, gehörte Opel.

Speziell die ab 1927 gebauten Opel-Modelle 90 und 100 mit über 3 Liter Hubraum und 50 bzw. 60 PS sollten eine Antwort auf die Herausforderung aus Übersee darstellen. Dabei scheute man auch vor plagiatsverdächtigen formalen „Anleihen“ nicht zurück:

Opel_12-50_PS_oder_größer_Limousine_1927-29_Galerie

Opel 12/50 oder 15/60 PS; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Diese Aufnahme eines Opel 12/50 oder 15/60 PS haben wir bereits hier vorgestellt. Man erkennt gut den Kühler mit dem von Packard „inspirierten“ geschwungenen oberen Abschluss. 

Dieses Detail findet sich ab Herbst 1927 selbst bei den Einsteigermodellen von Opel und man muss sagen, dass es geschickt gewählt war, denn so wirkten die sonst formal unauffälligen Wagen weit raffinierter.

Was der „Packard“-Kühler ausmachte, wird auf unserem eingangs gezeigten Foto deutlich – es zeigt nämlich die erste Ausführung desselben Typs 12/50 bzw. 15/60 PS, die über einen schlichteren, oben abgerundeten Kühler verfügte:

Opel_12-50_oder 15-60_PS_früh_Frontpartie

Auf diesem leider unscharfen Ausschnitt erkennt man das augenförmige Opel-Emblem auf dem Kühler nur schemenhaft, doch die Ausführung der Scheibenräder mit sechs Radbolzen und feiner Zierlinie passt ebenso zu einem Opel-Sechszylinder von 1927 wie das seitliche Schwellerzierblech, auf dem man das Opel-Auge ahnen kann.

Dass wir hier nicht lediglich eine 6-Fenster-Limousine des Typs Opel 10/40 PS vor uns haben, verraten die schieren Dimensionen des Wagens, der eher über einen Radstand von 3,50 m als bloß 3,25 m wie beim Typ 10/40 PS verfügt haben dürfte.

Viel mehr wäre nicht zu sagen zu dieser frühen Ausführung des Opel 12/50 oder 15/60 PS, mit dem sich die Opel-Bildergalerie in diesem Blog weiter vervollständigen lässt.

Bemerkenswert bleibt, in welcher Wagenklasse Opel einst erfolgreich präsent war und welchen heute kaum denkbaren Stellenwert in den 1920er Jahren eine solche Limousine mit 6 Zylindern und Platz für eine Großfamilie hatte.

So vermittelt selbst eine unscheinbare Aufnahme wie diese eine Vorstellung davon, wie sehr sich die Zeiten in gerade einmal drei, vier Generationen geändert haben…

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Einer von 25: Audi Typ 225 Spezial-Cabriolet

Was wir heute zeigen, ist dermaßen selten, dass es eigentlich verdient, als Fund des Monats präsentiert zu werden.

Zwei Dinge sprechen dagegen: Zum einen kann der Monat Februar noch einige Überraschungen mit sich bringen, nicht nur auf der Bühne des Berliner Staatstheaters…

Zum anderen ist die Qualität der Originalaufnahme nicht gut genug. Bei der Marke, um die es geht – Audi – ist das ein häufiges Problem, was Vorkriegsmodelle angeht.

Der gemeine Audi-Fahrer des 21. Jahrhunderts, der im Rudel auf der linken Autobahnspur zum Kundentermin hetzt, hat meist keine Vorstellung davon, wie gering die Stückzahlen der Wagen „seiner“ Marke bis zum 2. Weltkrieg waren.

Da muss man nehmen, was man kriegen kann, schlimmstenfalls auch so etwas:

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Audi Typ G 8/22 PS; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Dass auf dieser schwer beschädigten Aufnahme überhaupt etwas zu erkennen ist, verdankt sich langwierigen Retuschen. So wie die Partie um das Ersatzrad sieht der gesamte Abzug im Original aus.

Dass das Foto einen Audi zeigt, wäre ohne den schriftlichen Vermerk von alter Hand nicht mehr zu erkennen gewesen. Sogar der Typ wurde festgehalten: 8/22 PS.

Demnach sehen wir hier einen Audi des Typs G 8/22 PS, der noch vor dem 1. Weltkrieg vorgestellt wurde und von dem bis 1926 etwas mehr als 1.000 Stück entstanden.

Selbst in den 1930er Jahren – nach Integration in den Auto Union-Verbund – blieb Audi ein Nischenhersteller. Der moderne Frontantriebswagen des Typs Front UW mit zahme 40 PS leistendem 6-Zylinder wurde 1933/34 nur gut 1.800mal gebaut.

Auch in diesem Fall sind gute Originalfotos Mangelware:

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Audi „Front“ Typ UW; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Immerhin ahnt man hier etwas von der Eleganz, die speziell die Cabriolets von Audis Frontantriebswagen auszeichnete.

Das war kein Zufall, denn die offenen Versionen der Audis wurden nicht im Stammwerk im sächsischen Zwickau gefertigt.

Die rassigen Cabriolets stammten vielmehr von einer der stilsichersten Karosseriemanufakturen im damaligen Deutschland: Gläser aus Dresden. 

Mit diesem Stichwort nähern wir uns dem eigentlichen Gegenstand der heutigen Betrachtung, der auf folgender wiederum technisch mäßigen Aufnahme zu sehen ist:

Audi_Front_225_Spezial-Cabriolet_Gläser_1937_Galerie

Audi Typ 225 Spezial-Cabriolet; Originalaufnahme aus Sammlung Michael Schlenger

Ein Vorteil dieses Schnappschusses von der anderen Straßenseite liegt darin, dass wir den Aufnahmeort lokalisieren können.

Das Hotel Breidenbacher Hof gibt es heute noch in Düsseldorf, wenn auch stark verändert. Interessant für den modernen Betrachter ist, dass man ohne den Vorkriegswagen auf eine Aufnahme der frühen 1950er Jahre tippen wurde.

Nun, die architektonische Nüchternheit der Nachkriegszeit zeichnete sich schon in den 1930er Jahren ab. Der organisch gestaltete Wagen wirkt hier wie ein Fremdkörper.

Ebenso lagen die Konzepte der autogerechten Stadt damals in den Schubladen junger Architekten und Stadtplaner, denen die gezielten Bombardements der Alliierten in den historischen Zentren deutscher Städte die anschließende Arbeit erleichterten.

Wir übergehen dieses unerfreuliche Kapitel lieber und widmen uns dem Wagen, der wenige Jahre zuvor vor dem Breidenbacher Hof geparkt hatte:

Audi_Front_225_Spezial-Cabriolet_Gläser_1937_Ausschnitt

Wie schon erwähnt ist die Qualität der Aufnahme ziemlich bescheiden. Doch das wird wettgemacht durch das prachtvolle zweitürige Cabriolet mit gepfeilter Frontscheibe, das darauf zu sehen ist.

Wer genau hinsieht, kann oberhalb des vorderen Endes der Motorhaube die Silhouette der „1“ erahnen, die damals bei Audi als Kühlerfigur fungierte (siehe obiges Foto des Audi „Front“ Typ UW).

Schemenhaft zu erkennen sind die tropfenförmig gestalteten Frontscheinwerfer und die stromlinienförmig gezeichneten Vorderschutzbleche mit weit herunterreichenden Seitenschürzen. Hier kann man schon von Radhäusern sprechen.

Entscheidend ist etwas anderes: Die beiden horizontalen Felder in der Motorhaube, die die Kühlluftschlitze einrahmen, weisen eine unterschiedliche Länge auf.

Das gab es nur beim Audi Typ 225 in der 1937 gebauten Sonderversion mit der Bezeichnung „Spezial-Cabriolet“, die bei Gläser in Dresden entstand. Von diesem vollendet gestalteten Modell entstanden – man halte sich fest – nur 25 Exemplare.

Mit einem Mal gewinnt diese so unscheinbare und technisch mangelhafte Aufnahme eine ganz andere Bedeutung.

Vom Kennzeichen ist immerhin die Ziffernfolge „200 594“ zu erkennen. Damit sollten Spezialisten für Vorkriegs-Audis in der Lage sein, dieses Exemplar zu identifizieren, sofern es weitere Aufnahmen davon gibt.

Es gibt heute – soweit wir wissen – nur ein einziges überlebendes Auto dieses raren und hinreißend schönen Modells. Und wir können hier die rare Aufnahme eines solchen Fahrzeugs genießen, das einst über 8.000 Reichsmark kostete.

Das ist vielleicht einer der Vorzüge unserer Epoche: Das enorme gestalterische Können der Altvorderen ist lange dahin, aber die Früchte genießen, das können wir noch….

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