Aerodynamik in Reinform: Rumpler-Tropfenwagen

Erste Gefährte mit stromlinienförmiger Karosserie gab es schon vor dem 1. Weltkrieg. Doch erst die Erfahrungen mit dem Bau von Kampfflugzeugen gaben dem Stromliniengedanken Auftrieb.

Zu den Konstrukteuren, die nach dem Krieg gleich in mehrfacher Hinsicht Erkenntnisse aus dem Flugzeugbau bei Automobilen umzusetzen suchten, gehörte der Österreicher Edmund Rumpler.

Nachdem eigene Flugzeugentwürfe gescheitert waren, baute Rumpler ab 1910 die „Taube“ von Igo Etrich in Lizenz und entwickelte sie weiter (siehe auch hier).

Die „Rumpler“-Taube war zu Kriegsbeginn bei den deutschen Luftstreitkräften recht verbreitet, erwies sich aber rasch als zu schwach für Kampfeinsätze. Dennoch gehörte die Taube zu den verbreitetsten Modellen in der Frühzeit der Fliegerei.

© Originalfoto “Taube”, Rumpler-Taube aus dem Deutschen Museum, Taube auf Feldpostkarte von 1918; Sammlung Michael Schlenger

Edmund Rumpler begann noch während des 1. Weltkriegs mit den Planungen für ein revolutionäres Automobil, das mit beinahe allen Traditionen brach: der Rumpler-Tropfenwagen. Vorgestellt wurde das Fahrzeug 1921 in Berlin, wo es auch gebaut wurde.

Hier eine zeitgenössische Abbildung der Ausführung von 1925, dem letzten Baujahr.

Rumpler-Tropfenwagen

© Bildquelle: Rumpler-Prospekt von 1925, Faksimile: Archiv-Verlag; Sammlung Michael Schlenger

Markant war nicht nur die tropfenförmige Grundform mit abgerundeter Frontscheibe und spitz auslaufendem Heck. Auch konstruktiv beschritt Rumpler neue Wege.

Der Wagen verfügte über keinen Leiterrahmen mehr, sondern ein aerodynamisch geformtes Blechchassis. Wie radikal anders diese Lösung war, macht folgendes Werksfoto deutlich. Damit ging man noch weiter als Lancia beim fast zeitgleichen Modell Lambda.

Rumpler-Chassisfertigung

© Bildquelle: Rumpler-Prospekt von 1925, Faksimile: Archiv-Verlag; Sammlung Michael Schlenger

Die kompakte Motor-Getriebe-Einheit war im Heck untergebracht, was die Lösung bei Tatra und Volkswagen um mehr als zehn Jahre vorwegnahm. Damit ging auch der Verzicht auf eine konventionelle Starrachse einher.

Der zunächst angebotene 6-Zylinder-Reihenmotor mit 36 PS wurde später durch ein 4-Zylinder-Aggregat ersetzt. Dieses war zwar konstruktiv konventioneller, leistete aber standfeste 50 PS – seinerzeit beachtlich. Hier ein Bild der kompletten Antriebseinheit mitsamt verrippten Bremstrommeln.

Antriebseinheit

© Bildquelle: Rumpler-Prospekt von 1925, Faksimile: Archiv-Verlag; Sammlung Michael Schlenger

Interessante Lösungen fanden sich auch an anderer Stelle: Die Reserveräder wurden in seitlichen Fächern im Chassis untergebracht, Platz für Gepäck und Werkzeug war im hinteren Teil des Aufbaus vorgesehen.

Die Sitzposition der Passagiere befand sich weit vor der Vorderachse. Diese komfortfördernde Lösung wurde noch 1934 beim Chrysler Airflow als Neuerung angepriesen.  Für den Fahrer gab es einen ebenfalls weit nach vorne verlegten Sitz in der Mittelachse des Wagens, der besten Überblick ermöglichte.

Für weiteren, damals nicht selbstverständlichen Komfort sorgten der elektrische Anlasser und ebenfalls elektrisch betätigte Winker zur Anzeige der Fahrtrichtung.

Erhältlich war der Tropfenwagen auch in einer offenen Version. Seine selbst aus heutiger Sicht sensationelle Windschlüpfrigkeit ging dabei natürlich verloren. Auf folgender Abbildung kann man im Hintergrund einige offene Exemplare erahnen.

Tropfenwagen

© Bildquelle: Rumpler-Prospekt von 1925, Faksimile: Archiv-Verlag; Sammlung Michael Schlenger

Die Aufreihung der Wagen täuscht über die geringe Stückzahl hinweg, die tatsächlich fertiggestellt wurde. Trotz relativ langer Bauzeit sind wohl nur einige Dutzend Tropfenwagen entstanden.

Bei aller Raffinesse war der Wagen am Geschmack der Kunden vorbeikonstruiert wurden. Das Modell von Rumpler stellte eine reine Ingenieurslösung dar – wie der ebenfalls gescheiterte Burney Streamline, der einiges mit dem Tropfenwagen gemeinsam hat.

Aus heutiger Sicht mutet der Wagen mit seiner nach vorne gezogenen Fahrgastzelle gar nicht mehr so fremd an – die Großraumlimousinen der Gegenwart lassen grüßen.

Filmproduzent Fritz Lang hatte in den späten 1920er Jahren das richtige Gespür, als er die verbliebenen Rumpler-Tropfenwagen für seine Zukunftsvision „Metropolis“ aufkaufte. Sie wurden am Filmende leider zerstört.

Ein weiteres rares Filmdokument zeigt einen Rumpler-Tropfenwagen in Aktion – aufgenommen im Jahr 1922, vermutlich in London.

© Videoquelle: YouTube; Urheberrechte: unbekannt

Ein originaler Tropfenwagen aus der ersten Serie ist im Deutschen Museum in München zu bewundern (Bild).

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