Ein Mercedes aus Mannheim zu Besuch in Friedberg

Taucht man in die Automobilgeschichte ein, wird man auch mit dem Wandel der Lebensumstände konfrontiert. So gab es eine Zeit, da ließ sich eine längere Autobahnfahrt mit Kindern problemlos bewältigen, obwohl es im Auto weder Spielekonsolen noch Bildschirme oder gar eine Internetverbindung gab. Der Verfasser erinnert sich, dass er sich als Kind in den 1970/80er Jahren gut selbst beschäftigen konnte – und sei es mit dem Blick aus dem Seitenfenster des elterlichen Wagens.

Was gab es da alles zu entdecken! Mit etwas Glück einen Opel Admiral, einen NSU Ro 80 oder eine DS von Citroen. Etwas häufiger war ein Ford Capri mit seiner endlosen Haube. Ein SL von Mercedes war dagegen rarer als auf heutigen Oldtimerveranstaltungen. Exotenstatus genoss auch ein Alfa GTV oder ein Jaguar XJ.

Wagen der 1930er bis 1950er Jahre allerdings waren schon in den 1970er Jahren ausgestorben. Und ein Autobahnidyll wie auf der folgenden Originalaufnahme war mit dem Wirtschaftswunder endgültig Geschichte. Das Bild zeigt die von Göttingen kommende A7 kurz vor Hedemünden an der hessisch-niedersächsischen Landesgrenze:

Hedemünden

© Autobahn A7 vor Hedemünden; Originalaufnahme aus Sammlung Michael Schlenger

Eine Autobahn mit so wenig Verkehr und diesen Autos haben nur noch die Älteren unter uns erlebt. Sicher: Es ging in vielem weit bescheidener zu als heute, aber das Bild erzählt uns auch davon, was seither verlorengegangen ist. Der Streckenverlauf ist zwar noch derselbe, doch das Tal rund um Hedemünden ist zugebaut und auf der Straße fährt man unförmigen Autos mit Kunstnamen wie Duster, Koleos oder Twingo hinterher.

Autos mit Charakter brauchten einst solche Verrenkungen nicht – oft sorgte schon der Volksmund für eine passende Bezeichnung: Käfer, Ente, Bulli, Nasenbär, Pagode usw. Und wenn es ab Werk einen Namen für ein Modell gab, dann fand man diesen, ohne eine Marketingagentur damit zu beauftragen: Isabella, Kadett, Taunus sind einige Beispiele.

Noch einfacher machte es sich Mercedes-Benz in den 1920er Jahren. Sofern man mehr als eine an PS oder Hubraum anknüpfende Modellbezeichnung für nötig hielt, entschied man sich schlicht für den Produktionsort. Ein Mercedes „Mannheim“ oder „Stuttgart“ sollte also keine Urlaubsassoziationen wie später „Ascona“ oder „Capri“ wecken.

Solch ein in den alten Benz-Werken in Mannheim-Waldhof gebauter Mercedes „Mannheim“ ist auf folgender Aufnahme zu sehen:

Mercedes Mannheim

© Mercedes-Benz 350 Mannheim Pullman-Limousine in Friedberg/Hessen, Mitte der 1930er Jahre; Postkarte aus Sammlung Michael Schlenger

Entstanden ist die Aufnahme in Friedberg/Hessen auf halbem Weg zwischen Frankfurt/Main und Gießen. Im Herz der Wetterau gelegen, war Friedberg lange Zeit eine stolze Kaufmannsstadt, deren Wurzeln sich bis in die Römerzeit zurückverfolgen lassen. Die hier zu sehende Kaiserstraße ist bis heute die Hauptschlagader der Stadt. Sie folgt der Ausfallstraße des römischen Kastells, das sich unter der mittelalterlichen Burganlage befindet. Ein Beispiel für historische Kontinuität über die Jahrtausende, aus dem Friedberg leider keinerlei touristisches Kapital zu schlagen weiß.

Die Häuser links und rechts der Kaiserstraße reichen teilweise bis ins Zeitalter der Gotik zurück, als die Stadtkirche entstand, deren Spitze im Hintergrund zu sehen ist. Die Keller dieser Gebäude stammen oft noch aus der Römerzeit, als sich hier die Zivilsiedlung des Kastells mit 1.000 Mann Besatzung befand.

Nun aber ein näherer Blick auf den Wagen, der auf der Aufnahme zu sehen ist:

Mercedes Mannheim_Ausschnitt

Das eindrucksvolle Gefährt ist eine Mercedes-Benz „Mannheim“ Pullman-Limousine. Der auf einer Konstruktion von Ferdinand Porsche basierende 6-Zylinder-Motor leistete in der 3,5 Liter-Version rund 60 PS.

Wer heute auf ein theoretisch erreichbares Höchsttempo fixiert ist, wird nicht begreifen, dass der Mercedes Mannheim damals als großzügig motorisiert galt. Wichtiger als Endgeschwindigkeit war nämlich die Fähigkeit, ohne häufiges Schalten des unsynchronisierten Getriebes auch Steigungen absolvieren zu können.

Auch die 12 Volt-Elektrik des bis 1930 gebauten Wagens lässt ahnen, dass der Käufer mit dem Mercedes-Benz „Mannheim“ ein leistungsfähiges Oberklassefahrzeug erhielt. Die Werkskarosserien von Mercedes waren allerdings damals auffallend schlicht. Wäre da nicht die typische Kühlermaske, ließ sich der Wagen wohl kaum identifizieren.

Kommen wir zur Datierung der Aufnahme: Der Mercedes selbst deutet auf die späten 1920er oder frühen 1930er Jahre hin. Doch wirft man einen Blick auf die Kleidung der Passanten auf dem Foto, darf man eher von der Mitte der 1930er Jahre ausgehen. Erst damals waren die Röcke der Damen so kurz wie hier zu sehen.

Mercedes Mannheim_Ausschnitt_2

Unterstützt wird diese Annahme durch die Beschriftung der Karte in Sütterlinschrift. Diese bereits vor dem 1. Weltkrieg entwickelte und gebräuchliche Schreibschrift wurde 1935 zur offiziellen „Deutschen Volksschrift“. Seitdem wurde sie auch außerhalb privater Korrespondenz vermehrt genutzt. Leider sind auf dem Bild keine anderen Autos zu sehen, die zur Datierung beitragen könnten. In der Wetterau – die bis heute ländlich geprägt ist – waren in der Vorkriegszeit Automobile noch sehr selten.

So fragt man sich: Was hatte diese teure Mercedes-Benz „Mannheim“ Pullman-Limousine seinerzeit in Friedberg verloren? Leider ist das Kennzeichen auch auf dem Originalfoto nicht lesbar. Vielleicht ein Verwandtenbesuch, oder war hier jemand einfach nur auf der Durchreise nach Norden und hat bloß ein paar Einkäufe getätigt?

Die Friedberger Geschäftswelt war damals noch vielfältig, solider Einzelhandel dominierte die Kaiserstraße bis in die 1990er Jahre. Seither ist die Stadt in vielfacher Hinsicht heruntergekommen – im Elsass, in England oder Italien wäre eine Stadt mit einer derartigen Geschichte und Substanz dagegen zum Juwel herausgeputzt. Alte Bilder wie das hier gezeigte erinnern daran, wie verächtlich hierzulande vielerorts mit unserem architektonischen Erbe umgegangen wird. Und das gilt nicht nur vom Krieg verheerte Städte wie Mannheim…

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