Eines von nur 175 Exemplaren: Wanderer W6 von 1923

Zahlreiche deutsche Automobilhersteller gingen bei Kriegsende im Jahr 1945 unter oder stellten zumindest keine PKW mehr her. Die renommierte Firma Stoewer aus Stettin in Pommern beispielsweise wurde ein Opfer der Aufteilung Deutschlands durch die Siegermächte. Adler in Frankfurt entwickelte zwar noch einen Wagen mit Pontonkarosserie, dieser ging jedoch nicht in Produktion.

Von den vier Marken der einstigen Auto-Union gelang zunächst nur DKW eine Wiederauferstehung in Westdeutschland. Audi wurde immerhin in den 1960er Jahren wiederbelebt, blieb aber lange unter dem einstigen Niveau. Die Marken Horch und Wanderer hatten dagegen nach dem 2. Weltkrieg keine Zukunft mehr.

Nachdem in diesem Blog bereits einige Horch-Modelle anhand originalen Bildmaterials besprochen wurden, soll nun erstmals Wanderer aus Chemnitz gewürdigt werden. Den Auftakt soll ein auf den ersten Blick unspektakuläres, aber äußerst seltenes Modell bilden, das auf folgendem Originalfoto zu sehen ist:

Wanderer_W6_6-18_PS_Tourenwagen

© Wanderer 6/18 PS Tourenwagen von 1923; Fotoquelle: Sammlung Michael Schlenger

Bevor wir uns dem Wagen näher zuwenden, ein Rückblick auf die Markengeschichte:

Der Ursprung von Wanderer liegt in der Produktion von Fahrrädern, die ab 1886 unter diesem Namen vertrieben wurden und rasch einen guten Ruf erlangten. Von den beiden Unternehmensgründern blieb einer der Firma auch später als Aufsichtsrat und technischer Berater verbunden. Er befürwortete die Aufnahme des Automobilbaus im Jahr 1913 als weiteres Standbein.

Vorausgegangen war der Bau eines Prototypen bereits im Jahr 1906. So unglaublich es klingt – das als W1 bezeichnete Einzelstück existiert noch heute (Verkehrsmuseum Dresden).

Das erste Serienfahrzeug von Wanderer war der ab 1913 produzierte Typ 5/12 PS bzw. 5/15 PS (intern: W3), der als „Puppchen“ bekannt wurde. Charakteristisch für das frühe Modell war die Anordnung der beiden Sitze hintereinander. Später gab es auch Drei- und Viersitzer mit zuletzt etwas stärker Motorisierung (5/20 PS).

Zunächst sprach einiges dafür, dass das hier präsentierte Foto eine solche viersitzige Ausführung des „Puppchens“ zeigt. Doch die horizontal geteilte, ausklappbare Windschutzscheibe spricht dagegen. Sie war dem etwas größeren Modell 6/18 PS (intern: W6) vorbehalten.

Wanderer_W6_6-18_PS_Frontpartie

Die Abgrenzung vom sehr ähnlichen, ab 1924 gebauten Nachfolger W9 ist anhand des gerundeten (statt eckigen) hinteren Türabschlusses möglich. Abgesehen von diesen Details sind die Modelle W3, W6 und W9 der frühen 1920er Jahre auf Fotografien kaum auseinanderzuhalten.

Gebaut wurde der in den Grundzügen noch vor dem 1. Weltkrieg entwickelte Typ W6 ab 1920. Eine Besonderheit des hier gezeigten Exemplars erlaubt die Identifikation als 1923 gebaute Ausführung – auf der linken Seite ist nur noch eine statt zwei Türen verbaut. Die Fondspassagiere konnten also bloß auf der dem Bürgersteig zugewandten Seite aussteigen.

Wanderer_W6_6-18_PS_Insassen.jpg Die legere Kleidung der jungen Herren im Wanderer und die Schattensituation weisen auf einen Aufnahmezeitpunkt zur Mittagszeit an einem Hochsommertag irgendwann in den 1930er Jahren hin.

Der Wanderer war damals schon ein altes Auto, vermutlich hat einer der Insassen ihn sich bei den Eltern zu einer Spritztour ausgeliehen. Vielleicht handelt es sich um einen Studentenausflug, immerhin ist bei zwei der Insassen die „Denkerstirn“ schon sehr ausgeprägt. Der Fünfte im Bunde hat das Foto geschossen, im Kleinbildformat übrigens, was auf eine Leica oder Contax hindeutet.

Die Passagiere stammten aus gutsituierten Verhältnissen. Genützt hat ihnen das womöglich wenig, wenn man bedenkt, dass kurze Zeit später der 2. Weltkrieg begann, in dem das Überleben für Angehörige dieser Generation zum Roulettespiel wurde.

Übrigens war der Wanderer W6 schon damals eine Rarität. Ausweislich der Firmenunterlagen wurden ganze 175 Stück gebaut. Wanderer betrieb den Autobau seinerzeit gewissermaßen nebenher und unter Manufakturbedingungen.

Nun mag man sich fragen, wo überhaupt verlässliche Informationen und aussagefähige Bilder zu einer derartigen Rarität zu finden sind. Nun, hier erweist das gute alte Autobuch einmal mehr seine Qualitäten. Denn dank der Unterstützung von Audi Tradition gibt es das folgende, hervorragend recherchierte, faktengesättigte, opulent bebilderte und 360 Seiten starke Standardwerk zu Wanderer-Automobilen:

Erdmann/Westermann: Wanderer Automobile, hrsg. vom Verlag Delius Klasing 2011, ISBN: 978-3-7688-2522-1 

Dort findet man auf Seite 44 eine zeitgenössische Prospektabbildung des hier vorgestellten Wagens. Unser Foto dürfte damit großen Seltenheitswert haben.

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