Adler Standard 6 in seltener Tourenwagenausführung

Über den Adler Standard 6 – den großen Wurf des Frankfurter Autobauers in der Mittelklasse der späten 1920er Jahre – wurde auf diesem Blog bereits ausführlich berichtet. Wer sich für die technischen Details des Wagens interessiert, sei daher auf den Bildbeitrag zum Adler Standard 6 Cabriolet verwiesen.

Heute soll eine Variante des Standard 6 vorgestellt werden, die zumindest den überlieferten Bilddokumenten nach eher selten verkauft wurde – der viertürige Tourenwagen. Hier eine zeitgenössische Originalaufnahme:

Adler_Standard_6_Tourenwagen

© Adler Standard 6 Tourenwagen; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Ursprünglich waren Tourenwagen bei vielen Herstellern die gängigste Variante, weil sie die preisgünstigste und leichteste war. Auch beim Vorgänger des Standard 6 – dem Adler 6/25 PS – war der Tourer recht verbreitet.

Doch Ende der 1920er Jahre zeichnete sich ein Trend zu komfortableren Wagen mit besserem Wetterschutz ab. Wer sich einen modernen Adler Standard 6 leisten konnte, der griff meist gleich zur geschlossenen Variante. Und wem an Prestige gelegen war, der entschied sich für eines der eleganten Cabriolets, die auf dieser Basis von diversen Karosserieschneidern angeboten wurden (siehe oben erwähnten Bildbeitrag).

Nun könnte man argumentieren, dass es sich bei dem hier gezeigten Wagen gar nicht um einen Standard 6 mit Sechszylindermotor, sondern um den äußerlich ähnlichen Favorit mit Vierzylinder handelt, der wesentlich preisgünstiger war. In dieser Klasse wurde wohl noch häufiger die billigere Tourenwagenversion gekauft.

Doch ein Detail verrät, dass wir es tatsächlich mit einem Standard 6 zu tun haben:

Adler_Standard_6_Tourenwagen_Frontpartie

Dieser Wagen verfügt nämlich über sieben Radmuttern, während der Favorit nur fünf aufwies. Zwar wurden an späteren Standard 6-Wagen ebenfalls nur noch Fünflochfelgen montiert, doch ein Wagen mit Siebenlochfelgen konnte nie ein Favorit sein.

Alle übrigen Details – die herrliche Adler-Kühlerfigur, die Kühlermaske, die Scheinwerfer und Stoßstangen – waren ansonsten bei beiden Typen identisch. So recht verständlich ist das nicht, denn auch im Rahmen eines Baukastenprogramms wäre es leicht gewesen, die teuren Sechszylinder von den Vierzylindern optisch abzugrenzen.

Auf diese Idee kam Adler erst Anfang der 1930er Jahre, als die prestigeträchtige Zylinderzahl mit einer „6“ auf der Verbindungsstange zwischen den Scheinwerfern hervorgehoben wurde. Beim Favorit wurde auf diese Angabe dagegen verzichtet.

Werfen wir noch einen Blick auf die Seitenpartie des Adler Standard 6 Tourers:

Adler_Standard_6_Tourenwagen_Seitenpartie Interessant ist hier vor allem, dass beide Türen vorne angeschlagen sind, also keine „Selbstmördertüren“ sind, wie sie teilweise noch bis in die 1950er Jahre verbaut wurden.

Im Fall der hinteren Tür kann man sich allerdings vorstellen, dass eine hinten angeschlagene Ausführung den Einstieg erleichtert hätte, da das Schutzblech weit nach vorne ragt. Das Bild eines Adler Standard 6 Tourenwagens der Vorserie in Werner Oswalds Standardwerk „Adler-Automobile 1900-1945“ zeigt solch eine Lösung.

Typisch für die Zeit ist die Montage des Reservekanisters auf dem Trittbrett. Vielleicht kennt ein Leser die Beweggründe für die eigentümliche Dreiecksform, die sehr verbreitet war.

Schön zu sehen ist der geringe Platzbedarf des Verdecks. Im Unterschied zu den gefütterten Verdecks von Cabriolets verfügten Tourenwagen nur über eine einfache Plane, die lediglich begrenzten Wetterschutz bot.

Verwiesen sei nicht zuletzt auf den Fahrtrichtungsanzeiger am Frontscheibenrahmen und den Suchscheinwerfer mit Rückspiegel auf der Fahrerseite. Übrigens war das Lenkrad im Unterschied zum Vorgängermodell Adler 6/25 PS auf die linke Seite gewandert

Auch in solchen Details offenbart sich die moderne Konzeption des Adler Standard 6. Die eigentlichen Innovationen waren freilich von außen kaum sichtbar: hydraulische Bremsen und – bei der Limousine – eine Ganzstahlkarosserie ohne Holzgerüst.

Beides war allerdings kein Verdienst der Adlerwerke – man schaffte damit lediglich den Anschluss an die damals technisch wie formal führende amerikanische Autoindustrie.

Über Aufnahmeort und -zeitpunkt wissen wir nichts Genaues. Das Kürzel „IC“ verweist lediglich auf eine Zulassung in Ostpreussen. Der erkennbar gebrauchte Zustand des Wagens (linker Vorderkotflügel) lässt auf eine Entstehung des Fotos um 1930 schließen.

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