Lohn für’s Strippenziehen: EK2 und Mercedes 230

Auf einem Oldtimerblog, der sich auf Vorkriegsautos meist deutscher Hersteller konzentriert, wird man zwangsläufig immer wieder mit dem Kriegsgeschehen von 1939-45 konfrontiert.

Seien es nun von der Wehrmacht erbeutete PKW, eingezogene Autos oder auf zivilen Modellen basierende Kübelwagen – Fotos aus dem Krieg gibt es bei manchen Typen mitunter mehr als aus Friedenszeiten.

Solange noch Filmmaterial verfügbar war, waren speziell die im Stabseinsatz verbreiteten Prestigewagen von Horch und Mercedes beliebte Motive bei den Soldaten – von denen die meisten noch nie ein Auto gefahren oder besessen hatten.

Eine Runde im Wagen des Kompaniechefs galt daher als Auszeichnung – und der junge Gefreite auf folgendem Foto scheint sich das verdient zu haben – nach militärischen Maßstäben, versteht sich:

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© Mercedes-Benz 230 Cabriolet B; Originalfoto aus Sammlung: Michael Schlenger

Bevor wir auf die Situation kommen, in der dieses Foto einst entstand, ein paar Worte zu dem Mercedes, der auch in mattgrauer Heereslackierung noch Eleganz ausstrahlt.

Er lässt sich leicht als Typ 230 Cabriolet B mit zwei Türen und vier versenkbaren Fesntern identifizieren. Die offenen Versionen auf langem Radstand galten zurecht schon damals als gelungenste Ausführung des von 1936 bis 1941 gebauten Wagens.

Die Stoßstangen mit Hörnern und die massiven Halterungen der Frontscheinwerfer verweisen auf eine Entstehung ab Ende 1937.

Technisch basierte der 230er auf dem Modell 200, dessen 40-PS-Sechszylinder sich als unzureichend erwiesen hatte. Speziell die fast 1,5 Tonnen wiegende Limousine mit langem Radstand schaffte kaum mehr als 90km/h.

Mit nunmehr 55 Pferden war der Mercedes 230 nach wie vor kein Sportler, doch ein Dauertempo von über 100 war immerhin möglich. Kein Wunder, dass das Modell mit über 20.000 gebauten Exemplaren deutlich erfolgreicher als der 200er wurde.

Hier kann man noch einmal die Linien des Cabriolets genießen, die kaum unter der feldmäßigen Aufmachung und harten Einsatzbedingungen gelitten haben:

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Nun aber zur Aufnahmesituation, die sich erstaunlich gut rekonstruieren lässt. Der junge Mannschaftsdienstgrad ist gerade mit dem Eisernen Kreuz 2. Klasse ausgezeichnet worden. Nur am Tag der Verleihung durfte diese Tapferkeitsauszeichnung wie auf dem Foto am Band getragen werden.

Wer nun meint, das müsse ein Soldat einer Kampfeinheit gewesen sein, irrt. Denn das taktische Zeichen auf dem in Fahrtrichtung linken Kotflügel verrät eindeutig, dass der Wagen zu einer Nachrichteneinheit gehörte.

Die genaue Bezeichnung ist der Abkürzung unter dem taktischen Kennzeichen zu entnehmen: Es war die 1. Kompanie des Führungs-Nachrichten-Regiments 40, einer dem Oberkommando des Heeres (OKH) unterstellten Verbindungseinheit.

Die dort eingesetzten Soldaten mussten unter oft haarsträubenden Umständen die Kommunikation zwischen den Armeekommandos an der Front und dem OKH sicherstellen. Diese „Strippenzieherei“ war nicht nur eine elementare, sondern auch gefährliche Angelegenheit im Wirkungsbereich gegnerischen Feuers.

Unser junger Soldat scheint sich dabei besonders hervorgetan zu haben, was ihm das Eiserne Kreuz und dieses Foto neben seinem Kompaniechef in dessen Mercedes 230 Cabriolet eintrug.

Das noch zivile Nummernschild des Mercedes (Zulassung: Provinz Schlesien) lässt vermuten, dass die Aufnahme in der Anfangsphase des Kriegs entstand. Aus dieser Zeit ist sogar der Name des Vorgesetzten auf dem Foto bekannt.

So wurde die 1. Kompanie des Führungs-Nachrichten-Regiments 40 bis April 1940 von einem Hauptmann Krueger geführt, danach von einem Hauptmann Hartmann. Solche Detailinformationen erhält man von Experten, die sich aus historischem Interesse mit der Geschichte der Wehrmacht befassen.

So sind wir in der Lage, auf dieser Aufnahme mehr als nur einen Mercedes irgendwo im Krieg zu sehen. Wir erfahren etwas davon, was den meist ohne ihr eigenes Zutun in das Geschehen hineingezogenen Soldaten wichtig war: sich zu bewähren und Anerkennung zu erfahren – leider für die falsche Sache, wie wir heute wissen…

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