Kriegt er noch die Kurve? Adler Typ 12N-3G Kübel

Wer derzeit – wir schreiben Januar 2017 – als Autofahrer mit dem Winterwetter hadert, kann sich damit trösten, dass alles noch viel schlimmer sein könnte.

Was soll erst der Besitzer des Citroen DS der 1960er Jahre sagen, der bis gestern vor dem Haus des Verfassers stand – ein herrlicher, tiefschwarzer Wagen aus dem fernen Düsseldorf. Der scheint sich keine Sorgen wegen des bisschen Schnees gemacht zu haben, sonst hätte er die „Göttin“ gewiss zuhause gelassen.

Und das wäre schade gewesen – denn die DS ist im Einerlei der Gegenwartsgefährte immer wieder eine Offenbarung. Nie wieder erlangte ein Auto die beeindruckende Präsenz einer Skulptur auf Rädern und war zugleich technisch so brilliant.

Doch halt, dieser Oldtimerblog ist ja ganz und gar Vorkriegsautos gewidmet.

Immerhin hat die DS einen Bezug dazu: Ihr Schöpfer Flaminio Bertoni gestaltete auch den ebenso legendären Citroen Traction Avant der 1930er Jahre. Zudem wurde die DS mit dem nur wenig weiterentwickelten Motor des Vorkriegsmodells gebaut.

Da haben wir die Kurve ja gerade noch einmal gekriegt! Und mit diesem Stichwort kommen wir zu folgender Originalaufnahme:

adler_12n-3g_kubelwagen_gelandefahrt_galerie

Adler 12N-3G Kübelwagen, aufgenommen vor Kriegsausbruch auf einem Truppenübungsplatz

Zugegeben: Außer etwas Schnee, viel Schlamm und einem unscharf aufgenommenen Wagen in kühner (?) Fahrt sieht man auf den ersten Blick nicht viel.

Wer würde sich heute in einem offenen Viersitzer im Winter in ein solches Gelände wagen? Klar, in England würden Veteranenfreunde vermutlich bloß bemängeln, dass das Auto nicht direkt durch die Pfütze gescheucht wird, und fragen, ob man sich noch zu diesem „Trial“ anmelden kann…

Aber hierzulande ist es schon länger her, dass man sich solchen Verhältnissen aussetzte – und das in den meisten Fällen auch nicht freiwillig. Denn das Foto zeigt einen Adler-Kübelwagen auf einem Truppenübungsplatz in den 1930er Jahren.

adler_12n-3g_kubelwagen_gelandefahrt_ausschnitt

Es mag täuschen, aber dieser Kübelwagen scheint eine größere Schräglage aufzuweisen, als es nach dem Gefälle des Geländes zu erwarten wäre.

Im ungünstigsten Fall rutscht er gerade über die Seite nach unten und befindet sich kurz vor dem Überschlag. Darauf könnte die Haltung der Insassen hindeuten, die sich dem Abwärtsrutschen entgegenzustemmen scheinen.

Oder der Wagen ist gerade dabei, den Abhang wie eine Steilkurve zu befahren. Dazu wollen aber die Fahrspuren nicht so recht passen. Nun, hoffen wir, dass die Sache glimpflich ausgegangen ist…

Das Fahrzeug lässt sich anhand der Form der Motorhaube und des Kühlers als Adler Kübelwagen des Typs 12N-3G identizieren. Basierend auf dem zivilen Modell „Standard 6“ wurde er von 1933-35 in großer Anzahl für die deutsche Reichswehr gebaut und auch nach Beginn des 2. Weltkriegs eingesetzt.

Hier haben wir ein besonders schönes Beispiel:

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Adler 12N-3G Kübelwagen, aufgenommen am Altenhof bei Trier

Die Tarnüberzüge über den Scheinwerfern sprechen für eine Aufnahme nach Kriegsbeginn, doch das frische Nummernschild und der Ernährungszustand der Soldaten lassen noch auf eine recht frühe Aufnahme schließen.

Das Fehlen von Bewaffnung und Stahlhelmen legt eine Entstehung fernab der Front nahe. Tatsächlich wurde das Foto in offenbar heiterer Stimmung an der noch heute existierenden Gaststätte Altenhof bei Trier aufgenommen. 

Dergleichen Lustfahrten mit Wehrmachtsgerät wurden mit fortschreitendem Krieg schwieriger, auch die gute Filmqualität lässt auf 1939/40 schließen. Ob diese hier so fröhlichen Soldaten im Adler Kübelwagen im weiteren Geschehen ebenfalls alle „die Kurve gekriegt“ haben, darf bezweifelt werden.

Von den über 18 Millionen von 1939 bis 1945 eingezogenen deutschen Soldaten sind weit über 5 Millionen gefallen und zahllose weitere verwundet worden.

Anders gesagt: Auf solchen Fotos von Wehrmachtssoldaten kann man bei mindestens jedem dritten davon ausgehen, dass er den von verantwortungslosen Eliten angezettelten und bis zum bitteren Ende weitergefochtenen Krieg nicht überlebt hat.

So steht unser Adler-Foto sinnbildlich für eine Mentalität selbstherrlicher Führerfiguren, die bei den von ihnen geschaffenen Problemen nicht mehr die Kurve kriegen, die Kontrolle verlieren und die Dinge ins Rutschen bringen …

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