Sächsischer Polizeiwagen: Audi Typ E 22/55 PS

Die heutige Präsenz von Audi-PKW auf der linken Spur der Autobahnen Europas steht in keinem Verhältnis zur Bedeutung dieser Marke in der Vorkriegszeit.

Tatsächlich hat die heutige Firma außer dem Namen nichts mit der einst in Sachsen vom genialen Konstrukteur August Horch geschaffenen Luxusmarke zu tun.

Es gibt auch keine historische Kontinuität, die die heutigen Wagen mit den vier Ringen der 1945 untergegangenen Auto-Union verknüpft. Man darf aber sagen, dass Audi auf dem Sektor der Traditionspflege vorbildliche Arbeit leistet.

Dass die Historie der einst so bedeutenden Marken der Auto-Union bei Audi in guten Händen sind, beweist die hervorragende Literatur zu den vier Marken, die dank der Unterstützung der Audi AG entstanden ist.

Der Verfasser dieses Oldtimerblogs hegt keine besondere Sympathie für heutige Audis – immerhin meiden sie bisher gestalterische Exzesse – und hat auch keinen Werbevertrag abgeschlossen, der ihn zum Lob verpflichtet.

Es ist einfach so: Die vom Verlag Delius-Klasing mit Audi-Unterstützung publizierten Bücher zu den vier 1932 in der Auto-Union zusammengeschlossenen Marken suchen ihresgleichen.

Ohne das brilliante Werk „Audi-Automobile 1909-1940“ von Kirchberg/Hornung könnten wir den Wagen auf folgendem großartigen Foto kaum einordnen:

audi_22-55_ps_09-1935_galerie

Audi 22/55 PS, Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Dass es ein Audi ist, das ließe sich mit scharfem Blick und etwas Erfahrung noch erkennen. Doch der flache Kühler und die martialisch wirkende Aufmachung des gut aufgelegten Chauffeurs würden einen auf die falsche Fährte bringen.

Die Kombination aus zweireihigem Wollmantel mit Pelzkragen und ebenfalls gedoppelter Lederjacke sowie die Schirmmütze mit Fahrerbrille erinnern an den 1. Weltkrieg, als erstmals Automobile als Verbindungsfahrzeuge eingesetzt wurden.

Damals verfügten weit weniger Soldaten über eine Kamera als im 2. Weltkrieg.Doch von den Männern, die das Glück hatten, nicht in den Materialschlachten an der Front verheizt zu werden, gibt es viele Aufnahmen in oft sehr guter Qualität.

Hier haben wir ein Beispiel dafür – ein Ausschnitt aus einem Originalfoto von November 1916,  das gelegentlich ausführlich besprochen werden soll:

panhard_und_unbek_1916

Hier haben wir dieselben Elemente: lange, wärmende Schurwollmäntel mit Pelzkragen, Schirmmützen und Fahrerbrillen – nur einen Schnauzbart wie die beiden Herren trägt der Chauffeur auf dem ersten Foto nicht.

Nebenbei: der Wagen mit dem niedrigen Kühler ist ein Panhard-Levassor – höchstwahrscheinlich ein beim französischen Gegner erbeuteter Wagen. Demnach dürfte das Foto einst an der Westfront entstanden sein.

Zurück zum Ausgangsbild: Bei aller Ähnlichkeit im Erscheinungsbild des Fahrers haben wir es hier mit einer Situation im Frieden und auch nicht beim Militär zu tun, sondern bei der sächsischen Polizei um 1925!

Dafür sprechen die Indizien auf folgendem Bildausschnitt:

audi_22-55_ps_09-1935_frontpartie

Der Flachkühler mit Audi-Emblem wäre zwar eher bei einem Modell vor Beginn des 1. Weltkriegs zu erwarten. Die elektrischen Scheinwerfer sprechen aber für ein Nachkriegsmodell.

Dumm nur, dass Audis ab 1918 durchweg eine messerscharfen, nach vorn geneigten Kühler trugen. Das galt grundsätzlich auch für die weitergebauten Vorkriegsmodelle wie den mächtigen 5,7 Liter-Typ 22/55 PS.

Dieser über 100 km/h schnelle Wagen wurde jedoch ab 1924 in einer Sonderausführung für die sächsische Polizei gebaut, die statt des modischen Spitzkühlers einen flachen Kühler trugen.

Im Audi-Buch von Kirchberg/Hornung ist auf Seite 59 ein halbes Dutzend dieser Wagen abgebildet. Sie tragen wie der Wagen auf unserem Foto Scheibenräder mit acht Radmuttern, ein sonst nicht zu findendes Detail an Audis jener Zeit.

Merkwürdig ist nur: „Unser“ Audi weist eine Tourenwagenkarosserie auf, während die an die sächsische Polizei bis 1928 gelieferten Fahrzeuge Mannschaftswagen ohne Türen waren:

audi_22-55_ps_09-1935_seitenpartie

So ist zu vermuten, dass es vom Audi 20/55 PS für die sächsische Polizei neben den Mannschaftswagen auch einen Tourenwagen gab.

Diese Sonderserie wurde ohnehin nicht von Audi fertiggestellt, sondern erhielt ihren Aufbau bei der Karosseriefirma Schumann & Co. in Zwickau. Von daher spricht nichts gegen weitere Sonderausführungen dieses Polizeiwagens.

Übrigens wurde unser Abzug im September 1935 als Erinnerungsstück versandt. Wie lange diese Wagen bei der Polizei in Sachsen dienten, wissen wir nicht. Über den 2. Weltkrieg hinaus wurden sie wahrscheinlich nicht eingesetzt.

Wenn ein Leser mehr zu diesem interessanten Fahrzeug weiß, bitte die Kommentarfunktion nutzen. Weiterführende Hinweise werden im Blogeintrag verarbeitet.

© Michael Schlenger, 2017. All entries in this blog (including embedded photos) are copyrighted by the author, unless otherwise indicated. Excerpts and links may be used, provided that credit is given to Michael Schlenger and http://www.klassiker-runde-wetterau.com with appropriate and specific direction to the original content.

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