1914: Im Kleinen Adler in den Großen Krieg…

Der Titel des heutigen Eintrags in diesem Oldtimerblog enthält gleich zwei Attribute in Großbuchstaben – Tippfehler oder Absicht?

Wer hierzulande noch in der Zeit vor dem „Schreiben nach Lust und Laune“ die Schule absolviert hat, weiß vermutlich, dass man das im Deutschen macht, wenn Attribut und Substantiv zusammen einen festen Begriff darstellen.

Wem das zu komplex ist, der sei einfach auf den legendären „Weißen Riesen“ aus der Waschmittelwerbung verwiesen…

Zurück zum Kleinen Adler: Das ist kein frisch geschlüpfter Greifvogel, sondern war das Einstiegsmodell der Frankfurter Qualitätsmarke vor über 100 Jahren:

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Originale Adler-Reklame aus der Zeitschrift „Die Jugend“ von 1913, aus Sammlung Michael Schlenger

Um 1910 verfügten Adler-Modelle meist über opulente Leistungen zwischen 30 und 70 PS. Diese Hubraumriesen waren allerdings mit Aufbau sehr schwer –  Fahrvergnügen im sportlichen Sinn konnte da nicht aufkommen.

Es gab daher ein Interesse an kompakten Autos, die trotz geringer Leistung einen lebendigeren Charakter hatten  – das war die Geburtsstunde des „Kleinen Adler“.

Er hatte einen damals ungewöhnlich kleinen Hubraum von 1,3 bis 1,5 Liter. Zur Erinnerung: das war vor über 100 Jahren, moderne Literleistungen waren undenkbar.

So kam der Kleine Adler damals mit 13 bis 16 Pferdestärken daher – heute klingt das niedlich, doch einst waren das Kräfte, die einem ohne Auto für die individuelle Mobilität nicht annähernd zu Gebote standen.

Legt man die noch existierenden Originalfotos jener Zeit als Maßstab zugrunde, scheint sich der Kleine Adler einiger Beliebtheit erfreut zu haben, speziell der offene Zweisitzer. Ein schönes Winterfoto davon haben wir hier bereits präsentiert.

Nach Ausbruch des Ersten Weltkriegs 1914 erwartete die Adler-Kleinwagen eine ungeplante Karriere:

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Adler KL 5/13 PS Zweisitzer, Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Wie auch die ähnlich motorisierten Wanderer-Modelle bewährten sich die leichten, doch zuverlässigen Fahrzeuge unter Frontbedingungen besser als viele PS-starke, doch übergewichtige Wagen.

Hier haben wir es mit einem Spitzkühlermodell zu tun, wie es Adler ab 1913/14 anbot. Für den kleinvolumigen Motor spricht die im Vergleich zur restlichen Partie bis zur Frontscheibe sehr kurze Haube.

Drahtspeichenfelgen, verstellbare Scheibe, Radstand und der badewannenartige Aufbau passen perfekt zum Adler Zweisitzer des Typs KL 5/13 PS. 

Der ernst in die Kamera blickende Fahrer war ein einfacher Heeressoldat. Vermutlich fuhr er einen Stabsoffizier umher, was ihm das Schicksal seiner in den Materialschlachten verheizten Kameraden ersparte.

Die Aufschrift auf der Motorhaube des Adler verweist auf das Generalkommando des 12. Armeekorps aus Sachsen. Es war den gesamten Ersten Weltkrieg über in Frankreich eingesetzt, seine Reste kehrten erst Ende 1918 in die Heimat zurück.

Die Briten nennen das vierjährige Morden, dem die dafür verantwortlichen Politiker auf keiner Seite ein Ende machen wollten, bis heute „The Great War“. Damit ist gerade nicht gemeint, dass Sie den dank amerikanischer Hilfe gewonnenen Krieg irgendwie „großartig“ (englisch „great“) fanden.

Nein, in England ist „The Great War“ in der kollektiven Erinnerung schlicht der Krieg schlechthin im 20. Jahrhundert. Kein anderer Konflikt kostete so viele junge britische Soldaten das Leben, auch nicht der 2. Weltkrieg.

Die Engländer gedenken bis heute in würdevoller Weise der unzähligen Männer, denen vor 100 Jahren nicht vergönnt war, ihr kaum begonnenes Dasein zu leben. Man darf das heute ruhig auf die Opfer auf der anderen Seite übertragen, die sich ihr Schicksal ebensowenig ausgesucht haben…

© Michael Schlenger, 2017. All entries in this blog (including embedded photos) are copyrighted by the author, unless otherwise indicated. Excerpts and links may be used, provided that credit is given to Michael Schlenger and http://www.klassiker-runde-wetterau.com with appropriate and specific direction to the original content.

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