Ein Horch-Kombi mit „Gläser“-Karosserie

Ein Kombi von der sächsischen Luxusmarke Horch? Das lässt nichts Gutes erwarten – vermutlich ein Nachkriegsumbau, bei dem eine Limousine zum Nutzfahrzeug mutierte. Aber das ausgerechnet von der Dresdener Manufaktur Gläser?

Nun, tatsächlich haben wir es nicht mit einem nach 1945 modifizierten Horch-Prestigewagen zu tun. Obwohl auch das aus Sicht des Verfassers ein spannendes Thema wäre…

Solche historischen Umbauten sind nämlich wirklich einzigartig und außerdem authentisch – im Unterschied zu modernen Specials, für die offenbar immer noch Autos mit originalem Aufbau geopfert werden.

Das Auto, das heute im Mittelpunkt steht, führt uns bis in die Zeit vor dem 1. Weltkrieg zurück- und zwar in das Jahr 1913.

Damals entstand nämlich bei Gläser der erste Aufbau des Typs, den wir auf dem folgenden Foto sehen:

Horch_1912-14_Gläser-Aufsatzlimousine_Galerie

Horch von 1913/14 mit Gläser-Karosserie, Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Zugegeben, das in einer Garage oder Werkstatt entstandene Bild ist nicht gerade von bester Qualität, stellenweise hat außerdem der Zahn der Zeit an dem Abzug genagt.

Doch solche auf den ersten Blick unscheinbaren Dokumente bergen immer wieder Überraschungen. Bevor wir klären, was es mit dem Aufbau auf sich hat, machen wir uns an die Identifikation des Wagens.

So wenig charakteristisch das Fahrzeug für das ungeschulte Auge wirkt, so eindeutig lassen sich Marke und Entstehungszeit ermitteln. Dabei helfen uns zwei charakteristische Elemente an der Vorderpartie:

Horch_1912-14_Gläser-Aufsatzlimousine_Frontpartie

Die drei nach hinten geneigten Luftschlitze in der Motorhaube sind typisch für Horchs ab 1911. Zeitgleich hatte man einen ansteigenden Windlauf eingeführt, der den Übergang von der Motorhaube zur Frontscheibe harmonisch wirken ließ.

Entscheidend für die Datierung ist die Form der Kühlermaske. So unscharf sie auch wiedergegeben ist, zeichnet sich doch ein nach vorn vorkragender Überhang an der Oberseite ab – somit haben wir es mit einem „Schnabelkühler“ zu tun.

Dieses Element taucht bei den Horch-Wagen ab 1913 auf, um nach dem 1. Weltkrieg wieder zu verschwinden.

1913 war  – wie gesagt – auch das Jahr, in dem Gläser erstmals eine Karosserie baute, wie sie dieser Horch trägt. Und das war tatsächlich ein Kombiaufbau!

Allerdings ist der Begriff hier anders zu verstehen als heutzutage. Was es mit der Karosserie auf sich hat, lässt sich auf folgendem Bildausschnitt erkennen:

Horch_1912-14_Gläser-Aufsatzlimousine_Heckpartie

In Anbetracht des Zustand des Fotos und dem mit der Digitalisierung verbundenen Detailverlust braucht der Betrachter eine kleine Anleitung, um das zu sehen, was sich auf dem originalen Abzug klar abzeichnet.

Dazu beginnt man beim hinteren Seitenfenster. Dort sieht man auf der hellen Stelle unterhalb des Fensters eine dunkle Linie, die nach hinten ansteigt.

Diese Linie verliert sich kurz, führt dann aber weiter ansteigend bis zum Heckabschluss. Dort, wo die Karosserie endet, sieht man auf derselben  Höhe eine leichte Kante – das Oberteil ragt etwas über den Unterbau hinaus.

Die senkrecht verlaufenden Reflexionen auf der Heckpartie weisen ebenfalls einen leichten Versatz dort auf, wo sie die beschriebene ansteigenden Linie kreuzen.

Das war etwas anstrengend, aber lohnend. Denn damit ist klar, dass wir es mit einer der raren Aufsatzkarosserien zu tun haben, die Gläser ab 1913 für Horch anbot.

Damit wurde der Wagen in dem Sinne zu einem Kombi, dass er zwei verschiedene Karosserieformen vereinte.

Zum einen war er eine Limousine mit geschlossenen Aufbau wie auf unserem Foto. Zum anderen ließ sich der Aufbau oberhalb der Gürtellinie abnehmen, sodass man auf einmal einen offenen Tourenwagen hatte.

Wer genau hinsieht, kann erkennen, dass die horizontale Unterteilung der Karosserie weiter nach vorn reicht und an der B-Säule ausläuft.

Wer’s nicht nachvollziehen kann, sei auf das Horch-Standardwerk von Kirchberg/Pönisch verwiesen, wo auf Seite 110 genau solch ein Horch zu sehen ist, bei dem die Aufsatzkarosserie über dem Tourenwagen-Unterbau schwebt.

Hier eine zeitgenössische Abbildung, die zeigt, wie schnittig der mächtige Horch mit aufgesetztem Limousinenaufbau von vorne aussah:

Horch_40-50_PS_Ausstellung_St_Petersburg_Motor_07-1913_Galerie

Horch-Limousine von 1913, ausgestellt in Sankt Petersburg, aus: Motor, 07-1913

Auch aus dieser Perspektive wird deutlich, dass die Horch-Wagen schon vor dem 1. Weltkrieg beeindruckende Gefährte waren.

Wann und wo unser Ausgangsfoto einst entstanden ist, wissen wir leider nicht. Die gasbetriebenen Scheinwerfer am Horch machen eine Entstehung der Aufnahme noch vor dem 1. Weltkrieg wahrscheinlich.

Bleibt am Ende die Frage, um welchen Typ es sich genau handelt. Nun, das lässt sich von außen nicht genau sagen, da die zahlreichen Motorisierungsvarianten mit äußerlich kaum unterscheidbaren Aufbauten daherkamen.

Kurz vor dem 1. Weltkrieg, als der Wagen auf dem Foto gebaut wurde, waren Horchs dieser Größenordung mit 4-Zylinder-Motoren von 30 bis 60 PS verfügbar, deren Hubräume von 2,6 bis 6,4 Liter reichten.

Das drehmomentgewaltige 25/60 PS-Modell wäre der wahrscheinlichste Kandidat für den Wagen auf dem Foto, weil für ihn eine Gesamthöhe von 2,30 m angegeben wird, was zu den Dimensionen passen würde.

Sicher sein kann man sich allerdings nicht, zumal da es sich um einen Sonderaufbau handelte, und letztlich ist diese Gläser-Kombi-Karosserie weit interessanter als das Aggregat unter der Haube…

© Michael Schlenger, 2017. All entries in this blog (including embedded photos) are copyrighted by the author, unless otherwise indicated. Excerpts and links may be used, provided that credit is given to Michael Schlenger and http://www.klassiker-runde-wetterau.com with appropriate and specific direction to the original content.

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