In bester Gesellschaft: Brennabor Typ R 6/25 PS

Dieser Oldtimerblog soll im 21. Jahrhundert etwas von der faszinierenden Welt der Vorkriegsautos vermitteln – und zwar so, wie sich im deutschsprachigen Raum einst darbot.

Daher dominieren hier deutsche, österreichische und tschechische Marken. Eine wichtige Nebenrolle spielen Fiat und diverse US-Hersteller, die bei uns eine heute kaum vorstellbare Präsenz entfalteten.

Spannender ist aber das Kapitel der weit über 100 untergegangenen deutschen Automobilhersteller. Da tauchen geheimnisvoll klingende Namen aus den Tiefen der Vergangenheit auf: Apollo, Cyklon, Dux, Helios, Oryx, Pluto, Rex, Sphinx…

Heute beschäftigen wir uns mit einem weiteren vergessenen Hersteller, der nach dem 1. Weltkrieg zeitweilig Deutschlands größter Autobauer war: Brennabor.

Leider kommt man an Originalfotos von Brennabor-Wagen nur schwer heran, obwohl die Autos in Brandenburg an der Havel einst fließbandmäßig gefertigt wurden. Bietet jemand eine Aufnahme eines Brennabor an, ist der Preis oft abwegig.

Der Verfasser hat eine Strategie entwickelt, um solche vermeintlichen Raritäten zu ergattern – er verlässt sich auf den Zufall. Statistisch gesehen, muss einem immer mal wieder so ein Havel-Fisch ins Netz gehen, auch wenn man nicht danach sucht.

Hier haben wir ein großartiges Beispiel dafür, wie gut das funktioniert:

Brennabor_Typ_R_6-25_PS_Galerie

Tourenwagen der 1920er Jahre; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Diese Aufnahme ist ganz klar das Ergebnis professionellen Fotohandwerks.

Hier kannte jemand das Geheimnis klassischer Inszenierung – keine exaltierten Perspektiven, kein gekünsteltes Posieren, keine angestrengt „lustigen“ Situationen.

Stattdessen: Saubere Tiefenstaffelung vor majestätischer Kulisse, perfekte Belichtung, Kontrastreichtum und großer Tonwertumfang.

So fotografierte ein Könner zu einer Zeit, als jedes Negativ noch eine Kostbarkeit darstellte, die in der Dunkelkammer mit Sorgfalt weiterbehandelt werden wollte. Doch genug der Schwärmerei…

Gleich erkannt hat der Verfasser den Tourenwagen ganz rechts, eindeutig ein Presto D-Typ 10/30 PS. Davon haben wir auf diesem Blog schon so viele Exemplare vorgestellt, dass wir es uns leisten können, ihn nur am Rande zu betrachten:

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Presto D-Typ 10/30 PS; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Sechs Luftschlitze in der hinteren Hälfte der Motorhaube, ein ganz leicht nach vorn geneigter Spitzkühler, vorne spitz auslaufende Schutzbleche, Abdeckblech über den Rahmenausläufern – das genügt zur Identifikation.

Zum Vergleich sei die Presto-Galerie auf diesem Blog empfohlen.

So markant die von Presto aus Chemnitz in der ersten Hälfte der 1920er Jahre gebauten Qualitätswagen auch waren – uns interessiert auf vorliegender Aufnahme ein anderes, auf den ersten Blick unscheinbares Fahrzeug:

Brennabor_Typ_R_6-25_PS_Ausschnitt

Brennabor Typ R 6/25 PS; Originalaufnahme aus Sammlung Michael Schlenger

Oberflächlich betrachtet scheint das der hoffnungslose Fall eines beliebigen Tourenwagens der 20er Jahre zu sein, der unverhofft in gute Gesellschaft geraten ist. Doch bei näherem Hinschauen fallen einige Besonderheiten auf:

Da wären zunächst die merkwürdig kleinen Scheinwerfer. Wenig raffiniert wirken die Vorderkotflügel – sie sehen aus, als habe man freistehende Schutzbleche nachträglich mit dem Rahmen verbunden. Ungewöhnlich sind auch die Scheibenräder mit großen Lochkreis.

Zudem sei auf die auffallend niedrigen Luftschlitze in der Motorhaube und das halbmondförmige Blech auf dem Seitenschweller hingewiesen.

Das alles finden wir auf folgender Abbildung wieder – nur an einem Wagen mit Landaulet-Aufbau:

Brennabor_Typ_R_6-25_PS_Motorfahrzeuge_Wolfram_1928_Galerie

Dieses Dokument aus dem 1928 erschienen Buch „Die Motorfahrzeuge“ von Paul Wolfram erlaubt die Identifikation des Wagens auf unserem Foto als Brennabor Typ R 6/25 PS.

Das war der am häufigsten gebauten Brennabor überhaupt  – von 1925 bis 1928 entstanden rund 20.000 Exemplare dieses konventionellen Vierzylindertyps.

Er war dank rationeller Fertigungsweise günstiger als der vergleichbare Adler 6/25 PS, von dem weit weniger Fahrzeuge gebaut wurden. Der Adler bot aber mit Vierganggetriebe, 12-Volt-Elektrik und elastischerem Motor einige Vorteile.

Selten sind heute beide 25-PS-Typen der einstigen Konkurrenten. Brennabor versuchte sich übrigens ebenso wie Adler an 6- und 8-Zylinderwagen.

Doch im Unterschied zum Frankfurter Adlerwerk gelang der Brandenburger Firma der Übergang zur Großserienproduktion eines modernen Mittelklassewagens nicht – und 1933 war das Schicksal von Brennabor als Autohersteller besiegelt.

Wem auf dem Foto die dreiteilige Stoßstange des Brennabor aufgefallen ist, der mag vielleicht einen Blick auf einen weiteren Brennabor desselben Typs werfen. Er weist einige abweichende Details auf, lässt sich anhand weiterer Aufnahmen aber ebenfalls als Typ R 6/25 PS ansprechen.

Kann ein Kenner der Marke mehr zur genauen Chronologie der zwischen 1925 und 1928 gebauten Varianten des Typs sagen?

Die Literatur zu Brennabor ist diesbezüglich äußerst sparsam – auch damit befindet sich diese einst so bedeutende Marke in bester Gesellschaft…

© Michael Schlenger, 2017. All entries in this blog (including embedded photos) are copyrighted by the author, unless otherwise indicated. Excerpts and links may be used, provided that credit is given to Michael Schlenger and https://www.klassiker-runde-wetterau.com with appropriate and specific direction to the original content.

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