Ein rarer Überlebender: Brennabor Typ C 6/18 PS

Es ist schon merkwürdig: Da gab es einst eine hochangesehene Automobilmarke, die nach dem 1. Weltkrieg kurzzeitig Deutschlands größter Autohersteller war, als eine der ersten eine rationelle Produktionsweise nach amerikanischem Vorbild startete, im Rennsport Erfolge feierte, 6- und 8-Zylindermodelle anbot – und dennoch heute fast völlig vergessen ist.

Die Rede ist von Brennabor aus Brandenburg an der Havel. Die Fahrrad- und Motorradproduktion des Herstellers ist zwar recht gut dokumentiert. Doch zu den Brennabor-Automobilen gibt es kaum brauchbare Literatur.

Immerhin gibt es im Netz die Brennabor-Präsenz von Mario Steinbrink, auf der alle Brennabor-Autotypen dokumentiert sind. Doch auch ihm macht der Mangel an Dokumenten und Fotos zu den ganz frühen Modellen zu schaffen.

Sicher, es gibt einige Abbildungen von Brennabor-Wagen der Pionierzeit in der älteren Literatur, zum Beispiel diese hier:

Brennabor_8_PS_1909_Braunbeck_1910_Galerie

Brennabor 8 PS-Modell von 1909; Abbildung aus „Braunbecks Sportlexikon“ von 1910

Das ist der erste Vierzylinderwagen von Brennabor aus eigener Produktion, den der Leiter der Automobilabteilung und Mitinhaber des Unternehmens, Carl Reichstein jr., selbst im Jahr 1909 in etlichen Wettbewerben einsetzte.

Obige Abbildung entstand anlässlich des VI. Deutschen Motorfahrertages in Sachsen. Laut Literatur nahm Reichstein mit seinem Brennabor auch an der Prinz-Heinrich-Fahrt 1909 erfolgreich teil.

Brennabor entwickelte in der Folge etliche neue, leistungsfähigere Typen, die sogar im Ausland Absatz fanden. Dazu trugen Sporterfolge bei wie der Sieg bei der Fernfahrt von Königsberg (Ostpreußen) nach Riga (Lettland) im Jahr 1911.

Für die Distanz von über 1.000 km wurde ein Brennabor des neuen Typs F 10/28 PS eingesetzt. Der Wagen mit seinem 2,5 Liter messenden Vierzylinder und 80 km/h Höchstgeschwindigkeit bewältigte die Fahrt über die damals kaum ausgebauten Straßen klaglos.

Anschließend wurde der Typ F 10/28 PS in diversen Reklamen beworben:

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Brennabor Typ F 10/28 PS von 1913; Originalreklame aus Sammlung Michael Schlenger

So stilisiert der Wagen hier erscheint, so präzise ist er im Detail wiedergegeben.

Seien es die markant geformten Frontscheinwerfer, die Linienführung von Kühler, Motorhaube und Vorderschutzblech, die Ausführung der Positionsleuchten, die Form der Türen oder der Schwung des Heckkotflügels – all‘ das findet sich genau so auf einer Abbildung des Typs F 10/28 PS in Hans-Heinrich von Fersens Standardwerk „Autos in Deutschland 1885-1920“ auf Seite 100 wieder.

Dasselbe Modell ist auch der folgenden Reklame aus der Zeit um 1913/14 zu sehen:

Brennabor_Typ_F_10-28_PS_1914_Reklame_Galerie

Die Signatur „Fries“ findet sich übrigens auf etlichen Automobilreklame jener Zeit.

Solche Darstellungen wurden im Original noch von kundiger Hand gemalt, bevor sie in Druck gingen – die handwerkliche Entstehung trägt sehr zum großen Reiz dieser alten Grafiken bei.

Aber halt – es geht es auf diesem Blog doch vorrangig um Vorkriegsautos auf alten Fotos! Sicher, nur wäre es schade, wenn man nicht auch diese schönen Werbedarstellungen mit einflechten würde.

Hier nun die Aufnahme eines Brennabor aus der Zeit vor dem 1. Weltkrieg, um die es heute eigentlich geht:

Brennabor_Typ_C_1910-12_Dresden_1962_Galerie

Brennabor Typ C 6/18 PS; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Man sollte meinen, dass dies ein leichter Fall ist – immerhin steht schon einmal „Brennabor“ schräg auf dem Kühlergrill.

Doch damit kommen wir nicht viel weiter. Die spärliche Literatur liefert einfach keine entsprechende Darstellung, zumal der Wagen aus ungewöhnlicher Perspektive aufgenommen wurde.

Der Spitzkühler, das Fehlen von Vorderradbremsen, die zur Windschutzscheibe ansteigende Motorhaube sowie die außenliegenden Schalt- und Bremshebel legen immerhin eine Entstehung zwischen 1912 und 1920 nahe.

Tatsächlich konnte erst Brennabor-Spezialist Mario Steinbrink den mutmaßlichen Typ benennen: Es handelt sich wahrscheinlich um einen Typ C 6/18 PS, der um 1912 gebaut wurde und einen 1,6 Liter-Motor besaß.

Das kompakte Fahrzeug rundete das Angebot von Brennabor nach unten ab. Rund 60 km/h Spitzentempo waren damit möglich. Wichtiger war aber, dass es ein jeder Hinsicht vollwertiges Automobil war, kein improvisiertes Gefährt.

Der aufmerksame Leser wird bemerkt haben, dass das Foto des Wagens einst anlässlich der Veteranen-Rallye Dresden 1962 entstanden ist, also rund ein Jahr nach dem Bau der Berliner Mauer, mit der das sozialistische Großgefängnis „DDR“ seinen „krönenden Abschluss“ erhielt.

Der Verfasser besitzt etliche Fotos historischer Automobile aus den Jahrzehnten, in denen unseren ostdeutschen Landsleuten im Namen einer wahnhaften Ideologie elementare Grundrechte verwehrt wurde.

Offenbar konnte das kontroll- und verbotsbesessene Regime in Ostberlin den Leuten nicht die Freude an unvernünftigen Betätigungen wie dem Erhalt vorgestriger benzingetriebener Gefährte austreiben.

Und so sind in Ostdeutschland besonders viele rare Vertreter der Pionierära erhalten geblieben, über die wir uns heute freuen. Wahrscheinlich gibt es den alten Brennabor auf dem Foto heute ebenfalls noch.

Man könnte meinen, dass die besonders rührige Oldtimerszene im einstigen Arbeiter- und Bauern-Paradies auch mit der „Qualität“ der von der staatlichen Planwirtschaft beförderten bzw. behinderten Form der Mobilität zu tun hatte.

Es hat fast immer fatale Ergebnisse gezeitigt, wenn der Realität enthobene und schlecht beratene Politiker glauben, technische Entwicklungen vorausschauen oder gar lenken zu können. Meist wird Murks daraus, ein offenbar zeitloses Thema…

© Michael Schlenger, 2017. All entries in this blog (including embedded photos) are copyrighted by the author, unless otherwise indicated. Excerpts and links may be used, provided that credit is given to Michael Schlenger and https://www.klassiker-runde-wetterau.com with appropriate and specific direction to the original content.

 

 

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