Der Doktor und das liebe Vieh: Chevrolet von 1938

Nicht mehr ganz junge Leser dieses Oldtimerblogs für Vorkriegsautos werden beim Titel des heutigen Blogeintrags an die gleichnamige Fernsehserie der 1970/80er Jahre denken, die die Abenteuer des Tierarztes James Herriot im ländlichen Yorkshire in den 1930/40er Jahren schildert.

Im Original war der Titel wie so oft intelligenter: „All Creatures Great and Small“ bezog neben der „tierischen Gesellschaft“ auch deren zweibeinige Mitgeschöpfe ein, die im deutschen Titel unter den Tisch fielen.

Der englische Titel würde sich auch gut als Motto dieses Blogs machen, denn hier wird ebenfalls kein Unterschied zwischen „great and small“ gemacht – Hauptsache, es geht richtig weit zurück in die Vergangenheit.

Dass diese bei aller Sehnsucht nach einer überschaubaren Welt, in der sich der Fortschritt nur in erträglicher Dosis oder gar nicht bemerkbar macht, ihre Schattenseiten hatte, wissen gerade Vorkriegsautofreunde nur zu gut.

Und so führt uns der heiter anmutende Titel aus den friedlichen Tälern Yorkshires in die weiten Ebenen Russlands, ins Kriegsjahr 1941 genau gesagt:

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Chevrolet „Master“ 1938; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Hier haben wir einen Doktor in deutscher Infanterieuniform – die Aufschrift „Arzt“ auf der Tür des Wagens legt dies zumindest nahe.

Auf der Rückseite des Abzugs ist vermerkt „Fahrt zum Regimentsgefechtsstand, September 1941″. Bekanntlich hatte das Deutsche Reich kurz zuvor im Juni der Sowjetunion den Krieg erklärt, der offiziell als Präventivschlag dargestellt wurde.

Zum Zeitpunkt der Entstehung unserer Aufnahme sah alles nach einem Sieg der Wehrmacht über die Rote Armee aus. Doch auf dem Foto kündet sich die Schlechtwetterperiode an, die im Russischen „Rasputiza“ heißt.

Wochenlange Regengüsse im Frühjahr und Herbst sorgen in den weiten Ebenen Russlands regelmäßig für ein Aufweichen des Bodens, was das Vorwärtskommen speziell mit schweren Fahrzeugen erheblich erschwert.

Einen Vorgeschmack auf diese Verhältnisse bekam „unser Doktor“ offenbar schon Ende September, doch noch scheint er guter Dinge:

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Leider sind die Schulterklappen zu unscharf abgebildet, sodass wir nicht genau sagen können, mit welchem militärischem Rang wir es zu tun haben.

Uns interessiert aber mehr der Wagen, der sich im Schlamm der russischen Weiten festgefahren hat. Tatsächlich enthält obiger Ausschnitt alle nötigen Details, um eine Zuschreibung zu wagen.

Die kräftigen Fensterholme mit abgerundeten Ecken sind ein gestalterisches Element, wie es zuerst amerikanische Wagen ab 1934 aufwiesen (Chrysler Airflow).

Zwar findet sich dieses Detail auch am in Deutschland gebauten Ford V8, doch nicht die vom Vorderkotflügel in die Tür hineinreichende Sicke – eine Erinnerung an die einst weit nach hinten geschwungenen Schutzbleche älterer Modelle.

Besagtes Element zusammen mit der Gestaltung der seitlichen Luftschlitze in der Motorhaube ermöglichen die Ansprache des Wagens als Chevrolet „Master“ des Baujahrs 1937 oder 1938 – es geht aber noch genauer, wie wir sehen werden.

Der Chevrolet „Master“ verfügte über einen kopfgesteuerten Sechszylinder mit 3,5 Liter Hubraum und 85 PS Höchstleistung.

Von diesem Modell wurden mehrere hunderttausend Exemplare gefertigt, von denen offenbar auch einige nach Europa gelangten, wo die leistungsfähigen und gut ausgestatteten US-Wagen auch in den 1930er Jahren geschätzt wurden.

Nur für die „Straßen“verhältnisse in Russland war der schwere Chevrolet ungeeignet, wie wir hier sehen.

Wie kam der Doktor wieder aus dem russischen Schlammassel heraus? Nun, zumindest am Tag dieser Aufnahme halfen ihm zwei kräftige Armeepferde dabei:

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Chevrolet „Master“ von 1938; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Für Pferdefreunde sicher kein schöner Anblick, wie die beiden Tiere hier mit der Peitsche angetrieben werden, um den Chevrolet aus dem Dreck zu ziehen.

Zwar darf man davon ausgehen, dass die Soldaten ihre vierbeinigen Kameraden allgemein so gut behandelten, wie es ihnen möglich war. Nur die Kriegsfurie, die damals Europa verheerte, kannte bei Freund und Feind keine Schonung.

Insofern sind diese Aufnahmen nur Vorahnungen dessen, was noch kommen sollte.

Übrigens sieht man hier die waagerechten Zierleisten im Kühlergrill, die die Datierung des Chevrolet auf das Jahr 1938 erlauben. Davon abgesehen scheint sich der Wagen nicht vom Modell des Vorjahrs unterschieden zu haben.

Gehen wir davon aus, dass der Chevrolet nicht mehr aus Russland zurückkehrte. Über das Schicksal des Doktors und des lieben Viehs wissen wir nichts.

In einem Blog für Vorkriegsautos auf alten Fotos begegnet man immer wieder solchen Dokumenten, die vom Krieg künden – eine Mahnung, gerade die osteuropäischen Nachbarn nicht erneut zum Opfer deutscher Utopien zu machen.

© Michael Schlenger, 2017. All entries in this blog (including embedded photos) are copyrighted by the author, unless otherwise indicated. Excerpts and links may be used, provided that credit is given to Michael Schlenger and https://www.klassiker-runde-wetterau.com with appropriate and specific direction to the original content.

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