Unabhängigkeit 1931: Chevrolet „Independence“

In Zeiten, in denen ein über 120 Jahre altes Konzept wie das Elektroauto mal wieder als „Innovation“ hochgejubelt wird, sei daran erinnert, was eigentlich das unwiderstehliche Versprechen des Automobils ist: Unabhängigkeit.

Beim PKW von heute lassen sich in wenigen Minuten an die 1.000 km Reichweite in einen Energiespeicher tanken, der spottbillig ist, keine teuren Ressourcen benötigt, seine Kapazität auch über Jahrzehnte beibehält, fast nichts wiegt, wenig Platz benötigt und problemlos rezykliert werden kann.

Allein daran lässt sich festmachen, dass batteriegestützte Elektroautos in Sachen Unabhängigkeit einen Rückschritt darstellen – bahnbrechend neue und wirtschaftliche Akkutechnologien sind nach wie vor nicht in Sicht.

Hinzu kommen die exorbitanten Kosten der Anschaffung. Automobile würden wieder zum Luxusprodukt für Begüterte, wenn die Mobilitätsvisionen technikferner Theologiefachkräfte und sonstiger Zivilversager wahr werden, die wild entschlossen scheinen, in Berlin eine neue deutsche Regierung zu bilden.

Schaut man gut 80 Jahre zurück, dann wird der Wert individueller Unabhängigkeit, auch von rabiater werdender staatlicher Bevormundung, deutlich.

Festmachen wollen wir das an der folgenden Aufnahme, die vom Glück des autonom im Automobil die Welt erkundenden Individuums kündet:

Chevrolet_1931_Fähre_Galerie

Chevrolet „Independence“ Roadster; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Klar kann jetzt einer sagen, dass man von dem Wagen nicht allzuviel sieht. Doch ist es genug, um das Auto zu identifizieren. Außerdem ist die Situation auch so von großem Reiz und: der Wagen ist eine Rarität!

Wie geht man einen solchen Fall heran? Nun, nach längerer Beschäftigung mit einer Sache, ganz gleich welcher, ist das Bauchgefühl meist ein guter Indikator und das sagt: amerikanischer Wagen um 1930.

Für die Herkunft aus Übersee spricht der reichliche Einsatz von Chrom in Verbindung mit (lackierten) Drahtspeichenfelgen. Doch ein Luxusauto ist das keineswegs, sondern Ergebnis durchdachter Massenproduktion.

Auf der Nabenkappe des Ersatzrads meint man das Logo von Chevrolet zu erkennen, während das Emblem auf dem Kühlergrill rätselhaft bleibt:

Chevrolet_1931_Fähre_Frontpartie

Tatsächlich ist die Recherche in Richtung Chevrolet erfolgreich: Hier haben wir einen Wagen des 1931 vorgestellten Typs „Independence“ Series AE vor uns.

Bei der Identifikation ist es hilfreich, sich das Steinschlagschutzgitter, das merkwürdige Emblem und die kuriose Kühler“figur“ wegzudenken. Dagegen liefert die gebogene Stange, auf der die Scheinwerfer montiert sind wertvolle Hinweise ebenso wie die Gestaltung des Frontscheibenrahmens.

Der 6-Zylindermotor des Chevrolet Independence mit im Zylinderkopf liegenden Ventilen (OHV) leistete 50 PS. Nicht vergessen: Die Rede ist von einem Brot- und Butter-Automobil, von dem in einem Jahr über 600.000 Stück entstanden.

600.000 Käufer des Chevrolet „Independence“ wussten sicher die Unabhängigkeit zu schätzen, die ihnen dieses Automobil im Flächenstaat USA ermöglichte.

Doch offenbar scheint Chevrolets „Unabhängigkeitserklärung“ seinerzeit auch Käufer im deutschsprachigen Raum erreicht zu haben. Allerdings legten sie im Fall unseres Fotos dabei Wert auf eine exklusive Ausführung.

Der abgebildete 2-sitzige Roadster wurde nämlich weniger als 3.000mal gebaut, für amerikanische Verhältnisse eine verschwindend geringe Zahl.

Somit haben wir wieder einmal den glücklichen Fall eines exotischen „Amerikaner“wagens im alten Europa, der so selten gar nicht gewesen zu sein scheint, wenn man sich die bisherige Bilanz dieses Blogs betrachtet.

Was waren das für Leute, die so einen offenen Zweisitzer in unseren Gefilden bewegten? Nun, offenbar waren sie zufrieden mit der erreichten Unabhängigkeit:

Chevrolet_1931_Fähre_Besitzerpaar

Bei dem gut gelaunt in die Kamera schauenden Herrn fühlt man sich an den deutschen Dichter Hermann Hesse erinnert.

Örtlich würde er sogar gut in die Szene passen, die wahrscheinlich auf einer Autofähre auf einem See in der Schweiz oder in Oberitalien entstand. Doch der Romantiker Hesse war ein ausgesprochener Technikskeptiker.

So ein Amischlitten wäre das Letzte gewesen, das er sich angeschafft hätte. Ihm lag das Reisen auf Schusters Rappen oder mit der Eisenbahn, in seiner Wahlheimat Schweiz noch heute eine durchaus angenehme Option.

Doch für meisten Zeitgenossen geht es darum, schnell und komfortabel ans Ziel zu gelangen, unabhängig von Wetter und Zugfahrplänen, die hierzulande eher als utopisches Ideal denn als in der Praxis strikt einzuhalten verstanden werden.

Nicht nur im Urlaub, auch im Alltag erweist sich gerade auf dem Land das Automobil als das Transportmittel, das die Leute aus der Fläche verlässlich dorthin bringt, wo sie gebraucht werden und wo es Geld zu verdienen gibt. 

Vergessen wir die befreiende und produktive Wirkung des Automobils nicht, ohne die die Bevölkerung auf dem Land von wohlstandschaffenden Betätigungen abgeschnitten wären und umgekehrt die Städter kaum so einfach die Erholung in einer einigermaßen heilgebliebenen Welt suchen könnten.

Die Marketingstrategen von Chevrolet wussten schon, warum sie ihr Erfolgsmodell von 1931 „Independence“ nannten – hinter diesen mühsam erarbeiteten Status sollten wir uns von politischen Träumern nicht zurückkatapultieren lassen.

© Michael Schlenger, 2017. All entries in this blog (including embedded photos) are copyrighted by the author, unless otherwise indicated. Excerpts and links may be used, provided that credit is given to Michael Schlenger and https://www.klassiker-runde-wetterau.com with appropriate and specific direction to the original content.

 

 

 

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