Ganz offen: So ein Citroen C4 Cabriolet hat schon was…

Freunde französischer Vorkriegswagen werden auf diesem Oldtimerblog etwas kurz gehalten. Das liegt aber bloß daran, dass hier nun einmal schwerpunktmäßig Fotos von Autos gezeigt werden, die einst auf deutschen Straßen unterwegs waren.

Im Unterschied zu Fiat oder den amerikanischen Marken setzten die großen Hersteller aus Frankreich recht wenige Autos hierzulande ab.

Zu einer nennenswerten Produktion auf deutschem Boden brachte es bloß Citroen. Ab 1927 wurde in Köln der Typ B14 in beachtlicher Stückzahl gefertigt (Bildbericht). 1929 war dann der Nachfolger C4 an der Reihe.

Den C4 haben wir hier schon kurz vorgestellt, aber bloß als Aufhänger, um ein Prachtexemplar seines großen Bruders zu präsentieren – des 6-Zylindertyps C6.

Der von 1928-32 über 100.000mal gebaute Citroen C4 verdient aber eine eigene Betrachtung.

Kürzlich konnte der Verfasser gleich zwei solcher Wagen in seinem Fotofundus identifizieren – in der Version als 2-sitziges Cabriolet:

Citroen_C4_Cabriolet_2_1933_Ausschnitt

Citroen C4 Cabriolet; Originalaufnahme aus Sammlung Michael Schlenger

Das sieht auf den ersten Blick recht ernüchternd aus, aber keine Sorge: Die zweite Aufnahme ist deutlich gefälliger und bietet ebenfalls reizvolle Einblicke.

Vom Stil her könnte das irgendein „Amerikaner-Wagen“ der späten 1920er Jahre sein. Als 2-sitziges Cabriolet mit (vermutlich) Schwiegermuttersitz im Heck wäre dieser Aufbau in den USA als „Runabout“ bezeichnet worden.

Tatsächlich waren die amerikanischen Hersteller in den 1920/30er Jahren in stilistischer Hinsicht die Avantgarde – tja, so ändern sich die Zeiten.

Dieses Auto folgt dem Ami-Stil, gibt sich aber mit einigen Eigenheiten als Citroen C4 zu erkennen:

Citroen_C4_Cabriolet_2_1933_Ausschnitt2 Hauptmerkmal ist das ovale Zierelement an der Tür, das sich so nur bei Citroen findet, auch wenn Autos anderer Hersteller ähnliche Elemente aufweisen.

Auffallend ist das im Vergleich zur passgenau sitzenden Tür wie nachträglich angeschraubt wirkende Trittbrett. Das es tatsächlich so lieblos ab Werk appliziert wurde, werden wir noch sehen.

Bei der Gelegenheit merke man sich den nach vorne weisenden Schwung der A-Säule – ein der Kutschbauertradition entstammender Kunstgriff, der den Aufbau weniger statisch wirken lässt.

Der aufmerksame Betrachter wird zudem registrieren, dass die Tür wie heutzutage vorn angeschlagen ist. Die Vorstellung, dass Vorkriegsautos stets hinten angeschlagene Türen hatten, ist unbegründet – es gab beide Varianten.

Mehr noch als das heruntergelegte Verdeck freut manchen sicher die offene Motorhaube – so etwas ist auf alten Fotos ganz selten zu sehen:

Citroen_C4_Cabriolet_2_1933_Ausschnitt3

„Wo ist denn der Motor?“, wird vielleicht einer denken – man sieht ja die Luftschlitze in der Haube auf der anderen Seite…

Keine Sorge, es ist alles vorhanden. Vor der Schottwand sitzt der Tank, von dort läuft der Kraftstoff der Schwerkraft folgend zum Vergaser, auf dem ein für die damalige Zeit beachtlich großer Luftfilter sitzt. Vielleicht ist das Teil nachgerüstet.

Vorn reicht ein Kühlwasserschlauch steil nach unten – daran sieht man, dass der Motor tief im Chassis sitzt. Wie ist das zu erklären?

Wir haben es mit einem seitengesteuerten Motor zu tun, bei dem die Nockenwelle seitlich neben dem Zylinderblock stehende Ventile betätigt. Erst die Zylinderköpfe mit hängenden Ventilen und (später) obenliegender Nockenwelle ließen die Motoren in die Höhe wachsen.

Zudem handelt es sich um einen kompakten 1,6 Liter-Motor. Er leistete immerhin 32 PS – Ende der 1920er Jahre ein sehr guter Wert. Hanomag, Mercedes und Opel trauten sich in dieser Hubraumklasse selbst in den 1930er Jahren nicht mehr.

Man sieht: Offen betrachtet kommt der Citroen C4 gut weg. Mit Spitzentempo 90 km/h war er auch zum Aufnahmezeitpunkt 1933 kein Verkehrshindernis auf deutschen Straßen. Wesentlich schneller war damals kaum einer unterwegs.

Wichtiger war, bequem und stilvoll zu reisen wie hier:

Citroen_C4-Cabriolet_Ausschnitt

Citroen C4 Cabriolet; Originalaufnahme aus Sammlung Michael Schlenger

Diese Aufnahme entstand einst auf einer Reise irgendwo in Süddeutschland.

Der Fahrer dürfte derjenige gewesen sein, der diese ungewöhnliche Aufnahme gemacht hat. Er hat die Tür und damit den Blick auf seine Begleiterin offengelassen.

Unterhalb des Trittbretts – das hier genauso liederlich angesetzt wirkt wie auf dem ersten Foto – sieht man die Beinchen einer dritten Person – offenbar waren die beiden mit ihrem Hund unterwegs:

Citroen_C4-Cabriolet_Ausschnitt2

Wir erkennen hier denselben Verlauf der A-Säule, dem auch die Luftschlitze in der Motorhaube folgen – ganz sicher ein Citroen C4.

Nur selten zu sehen sind die Türverkleidung mit Fensterkurbel und Kartentasche sowie der Innenraum mit großem Lenkrad und gekröpften Schalthebel, über den das 3-Gang-Getriebe betätigt wurde.

Man sieht: Der Citroen C4 war kein Kleinwagen und – ganz offen betrachtet – versteht man, warum er sich hierzulande einige tausend Mal verkaufte…

© Michael Schlenger, 2017. All entries in this blog (including embedded photos) are copyrighted by the author, unless otherwise indicated. Excerpts and links may be used, provided that credit is given to Michael Schlenger and https://www.klassiker-runde-wetterau.com with appropriate and specific direction to the original content.

1929: Im Chevrolet „AC“ von Sachsen an den Gardasee

Wer sich mit Vorkriegsautos auf alten Fotografien befasst, wie das dieser Oldtimerblog tut, der stößt immer wieder auf Fälle, die schwierig erscheinen.

Im Fundus des Verfassers sind die meisten „Unbekannten“ Autos, die von der Seite aufgenommen wurden oder solche, bei denen jemand zielsicher vor den markentypischen Elementen der Frontpartie posiert.

Bei der folgenden Aufnahme ist beides nicht der Fall, hier hat man beste Sicht direkt von vorn auf den Kühler: 

Chevrolet_International_AC_1929_zwischen Riva und Bre..a_Galerie

Chevrolet Series AC International; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Das kann ja nicht so schwer sein, Marke und Typ herauszufinden, auch wenn der Wagen in einiger Entfernung steht.

Klar ist jedenfalls, wann die Aufnahme entstanden ist, und eingrenzen lässt sich auch der Ort. Auf der Rückseite des Abzugs ist nämlich von alter Hand das Entstehungsjahr „1929“ vermerkt und der Hinweis „zwischen Riva und B…a“.

Zwar ist der zweite Ortsname nicht genau lesbar, doch die Umstände sprechen dafür, dass es sich um die oberhalb des Westufers des Gardasees verlaufende alte Ponale-Straße handelt, die von Riva del Garda nach „Biacesa“ führt.

Sie existiert noch, darf aber schon lange nicht mehr von Automobilen befahren werden. Das war 1929 noch anders und es sind viele Aufnahmen von Reisenden überliefert, die dort Halt für ein Foto machten.

Schauen wir uns nun den Wagen genauer an:

Chevrolet_International_AC_1929_zwischen Riva und Bre..a_Ausschnitt

Der gesamte Auftritt des Autos mit seiner breiten Spur wirkt „amerikanisch“. Doch das hilft erst einmal nicht viel weiter.

Der Stil der US-Wagen wurde in den späten 1920er Jahren von vielen deutschen Herstellern mit einer bisweilen ans Unverschämte grenzenden Detailgenauigkeit kopiert – man denke nur an die Opels mit „Packard-Kühler“.

Und bei den amerikanischen Wagen kamen etliche Hersteller in Betracht, die heute kaum noch jemand kennt, die aber einst auch am deutschen Markt vertreten waren.

Kenner von US-Vorkriegsautos werden längst wissen, worum es sich bei dem Wagen handelt, aber der Schwerpunkt dieses Blogs liegt nun einmal auf Marken aus dem deutschsprachigen Raum und der Verfasser ist mit amerikanischen Autos jener Zeit nur oberflächlich vertraut.

So blieb dieser Fall erst einmal offen, bis zufällig eine andere Aufnahme desselben Wagens auftauchte, und zwar diese hier:

Chevrolet_International_AC_Tourer_Galerie

Chevrolet Series AC „International“; Originalaufnahme aus Sammlung Michael Schlenger

Die Nadelbäume im Hintergrund verraten, dass wir hier nicht mehr im sonnigen Süden sind, sondern irgendwo im deutschen Mittelgebirge, wo man früher schnellwachsende Baumsorten die Tanne und Kiefer bevorzugte.

Seitdem Beton und Kunststoffe die bevorzugten Bau- bzw. Möbelmaterialien mit bekannten Ergebnissen sind, ist der Bedarf an Holz für Bauten und Wohneinrichtung stark zurückgegangen.

Den Wäldern zumindest ist’s bekommen, Misch- und Laubwald bekommen wieder die Oberhand – nur um heute durch die bis in Naturschutzgebiete vordringende Windstromindustrie bedroht zu werden. Jede Zeit hat offenbar ihre Pest…

Zurück zum Thema und zur Auflösung des Rätsels:

Chevrolet_International_AC_Tourer_Frontpartie2

Hier sieht man nicht nur dasselbe Nummernschild mit der Kennung „V“ für den sächsischen Zulassungsbezirk Zwickau, sondern in wünschenswerter Deutlichkeit auch das Kühleremblem, das auf der ersten Aufnahme bestenfalls zu erahnen war.

Demnach war es tatsächlich ein Chevrolet, der da im Jahr 1929 Halt in der Nähe des Gardasees machte. Wir erkennen hier auch die eigentümliche Plakette auf dem Grill wieder, deren Bedeutung dem Verfasser unbekannt ist.

Wer weiß, was es damit auf sich hat, kann dies gern über die Kommentarfunktion kundtun, der Blogeintrag wird dann entsprechend ergänzt.

Bleibt die Frage, um welchen Typ von Chevrolet es sich handelt. Zum Glück baute die seit 1918 zum General-Motors-Verbund gehörende Marke Ende der 1920er Jahre jeweils nur einen Typ pro Modelljahr.

Chevrolet_International_AC_Tourer_Frontpartie0

Diese Kühlergestaltung in Verbindung mit den nach hinten versetzten 15 eng beieinander liegenden Luftschlitzen in der Motorhaube verweisen auf den Chevrolet Series AC „International“ des Modelljahrs 1929.

Nachdem bereits vom Vorgänger Series AB „National“ mit Vierzylinder in nur einem Jahr fast 800.000 Exemplare gebaut worden waren, wurde der erste Sechszylinder von Chevrolet ein noch größerer Schlager: Rund 850.000 Stück des Series AC „International“ liefen weltweit vom Band – in 13 Monaten!

Dieser auch heute beeindruckende Erfolg machte Chevrolet noch vor Ford zum erfolgreichsten Autoproduzenten auf dem Planeten. Dazu trug neben der grundsoliden Konstruktion natürlich auch der Preis bei.

Während Adler aus Frankfurt für eine Limousine des nur geringfügig größeren und auf dem Papier etwas stärkeren Typs Standard 6 über 6.000 Reichsmark verlangte, war der Chevrolet für unter 5.000 Mark zu bekommen.

Dies ist ein Beispiel für die Leistungsfähigkeit der US-Automobilindustrie, der die deutschen Hersteller lange nichts entgegenzusetzen hatten.

Wer aber waren die Leute, die solche „Amerikaner“-Wagen kauften? Hier haben wir zumindest drei, die damit einst unterwegs waren:

Chevrolet_International_AC_Tourer_Insassen

Diese Herren wirken nicht gerade wie „vaterlandslose Gesellen“ – man kann sie sich hervorragend in gehobener Position irgendwo am Schreibtisch einer deutschen Amtsstube oder eines Unternehmens vorstellen.

Das waren zweifellos intelligente Leute – auch wenn es politisch unkorrekt ist, so etwas einfach aus dem Erscheinungsbild abzuleiten. Wer rechnen konnte (und wollte) fuhr Ende der 1920er Jahre vernünftigerweise einen Ami-Schlitten.

Heute wäre es abwegig, mit einem Chevrolet an den Gardasee zu fahren (man prüfe besser nicht, was aktuell unter dieser Marke fabriziert wird) und sich dort stolz ablichten zu lassen wie einst 1929.

Das alles ist keine 90 Jahre her (wir schreiben das Jahr 2017), doch wie haben sich die Zeiten seither gewandelt…

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Urlaubsstimmung inklusive: NSU-Fiat 1000 Cabriolet

Kenner der Fiat-Historie könnten im Titel des heutigen Eintrags in diesem Oldtimerblog einen Tippfehler vermuten: Müsste es nicht „Fiat 1100“ heißen?

Nein, muss es nicht, auch wenn südlich der Alpen vermutlich niemand einen Fiat mit der Modellbezeichnung „1000“ kennt. Aber hier ist ja auch von einem NSU-Fiat die Rede, und da gelten eigene Gesetze.

Wer sich darüber wundert, dass NSU einst auch Fiat-Modelle fabrizierte, kennt wahrscheinlich nur die Motorradhistorie der Marke. Noch komplizierter: Strenggenommen hat NSU nie Fiats gebaut.

Tatsächlich hatte Fiat 1929 nur die Heilbronner Fabrikanlagen der NSU AG übernommen, die die Autoproduktion mangels Erfolg aufgegeben hatte. NSU sollte erst in den 1960er Jahren wieder Autos unter eigenem Namen bauen.

Fiat hatte sich die Nutzung der am deutschen Markt gut eingeführten Marke NSU ausbedungen und baute in der Folge seine Modelle mit einem rasch steigenden Anteil deutscher Wertschöpfung.

Der erste Erfolg in Deutschland war ab 1934 der NSU/Fiat 1000, der ein verkappter Fiat 508 A „Balilla“ war. Ihn haben wir bereits in mehreren Exemplaren vorgestellt, darunter als Limousine, als Spyder und als Sport Spyder.

Heute zeigen wir eine weitere Variante, die es nur in Deutschland zu kaufen gab:

Fiat_1000_bei Leermoos_Zugspitze_2_Galerie

NSU/Fiat 1000 Cabriolet; Originalaufnahme aus Sammlung Michael Schlenger

Auf den ersten Blick sieht es fast so aus, als würde hier ein Bauer mit seinem Gespann einen liegengebliebenen Wagen abschleppen. Entsprechende Fotos aus der Vorkriegszeit gibt es tatsächlich – die bringen wir bei Gelegenheit.

Doch diese Situation war bloß ein Zufall, und der Fotograf drückte intuitiv im richtigen Moment auf den Auslöser. Entstanden ist die Aufnahme unweit von Leermoos in Österreich in Sichtweite des Zugspitzmassivs.

Zumindest das wissen wir dank der umseitigen Beschriftung des Abzugs.

Das Entstehungsjahr lässt sich nur grob eingrenzen. Gebaut wurde der Wagen ab 1934, das Nummernschild verweist auf eine Vorkriegszulassung in Oberbayern. Ab Kriegsbeginn 1939 war eine Tarnbeleuchtung vorgeschrieben, die hier fehlt.

Für die Identifikation des Wagentyps eignet sich die zweite Aufnahme besser, die kurz vor oder nach dem ersten Foto entstand:

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NSU/Fiat 1000; Originalaufnahme aus Sammlung Michael Schlenger

Hier sieht man nicht nur mehr von dem Wagen, sondern auch vom Zugspitzmassiv, wie es sich von der österreichischen Seite darstellt. Wer sich lokal auskennt, wird den einstigen Standort des Autos wohl exakt bestimmen können.

Die über Millionen Jahre entstandene Szenerie scheint bis heute von Entstellungen durch menschliche Aktivität – wie etwa Windrotoren, die in Deutschland ganze Landschaften zum Industriegebiet machen – verschont geblieben zu sein.

Konzentrieren wir uns nun auf den genauen Wagentyp; dazu nehmen wir das Auto näher ins Visier:

Fiat_1000_bei Leermoos_Zugspitze_1_Ausschnitt

Als NSU/Fiat 1000 gibt sich der Wagen anhand folgender Details zu erkennen: dem herzförmigen, leicht geneigten Kühlergrill, der profilierten und am Ende stark einwärts gebogenen Stoßstange sowie den markant geformten Chromradkappen.

Auch die mit der Neigung der Kühlerpartie und der Frontscheibe korrespondierenden Luftschlitze in der Motorhaube „passen“.

In technischer Hinsicht kam der NSU/Fiat 1000 zeitgemäß daher: Der konventionelle Vierzylinder mit 995 ccm leistete 24 PS, was für 85 km/h Höchstgeschwindigkeit reichte.

Das Vierganggetriebe war zwar noch unsychronisiert, doch immerhin gab es von Anfang an eine hydraulische Vierradbremse; bemerkenswert auch die leistungsstarke 12-Volt-Elektrik.

Da kamen ein Adler Trumpf Junior oder ein Opel 1,2 Liter einfach nicht mit. Wieso deutsche Hersteller damals meinten, ihre Kunden mit funzliger 6-Volt-Beleuchtung und häufig Seilzugbremsen abspeisen zu müssen, bleibt rätselhaft.

Kein Wunder, dass die Fiats der 1930er Jahre mit ihrem hervorragenden Leistungsgewicht und moderner Ausstattung international guten Absatz fanden – wie schon ihre Vorgänger in den 1920er Jahren (Typen 501, 503 und 509) .

Im Fall des NSU/Fiat 1000 gab es die Besonderheit, dass ein zweitüriges Cabriolet verfügbar war, das vom Heilbronner Karosseriebauer Drauz gefertigt wurde. Dieser hatte schon vor dem 1. Weltkrieg Aufbauten für NSU-PKW geliefert.

Ein solches Drauz-Cabriolet auf Basis des NSU/Fiat 1000 ist auf unserem Foto zu sehen. Wieviele davon gebaut wurden, ließ sich bislang nicht ermitteln. Doch viel mehr als einige hundert Exemplare werden nicht entstanden sein.

Gibt es heute vielleicht noch einen überlebenden Wagen dieses Typs? Wenn ein Leser mehr weiß, wären entsprechende Hinweise willkommen.

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Die ersten 8-Zylinder von Horch: Typen 303 bis 305

Die Typengeschichte von Vorkriegswagen aus dem deutschen Sprachraum möglichst vollständig in historischen Fotos zu dokumentieren – das ist eines der Ziele dieses Oldtimerblogs.

Was bei Herstellern wie DKW, Hanomag und Opel recht einfach ist, wird bei Nischenmarken wie NAG, Protos und Stoewer zum Geduldspiel. Doch die Bildergalerien füllen sich auch dort allmählich – zur Freude von Kennern auf der ganzen Welt.

Erstaunlich leicht dokumentieren lässt sich die komplexe Modellhistorie von Horch. In der Sammlung des Verfassers finden sich inzwischen Belegfotos von fast jedem Typ, die hier nach und nach publiziert werden.

Heute füllen wir eine Lücke zwischen dem letzten 4-Zylinderwagen der Zwickauer Marke – dem Modell 10/50 PS – und dem bereits vorgestellten frühen 8-Zylindertyp 305 von 1927/28. 

Der Horch 305 hatte einen Vorläufer, der der erste Achtzylinder des sächsischen Luxusherstellers war. Das war der Typ 303 bzw. 304, der im Herbst 1926 präsentiert wurde und Horch in die automobile Oberliga katapultierte:

Horch_303_oder_304_Galerie

Horch 303 oder 304; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Das also soll der erste 8-Zylinderwagen von Horch sein, der den bis heute anhaltenden Ruhm der 1945 untergegangenen Marke aus Sachsen begründete?

Ja, so unauffällig kann Luxus daherkommen und es muss einst Leute gegeben haben, denen es genügte, selbst zu wissen, wie gutsituiert sie waren. Nur 1.700 Wagen dieses weit über 10.000 Reichsmark teuren Typs wurden hergestellt.

Technisch gehörte der Wagen zum Feinsten, was es in Deutschland zu kaufen gab: Der 3,1 Liter messende, 60 PS starke Motor verfügte über eine Ventilsteuerung mittels Königswelle und zwei obenliegenden Nockwellen, präziser geht es kaum.

Trotz des hohen Gewichts von fast 2 Tonnen erreichte der Horch-8-Zylinder im 4. Gang die Marke von 100 km/h. Alle Räder wurden über eine servounterstützte Bremse verzögert; die Elektrik war auf 12 Volt ausgelegt.

Woran erkennt nun man ein solches Fabeltier? Schauen wir genauer hin:

Horch_303_oder_304_Ausschnitt0

Auf der schlichten Kühlermaske zeichnet sich das gekrönte „H“ ab, das erstmals beim Vierzylindertyp Horch 10/50 PS auftauchte. An der Marke gibt es somit keinen Zweifel.

Dass wir aber einen der frühen 8-Zylindertypen vor uns haben, verrät ein Detail: Die seitlichen Luftschlitze in der Motorhaube sind in einem aufgesetzten Blech zusammengefasst und nehmen deutlich mehr Platz ein als beim Vorgänger.

Für das Modell 303/304 spricht außerdem die Form der Vorderschutzbleche, die im Unterschied zum Nachfolger 305 noch ausgeprägte Sicken besaßen und nicht wie „aus einem Guss“ wirkten.

Unser Foto vermittelt außerdem etwas von der Selbstzufriedenheit der Besitzer, die an einem sonnigen Tag mit Chauffeur und Wagen abgelichtet wurden.

Horch_303_oder_304_Ausschnitt1

Auch der Chauffeur scheint bester Laune zu sein – ein schöner Schnappschuss!

Nebenbei sei auf die stattliche Trockenmauer verwiesen, die von einer der untergegangenen handwerklichen Fertigkeiten unserer Altvorderen kündet.

Heutzutage sieht man allerorten außer barbarischem Sichtbeton entweder in schauerliche Metallgerüste gekippte Bruchsteine („Gabionen“) oder nach Manier von Fred Feuerstein aufgestapelte Riesenblöcke aus dem Steinbruch.

Man muss kein Kulturpessimist sein, um die grassierende Hässlichkeit und Unfähigkeit zu dauerhaften und ansprechenden Bauten in unserer Zeit bedenklich zu finden – der Verlust an über Jahrhunderten gewachsenen Gewissheiten und Kompetenzen ist in jedem Neubaugebiet zu besichtigen…

Dem setzen wir hier bewusst die Hervorbringungen einer Vergangenheit entgegen, in der man noch eine klassische Formensprache beherrschte. Dazu gehören die klaren, jeden Exzess meidenden Karosserien der 1920er Jahre:

Horch_305_früh_Photo_Berlin-Wilmersdorf_Galerie

Horch 305; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Diese majestätische Sechsfenster-Limousine ist sehr wahrscheinlich eine frühe Version des Horch 305, der Ende 1927 den 8-Zylinder-Erstling 303/304 ablöste.

Hinter dem konservativen Erscheinungsbild verbirgt sich ein auf 3,4 Liter vergrößerter Reihenachter mit nunmehr 65 PS. Die Fahrleistungen blieben jedoch im wesentlichen unverändert.

Die Doppelstoßstange verweist auf ein fortgeschrittenes Stadium der Modellpflege, während die kantigen Kotflügel und das Fehlen von Positionslampen noch an den Vorgänger erinnern.

Die Karosserie scheint ein Aufbau nach Weymann-Patent zu sein. Demnach ist nur der Vorderwagen in Stahl ausgeführt, der Rest in einer leichten und geräuscharmen Holz-Textil-Konstruktion:

Horch_305_früh_Photo_Berlin-Wilmersdorf_Ausschnitt

Die umseitige Aufschrift des Fotos verrät, dass dieser Horch einst in Berlin-Wilmersdorf zugelassen war. Die Aufnahme selbst dürfte in einer der waldreichen Gegenden im Umland der Hauptstadt entstanden sein.

Wie so oft bei diesen Aufnahmen der Vorkriegszeit fragt man sich, was aus den  darauf abgebildeten Personen in den folgenden Jahren geworden ist. NS-Diktatur, Krieg und Bombenterror forderten auch von den Vermögenden ihren Tribut.

Während von den hochkarätigen Horch-Automobilen der 1930er Jahre immerhin etliche das Inferno des 2. Weltkriegs überlebt haben, scheinen ihre Vorgänger der späten 20er weitgehend ausgestorben zu sein.

Oft genug sind solche Fotos alles, was von ihnen, ihren Besitzern und glücklichen Momenten geblieben ist…

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Alpentour mit Lancia „Lambda“-Limousine

2017 jährt sich zum 90. Mal die erste Mille-Miglia – einst noch vor der Targa Florio das anspruchsvollste Straßenrennen – und sicher das berühmteste.

Man sollte meinen, dass die Italiener anlässlich dieses Jubiläums bei der diesjährigen Neuauflage der „Mille“ alle Register ziehen und mit besonderer Präsenz die Vorkriegsboliden von Alfa-Romeo, Lancia und O.M. feiern.

Doch weit gefehlt: Bei der Mille Miglia im Mai 2017 waren von 450 teilnehmenden Fahrzeugen ganze 28 (achtundzwanzig!) in Italien zugelassen. Die übrigen Wagen stammten von Besitzern aus der ganzen Welt.

Dieses eklatante Missverhältnis wurde auch im Vorwort der Mai-Ausgabe des italienischen Klassikermagazins „Ruote Classiche“ beklagt.

Demnach scheinen viele einheimische Besitzer es vorzuziehen, ihre Schätze in klimatisierten Garagen einer (hoffentlich) besseren Zukunft entgegenschlummern zu lassen.

Dabei ist die heutige Mille Miglia längst nicht mehr der materialmordende Vollgasritt auf öffentlichen Straßen, der 1957 mit dem tragischen Unfall von Alfonso de Portago auf Ferrari 315 sein jähes Ende fand.

Warum italienische Besitzer von Vorkriegsklassikern der Oberliga selbst eine genüssliche Gleichmäßigkeitsfahrt meiden, wie sie die Mille Miglia heute darstellt, bleibt unverständlich.

Befinden sich die Wagen vielleicht in den falschen Händen? Wir wollen dieses Thema hier nicht vertiefen.

Stattdessen sei heute ein weiteres Beispiel eines italienischen Exoten der Zwischenkriegszeit vorgestellt, der einst wie selbstverständlich als Langstreckenwagen genutzt wurde – der Lancia Lambda!

Wir haben auf diesem Oldtimerblog schon einige Exemplare dieses Typs vorgestellt, der einen Platz unter den größten PKW-Entwürfen des 20. Jahrhunderts verdient (ausführliches Porträt hier).

Eines dieser Fabeltiere versteckt sich auf der folgenden Aufnahme, die in den 1930er Jahren als Postkarte aufgelegt wurde:

Lancia_Lambda_Adler_Standard_6_Opel_nach 1933_Galerie

Postkarte der 1930er Jahre aus Sammlung Michael Schlenger

„Gasthaus Mauthäuserl“ steht unten rechts geschrieben – klingt nicht sonderlich italienisch. Tatsächlich ist dieses Foto im südöstlichsten Zipfel Bayerns entstanden, in den Chiemgauer Alpen unweit von Bad Reichenhall.

Das historische „Mauthäuserl“ sieht heute noch ganz ähnlich aus. Nur die Autos, die dort halten, sind auf baldigen Verbrauch hin optimierte belanglose Kisten.

Vor über 80 Jahren gaben sich dort etliche Wagen ein Stelldichein, die für Freunde wirklich alter Gefährte der Inbegriff des klassischen Automobils sind.

Schauen wir uns auf dem sonnenbeschienen Platz einmal um:

Lancia_Lambda_Adler_Standard_6_Opel_nach 1933_Ausschnitt1

Hier haben wir zwei Rolldach-Limousinen – in den 1930er Jahren auch als Cabrio-Limousinen bezeichnet.

Der Wagen im Vordergrund ist ein 6-Fenster-Modell, ein großzügiges Fahrzeug, auch wenn die verkürzte Ansicht dies kaum vermuten lässt.

Eine Identifikation von Hersteller und Typ ist wie bei dem 4-Fenster-Modell im Hintergrund zwecklos. Doch erzählen beide Wagen ebenso wie die Personen in ihrer Nähe und die langen Schatten etwas von einem warmen Sommernachmittag.

Zur Datierung gibt immerhin folgender Ausschnitt einen Hinweis:

Lancia_Lambda_Adler_Standard_6_Opel_nach 1933_Ausschnitt2

Die Cabrio-Limousine mit dem sonnenbeschienen Heck ist sehr wahrscheinlich ein Opel ab Mitte der 1930er Jahre. In Frage kommen vor allem die Typen Olympia und Kadett – Hinweise zur exakten Identifizierung sind willkommen.

Für eine Entstehung nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten – für die nebenbei nie eine Mehrheit der Deutschen in freien Wahlen votierte – spricht der Wimpel am Stander der mächtigen Limousine auf folgendem Ausschnitt:

Lancia_Lambda_Adler_Standard_6_Opel_nach 1933_Ausschnitt3

Die Gestaltung des Vorderrads verweist auf einen Adler des Typs Standard 6 oder 8, dazu würde auch der übrige Aufbau als 6-Fenster-Limousine passen. Auch hier werden sachkundige Anmerkungen von Lesern gern berücksichtigt.

Wo aber verbirgt sich nun der versprochene Lancia?

Kenner werden ihn gleich auf der ersten Übersichtsaufnahme registriert haben. Doch nicht jeder ist ein „Lancista“, wie die Italiener die Freunde der ehrwürdigen Marke aus Turin nennen.

Nun, hier ist er, diesmal in der eher seltenen Variante als viertürige Limousine:

Lancia_Lambda_Adler_Standard_6_Opel_nach 1933_Ausschnitt4

Angesichts des Nummernschilds mit Kennung „II B“ für Oberbayern mag vielleicht manch‘ einer nicht glauben, dass das ein Lancia ist.

Doch das typische Emblem auf der Kühlermaske in Form einer klassischen Tempelfront, die hochliegenden Scheinwerfer und die niedrige Gürtellinie sind Kennzeichen dieses Modells, das auch deutsche Automobilgourmets anzog.

Dieses Auto war auch noch in den 1930er Jahren in technischer Hinsicht zeitgemäß, auch wenn das Erscheinungsbild dies nicht ahnen lässt. So einen Wagen fuhren Kenner, die sich wenig um modische Erscheinungen kümmerten.

Bevor nun jemand einwendet, dass man ja kaum etwas von dem Gefährt erkennt, bringen wir als Vorschau auf den nächsten Blog-Eintrag zum Thema „Lancia Lambda“ die folgende Aufnahme:

Lancia_Lambda_Berlin_Galerie

Lancia Lambda; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Hier haben wir eine Bilderbuchaufnahme eines offenen Lancia Lambda aus Berlin, die eine Ahnung davon vermittelt, wie sehr dieses Modell am konservativen deutschen Markt aus dem Rahmen fiel.

Kein anderer Wagen kam so leicht, so schlicht und zugleich so sportlich daher. Keiner vereinte soviele technische Kabinettstückchen wie dieser. Und keiner aus dem Hause Lancia ist heute so selten in Aktion anzutreffen, schade.

Dass Fiat die 1969 übernommene Konzernmarke inzwischen faktisch beerdigt hat, ist eine Sache. Doch dass soll nicht bedeuten, dass die Lancisti aller Länder ihre Schätze weiter der Welt vorenthalten sollen…

© Michael Schlenger, 2017. All entries in this blog (including embedded photos) are copyrighted by the author, unless otherwise indicated. Excerpts and links may be used, provided that credit is given to Michael Schlenger and http://www.klassiker-runde-wetterau.com with appropriate and specific direction to the original content.

Vom Herdentrieb gepackt: Opel 6-Zylinder 12/50 PS

Die Automobile, die Opel in den 1920er Jahren baute, sind auf diesem Oldtimerblog inzwischen recht gut dokumentiert – und zwar anhand zeitgenössischer Originalfotos aus der Sammlung des Verfassers.

Vom heute äußerst raren 8/25 PS Modell, das ab 1921 gefertigt wurde, über den legendären 4 PS-Typ „Laubfrosch“ in seinen unterschiedlichen Evolutionsstufen bis hin zum kaum mehr bekannten Opel 10/40 PS – hier lässt sich die Rüsselsheimer Autoproduktion der 1920er in bislang unpublizierten Bildern nachvollziehen.

Heute schließen wir eine weitere Lücke, die vielleicht manchem Altopel-Freund gar nicht aufgefallen wäre, denn es geht um ein sehr seltenes Modell.

Als Einstieg eignet sich die folgende reizvolle Aufnahme, die um 1928 entstand:

Opel_12-50_PS_oder größer_um_1928_Galerie

Opel 12/50 PS; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Was da in einer bergaufwärts strebenden Rinderherde unterwegs ist und aus einem entgegenkommenden Wagen fotografiert wurde, sieht auf den ersten Blick wie ein Fahrzeug der US-Marke Packard aus.

Auch wenn dieser Schnappschuss im deutschsprachigen Raum entstand, wäre ein Packard im Rahmen des Möglichen. Wie viele andere US-Hersteller war Packard in der zweiten Hälfte der 1920er Jahre am deutschen Markt aktiv (Bildbericht).

Den mit leistungsstarken 6- und 8-Zylindermotoren ausgestatteten und günstigen Amerikaner-Wagen, wie sie damals genannt wurden, hatten die deutschen Autobauer wenig entgegenzusetzen.

Im Hinblick auf Gestaltung, Technik und Produktionsweise war man nach dem 1. Weltkrieg hinter die Konkurrenz aus Übersee zurückgefallen. Viel mehr als die US-Konzepte zu kopieren, fiel selbst Marken wie Adler und Opel nicht ein.

Die Rüsselsheimer waren sich nach ihrem Citroen 5 CV-Plagiat – dem 4 PS „Laubfrosch“ – nicht zu schade dafür, ab 1927 sämtliche Modelle mit einer bei Packard abgeschauten markanten Kühlermaske auszustatten.

Genau solch ein Pseudo-Ami aus hessischer Produktion kommt uns hier entgegen:

Opel_12-50_PS_oder größer_um_1928_Ausschnitt Die Rinder scheinen von dieser Konkurrenz auf ihrem Viehtrieb gar nicht begeistert zu sein, obwohl Opel mit diesem Modell ebenfalls nur dem Herdentrieb folgte.

Durch Bau eines 6-Zylinderwagens auf simplem Fahrgestell und mit Karosserie in US-Optik glaubten die Rüsselsheimer wie viele andere Hersteller, die Landsleute zu einem „patriotischen“ Kaufverhalten zu bewegen.

Leistungsmäßig war an den „großen Opels“ wenig auszusetzen. Erhältlich waren die Motorisierungen 12/50 PS mit 3,2 Liter und 15/60 PS mit 3,9 Liter Hubraum.

Entsprechend der Höchstgeschwindigkeit wurden die beiden Sechszylinder als Modell 90 bzw. Modell 100 angeboten. Allerdings fehlte ihnen die beim Adler Standard 6 serienmäßige hydraulische Vierradbremse. 

Imposant sahen die Opel-Sechszylinder auf jeden Fall aus. Die folgende Aufnahme zeigt die siebensitzige 3-Fenster-Limousine des Typs 12/50 bzw. 15/60 PS:

Opel_12-50_PS_oder_größer_Limousine_1927-29_Galerie

Opel 12/50 oder 15/60 PS; Originalaufnahme aus Sammlung Michael Schlenger

Hier kann man gut das „Opel-Auge“ auf der von Packard abgeschauten Kühlermaske erkennen.

Auch die beiden Trittschutzbleche am Schweller unterhalb der Türen trugen dieses markante Emblem, das auf eine Skizze von Hessens kunstsinnigem und den Opel-Automobilbau fördernden Großherzog Ernst-Ludwig zurückging.

Rund 8.000 Reichsmark kostete diese von 1927-28 gebaute Ausführung. Damit war der Opel zwar billiger als der gleichstarke Buick Standard Six, doch in Sachen Laufkultur und Ausstattung hatten die Amerikaner die Nase vorn.

Unterdessen hatte General Motors in Rüsselsheim das Regiment übernommen und hatte wenig Interesse an einer konzerninternen Konkurrenz.

So endete 1929 die Karriere der großen 6-Zylinder-Opels nach nur 3.500 Exemplaren. Dem Herdentrieb zu folgen hatte sich – wie so oft – nicht ausgezahlt.

Erfolgversprechend blieben am deutschen Markt Einsteigermodelle, und das Ziel der Volksmotorisierung sollte Opel von nun an konsequenter verfolgen.

Diese populären Modelle wollen wir hier nach und nach ebenfalls präsentieren.

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Aus der Zeit gefallen: Ein Stoewer V5 im Jahr 1950

Die Sehnsucht nach den Wagen der Vorkriegszeit rührt wohl auch daher, dass die Welt damals zwar nicht besser war – ganz im Gegenteil – doch in vielerlei Hinsicht eine schönere, da die Verwüstungen der sogenannten Moderne erst einsetzten.

Dass es selbst bis in die 1950er Jahre in Deutschland Orte gab, die von Kriegsverheerungen verschont geblieben waren, wo es noch so beschaulich aussah wie zu Goethes Zeiten, das erzählen Bilder jener Zeit.

Eine solche Aufnahme, auf der sich alles zusammenfügt und selbst das Auto im Vordergrund das Idyll nicht stört, sehen wir uns heute an:

Stoewer_V5_Moosheim_1950_Galerie

Stoewer Typ V5; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Hier steht in einer kopfsteingepflasterten Gasse zwischen jahrhundertealten – heute würde man sagen: nachhaltig gebauten – Fachwerkhäusern ein alter Bekannter. 

Erst kürzlich haben wir den Wagentyp anhand einer mäßigen Aufnahme ausführlich vorgestellt (Bericht). Umso erfreulicher, dass inzwischen dieser weit reizvollere Abzug aufgetaucht ist.

Dass es ein Stoewer des ab 1931 gebauten Frontantriebstyp V5 ist, verrät die markante Kühlermaske mit dem typischen Stoewer-Wappen und den erhabenen Sicken am unteren Ende.

Nur der Stoewer V5 weist auch solche eigenwillig geformten Schutzbleche auf – in  Details wie diesen erkennt man die besondere Handschrift der 1945 untergegangenen Marke aus Stettin.

Die technischen Raffinessen dieses ersten deutschen Fronttrieblers (noch vor DKW und Adler!) wurden im ersten Blogeintrag ausführlich gewürdigt.

Daher beschränken wir uns auf die Besprechung der Unterschiede gegenüber dem zuvor vorgestellten Fahrzeug, das wir hier nochmals zeigen:

Stoewer_V5_Limousine_Ausschnitt

Stoewer Typ V5; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Der Hauptunterschied liegt in der Ausführung der Kühlermaske. Bei dem ersten vorgestellten Stoewer V5 reicht diese nur bis auf Höhe der Vorderachsen hinunter. Unter der Vorwölbung darunter befindet sich das Getriebe.

Wie später auch DKW ließ Stoewer diese unschöne Lösung wieder fallen und zog die Kühlermaske im Modelljahr 1932 weiter nach unten, wozu sie freilich schräg nach vorn verlaufen musste.

Das Erscheinungsbild des Wagens profitierte davon nicht nur von vorne, sondern auch von der Seite, da die Frontpartie nun dynamischer wirkte, obwohl sich darunter weiterhin nur ein kompakter V-4-Zylinder (!) mit 25 PS verbarg.

Wie erwachsen die in der Vorderpartie überarbeitete 2. Serie des Stoewer V5 bei sonst identischer Ausführung als Rolldach-Limousine wirkte, lässt sich in der Ausschnittsvergrößerung gut erkennen:

Stoewer_V5_Moosheim_1950_Ausschnitt

Wer sich an den wuchtigen Stoßstangen – bzw. Stoßecken – stört, liegt mit seinem Bauchgefühl richtig: Die Rolldach-Limousine des Stoewer V5 wurde ohne solches Zubehör ausgeliefert.

Vermutlich wurden die Teile von einem wohlmeinenden Besitzer nachgerüstet, als Spender käme beispielsweise ein DKW in Frage.

Das hat eine gewisse Ironie, denn es war nicht Stoewer, sondern die Firma DKW, die mit ihren schwachbrüstigen, aber billigen Zweitaktern dem Frontantrieb in Deutschland zum Durchbruch verhalf.

Vom technisch weit anspruchsvolleren und karosserieseitig wesentlich robusteren Stoewer V5 wurden nur etwas mehr als 2.000 Exemplare gebaut.

Dass eines davon noch 1950 – als fast 20 Jahre nach der Entstehung – als Reisefahrzeug genutzt wurde, spricht für die Qualitäten des Wagens.

Übrigens wissen wir das dank des Vermerks auf der Rückseite des Abzugs. Dort ist auch Moosheim in Baden-Württemberg als mutmaßlicher Aufnahmeort vermerkt.

Da der Stoewer ein Kennzeichen der britischen Besatzungszone Niedersachsen (BN) trägt, das im Bezirk Hannover (33) ausgegeben wurde, diente der Wagen damals offensichtlich noch zu ausgiebigen Reisen.

Dass er vom einstigen Besitzer geschätzt wurde, das beweist diese perfekt inszenierte Aufnahme. Hier wusste jemand genau, wie sich ein klassischer Wagen in Szene setzen ließ.

Mag sein, dass der Fotograf auch ahnte, dass eine solche zeitlose Szenerie schon bald Vergangenheit sein würde, und hielt für sich diesen romantischen Augenblick fest.

In den zerbombten Großstädten begann damals der Modernisierungsfuror zu wüten, der oft genug zu einer zweiten Zerstörung führte. Nur München blieb eine rühmliche Ausnahme und wurde damals für rückständig gehalten – heute hat die Bayernhauptstadt die höchsten Immobilienpreise in der Republik…

Gern wüsste man, wie es in jener Gasse heute aussieht, in der vor über 60 Jahren dieser Stoewer stand. Weiß ein Leser vielleicht mehr?

Im Elsass würde eine solche Szenerie heute jedenfalls noch exakt so aussehen – aber dort hat auch nicht ein von verantwortungslosen „Eliten“ angezettelter totaler Krieg die Bindung an Heimat und Tradition bis auf einige glimmende Reste zerstört…

Rothenburg ob der Tauber in den 1930er Jahren. © Videoquelle YouTube; hochgeladen von Deutschlandsender

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1927: Vier Mann und ein UNIC auf Pilgerfahrt

Zugegeben, der Titel dieses Blogeintrags klingt ein wenig mysteriös – aber er trifft genau das, worum es heute geht.

Wer bei „Oldtimern“ nur an Bentley, Bugatti, Mercedes oder Porsche denkt, wird mit dem Markennamen UNIC kaum etwas anfangen. Das ist kein Vorwurf, eher Ergebnis der beschränkten Sichtweise einschlägiger Publikationen hierzulande.

Ein vollständigeres Bild der unglaublichen Vielfalt auf den Straßen Europas in der Vorkriegszeit ergibt sich, wenn man die Bilder sprechen lässt, die uns die aktuell abtretende Generation in ihren Fotoalben hinterlässt.

Da findet man beispielsweise so etwas:

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UNIC L-Type; Originalaufnahme aus Sammlung Michael Schlenger

Das ist eine Aufnahme, wie sie vollkommener kaum sein könnte – ein klassischer Tourenwagen in dramatischer Landschaft perfekt in Szene gesetzt, der Abzug kontrastreich und knackig scharf.

Hier hat jemand vor über 90 Jahren ganze Arbeit geleistet – solche formale und technische Qualität mit einer analogen Kamera abzuliefern, erinnert daran, dass digitale Technik kein Ersatz für Geschmack und Können ist.

Diese Aufnahme hat es – abgesehen von ihrer phänomenalen Qualität – auch sonst in sich. Am einfachsten ist noch die Identifikation des Wagens auf dem Foto:

Unic_L-Type_c.1925_Ausschnitt1

UNIC steht vorn auf dem Grill, der von einer markanten Kühlermaske eingefasst ist. UNIC, das war einer von über tausend Autoherstellern, die es einst in Frankreich gab. Über tausend? In der Tat, kein Schreibfehler…

Die Firma UNIC wurde 1905 in einem Vorort von Paris von George Richard  gegründet, der seit der Jahrhundertwende zusammen mit einem gewissen Henri Brasier Rennwagen gebaut hatte.

UNIC war eine ganze Weile erfolgreich mit dem Bau von Tourenwagen und Taxis. 1925 veröffentlichte man in Frankreich diese schöne Reklame:

Unic-Reklame_1925_Galerie

UNIC-Reklame in „L’Illustration“, 1925; aus Sammlung Michael Schlenger

Ungeachtet der stark stilisierten Darstellung des UNIC in dieser Werbeanzeige erkennt man die formale Übereinstimmung mit dem Wagen auf unserem Foto.

Wahrscheinlich haben wir es mit einem UNIC L-Typ zu tun, der Mitte der 1920er Jahre mit 4-Zylindermotoren mit bis zu 3,5 Liter Hubraum angeboten wurde.

Aggregate mit mehr Zylindern stellte UNIC erst ab 1928 vor, und zwar Reihenachter mit 2,5 Liter Hubraum. Ab 1934 beschränkte sich UNIC wieder auf Vierzylinder.

Die sorgfältige Verarbeitung der UNIC-Wagen und die geringen Stückzahlen hatten einen hohen Kaufpreis zur Folge, den immer weniger Kunden zu zahlen bereit waren. 1938 entstanden die letzten UNIC-PKW.

Zurück zu unserer Aufnahme der 1920er Jahre. Wo könnte das Foto einst entstanden sein? Der Verfasser tippte anhand der kargen Landschaft auf die Balkanregion oder Spanien.

Gewissheit brachte die Vorstellung der Aufnahme auf der führenden europäischen Vorkriegsauto-Website www.prewarcar.com. Ein Leser konnte aufgrund folgenden Bildausschnitts den entscheidenden Hinweis geben:

Unic_L-Type_c.1925_Ausschnitt2

Die seitlich offenen Passagierwaggons im Hintergrund, die von einer Dampflok geschoben werden, ermöglichten die Identifikation der Örtlichkeit.

Das Foto entstand demnach an der Strecke der Zahnradbahn, die seit 1892 zum Benediktinerkloster Montserrat in Katalonien (Spanien) hinaufführt, das bis heute ein bedeutender Wallfahrtsort ist.

Die Strecke ist inzwischen elektrifiziert, folgt aber noch der alten Trasse durch die spektakuläre Berglandschaft. Anhand von Google-Earth lässt sich die Strecke, die in Monistrol de Montserrat beginnt, gut nachverfolgen.

Nur einmal kreuzt die Schienentrasse eine Straße, und an dieser Stelle (Koordinaten: 41°36’42.6″N 1°50’08.9″E) entstand vor über 90 Jahren unser Foto.

Verändert hat sich bloß eines: Die Eisenbahn überquert die Straße heute auf einer Brücke rund 50 Meter unterhalb der einstigen Kreuzung von Schienen- und Fahrweg. Doch der alte Streckenverlauf ist noch zu sehen.

Bei Google-Earth sind dreidimensionale Aufnahmen verfügbar, auf denen sogar die alte Böschungsmauer zu erkennen ist, die auf unserem Foto links abgebildet ist.

Dass wir den einstigen Aufnahmeort eines Vorkriegsautofotos auf ein paar Meter genau bestimmen können, ist ganz außergewöhnlich. Bemerkenswert ist aber noch etwas: Auf dem Schild an der Frontscheibe des UNIC steht vorn „Reserviert“.

Das spricht dafür, dass dieser Wagen für einen Ausflug deutschsprachiger Reisender vorgesehen war, die wohl im 40 km entfernten Barcelona wohnten. Die Zulassung des UNIC verweist jedenfalls aus Barcelona und das Jahr 1927.

Ob die Insassen an diesem Tag auch eine Pilgerfahrt zum Kloster absolviert haben, muss offenbleiben. Die Straße – die BP-1121 – führt jedenfalls nicht direkt dorthin.

Dass die vier Herren mit ihrem Fahrer aber nur zufällig in dieser unwirtlichen Gegend unterwegs waren, ist unwahrscheinlich. Vielleicht weiß ja ein Leser etwas mit dem Hinweisschild anzufangen, das auf dem Foto von hinten zu sehen ist:

Unic_L-Type_c.1925_Ausschnitt3

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Eleganz mit „Sechs-Appeal“: Citroen C6 von 1928

Französische Vorkriegsautos sind auf diesem Oldtimerblog eher seltene Gäste.

Das liegt aber nicht daran, dass der Verfasser sich nicht für die einstige Automobilbaukunst unserer westlichen Nachbarn erwärmen könnte. Vielmehr besitzt er selbst zwei französische Klassiker der 1930er Jahre.

Der Grund ist der, dass hier Autos anhand von Originalfotos vorgestellt werden, die überwiegend aus dem deutschsprachigen Raum stammen. Der Import französischer Wagen bzw. deren Produktion auf deutschem Boden hielt sich aber in Grenzen, sodass Bilder französischer Autos eher selten sind.

Lediglich Citroen fertigte ab 1927 im Kölner Stadtteil Poll in größerer Zahl seine Modelle. Den Anfang machte der Typ B14, den wir hier vor längerer Zeit anhand einer schönen Aufnahme bereits präsentiert haben (Bildbericht).

Auch vom Nachfolgemodell C4 wurden ab 1929 in Köln annähernd 5.000 Exemplare montiert. Eines davon versteckt sich auf folgender Aufnahme:

Citroen_C4_um_1930_Ausschnitt

Citroen C4; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Viel sieht man zwar nicht von dem Wagen, aber genug, um ihn als Citroen C4 aus deutscher Produktion anzusprechen.

Neben dem Haarschopf des etwas schüchtern dreinschauenden Herrn ist gerade noch das Markenemblem und ein Kennzeichen mit weißem Grund erkennen, also ein Citroen mit deutscher Zulassung.

Vom Vorgängermodell B14 unterscheidet sich das Auto durch seinen deutlich stämmigeren Auftritt, die weiter ausladenden Vorderschutzbleche und die leicht geschwungene Haltestange für die Scheinwerfer.

So unscheinbar das Modell hier wirkt, so solide waren seine inneren Werte. Der Vierzylinder mit 1,6 Liter leistete 32 PS, was für eine Höchstgeschwindigkeit von 90 km/h ausreichte.

Zum Vergleich: Der ähnlich dimensionierte und etwas stärker motorisierte Adler Favorit kam lediglich auf 80 km/h Spitze und war deutlich teurer. Allerdings verfügte er bereits über hydraulische Bremsen.

Während Adler von 1929-33 keine 15.000 Wagen des Typs Favorit an den Mann brachte, entstanden vom Citroen C4 im gleichen Zeitraum weit über 100.000 Stück. Dazu muss man anmerken, dass der französische Automobilmarkt damals wesentlich weiter entwickelt war als der lange Zeit rückständige deutsche.

Mehr wollen wir an dieser Stelle gar nicht vom Citroen C4 erzählen. Der Typ dient uns lediglich als Aufhänger für die Präsentation des daraus abgeleiteten Citroen C6, den wir auf folgender Aufnahme sehen:

Citroen_C6_Galerie

Citroen C6; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Ja, meine Herren, da weiß man gar nicht was man zuerst loben soll – den perfekt getroffenen großzügigen Wagen oder die dekorativ daneben platzierte junge Dame im strengen Kostüm mit hochgeschlossener Blümchenbluse…

Dieses Foto hätte sich auch in einem Werbeprospekt von Citroen gut gemacht, denn mit diesem Modell sprach man eine Klientel an, die Wert auf stilvollen Auftritt und ein gewisses Prestige legte, ohne dabei angeberisch zu wirken.

Dazu hatte Citroen das Konzept des C4 auf eine höhere Stufe gehoben. Der Typ C6 war größer und eleganter proportioniert und verfügte über eine reichere Ausstattung – außen wie innen.

Den Motor hatte man bei vergleichbarer Konstruktion um zwei Zylinder erweitert. 45 PS leistete das 2,4 Liter große Aggregat nun, was für ein Höchsttempo von rund 100 km/h reichte (die Angaben dazu variieren).

Ziehen wir wieder den Vergleich zum entsprechenden Modell von Adler, dem Standard 6. Bei identischer Leistung, ähnlichen Abmessungen und deutlich höherem Preis waren auch hier die Hydraulikbremsen der Hauptvorteil.

Der Citroen C6 mit „Sechs“-Appeal scheint aber zumindest in Frankreich weit mehr Kunden (über 60.000) überzeugt zu haben als der Adler Standard 6 in Deutschland (ca. 20.000).

Dass der elegante Citroen C6 aus französischer Sicht dennoch als Misserfolg galt, unterstreicht erneut den Entwicklungsstand des dortigen Markts.

Nach fast 90 Jahren sehen wir die Dinge ein wenig anders und erfreuen uns an diesem höchst ansehnlichen „Miss-Erfolg“…

Citroen_C6_Ausschnitt

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Alpentour mit Hindernissen: Fiat 505 & Co.

Heutzutage kommt man sich schon kühn vor, wenn man beim Überqueren der Alpen nicht den Tunnel, sondern die Paßstraße nimmt.

Nebenbei: Wenn man kein völliger Sklave des Effizienzdenkens ist, ist der „Umweg“ durch die Bergwelt zumindest bei schönem Wetter eindeutig vorzuziehen.

Das geht auch mit einem eher schwach motorisierten Oldtimer. Der Verfasser kann sich noch gut daran erinnern, wie er vor einem knappen Vierteljahrhundert den Gotthardpass bezwang –  im 1200er Volkswagen mit 34 PS.

In einer ähnlichen Leistungsklasse bewegte sich das Fahrzeug auf folgender historischen Aufnahme:

Fiat_505_Panne_Galerie

Fiat 505; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Hier sehen wir die typische Szenerie einer Reifenpanne: Einer arbeitet und drei andere stehen herum oder tun anderweitig beschäftigt.

Nun, dank des hydraulischen Stempelwagenhebers und geeigneten Werkzeugs war die Sache wohl schnell und komplikationslos erledigt. Vorausschauende Fahrer hatten auf schlechten Pisten oft gleich zwei Reservereifen dabei.

Unsere Reisenden wird der kleine Zwischenfall kaum gestört haben – immerhin hatten sie sich bewusst für das Abenteuer eines Ausflugs ins Hochgebirge entschieden. Woher wir das wissen? Dazu gleich mehr.

Erst wollen wir uns noch ein wenig mit dem Auto beschäftigen:

Fiat_505_Panne_Ausschnitt

Das großflächige Emblem auf der Kühlermaske ist zwar nicht lesbar, doch die leicht birnenförmige Form des Kühlerausschnitts sagt alles: Das ist einer der Fiat-Typen, die nach dem 1. Weltkrieg auf den Markt kamen.

Neben dem äußerst erfolgreichen Fiat 501 – von dem ab 1919 rund 80.000 Exemplare gebaut wurden – gab es ein etwas größeres Modell: den Typ 505.

Dieser unterschied sich äußerlich nur wenig von seinem kleinen Bruder. Nur an der Größe und den vorne fast gerade abgeschnittenen Schutzblechen – wie beim Wagen auf unserem Foto – konnte man ihn erkennen (siehe auch Fiat-Galerie).

Dass wir es mit einem Fiat 505 zu tun haben, lässt auch die Aufnahmesitutation vermuten: Mit den 23 PS des Fiat 501 hätte man im Gebirge seine liebe Mühe gehabt.

Der 505 dagegen schöpfte aus seinem 2,3 Liter großen Vierzylinder 33 PS. Einen deutschen Großserienwagen mit vergleichbarer standfester Literleistung suchte man in dieser Klasse Anfang der 1920er Jahre vergeblich.

Kein Wunder, dass sich auch der Fiat 505 gut verkaufte: über 17.000 Stück setzten die Turiner davon international ab.

Jetzt aber zur Aufnahmesituation. Zum Glück haben wir zwei weitere Fotos von demselben Ausflug. Dieses hier sagt wohl alles über die Örtlichkeit:

Fiat_505_Begleiter_2_Galerie

Tourenwagen der 1920er Jahre; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Selbst Absolventen hessischer Erziehungsanstalten, in denen man seit den 1970er Jahren auch mit scheunentorgroßen Wissenslücken brilliante Schulabschlüsse erwerben kann, werden hier wohl auf die Dolomiten tippen.

Ob es nun die berühmten drei Zinnen oder deren Nachbarn sind – das zu klären, sei den Hochgebirgsspezialisten überlassen. Wir Altautofreunde interessieren uns auch eher für die drei Wagen auf dem großartigen Bild.

Wer hier nur zwei sieht, möge sich folgenden Bildaussschnitt genauer ansehen:

Fiat_505_Begleiter_1_Ausschnitt

Ganz links am Bildrand lugt vor der unscharf abgebildeten Person im hellen Mantel ein Schutzblech hervor – der Form nach würde es zum Fiat passen.

Das Nummernschild des Wagens rechts verweist ebenso wie das des oben gezeigten Fiat auf eine Zulassung in Bozen, der Hauptstadt von Südtirol, das sich Italien nach dem 1. Weltkrieg einverleibt hatte.

Wer übrigens eine Idee hat, was die Herren auf obiger Aufnahme treiben, darf dies gern über die Kommentarfunktion mitteilen.

Unterdessen werfen wir noch einen Blick auf das dritte Foto dieser Serie:

Fiat_505_Begleiter_1_Galerie

Tourenwagen der 1920er Jahre; Originalfotos aus Sammlung Michael Schlenger

Trotz der verwackelten Aufnahme, die vom Rücksitz des vorausfahrenden Wagens aus entstand, bekommt man einen Eindruck davon, auf was für Schotterpisten und in welch grandioser Landschaft die Autos unterwegs waren.

Man wünscht sich, dass es dort heute nicht anders aussieht – der Fortschritt darf ruhig an ein paar Orten unseres bereits arg zugebauten Kontinents innehalten.

Wagen wir trotz der mäßigen Qualität des Abzugs auch hier einen näheren Blick:

Fiat_505_Begleiter_2_Ausschnitt

Der vordere Wagen ist wahrscheinlich ein Steyr, dafür spricht der Spitzkühler mit dem mittig angebrachten Emblem und das markant geknickte Blech zwischen den beiden Rahmenauslegern.

Auch dieser Wagen würde gut in die Region passen, da österreichische Wagen in Südtirol auch nach dem 1. Weltkrieg gern gefahren wurden.

Hand auf’s Herz: Wer bekäme angesichts dieser um 1925 entstandenen Bilder keine Lust, ebenfalls auf solchen Pisten mit Wagen jener Zeit unterwegs zu sein?

Wer nun sagt, dass ihm sein restauriertes Schätzchen dafür zu schade ist, bringt sich nicht nur um das Vergnügen, sondern vergisst auch, dass die Autos vor 90 Jahren auch einmal neu waren – aber nur für kurze Zeit…

© Michael Schlenger, 2017. All entries in this blog (including embedded photos) are copyrighted by the author, unless otherwise indicated. Excerpts and links may be used, provided that credit is given to Michael Schlenger and http://www.klassiker-runde-wetterau.com with appropriate and specific direction to the original content.