Steyr Typ XX von 1929: Stilvoll in die Absatzkrise

Treue Leser dieses Oldtimerblogs wissen es zu schätzen, dass hier immer wieder Vorkriegsautos vorgestellt werden, die es in der auf Prestigemarken bzw. populäre Modelle festgelegten Presse schwer haben.

Klar, man muss in einem deutschsprachigen Altautomagazin nicht jedem französischen Nischenhersteller nachgehen, obwohl das eine Garantie für nie versiegenden Nachschub wäre.

Aber warum es selbst die großartigen Wagen der österreichischen Spitzenmarken Austro-Daimler, Gräf & Stift und Steyr selten in die hiesigen Oldtimer-Gazetten schaffen, ist unverständlich.

Solche sträflichen Lücken beim Nachzeichnen der einstigen automobiler Vielfalt auf unseren Straßen zu schließen, das ist eine der Motivationen dieses Projekts.

Und so befassen wir uns heute mit einem Bilderbuchklassiker aus der Alpenrepublik, der um 1930 auf folgender Aufnahme verewigt wurde:

Steyr_Typ_XX_1929_und_Stoewer 8_Typ G14_Galerie

Steyr Typ XX und Stoewer G14; Originalaufnahme aus Sammlung Michael Schlenger

Regelmäßigen Besuchern dieses Blogs wird der rechte Wagen bekannt vorkommen. Es ist einer der äußerst raren Stoewer-Achtzylinder des Typs G14 (Bildbericht).

Aus dieser Perspektive wirkt das mächtige Fahrzeug auf einmal gedrungen und nicht sonderlich attraktiv – keine Glanzleistung der sonst so stilsicheren Stettiner Marke. Der Wagen davor stiehlt ihm ganz klar die Schau.

Das ist aber nun auch ein Automobil, das formal wie technisch einen völlig anderen Charakter aufweist:

Steyr_Typ_XX_1929_Galerie

Neben dem spröde wirkenden Stoewer kommt diese Limousine trotz ihrer beeindruckenden Größe leicht und elegant daher.

Überhaupt fällt auf, dass die österreichischen Wagen der Vorkriegszeit die Erdenschwere deutscher Autos meiden, leichtfüßiger und freundlicher wirken.

Man könnte jetzt abdriften und über ähnliche Unterschiede zwischen deutscher und österreichischer Küche oder auch Beethoven und Mozart sinnieren…

Doch bleiben wir beim Thema und schauen wir uns den Wagen näher an:

Steyr_Typ_XX_1929_Frontpartie

Die zwei übereinanderliegenden Reihen Luftschlitze in der Haube und die Scheibenräder mit sechs Radbolzen und großer Chromkappe verweisen auf den 1928 vorgestellten Typ XX der österreichischen Manufaktur Steyr.

Die geriffelte Stoßstange dürfte nachgerüstet sein, da die von Steyr auf Wunsch erhältlichen Teile deutlich raffinierter waren. Gegenüber dem Stoewer fällt der harmonische Schwung der Vorderschutzbleche auf.

Die glattflächigen Räder tragen ebenfalls zum eleganten Erscheinungsbild dieses Wagens bei. Steyr bot damit eines der attraktivsten Modelle der oberen Mittelklasse im deutschsprachigen Raum an.

Formal hätte dieser Wagen auch einem großen 8-Zylinder Ehre gemacht, doch beschränkte man sich auf ein 2-Liter-Aggregat mit 6-Zylindern. Immerhin bot man mit obenliegender Nockenwelle und hängender Ventilen eine hochmoderne Konstruktion zur optimalen Steuerung des Gaswechsels.

Die Motorleistung von 40 PS mutet bescheiden an – wenn man amerikanische Autos jener Zeit als Maßstab nimmt. Doch wandte sich dieser Wagen nicht an eine Kundschaft, die sportlich unterwegs sein wollte.

Gepflegtes Reisen in einem großzügigen und repräsentativen Automobil, das war in Europa Ende der 1920er Jahre bereits dermaßen exklusiv, dass man die moderate Leistung verkraften konnte.

Auf den damaligen Landstraßen war ein Tempo von über 80 km/h ohnehin halsbrecherisch – und seien wir ehrlich: heute sind die meisten Leute abseits der Autobahn auch nicht schneller unterwegs.

Die stolzen Besitzer des Steyr Typ XX auf unserem Foto machen auch nicht den Eindruck, dass sie wie Bonny & Clyde auf einen besonders potenten Wagen Wert legten, um nach erfolgreichem Bankraub das Weite zu suchen:

Steyr_Typ_XX_1929_Seitenpartie

Das scheinen gutsituierte, solide Leute gewesen sein, die keinen extravaganten Wagen brauchten, um die Nachbarn zu beeindrucken.

Man darf vermuten, dass die beiden auf sympathische Weise konservativ waren. Denn sie entschieden sich für eine Ende der 1920er Jahre eigentlich schon überholte Karosserieform – das „Faux Cabriolet“.

Der französische Begriff beschreibt einen Limousinen- oder Coupé-Aufbau, der mittels eines Kunstlederdachs mit fester Sturmstange den Eindruck eines Cabriolets erweckt – übersetzt bedeutet er also „vorgetäuschtes Cabriolet“.

Auf unserem Foto ist dieser traditionelle Aufbau sehr stimmig mittels einer „Weymann“-Karosserie realisiert worden, einer leichten Konstruktion aus Holzelementen, die statt eines Blechkleids einen Kunstlederbezug trug.

Man erkennt Weymann-Karosserien am Kontrast aus glänzend lackierten Blechteilen (Motorhaube und Kotflügel) und matt eingefärbten übrigen Partien.

In der einschlägigen Literatur (Hubert Schier; Die Steyrer Automobil-Geschichte, 2015) findet sich auf Seite 147 ein Steyr Typ XX mit präzise der hier abgebildeten Weymann-Karosserie.

Sollte genau ein solcher Wagen noch existieren, wäre das eine große Rarität. Vom Steyr Typ XX sind insgesamt keine 3.000 Exemplare gefertigt worden.

Aufgrund des Nachfrageeinbruchs infolge der Weltwirtschaftskrise, die 1929 einsetzte, konnte ein Großteil der Produktion dieses gerade neu eingeführten Steyr-Modells nicht mehr verkauft werden.

Steyr musste die Autofertigung aussetzen, bekam aber im Gegensatz zu vielen damals untergegangenen Herstellern gerade noch die Kurve. Von dem wirtschaftlich wie politisch kritischen Umfeld jener Zeit ist auf unserem Foto nichts zu ahnen.

Was aus den beiden Autos und ihren Besitzern in den anschließenden 10-15 Jahren wurde, wissen wir nicht. Diese Momentaufnahme erinnert uns jedenfalls daran, wie rasch eine vermeintlich heile Welt untergehen kann…

© Michael Schlenger, 2017. All entries in this blog (including embedded photos) are copyrighted by the author, unless otherwise indicated. Excerpts and links may be used, provided that credit is given to Michael Schlenger and http://www.klassiker-runde-wetterau.com with appropriate and specific direction to the original content.

NAG-Protos Einsatzwagen der preußischen Polizei

Das Stichwort „Oldtimer“ bringt bei vielen die Augen zum leuchten. Doch denken tun Oldtimer-Liebhaber dabei an ganz unterschiedliche Vehikel.

Die Motorradfraktion kennt bloß zweirädrige Veteranen, für Nutzfahrzeugfans zählen nur alte Laster und Busse, und dann gibt es Zeitgenossen, bei denen sich alles um historische Fahrräder oder Flugzeuge dreht.

Wo soll man da die Grenze ziehen, wenn man einen Oldtimerblog betreibt? Nun, zum Beispiel, indem man sich auf PKW beschränkt – auf dem Sektor gibt es bereits mehr als genug fesselnde Objekte.

Aber was ist mit Nutzfahrzeugumbauten, wie sie nach den beiden Weltkriegen oft zu finden waren? Tja, diese Autos sind so faszinierend, dass man sie ungern außen vor lassen möchte. Darum ebenfalls hinein ins Beuteschema!

Dasselbe gilt für Behördenfahrzeuge, die auf Serien-PKWs basierten, also Mannschafts- und Kübelwagen für Polizei und Militär. Die Kübelwagenfreunde finden auf diesem Blog bereits reichlich Anschauungsmaterial (Bildergalerie).

Polizeiautos konnten wir bislang nur wenige dingfest machen. Zuletzt ging uns ein Audi 22/55 PS der sächsischen Polizei ins Netz. Heute stellen wir ein weiteres Beispiel vor – wie immer als Originalfoto aus der Sammlung des Verfassers:

NAG-Protos_Polizeiauto_Weimarer_Republik_Galerie

Hier haben wir mal wieder ein schönes Beispiel für den besonderen Reiz historischer Autoaufnahmen.

Das sind keine sterilen Fotos aus Museen oder Schnappschüsse von Feld-, Wald-, Wiesentreffen, wo meist irgendein Dreiviertelhosenträger mit bleichem Gebein und Bierbauch den Hintergrund ruiniert.

Das sind quicklebendige und zugleich würdevolle Zeugnisse, die etwas vom Rang der Fahrzeuge in ihrem einstigen Umfeld erkennen lassen.

Doch was für ein Wagen ist das, mit dem sich sechs Männer in Uniform und fünf in Zivil haben ablichten lassen? Wie so oft wird man beim näheren Blick auf die Frontpartie schlauer:

NAG-Protos_Polizeiauto_Weimarer_Republik_Frontpartie

Auf der Kühlermaske sitzt das sechseckige Emblem der Berliner Marke NAG, die nach der Übernahme von Protos 1926 als NAG-Protos firmierte.

Unterhalb der drei dunklen Sechsecke im oberen Teil des Emblems, die die Buchstaben „NAG“ tragen, zeichnet sich schwach der Schriftzug „Protos“ ab.

Markant sind ansonsten nur die trommelförmigen Scheinwerfer und die auffallend hohe zweigeteilte Frontscheibe mit Fanfare am oberen Rahmen.

Wer nun aufgrund der Dimensionen des Wagens an ein LKW-Modell von NAG denkt, liegt falsch. Die Lastwagen der traditionsreichen AEG-Tochter trugen andere Kühler und waren deutlich größer.

Nein, diese Frontpartie entspricht – bis auf die Windschutzscheibe – genau derjenigen der 6-Zylinder-PKW von NAG-Protos, die 1927/28 gebaut wurden.

Diese eindrucksvollen Fahrzeuge, die mit 60 PS aus 3,0 Litern bzw. 70 PS aus 3,6 Litern Hubraum verfügbar waren, haben wir vor längerer Zeit bereits vorgestellt. Hier ein Vergleichsfoto einer Limousine (Bildbericht):

NAG Protos_Frontpartie

NAG-Protos 12/60 oder 14/70 PS; Originalaufnahme aus Sammlung Michael Schlenger

Nach der Lage der Dinge gibt es keinen Zweifel: NAG baute Ende der 1920er Jahre auf Basis seiner zivilen 6-Zylinder-PKW auch Mannschaftswagen für die öffentliche Hand.

Mag das Erscheinungsbild der uniformierten Männer auf unserem Foto eher militärisch erscheinen, handelt es sich doch eindeutig um ein Polizeifahrzeug.

Das verrät das sternförmige Abzeichen auf der halb geöffneten Tür des NAG-Protos, auf die der Offizier ganz rechts seinen rechten Arm stützt:

NAG-Protos_Polizeiauto_Weimarer_Republik_Polizisten

Wie es scheint, wendet er sich gerade an den mit Krawatte und Knickerbockern zivil gekleideten Herrn, der hier wie bei einem Treffen alter Kameraden posiert.

Gut möglich, dass es sich um ein Treffen Ehemaliger und noch Aktiver handelt. Ein Kenner von Polizeiuniformen der Weimarer Republik tippte bei dieser Aufnahme auf Polizisten des damaligen Freistaats Preußen.

Viel mehr lässt sich zu dieser bemerkenswerten Aufnahme, die ausgesprochen lässig und natürlich wirkt, vorerst nicht sagen.

Denkbar, dass ein NAG-Protos 6-Zylinder mit Aufbau speziell für die Polizei bislang nirgends dokumentiert ist. Die dürftige Literatur zu dieser einst so bedeutenden Berliner Marke gibt dazu jedenfalls nichts her.

Auch hier sind Hinweise sachkundiger Leser willkommen, die ein kleines Puzzlestück deutscher Automobilgeschichte richtig einzuordnen helfen.

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Cyclecar mit Zweitaktherz: Tornax „Rex“

Die abwechlungsreiche Gattung der Cyclecars ist auf diesem Oldtimerblog bislang nur gestreift worden. Das liegt nicht an mangelndem Interesse des Verfassers.

Tatsächlich gehören die leichten Sportwagen mit schmalen Rädern in Motorradmanier und freistehenden Vorderschutzblechen zu den reizvollsten Vorkriegsautos. Vor allem französische Hersteller wie Amilcar, BMC, Rallye und Salmson bauten solche Automobile für den Sportsmann.

Hier geht es aber schwerpunktmäßig um Wagen, die einst im deutschen Sprachraum unterwegs waren und auf zeitgenössischen Fotografien dokumentiert sind. Da kommt es selten vor, dass einem ein Cyclecar ins Netz geht.

Immerhin konnten wir bereits einen Grofri, einen Mathis und einen Rally dingfestmachen. Heute wird ein weiterer Fang vorgestellt – und damit zugleich eine besondere Rarität:

Tornax_DKW_Lage_1952_Galerie

Tornax „Rex“, Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Wer diesen Blog schon länger verfolgt, erinnert sich vielleicht, dass vor längerem ein Foto besprochen wurde, auf dem zumindest die markante Kühlerpartie dieses Typs zu sehen war (Bildbericht).

Heute können wir endlich ein vollständiges Exemplar dieses nur 168mal gebauten Sportwagens zeigen, der zum rassigsten gehört, was deutsche Autohersteller in den 1930er Jahren in dieser Klasse hervorbrachten.

Der Begriff des Cyclecars war da bereits von gestern – auch in Frankreich war die große Zeit dieser Fahrzeuggattung vorbei. Doch formal wie technisch gehört das Auto klar in diese Schublade.

Schauen wir uns den kleinen Prachtkerl näher an:

Tornax_DKW_Lage_1952_Ausschnitt

Mit etwas Phantasie lässt sich der Schriftzug auf dem Kühlergrill entziffern: „TORNAX“ steht dort.

Motorradfreunden ist diese Marke natürlich ein Begriff. Tornax aus Wuppertal genoss einen legendären Ruf als Hersteller schwerer Sportmaschinen mit englischen Einbaumotoren.

Die 1931 vorgestellte 1.000er Tornax leistete sagenhafte 72 PS und war gut für 190 km/h. Damit war sie seinerzeit das schnellste Serienmotorrad der Welt.

1934 wagte Tornax einen Ausflug in die Automobilproduktion und landete immerhin einen Achtungserfolg. Dazu „frisierte“ man einen 700ccm Zweitaktmotor aus dem DKW Frontantriebswagen F2, sodass dieser 23 PS leistete.

Dieses Motörchen kombinierte man mit einem selbstkonstruierten Zentralrohrrahmen und einem Aufbau vom Karosserieschneider Hebmüller.

Das Ergebnis mit dem Namen Tornax „Rex“ wog nur 700 kg und durchbrach damit die für herkömmliche DKWs unerreichbare Marke von 100 km/h. Die Straßenlage profitierte von einer gegenüber den DKWs breiteren Spur.

Lob erhielt der Tornax „Rex“ jedoch vor allem aufgrund seiner rasant wirkenden Roadsterkarosserie, die auch einem britischen Wagen Ehre gemacht hätte.

Hier hatte Hebmüller mal wieder ganze Arbeit geleistet, wie überhaupt die Vorkriegsentwürfe der vor allem für ihr VW-Cabriolet bekannten Firma durch gelungene Linienführung auffallen.

Doch bei aller Schönheit und gewissen sportlichen Qualitäten stand der hohe Preis einem größeren Erfolg des Tornax „Rex“ entgegen. Erschwerend hinzu kam, dass DKW ab 1935 einen eigenen Roadster baute – der noch vorzustellen ist…

So endete die Serienproduktion des Tornax „Rex“ im Jahr 1936, einige wenige Exemplare wurden später aus noch vorhandenen Teilebeständen montiert.

Heute gehört das Auto zu den seltensten Autos auf DKW-Basis überhaupt. Das dürfte auch 1952 der Fall gewesen sein, als sich diese Herrschaften aus dem Städtchen Lage im Lipper Land mit dem Tornax „Rex“ ablichten ließen:

Tornax_DKW_Lage_1952_Ausschnitt_3

Zum Aufnahmezeitpunkt war der Tornax schon über 15 Jahre alt und die Umstehenden bzw. die Insassin waren ebenfalls nicht mehr die Jüngsten.

Der Wagen war den Krieg über vermutlich stillgelegt. Für die Wehrmacht war er mangels Platzangebot uninteressant, sodass er wohl nicht eingezogen wurde.

Federn hat der Tornax gleichwohl lassen müssen und man wüsste gern, wie es dazu kam. Denn er verfügt über mindestens drei unterschiedliche Räder:

Tornax_DKW_Lage_1952_Ausschnitt_2

Original ist nur das in Fahrtrichtung rechte Speichenrad an der Vorderachse. Das linke Scheibenrad könnte von einem DKW F2 stammen, dem Spender von Motor und Vorderachse des Tornax „Rex“.

Das stärker geschüsselte schwarze Scheibenrad mit der Chromkappe hinten links dürfte eher von einem DKW F5 stammen.

Denkbar ist, dass die leicht verfügbaren Scheibenräder montiert wurden, nachdem es Speichenbrüche bei den anderen Rädern gegeben hatte. Andererseits war ein Speichentausch damals keine große Sache, sollte man meinen.

Vielleicht hat ein Leser eine Erklärung für diese heute undenkbare Mischung an Rädern.

Eine seltene Gelegenheit, einen Tornax „Rex“ eingehend zu betrachten, gab es 2016 bei der „Classic Gala“ in Schwetzingen. Dort entstand folgendes Video, in dem der Wagen gut zur Geltung kommt (Musik unpassend, Ton besser stummschalten):

© Videoquelle YouTube; hochgeladen von: Automobile Classics

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Ein Horch-Kombi mit „Gläser“-Karosserie

Ein Kombi von der sächsischen Luxusmarke Horch? Das lässt nichts Gutes erwarten – vermutlich ein Nachkriegsumbau, bei dem eine Limousine zum Nutzfahrzeug mutierte. Aber das ausgerechnet von der Dresdener Manufaktur Gläser?

Nun, tatsächlich haben wir es nicht mit einem nach 1945 modifizierten Horch-Prestigewagen zu tun. Obwohl auch das aus Sicht des Verfassers ein spannendes Thema wäre…

Solche historischen Umbauten sind nämlich wirklich einzigartig und außerdem authentisch – im Unterschied zu modernen Specials, für die offenbar immer noch Autos mit originalem Aufbau geopfert werden.

Das Auto, das heute im Mittelpunkt steht, führt uns bis in die Zeit vor dem 1. Weltkrieg zurück- und zwar in das Jahr 1913.

Damals entstand nämlich bei Gläser der erste Aufbau des Typs, den wir auf dem folgenden Foto sehen:

Horch_1912-14_Gläser-Aufsatzlimousine_Galerie

Horch von 1913/14 mit Gläser-Karosserie, Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Zugegeben, das in einer Garage oder Werkstatt entstandene Bild ist nicht gerade von bester Qualität, stellenweise hat außerdem der Zahn der Zeit an dem Abzug genagt.

Doch solche auf den ersten Blick unscheinbaren Dokumente bergen immer wieder Überraschungen. Bevor wir klären, was es mit dem Aufbau auf sich hat, machen wir uns an die Identifikation des Wagens.

So wenig charakteristisch das Fahrzeug für das ungeschulte Auge wirkt, so eindeutig lassen sich Marke und Entstehungszeit ermitteln. Dabei helfen uns zwei charakteristische Elemente an der Vorderpartie:

Horch_1912-14_Gläser-Aufsatzlimousine_Frontpartie

Die drei nach hinten geneigten Luftschlitze in der Motorhaube sind typisch für Horchs ab 1911. Zeitgleich hatte man einen ansteigenden Windlauf eingeführt, der den Übergang von der Motorhaube zur Frontscheibe harmonisch wirken ließ.

Entscheidend für die Datierung ist die Form der Kühlermaske. So unscharf sie auch wiedergegeben ist, zeichnet sich doch ein nach vorn vorkragender Überhang an der Oberseite ab – somit haben wir es mit einem „Schnabelkühler“ zu tun.

Dieses Element taucht bei den Horch-Wagen ab 1913 auf, um nach dem 1. Weltkrieg wieder zu verschwinden.

1913 war  – wie gesagt – auch das Jahr, in dem Gläser erstmals eine Karosserie baute, wie sie dieser Horch trägt. Und das war tatsächlich ein Kombiaufbau!

Allerdings ist der Begriff hier anders zu verstehen als heutzutage. Was es mit der Karosserie auf sich hat, lässt sich auf folgendem Bildausschnitt erkennen:

Horch_1912-14_Gläser-Aufsatzlimousine_Heckpartie

In Anbetracht des Zustand des Fotos und dem mit der Digitalisierung verbundenen Detailverlust braucht der Betrachter eine kleine Anleitung, um das zu sehen, was sich auf dem originalen Abzug klar abzeichnet.

Dazu beginnt man beim hinteren Seitenfenster. Dort sieht man auf der hellen Stelle unterhalb des Fensters eine dunkle Linie, die nach hinten ansteigt.

Diese Linie verliert sich kurz, führt dann aber weiter ansteigend bis zum Heckabschluss. Dort, wo die Karosserie endet, sieht man auf derselben  Höhe eine leichte Kante – das Oberteil ragt etwas über den Unterbau hinaus.

Die senkrecht verlaufenden Reflexionen auf der Heckpartie weisen ebenfalls einen leichten Versatz dort auf, wo sie die beschriebene ansteigenden Linie kreuzen.

Das war etwas anstrengend, aber lohnend. Denn damit ist klar, dass wir es mit einer der raren Aufsatzkarosserien zu tun haben, die Gläser ab 1913 für Horch anbot.

Damit wurde der Wagen in dem Sinne zu einem Kombi, dass er zwei verschiedene Karosserieformen vereinte.

Zum einen war er eine Limousine mit geschlossenen Aufbau wie auf unserem Foto. Zum anderen ließ sich der Aufbau oberhalb der Gürtellinie abnehmen, sodass man auf einmal einen offenen Tourenwagen hatte.

Wer genau hinsieht, kann erkennen, dass die horizontale Unterteilung der Karosserie weiter nach vorn reicht und an der B-Säule ausläuft.

Wer’s nicht nachvollziehen kann, sei auf das Horch-Standardwerk von Kirchberg/Pönisch verwiesen, wo auf Seite 110 genau solch ein Horch zu sehen ist, bei dem die Aufsatzkarosserie über dem Tourenwagen-Unterbau schwebt.

Hier eine zeitgenössische Abbildung, die zeigt, wie schnittig der mächtige Horch mit aufgesetztem Limousinenaufbau von vorne aussah:

Horch_40-50_PS_Ausstellung_St_Petersburg_Motor_07-1913_Galerie

Horch-Limousine von 1913, ausgestellt in Sankt Petersburg, aus: Motor, 07-1913

Auch aus dieser Perspektive wird deutlich, dass die Horch-Wagen schon vor dem 1. Weltkrieg beeindruckende Gefährte waren.

Wann und wo unser Ausgangsfoto einst entstanden ist, wissen wir leider nicht. Die gasbetriebenen Scheinwerfer am Horch machen eine Entstehung der Aufnahme noch vor dem 1. Weltkrieg wahrscheinlich.

Bleibt am Ende die Frage, um welchen Typ es sich genau handelt. Nun, das lässt sich von außen nicht genau sagen, da die zahlreichen Motorisierungsvarianten mit äußerlich kaum unterscheidbaren Aufbauten daherkamen.

Kurz vor dem 1. Weltkrieg, als der Wagen auf dem Foto gebaut wurde, waren Horchs dieser Größenordung mit 4-Zylinder-Motoren von 30 bis 60 PS verfügbar, deren Hubräume von 2,6 bis 6,4 Liter reichten.

Das drehmomentgewaltige 25/60 PS-Modell wäre der wahrscheinlichste Kandidat für den Wagen auf dem Foto, weil für ihn eine Gesamthöhe von 2,30 m angegeben wird, was zu den Dimensionen passen würde.

Sicher sein kann man sich allerdings nicht, zumal da es sich um einen Sonderaufbau handelte, und letztlich ist diese Gläser-Kombi-Karosserie weit interessanter als das Aggregat unter der Haube…

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Sächsischer Polizeiwagen: Audi Typ E 22/55 PS

Die heutige Präsenz von Audi-PKW auf der linken Spur der Autobahnen Europas steht in keinem Verhältnis zur Bedeutung dieser Marke in der Vorkriegszeit.

Tatsächlich hat die heutige Firma außer dem Namen nichts mit der einst in Sachsen vom genialen Konstrukteur August Horch geschaffenen Luxusmarke zu tun.

Es gibt auch keine historische Kontinuität, die die heutigen Wagen mit den vier Ringen der 1945 untergegangenen Auto-Union verknüpft. Man darf aber sagen, dass Audi auf dem Sektor der Traditionspflege vorbildliche Arbeit leistet.

Dass die Historie der einst so bedeutenden Marken der Auto-Union bei Audi in guten Händen sind, beweist die hervorragende Literatur zu den vier Marken, die dank der Unterstützung der Audi AG entstanden ist.

Der Verfasser dieses Oldtimerblogs hegt keine besondere Sympathie für heutige Audis – immerhin meiden sie bisher gestalterische Exzesse – und hat auch keinen Werbevertrag abgeschlossen, der ihn zum Lob verpflichtet.

Es ist einfach so: Die vom Verlag Delius-Klasing mit Audi-Unterstützung publizierten Bücher zu den vier 1932 in der Auto-Union zusammengeschlossenen Marken suchen ihresgleichen.

Ohne das brilliante Werk „Audi-Automobile 1909-1940“ von Kirchberg/Hornung könnten wir den Wagen auf folgendem großartigen Foto kaum einordnen:

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Audi 22/55 PS, Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Dass es ein Audi ist, das ließe sich mit scharfem Blick und etwas Erfahrung noch erkennen. Doch der flache Kühler und die martialisch wirkende Aufmachung des gut aufgelegten Chauffeurs würden einen auf die falsche Fährte bringen.

Die Kombination aus zweireihigem Wollmantel mit Pelzkragen und ebenfalls gedoppelter Lederjacke sowie die Schirmmütze mit Fahrerbrille erinnern an den 1. Weltkrieg, als erstmals Automobile als Verbindungsfahrzeuge eingesetzt wurden.

Damals verfügten weit weniger Soldaten über eine Kamera als im 2. Weltkrieg.Doch von den Männern, die das Glück hatten, nicht in den Materialschlachten an der Front verheizt zu werden, gibt es viele Aufnahmen in oft sehr guter Qualität.

Hier haben wir ein Beispiel dafür – ein Ausschnitt aus einem Originalfoto von November 1916,  das gelegentlich ausführlich besprochen werden soll:

panhard_und_unbek_1916

Hier haben wir dieselben Elemente: lange, wärmende Schurwollmäntel mit Pelzkragen, Schirmmützen und Fahrerbrillen – nur einen Schnauzbart wie die beiden Herren trägt der Chauffeur auf dem ersten Foto nicht.

Nebenbei: der Wagen mit dem niedrigen Kühler ist ein Panhard-Levassor – höchstwahrscheinlich ein beim französischen Gegner erbeuteter Wagen. Demnach dürfte das Foto einst an der Westfront entstanden sein.

Zurück zum Ausgangsbild: Bei aller Ähnlichkeit im Erscheinungsbild des Fahrers haben wir es hier mit einer Situation im Frieden und auch nicht beim Militär zu tun, sondern bei der sächsischen Polizei um 1925!

Dafür sprechen die Indizien auf folgendem Bildausschnitt:

audi_22-55_ps_09-1935_frontpartie

Der Flachkühler mit Audi-Emblem wäre zwar eher bei einem Modell vor Beginn des 1. Weltkriegs zu erwarten. Die elektrischen Scheinwerfer sprechen aber für ein Nachkriegsmodell.

Dumm nur, dass Audis ab 1918 durchweg eine messerscharfen, nach vorn geneigten Kühler trugen. Das galt grundsätzlich auch für die weitergebauten Vorkriegsmodelle wie den mächtigen 5,7 Liter-Typ 22/55 PS.

Dieser über 100 km/h schnelle Wagen wurde jedoch ab 1924 in einer Sonderausführung für die sächsische Polizei gebaut, die statt des modischen Spitzkühlers einen flachen Kühler trugen.

Im Audi-Buch von Kirchberg/Hornung ist auf Seite 59 ein halbes Dutzend dieser Wagen abgebildet. Sie tragen wie der Wagen auf unserem Foto Scheibenräder mit acht Radmuttern, ein sonst nicht zu findendes Detail an Audis jener Zeit.

Merkwürdig ist nur: „Unser“ Audi weist eine Tourenwagenkarosserie auf, während die an die sächsische Polizei bis 1928 gelieferten Fahrzeuge Mannschaftswagen ohne Türen waren:

audi_22-55_ps_09-1935_seitenpartie

So ist zu vermuten, dass es vom Audi 20/55 PS für die sächsische Polizei neben den Mannschaftswagen auch einen Tourenwagen gab.

Diese Sonderserie wurde ohnehin nicht von Audi fertiggestellt, sondern erhielt ihren Aufbau bei der Karosseriefirma Schumann & Co. in Zwickau. Von daher spricht nichts gegen weitere Sonderausführungen dieses Polizeiwagens.

Übrigens wurde unser Abzug im September 1935 als Erinnerungsstück versandt. Wie lange diese Wagen bei der Polizei in Sachsen dienten, wissen wir nicht. Über den 2. Weltkrieg hinaus wurden sie wahrscheinlich nicht eingesetzt.

Wenn ein Leser mehr zu diesem interessanten Fahrzeug weiß, bitte die Kommentarfunktion nutzen. Weiterführende Hinweise werden im Blogeintrag verarbeitet.

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Halbstarker Auftritt: Opel 8/25 PS Sport-Zweisitzer

Selbst Kenner von Opel-Vorkriegsmodellen zucken oft mit den Schultern, wenn es um Typen geht, die vor Beginn der Fließbandfertigung des legendären 4 PS-„Laubfrosch“ im Jahr 1923 gebaut wurden.

Kein Wunder, wie andere europäische Hersteller auch stellte Opel seine Wagen zuvor in Manufaktur her – entsprechend niedrig waren die Stückzahlen. Doch was man auf den Markt brachte, war auf der Höhe der Zeit und von bester Qualität.

Tatsächlich verschafften diese frühen Prestigefahrzeuge – und etliche Rennerfolge – der Rüsselsheimer Marke einen ausgezeichneten Ruf. Leider gibt es nur wenige überlebende Fahrzeuge aus dieser großen Epoche in Opels langer Geschichte.

Raritäten sind auch historische Aufnahmen, weshalb selbst ein Standardwerk wie das von Barthels/Manthey (Opel Fahrzeug-Chronik Band 1, 2012) für die Typen bis zum Ende des 1. Weltkriegs meist auf alte Prospektabbildungen zurückgreift.

Dieser Oldtimerblog soll dazu beitragen, unzureichend dokumentierte Vorkriegstypen wieder in Erinnerung zu bringen, und zwar mit bisher unpublizierten Originalfotos!

So finden sich in der Opel-Bildergalerie bereits einige außergewöhnliche Aufnahmen ganz früher Opel-Modelle. Heute können wir eine weitere hinzufügen:

opel_8-25_ps_zweisitzer_langelsheim_1925_ausschnitt1

Opel 8/25 Sport-Zweisitzer, aufgenommen 1925 in Langelsheim (Niedersachsen)

Auch wenn jemand einst den Abzug beschnitten und in ein Fotoalbum geklebt hat, ist das in mehrfacher Hinsicht eine großartige Aufnahme.

Hier hat sich im Jahr 1925 ein junger Mann in selbstbewusster Pose und aus kühner Perspektive im offenen Wagen fotografieren lassen. Wer auch immer dieses Bild im niedersächsischen Langelsheim geknipst hat, verstand etwas von Inszenierung – der Wagen mit seinem messerscharfen Spitzkühler wirkt enorm dynamisch.

Bei näherer Betrachtung zeigt sich zwar, dass wir es hier eher mit einem „halbstarken“ Auftritt zu tun haben, doch das schmälert den Reiz der Situation nicht.

Um den Wagen richtig einzuordnen, werfen wir erst einmal einen näheren Blick auf die schnittige Frontpartie:

opel_8-25_ps_zweisitzer_langelsheim_1925_ausschnitt2

Von den vielen deutschen Herstellern, die ab 1913 der Spitzkühlermode huldigten – Adler, Audi, Benz, Dürkopp, NAG, Presto, Simson, Steiger, Stoewer usw. – hatte Opel erkennbar eine der „schärfsten“ Varianten im Programm.

Den Anfang in dieser Hinsicht machte 1916 – mitten im 1. Weltkrieg – der Typ 18/50 PS. Das war der erste 6-Zylinderwagen von Opel, mit dem man zeigte, wie sich die Erfahrungen aus dem Flugmotorenbau auf PKW übertragen ließen.

Von diesem eindrucksvollen Gefährt wurde nur wenige Exemplare gebaut. Doch legte der Opel 18/50 PS technisch wie stilistisch die Grundlage für die Nachkriegszeit.

So taucht seine aggressive Optik in identischer Form beim Opel 8/25 PS wieder auf, der ab 1921 gebaut wurde. Allerdings war das rassige Aussehen mit nur noch halb so starker Motorisierung und einem 2-Liter-Vierzylinder verbunden…

Vom 8/25 PS-Modell haben wir auf diesem Oldtimerblog bereits zwei Exemplare in Originalfotos dokumentiert, wobei wir eine Aufnahme einem Leser zu verdanken haben, dessen Großvater einst solch einen Wagen fuhr (Bildbericht).

Das Besondere an dem Exemplar auf dem heute präsentierten Foto erschließt sich auf folgendem Bildausschnitt:

opel_8-25_ps_zweisitzer_langelsheim_1925_ausschnitt3

Unser beherzt nach dem außenliegenden Schalthebel greifender Sportsmann sitzt nämlich offenbar nicht in einem Tourenwagen – der gängigsten Variante des Opel 8/25 PS (wie anderer Autos jener Zeit auch).

Nein, dieser Ritter der Landstraße war einst stolzer Besitzer des raren Sport-Zweisitzers des 8/25 PS-Typs. Dank geringeren Gewichts wies der Opel damit eine dynamischere Charakteristik als der Tourenwagen auf.

Viel mehr als 80 km/h waren damit zwar nicht drin. Das war aber auch gut so – mit Starrachsen und ohne Vorderradbremse brauchte es schon Verwegenheit, um einen solchen Wagen auf den damaligen Straßen auszufahren.

Unser Opel-Pilot wirkt aber bereits im Standbild enorm schnell – und wir erfreuen uns heute nach über 90 Jahren an diesem seltenen Dokument eines „Halbstarken“…

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Alter Opel im neuen Gewand – Reutter sei Dank…

Was sich heutzutage in der Welt der Automobilhersteller abspielt, ist auf diesem Oldtimerblog normalerweise kein Thema.

Da produzieren gut ein Dutzend Anbieter aufgeblasene Gefährte mit meist chaotischer Linienführung außen und wenig Platz innen – der Mangel an Übersichtlichkeit wird durch Assistenzsysteme wettgemacht (?).

Wer heute einen 20, 30 Jahre alten Wagen aus gutem Hause fährt, fragt sich wo der Fortschritt geblieben ist, abgesehen vom Internetanschluss und steigenden Preisen.

Begeisterung und Leidenschaft ziehen ohnehin nur noch alte Autos auf sich. Wen interessiert es da, wenn aktuell eine Langweilermarke wie Opel von einem anderen Massenproduzenten wie Peugeot geschluckt werden soll?

Die Zeiten, da Opel und Peugeot für Innovationskraft, für technisch und formal herausragende Qualität standen, sind ohnehin lange vorbei.

Ignorieren wir daher weiter das Tagesgeschehen und wenden uns dieser Aufnahme eines alten Opel zu, der einst Gegenstand einer freundlichen „Übernahme“ war:

opel_21-50_ps_reutter_landaulet_1927_galerie

Opel 20/50 PS mit Landaulet-Aufbau von Reutter (Werksaufnahme von 1927)

Dieses eindrucksvolle Landaulet wäre ein schwerer Fall, wenn mit dem alten Abzug nicht auch die Details zu dem Wagen und seiner Verwandlung mitgeliefert worden wären.

Dass es sich um einen Opel der Zeit kurz nach dem 1. Weltkrieg handelt, verrät der Spitzkühler mit dem ovalen Markenemblem, das der kunstsinnige Großherzog (und Opel-Enthusiast) Ernst-Ludwig von Hessen einst skizzierte.

Wer genau hinsieht, wird das legendäre Opel-Auge auch auf der Nabenkappe des Vorderrads entdecken:

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Der übrige Aufbau gibt zwar keinen Hinweis auf den genauen Wagentyp. Doch wer auch immer einst dieses Foto gemacht hat, ging vorbildlich dokumentarisch vor.

Denn die Aufnahme zeigt ein Bild aus dem alten Werksarchiv der Stuttgarter Karosseriewerk Reutter & Co. GmbH. Dort wurden in den 1920er und 30er Jahren individuelle Aufbauten für anspruchsvolle Kunden mit Qualitätswagen gefertigt.

Im vorliegenden Fall handelte es sich um einen Opel des Typs 21/50 PS, einst ein ausgewiesenes Oberklasse-Automobil. Sein Sechszylindermotor mit 5,6 Liter Hubraum ging auf eine im Kriegsjahr 1916 vorgestellte Entwicklung zurück.

Von 1919 bis 1923 war der Typ 21/50 PS neben dem 30/75 PS das Spitzenmodell der Rüsselsheimer Firma. Die explodierende Inflation jener Jahre brachte schließlich die Produktion des mächtigen Wagens zum Erliegen.

Offenbar fand aber im Jahr 1927 noch jemand Gefallen an dem stilistisch überholten Wagen. So ließ der unbekannte Besitzer bei Reutter in Stuttgart den filigranen Aufbau schneidern, den wir hier sehen:

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Dem heutigen Betrachter fallen zuerst die großen Fensterflächen ins Auge.

Spektakulär muss außerdem das Platzangebot im Heckabteil gewesen sein, in das man einstieg wie in einen Eisenbahnwaggon. Dort gab es damals noch den Luxus intimer Abteile, der in unseren Tagen auch bei der Bahn auf der Strecke bleibt.

Bei näherer Betrachtung scheint es sich bei dem Aufbau um kein echtes Landaulet zu handeln. Denn die Dachpartie über der Rückbank wurde zwar in Kunstleder ausgeführt, doch öffnen konnte man sie wohl nicht.

Hier legte jemand Wert auf eine traditionelle Optik, begnügte sich aber mit dem Zitat des althergebrachten Aufbaus. Dafür eigens eine „neue“ Karosserie schneidern zu lassen – das ist Snobismus im besten Sinne.

So etwas kann sich nur eine unabhängige Persönlichkeit leisten, die es nicht nötig hat, mit der Zeit zu gehen. Motto: Der sogenannte Fortschritt kommt von ganz alleine, da muss ein souveräner Mensch nicht vorne mitmarschieren…

Für dieses bemerkenswert unzeitgemäße Fahrzeug sei Reutter gedankt – und ebenso der unbekannten Person, die die auf 1927 datierte Aufnahme aus dem Werksarchiv irgendwann abfotografiert hat.

© Michael Schlenger, 2017. All entries in this blog (including embedded photos) are copyrighted by the author, unless otherwise indicated. Excerpts and links may be used, provided that credit is given to Michael Schlenger and http://www.klassiker-runde-wetterau.com with appropriate and specific direction to the original content.

1961 noch ein heißer Feger: Fiat 508 S Sport Spyder

Wer bei der Jahreszahl im Titel zusammenzuckt, kann beruhigt sein – dieser Oldtimerblog bleibt ganz der wunderbaren Welt der Vorkriegswagen treu.

Allerdings: Das Weiterleben von Veteranen nach dem Krieg – bevor sie als Sammelobjekt entdeckt wurden – gehört auf jeden Fall mit zum Thema.

Mal sind es aus der Not geborene Nachkriegsumbauten, die auf ihre Weise das Attribut „original“ verdienen. Ein anderes Mal sind es Exoten, mit denen man kaum gerechnet hätte. Genau so ein Exemplar haben wir hier:

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Fiat 508 S Sport Spyder, Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Ein perfider Zufall will es, dass der Fahrer dieses kleinen Sportwagens an Erich Honecker erinnert, den letzten Leiter des Großgefängnisses namens „DDR“.

Im März 1961, als dieses Foto entstand, war Genosse Honecker aber anderweitig  beschäftigt: Als „Sicherheitssekretär“ des Regimes war er mit der Vorbereitung des Baus der Berliner Mauer ausgelastet, die dem Schutz der DDR-Insassen diente…

Nein, der ältere Herr am Volant dieses flotten Roadsters wird kaum zu den linientreuen Genossen gehört haben – am Ende könnte sein Wagen gar als Fluchtfahrzeug gedient haben, wer weiß?

Dazu wäre das Auto jedenfalls hervorragend geeignet gewesen. Denn was hier wie ein Spielzeug wirkt, war in den 1930er Jahren das heißeste Gerät der 1-Liter-Klasse, das man als Volksgenosse im damals noch braunen Sozialismus erwerben konnte.

Für Kenner der auch im deutschen Sprachraum populären Fiat-Wagen jener Zeit gibt die Frontpartie bereits genug Aufschluss, um den Typ zu identifizieren:

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Speichenfelgen und langgestreckte Vorderschutzbleche gab es auch bei Roadstern von DKW oder Adler. Doch der Kühlergrill mit der markanten Chromnase findet sich nur bei Fiats des Typs 508.

Eine Limousine des Fiat 508 A, die im Westdeutschland jener Jahre unterwegs war, haben wir vor einiger Zeit vorgestellt (Bildbericht), außerdem einen wunderschönen 508 Spider, der in Ostdeutschland überlebt hat.

Gewissheit darüber, dass wir es mit einer besonderen Variante des von 1932-37 gebauten Turiner Erfolgmodells 508 zu tun haben, gibt die markante Heckpartie:

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Die Rückenfinne, die respektlose Zeitgenossen als Entenbürzel ansprechen werden, ist klarer Hinweis auf den Fiat 508 S Sport Spyder, eine ab Werk verfügbare „heißgemachte“ Version.

Wer sich heute nicht unter 150 PS auf die Landstraße traut – um dort dann oft mit 70 km/h herumzuzockeln – wird diesen genialen Giftzwerg von der Papierform her unterschätzen.

Zunächst sei angemerkt, dass das Gefährt gerade einmal 600 kg wog.

In Zeiten des“Downsizings“, bei dem der eine oder andere der Laufkultur zuträgliche Zylinder auf der Strecke bleibt, dürfte auch das überraschen: Fiat quetschte vor über 80 Jahren standfeste 36 PS aus einem 995 ccm „großen“ Vierzylinder.

Das Triebwerk war dank hängender Ventile enorm drehfreudig. Außer BMW bot in Deutschland niemand Seriensportwagen solcher Charakteristik an. Auch Lenkung und Straßenlage galten als herausragend.

Abgespeckte Varianten des Fiat 508 S waren schon 1933 bei der Mille Miglia kaum langsamer als zweieinhalbmal so starke MGs und erreichten über die Gesamtstrecke ein Durchschnittstempo von fast 90 km/h – auf öffentlichen Straßen wohlgemerkt.

Wer nicht glaubt, dass solch ein heißer Feger aus dem Hause Fiat heute noch Freude machen kann, wird bei folgender Bergprüfung im Elsass eines Besseren belehrt:

© Videoquelle YouTube; Urheberrecht: Christian Lesueur

Man muss das Video nicht bis zum Ende ansehen – schon kurz nach dem Start wird deutlich, wie gern das Motörchen gedreht werden will, wie gut es beim Schalten des 4-Gang-Getriebes das Gas annimmt und wie kerngesund es klingt.

Tja, liebe Fiat-Freunde: Bis in die 1970er Jahre hielt man in Turin an dieser Tradition straßentauglicher Rabauken mit sportlichem Charakter fest. Auch für diese gar nicht so weit entfernte Zeit gilt heute: Tempi passati…

Was mag aus dem Fiat 508 S Sport Spyder auf unserem Foto geworden sein? Schwer zu sagen – einige Modifikationen hatte er zum Aufnahmezeitpunkt schon hinter sich:

fiat_508s_spyder_sport_03-1961_mittelpartie

Woher wohl die stattliche Seitenscheibe stammt? Und wieviel Spachtelmasse der hintere Kotflügel bereits mit sich herumschleppt? Vom Verdeck dagegen ist nur noch das Gestänge übrig, das spart Gewicht…

Und was wurde aus dem Besitzer? Wenn er nicht 1961 die letzte Chance zur Flucht aus dem Arbeiter- und Bauernparadies genutzt hat, musste er noch 28 Jahre warten, bis er endlich einmal das Land besuchen durfte, in dem einst sein Fiat gebaut worden war.

© Michael Schlenger, 2017. All entries in this blog (including embedded photos) are copyrighted by the author, unless otherwise indicated. Excerpts and links may be used, provided that credit is given to Michael Schlenger and http://www.klassiker-runde-wetterau.com with appropriate and specific direction to the original content.

Rarer Vogel: Adler 6/25 PS als sportlicher Zweisitzer

Dieser Oldtimerblog lässt die Welt der Vorkriegsautos im deutschsprachigen Raum wiederaufleben – in historischen Fotos aus der Sammlung des Verfassers.

Dabei wird kein Akzent auf Marken- oder Typenebene gesetzt: Gezeigt wird hier alles an Automobilen, was die Fotoalben der Generation hergeben, die in unseren Tagen abtritt. So lässt sich ein repräsentatives Bild des einstigen Fahrzeugbestands und der Rolle zeichnen, die Vorkriegsautos einst spielten.

Zwar ist es betrüblich, wenn die Angehörigen mit den Hinterlassenschaften ihrer Altvorderen nichts anzufangen wissen. Da bleibt am Ende eines langen Lebens ein Stapel von Fotos, die durch dick und dünn behütet wurden, und dann werden die Bilder in alle Winde zerstreut…

Doch so gelangen wir an oft wichtige Zeugnisse aus den frühen Tagen der automobilen Fortbewegung und können zumindest sie der Nachwelt erhalten. Dabei gelingen immer wieder schöne Entdeckungen, selbst bei konventionellen Modellen:

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Adler 6/25 PS Tourenwagen; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Dies beispielsweise ist ein Ausschnitt aus einem Foto, unter das einst jemand mit weißer Tinte „Stadtpartie Dinkelsbühl“ ins Fotoalbum schrieb. Und so treffen wir einen alten Bekannten wieder – den Adler 6/25 PS.

Das von 1925 bis 1928 gebaute Modell ist auf diesem Blog bereits zahlreich vertreten, der einstigen Verbreitung gemäß meist als Tourenwagen wie auf obigem Foto. Allerdings konnten wir auch bereits eine Landaulet-Ausführung dingfest machen.

Das Mittelklassemodell war der erste größere Erfolg von Adler nach dem 1. Weltkrieg. Es zeichnete sich weniger durch technische Kabinettstückchen als durch grundsolide Konstruktion aus. Über 6.000 Stück wurden davon gebaut.

Wirklich selten – damals wie heute – ist aber die Ausführung des Adler 6/25 PS, die wir auf folgendem Foto sehen:

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Adler 6/25 PS, 2-sitziges Cabriolet; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Für die Leser, die dem Adler 6/25 PS bisher noch nicht begegnet sind, gehen wir gleich auf die Partien ein, an denen man das Modell als solches erkennen kann.

Dabei sind die Adler-Typen der Zwischenkriegszeit noch recht einfache Fälle. Im Fundus des Verfassers schlummern zahllose Aufnahmen derselben Epoche, bei denen nicht einmal sicher ist, um welchen Hersteller es sich handelt…

Wenn die Leute heute klagen, dass die meisten Autos gleich aussehen, ist ihnen meist nicht bewusst, dass das in der Frühzeit des Automobils nicht viel anders war.

Der Unterschied aus Sicht des Verfassers ist der: Heute wirken viele Großserienautos wie ein grob behauener Klotz, dessen Form ohne erkennbare Logik in alle Richtungen wuchert.

Dagegen weist unser Adler 6/25 PS wie die meisten Fahrzeuge der Zwischenkriegszeit eine wohltuend klare, konzentrierte Linienführung auf:

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Die Marke Adler manifestiert sich hier mustergültig auf zweifache Weise: Die in den Kühlergrill hineinragende dreieckige Plakette mit dem stilisierten Adler trugen alle Modelle nach dem 1. Weltkrieg bis Anfang der 1930er Jahre.

Die Adler-Kühlerfigur dagegen findet sich nicht immer. Entweder verzichtete der Besitzer darauf oder er montierte ein Maskottchen seiner Wahl.

Nur beim 6/25 PS-Modell findet sich ein anderes Detail: Links und rechts des Adler-Emblems verläuft der Rand der Kühlermaske zunächst waagerecht, bevor er nach unten „abbiegt“. Bei allen übrigen Flachkühlermodellen von Adler der 1920er Jahren steigt die Linie der Kühlereinfassung zum Adler-Emblem hin an.

Typisch sind außerdem die stark einwärts gewölbten Scheibenfelgen mit kleinem Lochkreis. Die schlanken Proportionen des 6/25 PS-Typs fallen nur im direkten Vergleich mit den größeren Adler-Modellen der 1920er Jahre ins Auge.

Wirklich interessant wird es aber, wenn wir uns die Heckpartie des Adler 6/25 PS auf dem Foto vornehmen:

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Diese Partie liegt schon stark im Schatten und außerhalb des Schärfebereichs des Objektivs. Obwohl es ein sehr sonniger Tag war, wählte der Fotograf einst eine kleine Blende mit geringer Tiefenschärfe – das lässt sich nicht mehr korrigieren.

Doch folgen wir mit dem Auge der Karosserielinie, wie sie der Hemdsärmel des Fahrers nachzeichnet: Kurz hinter dem Türende beginnt sich bereits das Verdeck aufzutürmen und darunter fällt das Heck scharf ab.

Kein Zweifel: Das ist keiner der verbreiteten Tourenwagenversionen des Adler 6/25 PS. Hier haben wir es mit einem 2-sitzigen Cabriolet zu tun.

Der Adler 6/25 PS war ab Werk als solch ein offener Zweisitzer verfügbar, wie zeitgenössische Prospekte belegen (danke an Christian Rioth diesbezüglich).

In der spärlichen Literatur zu Adler findet man außerdem einen roadsterähnlichen Sport-Zweisitzer mit Speichenfelgen sowie wuchtiger wirkende Cabriolets mit 2 Sitzen von Karmann und Papler.

Auf zeitgenössischen Fotos findet man diese Ausführungen nur selten, umso erfreulicher ist diese Aufnahme, für die Passagiere und Umstehenden vor über 90 Jahren entspannt posierten:

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Hinweise auf überlebende Wagen dieses Typs sind willkommen!

Hanomag „Rekord“ als Aufbauhelfer nach dem Krieg

Vorkriegsautos haben es hierzulande schwer – viele halten sie für formal langweilig, untermotorisiert und nahezu unfahrbar. Auf diesem Oldtimerblog wird jedes dieser Vorurteile beinahe täglich widerlegt:

Einen Leckerbissen wie ein Stoewer R140 Cabriolet kann man wohl selbst als Verehrer britischer Linienführung kaum langweilig finden. Wer ein Problem mit der geringen Leistung deutscher Vorkriegswagen hat – die bei Volkswagen & Co. merkwürdigerweise nicht stört -, wird bereits bei US-Massenprodukten wie dem Chrysler 65 sehr großzügig bedient.

Und in puncto Fahrkomfort zeigt sich, das unsere Vorfahren trotz „unfahrbarer Autos und unbefahrbarer Straßen“ selbst entfernte Ziele erreichten. So fuhr etwa dieser Steyr aus Österreich 1930 auf eigener Achse über die Alpen an den Gardasee:

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Steyr Typ XII, Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Die reich bebilderte Geschichte dieser Alpenüberquerung mit 30 PS muss noch etwas warten. Etwas Appetit darauf darf man Ende Januar aber ruhig bekommen…

Heute geht es um einen ganz anderen Aspekt, der Vorkriegsautos so faszinierend macht – ihr Überleben in der Zeit nach 1945.

Interessant ist es zu sehen, welche Typen bei Kriegsende in Deutschland noch vorhanden waren. Dabei fällt auf, dass es von einer Automarke überproportional viele Überlebende gab – Hanomag.  Einige Exemplare haben wir auf diesem Blog bereits vorgestellt.

Am häufigsten stößt man auf den Hanomag „Rekord“, der von 1934 bis 1940 in nur 19.000 Exemplaren gefertigt wurde. Rekordverdächtig ist, wieviele dieser Wagen, deren 1,5 Liter-Vierzylinder 35 PS leistete, nach 1945 noch am Laufen waren.

Hier haben wir ein solches Modell, das irgendwie im Raum Berlin durchgekommen sein muss, wie das Besatzungskennzeichen (KB=Kommandantur Berlin) verrät:

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Hanomag Rekord, Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Ungeachtet des stellenweise beschädigten Abzugs macht der Hanomag hier noch einen passablen Eindruck, sieht man von der fehlenden Radkappe ab. Er verfügt sogar über ein Autoradio, damals ein außergewöhnliches Zubehör.

Im Unterschied zu den Radlerinnen im Hintergrund durften sich die beiden Damen mit dem Hanomag glücklich schätzen – zumindest in puncto Mobilität. Der Alltag Ende der 1940er Jahre wird auch für sie genug Härten bereitgehalten haben.

Weitab der Großstadt fand nach dem Krieg ein anderes gut erhaltenes Exemplar des Hanomag „Rekord“ Unterschlupf:

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Hanomag Rekord (evtl. auch Kurier), Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Ob der Wagen über eine eigene Garage verfügte, ist nicht ganz klar. Denn über dem Gebäude hinter ihm steht das englische Wort „Workshop“, was auf eine für die britische Besatzungsmacht tätige Werkstatt hinweisen könnte.

Dazu passen die Ortsbezeichnung „Schleswig“ und das ab 1948 ausgegebene Besatzungskennzeichen mit dem Kürzel BS (Britische Zone Schleswig).

Leider wissen wir auch hier nicht mehr über das Auto und seinen Besitzer, der aber sicher ebenfalls mit seinem braven Hanomag zufrieden war.

Eine Nachkriegskarriere ganz eigener Art erlebte das folgende Exemplar eines Hanomag „Rekord“:

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Hanomag Rekord, Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Solch ein Nutzfahrzeug hat es ab Werk nie gegeben, lediglich eine Kübelsitzvariante des „Rekord“bot Hanomag an. Der hier zu sehende Lieferwagen basiert jedoch auf einem Zivilmodell, wie der Verlauf des Vorderschutzblechs mit anschließendem Schutzblech und die originale Tür belegen.

Die vier Luftklappen mit mittiger Chromleiste finden sich so nur beim Modell „Rekord“ – wenngleich nicht bei allen (siehe oben). Dieses Detail erlaubt die Abgrenzung von den Modellen „Kurier“ und „Garant“ sowie dem größeren „Sturm“.

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Auch hier fehlt die Radkappe und das Blech hat schon die eine oder andere unplanmäßige Verformung hinter sich. Doch seinen Besitzern hat der zähe Hanomag „Rekord“ auch so wertvolle Dienste geleistet.

Er bekam irgendwann einen Lieferwagenaufbau verpasst, möglicherweise sogar den eines anderen Fahrzeugs. Denn während der Aufbau an der Dachlinie recht gut an die Fahrerkabine anschließt, passt er von der Breite ganz und gar nicht.

Entsprechend improvisiert sieht der Übergang aus:

hanomag_rekord_lieferwagen_ausschnitt

Der kleine Schönheitsfehler scheint unser „Fotomodell“ aber nicht zu stören – wahrscheinlich war sie die Partnerin des Besitzers und offensichtlich stolz auf den braven Hanomag, dessen Seite sie zu tätscheln scheint.

Was auch immer dieser Wagen einst transportiert hat, er hat seinen Eignern in den Aufbaujahren nach dem 2. Weltkrieg geholfen, wieder auf die Beine zu kommen. Unserem Paar war bewusst, welchen Wert ihr Hanomag für sie bedeutete und so haben sie ihn auf diesem Foto eigens für die Nachwelt festgehalten.

Wer heute routinemäßig alle drei, vier Jahre das Fahrzeug wechselt, kann nicht ermessen, welche Rolle ein Automobil im Leben der Leute spielte, die unser Land aus einem Trümmerhaufen in ein prosperierendes Gemeinwesen verwandelt haben.

Die oft sentimentale Einstellung der älteren Generation zu ihren Autos hat ihre Wurzel auch darin, dass diese Fahrzeuge ihrem Dasein neue Perspektiven gaben…