Rarität von 1932: Dodge Series DK „Eight“ Coupé

Bei „Raritäten“ aus der Vorkriegszeit denkt man nicht gerade an Fahrzeuge von US-Marken – schon gar nicht an Fabrikate eines Massenproduzenten wie Dodge.

Tatsächlich war der letzte Dodge, der auf diesem Oldtimerblog vorgestellt wurde, ein typischer Vertreter amerikanischer Fließbandproduktion – ein Series 116 „Four“.

Das ist keineswegs abwertend gemeint, die US-Großserienhersteller bauten in der Zwischenkriegszeit durchweg technisch moderne und formal stets harmonische Autos – in ausgezeichneter Qualität und zu volkstümlichen Preisen.

Hier haben wir zur Erinnerung noch einmal besagten Dodge Series 116 „Four“, von dem über eine halbe Million Exemplare entstanden:

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Dodge Series 116  „Four“; Bildrechte Michael Schlenger

Dieser wunderschöne Tourer war 2017 beim Goodwood Revival Meeting zu sehen.

Der Verfasser konnte den aus Skandinavien (?) angereisten Wagen während eines kurzen sonnigen Abschnitts aufnehmen, ohne zu wissen, dass ein Exemplar dieses Typs unerkannt in seiner Sammlung historischer Automobilfotos schlummerte.

Nun zum Gegenstand des heutigen Blogeintrags, der sich als veritable Rarität entpuppen wird:

Dodge_DK_8_1932_Galerie

Dodge Typ DK „Eight“; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Ein mächtiges Automobil, dessen Haube Platz für ein großzügiges Aggregat bot.

Auf den ersten Blick wirkt nichts vertraut an dem Fahrzeug, dessen geneigte Kühlermaske und Frontscheibe auf eine Entstehung Anfang der 1930er Jahre verweisen.

Da sind die Buchstaben „DBB“ auf der Nabenkappe und ein Flügelemblem auf dem Kühler zu erkennen, doch dazu fällt einem erst einmal nichts ein:

Dodge_DK_8_1932_Frontpartie

Dass die Buchstabenkombination „DBB“ in jener Zeit für die seit 1928 zum Chrysler-Konzern gehörende Marke Dodge steht, ist nicht gerade intuitiv – vielleicht kann ein Leser Erhellendes dazu beitragen.

Die Identifikation als Dodge der frühen 1930er Jahre ist jedenfalls gesichert; fragt sich nur, welches Modell wir vor uns haben.

An dieser Stelle kommt das mehr als 1.500 Seiten starke Werk „Standard Catalog of American Cars 1805-1942“ ins Spiel – ja, richtig gelesen: „1805-1942“.

Dieses Dokument jahrzehntelanger Recherchen, für die auf dem europäischen Kontinent offenbar Motivation und Durchhaltevermögen fehlen, ist unverzichtbar, wenn es um die Identifikation von Vorkriegsautos aus US-Produktion geht.

So sind wir imstande, Typ und Entstehungsjahr ungewöhnlich präzise einzugrenzen. Im Hinblick auf das Baujahr helfen uns folgende Details:

  • schräge Frontscheibe ohne außenliegende Sonnenblende
  • in den Windlauf zurückversetzte Positionslampen
  • vollverchromte Scheinwerfer.

Damit lässt sich der Wagen als Dodge des Modelljahrs 1932 ansprechen.

Verfügbar waren drei unterschiedliche Motorisierungen, ein Vierzylinder mit 65 PS, ein 79 PS starker Sechszylinder und ein 90 (später 100 PS) leistender Reihenachtzylinder. Soviel zum Thema „untermotorisierte Vorkriegsautos“…

Auch wenn der Dodge auf unserem Foto nicht vollständig zu sehen ist, erlaubt eine Kleinigkeit die präzise Identifikation als „Eight“, also als Achtzylinder:

Dodge_DK_8_1932_Frontpartie2

Hier sehen wir eine zweiteilige Stoßstange, damit können wir den Vierzylinder-Dodge von 1932 ausschließen, dessen Stoßstange einteilig war.

Beim Sechszylindermodell waren beide Elemente der Stoßstange in der Mitte V-förmig geschwungen, beim Achtzylinder war dies nur beim oberen Teil der Fall.

Wir sehen auf unserem Foto genug: Der obere Teil der Stoßstange steigt zur Mitte an, um dann (hier nicht sichtbar) V-förmig nach unten weisen. Das untere Teil verläuft in etwa waagerecht – das gab es 1932 nur beim Dodge Typ DK „Eight“.

Mit 8-Zylinder wurde der Dodge des Modelljahrs 1932 rund 20.000mal gebaut – für amerikanische Verhältnisse eine geringe Zahl, in Deutschland dagegen wäre das ein großer Erfolg gewesen.

Dass wir es wirklich mit einer Rarität zu tun haben, verrät folgender Bildausschnitt:

Dodge_DK_8_1932_Seitenpartie

Offensichtlich verfügt dieser Dodge DK „Eight“ mit festem Dach nur über drei Fenster – es muss also ein 2-sitziges Coupé sein.

Davon gab es laut dem „Standard Catalog of American Cars“ (3. Ausgabe, S. 473) weniger als 900 Fahrzeuge – das Coupé mit außenliegendem „Schwiegermuttersitz“ (821 Exemplare) und das „Business Coupé“ (57 Stück).

Leider wissen wir nichts über Aufnahmeort und -anlass. Der Verfasser vermutet, dass das Foto einst irgendwo in den USA entstand und über den Umweg des Fotoalbums eines Verwandten in Deutschland zu uns gelangte.

Der Besitzer des Dodge Achtzylinder-Coupés hinterlässt jedenfalls den Eindruck eines Geschäftsmanns, der „es geschafft“ hat – zumindest aus Sicht der deutschen Angehörigen – in den USA zählte Dodge bloß zur Mittelklasse…

Dodge_DK_8_1932_Besitzer

Der Blick des Herrn im Nadelstreifenanzug geht in die Ferne – woran er wohl im Moment der Aufnahme gedacht haben mag? Vielleicht beschäftigten ihn Geschäftsideen oder auch drängende Sorgen – seine Miene wirkt angestrengt.

Bestimmt jedoch dachte er nicht daran, dass er über 80 Jahre später mit seinem Auto den Freunden ungewöhnlicher Vorkriegsautos Freude bereiten würde.

Darin liegt der Zauber dieser alten Bilder – für einen Moment sind wir den Wagen von einst und ihren Besitzern so nah, als wären wir Zeitgenossen…

© Michael Schlenger, 2017. All entries in this blog (including embedded photos) are copyrighted by the author, unless otherwise indicated. Excerpts and links may be used, provided that credit is given to Michael Schlenger and https://www.klassiker-runde-wetterau.com with appropriate and specific direction to the original content.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Auch in „ziviler“ Version ganz schön flott: NSU 5/25 PS

Mit der Marke NSU verbinden selbst Freunde von Vorkriegsautos am ehesten Motorräder – erst recht, wenn es um sportlichen Einsatz geht.

Klar, aus der Nachkriegszeit kennt man die Krawallschachteln vom Schlage eines NSU „Prinz“ TT, die mit hervorragendem Leistungsgewicht punkteten. Dass NSU aber schon vor dem Krieg Autos baute, wissen die wenigsten.

Am ehesten bekannt sind die NSU-Fiats der 1930er Jahre, die jedoch mit NSU nur so viel zu tun hatten, dass sie im einstigen NSU-Werk in Heilbronn gefertigt wurden.

Tatsächlich gehörte NSU bis in die 1920er Jahre zu den bedeutendsten Automarken im deutschsprachigen Raum. Entsprechend häufig sind historische Fotos von NSU-Wagen –  auch auf diesem Blog sind einige vertreten.

In hiesigen „Oldtimer“-Magazinen wird man Vorkriegs-NSUs kaum finden. Noch weniger bekannt sein dürften die sportlichen Einsätze von NSU-Autos in der Zwischenkriegszeit.

Dabei hat einer der Rennboliden, mit denen NSU spektakuläre Erfolge einheimste, sogar überlebt – der bis zu 175 km/h schnelle NSU 6/60 PS mit Kompressor.

Im Archiv des Verfassers befinden sich Aufnahmen von Renneinsätzen des ebenfalls aufgeladenen Vorgängermodells NSU 5/25 PS. Eines davon haben wir hier als Fund des Monats gezeigt.

Hier nun ein weiteres Bild desselben Autos, das 1925 beim Taunusrennen den Gesamtsieg errang und damit diverse Bugattis bezwang:

NSU_5-25_PS_Kompressor_Taunusrennen_1925_Ausschnitt

NSU 5/25 PS Kompressor; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Die unbedingte Zuverlässigkeit, der NSU diesen Sieg gegen eine überlegene Konkurrenz verdankte, ließ sich in Verkaufserfolge des „zivilen“ 5/25 PS Modells ummünzen, das von 1925-28 gebaut wurde.

Der neue Typ löst das 5/15 PS-Modell ab, das wir hier anhand einer schönen Originalaufnahme vorgestellt haben. Im ersten Produktionsjahr besaß der NSU 5/25 PS noch einen moderaten Spitzkühler wie der Wagen auf folgender Reklame:

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NSU-Reklame der frühen 1920er Jahre; Original aus Sammlung Michael Schlenger

Doch schon 1926 erhielt der NSU Typ 5/25 PS einen Flachkühler und – was weit wichtiger war – Vierradbremsen als Extra.

Bis dahin wirkte die Fußbremse nur auf die Kardanwelle und musste durch Einsatz der auf die Hinterräder wirkenden Handbremse unterstützt werden.

Sportlich veranlagte Käufer konnten den NSU Typ 5/25 PS zudem mit längerer Hinterradübersetzung ordern, die eine höhere Endgeschwindigkeit als die offizielle Spitze von 75 km/h erlaubte.

Wer bei dieser Angabe lächelt, hat vermutlich die damaligen Straßenverhältnisse nicht bedacht und kann sich nicht vorstellen, wie schnell sich ein Tempo von 70-80 km/h in einem über 90 Jahre alten Automobil anfühlt.

Einen sportlich bewegten NSU des Typs 5/25 PS sehen wir auf folgender Aufnahme, auch wenn dies erst auf den zweiten Blick deutlich wird:

NSU_5-25_PS_1926_Dierks_Galerie

NSU 5/25 PS; Originalfoto aus Sammlung Klaas Dierks

Dieses zauberhafte Dokument – so reizvoll sind nur historische Fotos von Vorkriegsautos – verdanken wir Klaas Dierks, der uns bereits einige Vintageaufnahmen aus seiner Sammlung zur Verfügung gestellt hat.

Nicht ausschließen können wir aus dieser Perspektive, dass es sich um ein Exemplar des parallel gebauten, aber deutlich stärkeren NSU Typ 8/40 PS handelt, der für eine Höchstgeschwindigkeit von über 100 km/h gut war.

Von vorne sahen die beiden Wagen praktisch identisch aus, soweit sich dies anhand der spärlichen Dokumente sagen lässt.

NSU_5-25_PS_1926_Dierks_Ausschnitt1

Die Wahrscheinlichkeit spricht aber für den gängigeren Typ 5/25 PS. Offenbar hat sich hier der Besitzer von den sensationellen Erfolgen der Werksrennwagen mit Kompressor zu eigenen wettbewerblichen Aktivitäten inspirieren lassen.

Auf der Motorhaube kann man die aufgepinselte Startnummer 130 erkennen, wenn nicht alles täuscht. Dazu passend weist der Wagen Spuren eines kürzlichen Einsatzes auf. Wie die Sache ausgegangen ist, wissen wir leider nicht.

Doch muss der Besitzer in Sektlaune gewesen sein, als er dieses Foto seiner zierlichen Partnerin schoss. Selbige scheint ebenfalls guten Mutes gewesen sein, denn auf dem Kühlergehäuse eines Autos balanciert man nicht so ohne weiteres:

NSU_5-25_PS_1926_Dierks_Ausschnitt2

Es gehört zu den Privilegien der Beschäftigung mit Vorkriegsautos auf alten Fotos, die einstigen Besitzer genauso zu erleben, wie sie mit diesen Fahrzeugen umgingen.

Generell kannte man keine Scheu, wenn es darum ging, sich möglichst vorteilhaft mit dem eigenen Wagen zu präsentieren – Bilder von Damen, die neckisch auf der Motorhaube posieren, gibt es aus jenen Zeiten zuhauf.

Doch so eine charmante Kühler“figur“, die jedem Modemagazin Ehre gemacht hätte, findet man auch auf Bildern von Vorkriegsautos nicht alle Tage.

Schon gar nicht heute, wo die Besitzer historischer Fahrzeuge hierzulande nur selten so stilbewusst unterwegs sind wie diese ansehnlichen Damen bei den Classic Days 2014 auf Schloss Dyck:

SchlossDyck_2014

Classic Days Schloss Dyck 2014; Bildrechte: Michael Schlenger

Na, meine Herren, wäre das nicht eine Anregung für die beste aller Beifahrerinnen bei der nächsten Ausfahrt?

© Michael Schlenger, 2017. All entries in this blog (including embedded photos) are copyrighted by the author, unless otherwise indicated. Excerpts and links may be used, provided that credit is given to Michael Schlenger and https://www.klassiker-runde-wetterau.com with appropriate and specific direction to the original content.

 

 

 

Fund des Monats: „Front“besuch in Österreich

Oje, mag der regelmäßige Leser dieses Oldtimerblogs denken – nicht schon wieder ein Auto, das irgendwo im Krieg verheizt wurde, das hatten wir gestern erst (hier).

Keine Sorge – zwar gehört der Militäreinsatz nun einmal zum Schicksal vieler Wagen der Vorkriegszeit und wird hier daher ebenfalls berücksichtigt, doch beim heutigen „Frontbesuch“ handelt es sich bloß um ein Wortspiel.

Natürlich wäre es einfacher gewesen, Marke und Typ des Autos wie sonst auch gleich im Titel zu erwähnen. Doch damit wäre der Überraschungseffekt verpufft, der – das sei versprochen – phänomenal ist.

Denn heute haben wir es mit einer Ikone der Automobilbaukunst zu tun, zudem noch an einem denkbar unwahrscheinlichen Ort. Doch der Reihe nach.

Die Geschichte beginnt damit, dass der Verfasser für kleines Geld folgende Aufnahme erstand, ohne so recht zu wissen, was es damit auf sich hat:

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Cord L-29; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Tja, was soll man mit so einem Foto anfangen, auf dem das fragliche Fahrzeug nicht einmal vollständig abgebildet ist?

Gerade solche rätselhaften Aufnahmen haben es jedoch oft genug in sich, auch wenn die Suche nach Markenschriftzügen oder Emblemen erst einmal erfolglos bleibt.

Sicher weiß kaum jemand auf Anhieb, was für ein Wagen sich hinter dieser Frontpartie verbirgt:

Cord_L-29_1_Ausschnitt_1

Eine stilistische Analyse erlaubt zumindest eine ungefähre zeitliche Einordnung.

So verweist das Fehlen seitlicher Kotflügelschürzen auf die Zeit vor 1932 (siehe hier). Die endlos lang scheinende Motorhaube in Kombination mit der auffallend niedrigen, senkrecht stehenden Windschutzscheibe lässt an eine Entstehung Ende der 1920er Jahre denken.

Diesen sportlichen Stil prägten damals die US-Marken, die seinerzeit in jeder Hinsicht tonangebend waren, übrigens nicht nur in punkto Optik, wie wir noch sehen werden.

Auch die Drahtspeichenräder mit der voluminösen Nabenkappe sprechen für ein US-Fahrzeug, aber welches?

Den 1600 Seiten starken „Standard Catalog of American Cars“ durchzuarbeiten, wäre eine Möglichkeit – doch allenfalls, wenn man eine Woche krank im Bett liegt…

Geben uns vielleicht die beiden Herren vor dem Wagen einen Hinweis?

Cord_L-29_1_Ausschnitt_2

Zwei Charaktere wie aus dem Bilderbuch, zwei unterschiedlichen Welten zugehörig.

Von dem freundlich in die Kamera schauenden älteren Herrn erwartet man den kräftigen Händedruck eines Menschen, der es gewohnt ist anzupacken. Vielleicht haben wir hier einen Bauern oder Handwerker vor uns, der sich fein gemacht hat.

Seine Jacke mit Nadelstreifen zitiert städtische Mode, Hose und Hemd sind gut getragen, aber nicht ungepflegt.

Der geschlossene Hemdkragen kündet auch ohne Krawatte vom Wunsch, „korrekt“ – d.h. Rücksicht auf die Mitmenschen nehmend – gekleidet zu sein. Die einzige Freiheit, die man sich erlaubt, ist die verwegen sitzende Schiebermütze.

Der Verfasser ist geneigt, hier einen Bewohner eines Landstrichs irgendwo auf dem Balkan zu sehen.

Sein Widerpart ist der modisch gekleidete junge Mann, dessen Händedruck vermutlich der eines Schreibtisch“arbeiters“ ist. Für ihn ist die Krawatte auch beim sportlichen Dress mit Knickerbocker-Hosen und Pullover ein „Muss“.

Er scheint gut gebräunt zu sein – offenbar hat er sich eine „Auszeit“ vom Bürodasein gegönnt. Was die beiden Männer miteinander verband, wissen wir leider nicht.

Wahrscheinlich ist nur: Diese Aufnahme eines mutmaßlichen US-Autos entstand einst irgendwo in südlichen Gefilden in Europa.

Das wäre angesichts der aus heutiger Sicht unglaublichen damaligen Marktpräsenz amerikanischer Wagen in Europa nicht überraschend. Doch genau dieses Auto, das ist schon spektakulär. Dessen Identität sollte sich bald klären.

Denn einige Zeit nach Erwerb obigen Fotos gelangte der Verfasser in den Besitz einer zweiten Aufnahme desselben Autos vom gleichen Verkäufer, dieses hier:

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Cord L-29; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Diese Aufnahme ist ein schönes Beispiel für den einzigartigen Reiz historischer Aufnahmen von Vorkriegsautos. Dabei ist nicht einmal das ganze Fahrzeug zu sehen und Teile davon liegen bereits im Unschärfebereich des Kameraobjektivs.

Und doch meint man, bei dieser Szene vor über 80 Jahren förmlich mit dabei zu sein. Sie liefert zugleich den entscheidenden Hinweis auf die Identität des Wagens.

Cord_L-29_2_Abzug Wien_Frontpartie

Der Bildausschnitt genügt, um das Auto anhand der Kühlerpartie als Cord L-29 zu identifizieren.

Mit diesem 1929 vorgestellten Typ landete die amerikanische Cord Corporation, die auch die legendären Marken Auburn und Duesenberg besaß, einen Coup.

Der Cord L-29 war nicht nur der erste in größeren Stückzahlen gebaute frontgetriebene Wagen in den USA, er war auch stilistisch avanciert.

Im Unterschied zu später entwickelten Fronttrieblern aus europäischer Produktion (DKW 1931 und Adler 1932) war der Cord L-29 großzügig motorisiert.

Verbaut wurde ein 4,9 Liter große Reihenachtzylinder mit 125 PS, der auch bei der Schwestermarke Auburn zum Einsatz kam, natürlich mit einigen Anpassungen, um Frontantrieb zu ermöglichen.

Zwar galt der schwere Cord L-29 mit einer Spitzengeschwindigkeit von „nur“ 130 km/h als untermotorisiert, doch sorgte seine niedrige, gestreckte Linie für Furore.

In Europa errangen mit Manufakturaufbauten ausgestattete Wagen des Typs Cord L-29 dutzende Siege bei Schönheitswettbewerben. So gesehen scheint es nicht mehr so überraschend, diesem Fabeltier in Europa zu begegnen.

Tatsächlich ist der zweiten Aufnahme des 2-türigen Cabriolets auf der Rückseite zu entnehmen, dass der Abzug von einem Fotostudio in Wien entwickelt wurde.

Dennoch: Dieses großartige Automobil wurde 1929 in nur 1.800 Exemplaren gebaut, 1930 und 1931 folgten nochmals zusammengenommen rund 3.000 Stück.

Die Wahrscheinlichkeit, einer derartigen Rarität irgendwo auf Reisen in Europa zu begegnen, ging schon damals gegen null.

Heute dieses Prachtexemplar genießen zu dürfen, ist umso faszinierender.

Cord_L-29_2_1930_Abzug_Wien_Ausschnitt2

Der Besitzer mit dem pelzbesetzten Kragen schaut hier etwas verkniffen, die tiefstehende Sonne scheint ihm direkt ins Gesicht. War er vielleicht ein Besucher aus den Staaten, der seinen Cord nach Österreich mitgenommen hatte?

Sein Hund hat den Blick abgewandt und schaut melancholisch in die Ferne. Wohin es wohl als nächstes gehen mag? Wohin es den frontgetriebenen Besucher aus Übersee später verschlagen hat, wissen wir nicht.

Von den beiden Situationen vor über 80 Jahren ist nichts geblieben außer diesen Fotos, vielleicht existieren irgendwo noch ein paar Überbleibsel des Cord L-29.

Auch das ist eine Facette der Beschäftigung mit Vorkriegsautos – die Konfrontation mit der Vergänglichkeit, aber hier in grandioser Form…

© Michael Schlenger, 2017. All entries in this blog (including embedded photos) are copyrighted by the author, unless otherwise indicated. Excerpts and links may be used, provided that credit is given to Michael Schlenger and https://www.klassiker-runde-wetterau.com with appropriate and specific direction to the original content.

Adler-Freunde im Glück: 6/24 PS-Tourenwagen

Heute dürfen sich die Freunde der einstigen Frankfurter Marke Adler auf ein besonderes Verwöhnprogramm freuen – gleich vier Spitzenaufnahmen der 1920er Jahre aus der Sammlung des Verfassers werden genüsslich zelebriert.

Vielleicht hat der eine oder andere Leser beim Titel gestutzt – sollte es da statt „6/24 PS“ nicht „6/25 PS“ heißen? Immerhin war der Typ 6/25 PS das bekannteste und verbreitetste Adler-Automobil, das Mitte der 1920er Jahre gebaut wurde.

Entsprechend häufig ist dieses von 1925-28 meist als Tourenwagen gefahrene Modell auf diesem Oldtimerblog vertreten (siehe Adler-Bildergalerie).

Für die in Sachen Adler weniger versierten Leser hier eine bisher unpublizierte Aufnahme – wohl die beste auf diesem Oldtimerblog des Typs 6/25 PS:

Adler_6-25_PS_Tourenwagen_Galerie

Adler 6/25 PS Tourenwagen; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Man möchte meinen, dass eine über 90 Jahren alte Aufnahme eines Adler- Tourenwagens kaum besser sein könnte.

Ein technisch wie von der Situation her perfektes Foto, das einen eigenen Blog-Eintrag wert wäre, wenn wir nicht noch einen (bzw. drei) draufsetzen könnten.

Zur Identifikation des Typs an dieser Stelle nur das Nötigste: Scheibenräder und Flachkühler mit in das Kühlernetz hineinragendem Adler-Emblem gab es so nur beim Volumenmodell Adler 6/25 PS.

Die seitlichen Kotflügel“schürzen“ aus (Kunst?)Leder waren ein verbreitetes Zubehör, das einer Verschmutzung des Wagens entgegenwirkte:

Adler_6-25_PS_Tourenwagen_Frontpartie

Wenn nicht alles täuscht, beginnt das Kennzeichen dieses Adler 6/25 PS mit „HH“ – was schon bei Vorkriegsautos für die Hansestadt Hamburg stand.

Da der Boden, auf dem der Adler steht, sandig erscheint, könnte diese Aufnahme bei einem Ausflug an die See entstanden sein. Dazu mag allerdings die Waldlandschaft im Hintergrund nicht so recht passen.

Wie auch immer – wir erfreuen uns an den Details, die sich an diesem Adler 6/25 PS-Tourenwagen studieren lassen – die Insassen inbegriffen:

Adler_6-25_PS_Tourenwagen_Insassen

Sieben Insassen schauen uns hier mit einem Abstand von über 90 Jahren an – man stellt sich das in einem heutigen Cabriolet vergeblich vor – so faszinierend anders sind nun einmal Vorkriegsautos!

Bemerkenswert ist auch der Benzinkanister auf dem Trittbrett mit „windschnittiger“ Optik – darin lebt etwas von der expressiven Ästhetik der Spitzkühlerperiode weiter, die bei Adler bis in die frühe Nachkriegszeit anhielt.

Im Hinterkopf behalten wir außerdem die Herstellerplakette auf dem Schweller – die nicht etwa auf eine spezielle Karosseriemanufaktur verweist, wie man meinen könnte, sondern schlicht auf die Adlerwerke zu Frankfurt am Main.

Genau diesem Detail begegnen wir auf folgender Aufnahme wieder:

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Adler 6/24 PS Tourenwagen; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Hier haben wir nun eine Aufnahme von herausragender Qualität, die wir in einigen Details studieren wollen.

Dass auch dieser blitzsauber, doch keineswegs langweilig gezeichnete Tourenwagen ebenfalls ein Adler ist, erschließt sich nicht auf den ersten Blick, doch ist die Beweisführung selten so einfach wie hier:

Adler_6-24_PS_1c_Frontpartie

Auf dieser Ausschnittsvergrößerung des Abzugs kann man auf der Herstellerplakette tatsächlich den Schriftzug „ADLERWERKE“ lesen.

Ganz selten auf alten Aufnahmen zu erkennen ist außerdem der (hier vertikale) Schriftzug „ADLER“ auf der Nabenkappe der Drahtspeichenräder.

Apropos: Die Drahtspeichenräder, das Fehlen von Vorderradbremsen und die breiteren Luftschlitze in der Motorhaube dieses Wagens sind Hinweise darauf, dass wir einen der raren Vorgänger des Adler 6/25 PS vor uns haben, ein 6/24 PS Modell von 1923.

Eine historische Aufnahme dieses laut Literatur nur in rund 500 Exemplaren gebauten Typs haben wir hier bereits vorgestellt. Heute können wir den Luxus gleich dreier Fotos desselben Wagens zu genießen.

Dabei beziehen diese schönen Aufnahmen ihren Reiz nicht zuletzt aus den Insassen:

Adler_6-24_PS_1c_Insassen

Selten ist dem Verfasser eine historische Aufnahme von Vorkriegsautos begegnet, auf der die Insassen so vollkommen glücklich und in sich ruhend wirken.

Man schaue sich diese Leute genau an – das sind echte Persönlichkeiten und alle wirken sympathisch. Vermutlich waren das die „Hipster“ der 1920er Jahre – aber was für ein Unterschied zu den „Fashion Victims“ unserer Tage, die alle gleich aussehen.

Hier haben wir dieselbe gutgelaunte Gesellschaft ein weiteres Mal – und nun sehen wir auch die Kühlerpartie des Adler 9/24 PS:

Adler_6-24_PS_1a_Galerie

Adler 6/24 PS Tourenwagen; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Natürlich schauen wir uns auch hier die Insassen gleich noch genauer an, doch erst einmal ist die Frontpartie des Adler 9/24 PS dran, die ähnliche Seitenschürzen an den Vorderschutzblechen trägt wie der eingangs gezeigte Adler 6/25 PS.

Interessanterweise tauchen erst Anfang der 1930er Jahre Vorderkotflügel an Serienwagen auf, die dieselbe Schutzwirkung entfalten. Das erste Auto, das damit aufwarten konnte, war der amerikanische Graham „Blue Streak“ (Bildbericht).

Zurück zu „unserem“ Adler 6/24 PS Tourenwagen, hier die Frontpartie im Detail:

Adler_6-24_PS_1a_Frontpartie

Abgesehen von den Drahtspeichenrädern sehen wir einen weiteren Unterschied zum ab 1925 gebauten Nachfolgemodell 6/25 PS: das Fehlen von Vorderradbremsen.

Hier erahnt man auch den nach unten schmaler werdenden Wagenkörper, ein Reflex der vor dem 1. Weltkrieg modischen „Tulpenkarosserie“, von der wir gelegentlich ein herausragendes Beispiel anhand eines Adler zeigen werden.

Erneut lohnt sich ein Blick auf die Insassen des Adler 6/24 PS:

Adler_6-24_PS_1a_Insassen Dieselben Adler-Enthusiasten, dieselbe ungezwungene Haltung – es muss wirklich ein schöner Tag gewesen sein, an dem der unbekannte sechste „Mann“ – wahrscheinlich die Begleiterin des Herrn vor dem Wagen – dieses Foto schoss.

Kurios, dass hier beide Insassen auf der hinteren Rückbank die Schutzbrille verkehrt herum tragen – vielleicht hatten sie schlicht keine Erfahrung damit, womöglich war es ihre erste Fahrt in einem Automobil, wer weiß?

Dass man je nach Tempo auf den rückwärtigen Sitzen auch ohne Brille auskam, selbst im Winter, darauf weist die dritte Aufnahme des Adler 6/24 PS hin:

Adler_6-24_PS_1b_Galerie

Adler 6/24 PS Tourenwagen; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Auch wenn wir hier auf die beiden charmanten Damen verzichten müssen, lohnt sich doch ein zweiter Blick, denn ausgerechnet diese im Vergleich zu den beiden vorherigen unscheinbarer wirkende Aufnahme hat es „in sich“.

Damit sind weniger die Insassen gemeint, die wir zum Teil kennen:

Adler_6-24_PS_1b_Insassen

Hier spart sich der Verfasser einen Kommentar, denn diese Typen, die jeden Kinofilm bereichert hätten, sprechen vollkommen für sich.

Stattdessen befassen wir uns mit einem winzigen Detail, das rein gar nichts mit dem Adler 6/24 PS und seinen stilbewussten Insassen zu tun hat, aber dem hessischen Lokalpatrioten Vergnügen bereiten dürfte.

Dazu nehmen wir noch einmal die Frontpartie des Adler 6/24 PS ins Visier:

Adler_6-24_PS_1b_Detail Hotel „Hohe Mark“ steht auf dem Emailleschild an der Hauswand geschrieben, darunter der Name des Inhabers „Johann Heinrich Bauser“.

Die beiden Informationen zusammengenommen genügen, um den Ort zumindest diese Aufnahme zu lokalisieren: Besagtes Hotel stand einst in Oberursel im Taunus.

Eventuell lässt sich anhand dieser Information der Aufnahmeort der beiden anderen Fotos des Adler identifizieren, evtl. Bad Homburg vor der Höhe?

Über weiterführende Hinweis würde sich der Verfasser freuen – gegebenfalls wird der Blog-Eintrag entsprechend ergänzt.

Davon ganz unabhängig: Ist das eine Fotoserie, die Adler-Freunde glücklich macht? Wenn ja, haben wir noch einiges von vergleichbarem Kaliber in petto…

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Hurra, endlich eine Limousine! Presto Typ D 9/30 PS

Was haben die folgenden Namen gemeinsam? AGA, Apollo, Austro-Daimler, Brennabor, Dürkopp, Hansa, Ley, NAG, Phänomen, Protos, Presto, Simson, Steiger, Steyr

Der Konsument durchschnittlicher Klassikermagazine im deutschsprachigen Raum wird damit bestenfalls untergegangene heimische Automobilhersteller verbinden, über die er selten bis nie etwas zu lesen bekommt.

Das ist ein bedauerlicher Befund. Denn nimmt man die heute noch vorhandenen historischen Fotografien von Vorkriegsautos als Maßstab, finden sich dort jede Menge dieser vermeintlichen Raritäten wieder.

So muss man sich nicht besonders anstrengen, um etwa zeitgenössische Aufnahmen von Wagen der Chemnitzer Marke Presto zu finden. Entsprechend gut bestückt ist die Presto-Bildergalerie auf diesem Blog.

Mangel herrschte bislang nur in einer Hinsicht: Die meisten auf alten Fotos dokumentierten Presto-Wagen sind Tourer, also offene Vier- bis Sechssitzer wie dieser hier:

Presto_D-Typ_Tourer_Magdeburg_G_Hess

Presto Typ D 9/30 PS; Originalfoto von Manfred Hess

Dieses interessante Foto – entstanden bei einer Veranstaltung eines Automobilclubs in der Region Magdeburg – verdanken wir Leser Manfred Hess.

Der hier zu sehende Presto des verbreiteten Typs D 9/30 PS aus den frühen 1920er Jahren wurde einst als Taxi eingesetzt.

Da würde man eher eine geschlossene Variante erwarten, doch diese scheint beim Presto Typ D generell die Ausnahme gewesen zu sein.

Offiziell, das heißt: ab Werk, gab es so etwas gar nicht, wenn man der spärlichen Literatur glauben mag, die den Presto D-Typ nur als Tourenwagen kennt.

Doch natürlich konnte sich der Käufer eines Presto Typ D auch eine Karosserie nach Wunsch schneidern lassen, wenn er beim Hersteller das Chassis mit dem 30 PS-Vierzylindermotor und dem markanten Spitzkühler orderte.

Inzwischen sind tatsächlich einige Aufnahmen des D-Typs von Presto aufgetaucht, die geschlossene Aufbauten zeigen:

Presto_2_Galerie

Presto Typ D 9/30 PS  Limousine; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Zugegeben: Viel von dem Wagen sieht man hier nicht – doch ein paar Details können wir festhalten: Spitzkühler, Drahtspeichenräder und vorn spitz auslaufende Kotflügel, ansonsten sechs mutmaßliche „Angehörige“ des Wagens.

Vermutlich am selben Tag und mit Sicherheit am selben Ort, an dem diese Aufnahme entstand, wurde außerdem dieses Foto geschossen:

Presto_1_Galerie

Presto Typ D 9/30 PS; Originalaufnahme aus Sammlung Michael Schlenger

Hier sehen wir auf einmal den Spitzkühler in der für Presto typischen Form ohne „störendes Beiwerk“.

Unter der Vorderstoßstange – einem Zubehörteil – ist auch das Nummernschild zu erkennen, das auf eine Zulassung im Raum Berlin verweist (Kennung: „IA“).

Die markante Kühlerfigur ist leider nicht zu identifizieren, sie wurde aber mit Sicherheit nachträglich angebracht –  ein Presto besaß so etwas serienmäßig nicht.

Bemerkenswert ist außerdem, das an der Vorderachse zwei Reifen mit ganz unterschiedlichem Profil montiert sind. Auch scheint der Reifen in Fahrtrichtung rechts etwas breiter zu sein (vgl. auch die beiden Ersatzreifen).

Die beiden vorderen Herren mit Einstecktuch kennen wir bereits von der ersten Aufnahme. Doch hinter ihnen ist ein weiterer abgelichtet, der der Kleidung nach zu urteilen der Fahrer des Presto gewesen sein dürfte.

Typisch für die Montur eines Chauffeurs war seinerzeit die zweireihige Jacke, die einen gewissen Schutz vor Kälte bot, gerade bei den frühen offenen Wagen. Auch die hohen Schnürstiefel sieht man häufig auf Bildern angestellter Fahrer.

Solche an praktischen Erfordernissen ausgerichtete Details unterschieden den Angestellten, der gegebenfalls bei Wind und Wetter einen Reifen wechseln können musste, von den Besitzern, die im Wageninnern komfortabler untergebracht waren.

Aus heutiger Sicht mag die Position eines Chauffeurs wenig eindrucksvoll erscheinen, doch vor bald 100 Jahren war man damit hierzulande etwas Besonderes.

Denn mit der Befähigung ein Automobil zu steuern, hatte man den allermeisten Zeitgenossen etwas voraus, die in der Landwirtschaft, in Handwerksbetrieben oder in der Industrie weit anstrengenderen Tätigkeiten nachgingen.

Oft gehörte der Chauffeur gewissermaßen zur Familie und wurde natürlich auch mit „seinem“ Auto abgelichtet, so auch im Fall des hier gezeigten Presto:

Presto_3_Galerie

Presto Typ D 9/30 PS; Originalaufnahme aus Sammlung Michael Schlenger

Das ist die dritte Aufnahme, die wir von dem Presto mit dem raren Limousinenaufbau besitzen, nun aber allein mit dem Fahrer.

Hier trägt er übrigens eine andere Jacke, die perfekt auf den Leib geschneidert ist. Zusammen mit Krawatte, Reithosen und Schnürstiefeln ergibt das ein „gentleman-mäßiges Outfit“, das auch einem ostelbischen Gutsbesitzer gut gestanden hätte.

Vielleicht für den ein oder anderen Besitzer von Vorkriegswagen eine Anregung, in punkto Originalität auch an das eigene Erscheinungsbild zu denken – mit kurzen Hosen, bleichem Gebein und Baseballkappe wird man diesen ehrwürdigen Gefährten nun einmal nicht gerecht.

Zurück zum Presto D-Typ  9/30 PS: Kann jemand sagen, wer einst den klassischen Aufbau als 6-Fenster-Limousine gefertigt hat, der formal noch auffallend stark an die Kutschenepoche erinnert?

Speziell der nach vorne geschwungene untere Abschluss der A-Säule ist ein Element, das nicht so recht in die 1920er Jahre passen will. Deutsche Wagen waren nach dem 1. Weltkrieg generell sehr konservativ gehalten, so als ob man den Untergang der alten Welt des Kaiserreichs nicht wahrhaben wollte.

Übrigens sind die Drahtspeichenfelgen auf historischen Fotos des Presto Typ D 9/30 PS nur sehr selten zu sehen. Die meisten Käufer hierzulande scheinen sich für die weniger eleganten, aber robusteren Stahlspeichenräder entschieden zu haben.

Das Fehlen von vorderen Bremstrommeln verweist auf eine Entstehung des Wagens zwischen der Einführung 1921 und dem Jahr 1924. Erst im letzten Produktionsjahr 1925 erhielten diese einige tausendmal gebauten Wagen Vierradbremsen.

Ganz „fertig“ sind wir aber noch nicht mit den schnittigen Presto-Wagen aus  Chemnitz, über die es leider keine spezielle Literatur gibt.

Leser Manfred Hess hat uns nämlich eine weitere Aufnahme eines Presto D-Typs aus Magdeburg zur Verfügung gestellt  – wiederum ein Taxi wie auf der ersten Aufnahme, nun aber mit geschlossenem Aufbau:

Presto_D-Typ_Taxi_Magdeburg_G_Hess

Presto Typ D 9/30 PS; Originalfoto von Manfred Hess

Wenn nicht alles täuscht, haben wir hier eine 8-Fenster-Limousine vor uns, auf jeden Fall ein Wagen mit bemerkenswert großzügiger Karosserie – sicher ein Einzelstück.

Dass es sich einst rentierte, einen solchen Manufakturwagen als Taxi einzusetzen, ist ein Indiz dafür, wie anders Präferenzen und Preisgefüge in der Vorkriegszeit waren.

Übrigens handelt es sich bei dem Buben auf dem Trittbrett um den Vater von Manfred Hess, dem wir diese schöne Aufnahme aus dem Familienalbum verdanken.

Der Abzug hat über die Jahrzehnte etwas gelitten, doch die perfekte Perspektive, die uns ein genaues Studium der Frontpartie erlaubt, macht das allemal wett.

Und wie immer haben alte Automobilfotos mit den einstigen Besitzern darauf ihre ganz eigene Magie…

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Ganz schön schick: Chevrolet Series FB Limousine

Regelmäßige Leser diese Oldtimerblogs für Vorkriegsautos wissen: Hier werden nicht nur Autos aus dem deutschsprachigen Raum anhand historischer Originalfotos gezeigt, sondern auch einst beliebte Importwagen.

Speziell in den 1920er Jahren waren es vor allem die US-Großserienhersteller, die am deutsche Markt eine Präsenz entfalteten wie nie wieder danach. Die Konkurrenz aus Übersee heizte den rückständigen inländischen Herstellern mächtig ein.

Von daher sind hier natürlich viele „Amerikaner-Wagen“ vertreten, darunter auch Brot-und-Butter-Modelle wie das Model A von Ford.

Hier haben wir eine Tourenwagenversion dieses bis heute unter Kennern beliebten und immer noch relativ erschwinglichen Modells, das einst mit einem Fiat 520 im Berliner Grunewald unterwegs war:

Ford_Model_A und Fiat_520_Galerie

Ford Model A Tourer und Fiat 520; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Trotz positiver Grundeinstellung gegenüber US-Klassikern musste der Verfasser allerdings kürzlich eine eher frustrierende Erfahrung machen.

Bei einer markenoffenen Veranstaltung in der Region, die traditionell zum Saisonabschluss stattfindet, waren amerikanische Nachkriegswagen in der Überzahl.

Problematisch war dabei, dass etliche davon zu einer Szene gehören, in der es vorwiegend um den aufmerksamkeitsstarken Auftritt mit Polizeisirene, stark frisierten Motoren und durchdrehenden Hinterrädern geht.

Der Verfasser kann sich durchaus für opulente US-Straßenkreuzer oder auch deftige Hotrods begeistern – aber am richtigen Ort, zum richtigen Zeitpunkt und in einer angemessenen Dosis.

Man kann Veranstaltern nur nahelegen, das Profil der „erwünschten“ Klassiker klarer zu definieren – also idealerweise unrestaurierte oder möglichst originalgetreu aufbereitete Wagen, Tuningfahrzeuge nur mit Historie.

Das eine oder andere Hotrod auf Ford-Basis wäre ja akzeptabel, wenn daneben auch Model „T“ und „A“ entsprechend repräsentiert wären, die am europäischen Markt immerhin eine nicht unbedeutende Rolle spielten.

Noch reizvoller wären freilich auch Vorkriegsautos anderer US-Marken, die heute nur noch ein Schatten ihrer selbst sind. Ein Beispiel dafür sehen wir auf folgender Aufnahme, die einst deutsche Auswanderer an die Angehörigen schickten:

Chevrolet_FB-40_Sedan_1919-22_deutsch_beschriftet_Galerie

Chevrolet Series FB; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Bei dieser eindrucksvollen 6-Fenster-Limousine – ein großzügiges Konzept, bei dem ganz die Bedürfnisse der Passagiere im Mittelpunkt standen, nicht die des Fahrers – handelt es sich um einen Chevrolet Series FB vom Anfang der 1920er Jahre.

Der Chevrolet Series FB war das Spitzenmodell des Ford-Konkurrenten, das sich vom günstigeren Series 490 durch längeren Radstand und stärkeren Motor unterschied.

Zwar besaß auch der Typ FB nur einen Vierzylinder, der aber beachtliche 37 PS aus 3,7 Liter schöpfte (Series 490: 26 PS aus 2,8 Liter).

Übrigens verfügten beide Modelle bereits über im Zylinderkopf hängende Ventile (OHV), während viele Wagen der Einstiegsklasse bis in die 1930er Jahre weiterhin mit strömungshemmenden seitlich stehenden Ventilen auskommen mussten.

Soviel zu dem, was unter der Haube eines Chevrolet Series FB geboten wurde. Wie aber lässt sich das Modell überhaupt so genau ansprechen?

Klar ist zunächst nur, dass es ein Chevrolet ist, das Emblem hat sich kaum verändert:

Chevrolet_FB-40_Sedan_1919-22_deutsch_beschriftet_Frontpartie

Dank der enorm detailreichen Ausführungen im „Standard Catalogue of American Cars“ – der auf über 1.500 Seiten die meisten der zahllosen US-Automarken dokumentiert – lassen sich Typ und Entstehungszeitpunkt gut einengen.

Den frühestmöglichen Entstehungszeitpunkt geben die elektrischen Frontscheinwerfer vor – sie wurden für die Vierzylinder von Chevrolet ab 1916 als Zubehör angeboten, ab 1917 gehörten sie zur Grundausstattung. 

Gleichzeitig kann das Baudatum des Wagens nicht später als 1922 sein. Danach verlief die Motorhaube bei Chevrolet nämlich waagerecht und der Windlauf war deutlich flacher.

Ein weiteres Detail ist der abgerundete Übergang des Vorderschutzblechs zum Trittbrett. Beim Chevrolet Series FB traf das Schutzblech dagegen bis 1918 im stumpfen Winkel auf das Trittbrett, beim Basismodell Series 490 noch bis 1919.

Damit lässt sich auf jeden Fall sagen, dass der abgebildete Chevrolet um 1920 gebaut wurde. Sofern der Eindruck stimmt, dass der Wagen bereits Stahl- statt Holzspeichenräder besitzt, käme sogar nur das letzte Baujahr der Typen Series 490 und FB in Betracht: 1922.

Kann die uns so selbstbewusst fixierende junge Dame vor dem Chevy vielleicht Näheres verraten?

Chevrolet_FB-40_Sedan_1919-22_deutsch_beschriftet_Dame

Immerhin spricht ihre Kleidung ebenfalls für eine Entstehung des Fotos Anfang der 1920er Jahre. Später wurden die Damenkleider kürzer und die Taillenlinie rutschte auf die Hüften – zum Glück eine vorübergehende Verirrung.

Bleibt die Frage, ob wir es mit Chevrolets Basismodell Series 490 oder dem Spitzenmodell FB zu tun haben.

Nun, die Proportionen sprechen für den größeren FB-Typ, der sich überdies durch die verkleideten vorderen Rahmenausleger auszuzeichnen schien – wer kann hierzu Genaueres sagen?

Mit seinen Wagen bot Chevrolet seinerzeit jedenfalls eine attraktive Alternative zum zunehmend veraltenden Model T von Ford. So entstanden von der Basisversion Series 490 mehrere hunderttausend Exemplare, vom Spitzenmodell FB immerhin rund 75.000 Stück.

Wie die Ford-Wagen waren diese frühen Chevrolets – die Marke gab es erst seit 1912 – echte Volkswagen: leistungsfähig, robust und für jedermann erschwinglich.

Heute baut Chevrolet unter anderem den „Bolt“ – ein Elektro-Spielzeug für Besserverdienende, das rund dreimal soviel kostet, wie Otto Normalverbraucher hierzulande im Schnitt für ein privates Auto ausgibt, ohne etwas besser zu können.

Vielleicht wäre es um echten Fortschritt im Automobilsektor heute besser bestellt, wenn nicht Berufspolitiker ohne ernstzunehmende Qualifikation mit utopischen Quotenvorgaben ständig dazwischenfunken würden.

Vor über 100 Jahren nahm die technologische Entwicklung ganz von allein ihren rasanten Verlauf, ohne dass es eines Verbots von Pferdekutschen oder Förderprämien für solvente Käufer von Luxusautomobilen bedurfte.

Mit den anmaßenden Interventionen technikferner Staatsangestellter wäre die Demokratisierung des Automobils, wie sie die amerikanischen Hersteller einst bewerkstelligt haben, vermutlich ganz ausgeblieben…

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Charakterstark: Austro-Daimler „ADM“ Tourer

Aus schwer erklärlichen Gründen sind die Spitzenprodukte österreichischer Autohersteller der Vorkriegszeit in Deutschland kaum bekannt.

Gerade die hiesige Presse, die keine Gelegenheit auslässt, Großserienwagen der Firma Porsche als „smartes Investment“ anzupreisen, sollte imstande sein, zur Abwechslung öfters auch die Geniestreiche des namengebenden Professors aus der Vorkriegszeit zu würdigen.

Nein, die Rede ist nicht vom Volkswagen, dessen Konzept in den 1930er Jahren ohnehin in der Luft lag und zu dem etliche Konstrukteure beitrugen.

Dem Kenner fällt vielmehr eine bedeutende österreichische Marke ein, die dem Einfluss von Prof. Porsche mit ihre besten Konstruktionen zu verdanken hatte. Die Rede ist von Austro-Daimler aus Wien.

Der letzte Austro-Daimler, der noch von Impulsen von Porsche vor seinem Wechsel zu Mercedes profitierte, war der 1923 vorgestellte 6-Zylindertyp ADM. Mit ihm haben wir uns in diesem Blog bereits zweimal befasst.

Der erste Blogeintrag zum Austro-Daimler zeigt einen ADM bei einem winterlichen Ausflug in den Bergen. Im zweiten begegnen wir demselben Wagen auf einer Ausfahrt im Frühjahr.

Von diesen Wagen mit ihrem feinen Sechszylindermotor, der nebenbei in Rennversionen enorme Leistungen entfaltete, kann man nicht genug bekommen.

Passend zur Jahreszeit, in der die Tage kürzer werden, schauen wir uns heute einen weiteren Austro-Daimler ADM auf einem Originalfoto an, das an den Sommer erinnert, der 2017 zeitweise aber eher wie ein vorgezogener Herbst daherkam:

Austro-Daimler_ADM_Tourer_Galerie

Austro-Daimler Typ „ADM“ Tourer; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Auf dieser über 90 Jahre alten Aufnahme hat sich eine wunderbar warme Stimmung erhalten – mit den langen Schatten, die nicht enden wollende Sommerabende so magisch machen – wenn es nicht gerade kühl und regnerisch ist.

Der Abzug hat über die Jahrzehnte etwas gelitten, aber man erkennt, dass der Fotograf in dieser nicht einfachen Belichtungssituation alles richtig gemacht hat. Die letzten Sonnenstrahlen lassen die Chromteile des Wagens aufleuchten und setzen Glanzlichter auf Kleidung und Gesichter der Menschen, die mitabgelichtet wurden.

Zur Identifikation des Wagens muss man nicht viele Worte verlieren, einen Austro-Daimler der 1920er Jahren erkennt man an der markant geschnittenen Kühlermaske und dem Schriftzug unterhalb des Kühlwasserstutzens:

Austro-Daimler_ADM_Tourer_Frontpartie

Der Markenname ist hier kaum lesbar, aber alle übrigen Details – vom Teddybären einmal abgesehen – passen zu einem Austro-Daimler des bis 1928 nur in einigen  hundert Exemplaren gebauten Typs ADM.

Vom optisch ähnlichen, aber technisch weitgehend neuentwickelten Nachfolgertyp ADR lässt sich der ADM aus dieser Perspektive unter anderem durch die Positionierung der Reibungsstoßdämpfer an der Vorderachse unterscheiden.

Die Kennung „II B“ auf dem Nummernschild steht übrigens für den Zulassungsbezirk Oberbayern. Die fortlaufende Nummer „1199“ verrät einiges über die damalige Auto“dichte“ in dieser ländlichen Region.

Mit solch einem österreichischen Luxusprodukt fiel man damals erst recht auf und möglicherweise hat sich hier ein örtlicher Charakterkopf vor dieser raren Erscheinung fotografieren lassen:

Austro-Daimler_ADM_Tourer_Insassen

Der selbstbewusst dreinschauende und braungebrannte Bursche wirkt jedenfalls nicht wie der typische Besitzer eines Austro-Daimler, der seinen Wohlstand sicher keiner Tätigkeit unter freiem Himmel zu verdanken hatte.

Insofern bleibt die Aufnahme gemeinsam mit den fünf eher städtisch wirkenden weiblichen Insassen im Austro-Daimler rätselhaft.

Dem Verfasser gefällt diese Aufnahme gerade wegen dieses Kontrastes aus einer jahrhundertealten regionalen Tradition, wie sie in Bayern vor dem Krieg noch lebendiger war als heute und dem Boten aus der großen weiten Welt, der aber ebenfalls alles andere als das austauschbare Produkt einer Massenkultur war.

So wie einem gestandenen Mannsbild die Aufmerksamkeit der Mitmenschen sicher ist, wenn er – abseits des Oktoberfests und im passenden ländlichen Umfeld – die „Krachlederne“ und wollene Kniestrümpfe über strammen Waden präsentiert, so macht auch ein „Porsche“ aus dem Hause Austro-Daimler heute noch Eindruck.

Überzeugende Exemplare beider Kategorien dürften heute aber Raritäten sein…

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Enthüllt! Mercedes 170 (W15) im Großformat

Der Titel wird viele heutige Liebhaber des Mercedes 170 enttäuschen – zumindest jene, die ein Exemplar des Erfolgsmodells 170V besitzen, das von 1936 bis in die Nachkriegszeit gebaut wurde.

Ein schöner Wagen zweifellos und von einer Wertigkeit, die man bei den heutigen Fahrzeugen mit dem Stern auf dem Kühler schon lange nicht mehr findet.

Hier ein bislang unpubliziertes Foto eines 170V, das einst in Budapest entstand:

Mercedes_170V_Budapest_Galerie

Mercedes-Benz 170V; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Eine weitere, am gleichen Ort entstandene Aufnahme mit demselben Auto haben wir bereits vor längerer Zeit hier besprochen.

Verhaltene Eleganz bot der 170V, keine gestalterischen Wagnisse, auch für eine moderne Konstruktionsweise stand der brave Vierzylinder nicht gerade.

Da spielte der 170er der frühen 1930er Jahre in einer anderen Liga. Er machte mit einem kultivierten Sechszylindermotor und Einzelradaufhängung rundum Furore, zumal er kompakt geschnitten und recht günstig war.

Erstmals bequemten sich die Stuttgarter außerdem, einen ihrer Wagen mit serienmäßigen Hydraulikbremsen auszustatten. Damit war der Mercedes 170 in fast jeder Hinsicht auf der Höhe der Zeit.

Zwar blieb die Leistung mit 32 PS überschaubar. Doch Autobahnen gab es damals noch nicht, auf denen man sich ein Tempo von mehr als 90 km/h gewünscht hätte.

Wir haben dieses kleine Juwel auf diesem Oldtimerblog schon in einigen Varianten vorgestellt. Eine Aufnahme davon war besonders reizvoll, ließ aber in Sachen Vollständigkeit zu wünschen übrig, nämlich diese hier:

Mercedes_170_Cabriolet_C_Heesters_Körber_Galerie

Mercedes-Benz 170 (W15), Cabriolet C; originales UFA-Foto der 1930er Jahre

Der Wagen spielt auf dieser in Berlin „Unter den Linden“ entstandenen Aufnahme nur die Statistenrolle, denn im Mittelpunkt stehen die damaligen UFA-Filmstars Johannes Heesters und Hilde Körber.

Der Typ des Mercedes ließ sich aber präzise bestimmen (Bildbericht), es handelt sich um einen 170er in der Ausführung als zweisitziges Werks-Cabriolet C.

Dennoch blieb es unbefriedigend, nicht das ganze Auto zeigen zu können. Da wir hier bevorzugt mit historischen Originalfotos arbeiten, blieb nur zu warten, bis sich eine vollständigere Aufnahme findet.

Heute ist es so weit – wir können endlich „enthüllen“, wie das Cabriolet C des Mercedes 170 im Großformat aussah:

Mercedes_170_Cabriolet_C_Galerie

Mercedes-Benz 170, Cabriolet C; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Nur fünf Jahre trennen den Mercedes 170 mit Sechszylinder und den 170V, der sich als zäher Dauerläufer entpuppen sollte.

Die Sachlichkeit des frühen 170ers erinnert noch an die 1920er Jahre. Da gibt es keine seitlichen Kotflügelschürzen, der Kühler steht senkrecht im Wind, die Türen sind gerade geschnitten, der Kofferraum ist separat am Heck angesetzt.

In diesen fünf Jahren, die die beiden Modelle trennen, schlug die Automobilindustrie – angeführt von den USA – neue Wege ein. Im direkten Vergleich wird deutlich, wie modern der 170V in formaler Hinsicht war.

Am früher vorgestellten Mercedes 170 gingen diese Entwicklungen während seiner bis 1936 währenden Bauzeit weitgehend vorbei. Nur der Flachkühler wurde 1935 durch einen leicht V-förmigen ersetzt.

Genau dieses Detail lässt sich auf unserem Foto erahnen:

Mercedes_170_Cabriolet_C_Ausschnitt

Ansonsten scheint die konservative Mercedes-Kundschaft mit dem Erscheinungsbild des 170er zufrieden gewesen zu sein. Der Mode nachzueifern, das wollte man offenbar möglichst lange vermeiden – an sich ein sympathischer Zug.

Übrigens können wir weitgehend ausschließen, dass wir es mit einem Mercedes 200 zu tun haben, der ab 1933 mit nahezu identischer Karosserie und auf 40 PS erhöhter Leistung verfügbar war.

So ähnlich sich die beiden Motorenvarianten 170 und 200 waren, so unterschiedlich fiel die Ausführung des Werkscabriolets C im Detail aus, vor allem nach der Überarbeitung ab 1935.

Den Hauptunterschied sehen wir hier:

Mercedes_170_Cabriolet_C_Ausschnitt2

Auf der Beifahrerseite ist das Seitenfenster nur zur Hälfte heruntergekurbelt. So ist der hintere, rechtwinklig ausgeführte Scheibenabschluss gut zu erkennen.

Bei der späteren Version des Cabriolet C, wie sie beim Mercedes 200 zu finden ist, war die Seitenscheibe am hinteren Ende gerundet.

Markenkenner mögen weitere Unterschiede erkennen – der Verfasser ist für eventuelle Hinweise oder auch Korrekturen dankbar.

Jedenfalls haben wir damit eine vollständige Ansicht des Mercedes 170 Werkscabriolets C, in dem einst die beiden UFA-Mimen abgelichtet wurden.

Wer beim damaligen Blogeintrag Zweifel an der Zuschreibung hegte, dürfte nun mit dieser „Enthüllung“ des einstigen Prominenten-Benz zufrieden sein…

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1914: Pfingstausfahrt im Benz 8/20 PS mit Chauffeur

Beim Sichten seines Fundus an historischen Originalfotos von Vorkriegsautos musste der Verfasser feststellen, dass sich einiges angestaut hat, was speziell die Freunde der Marke „Benz“ erfreuen dürfte.

Ein Blick in die Schlagwortwolke dieses Blogs spricht ebenfalls dafür, dass es einigen Nachholbedarf in Sachen „Benz-Automobile“ gibt – selbst vom Spätstarter BMW haben wir hier bereits mehr Aufnahmen besprochen.

Den Auftakt zu einer kleinen Zeitreise durch die enorme Typenvielfalt des Pionierherstellers aus Mannheim stellt das folgende Foto dar:

Benz_8-20_PS_Harth_Pfingsten_1914_1_Galerie

Benz 8/20 PS; Originalaufnahme aus Sammlung Michael Schlenger

Bevor wir uns mit dieser technisch wie gestalterisch hevorragenden Aufnahme im Detail befassen, sei angemerkt, dass auch das Entstehungsdatum auf der Rückseite überliefert ist: 1914.

Der beschriftete Streifen auf dem Abzug grenzt Ort und Zeitpunkt näher ein: „Harth Pfingsten“ ist dort vermerkt. Leider ist die Ortsangabe Harth nicht eindeutig, die Bezeichnung ist im deutschsprachtigen Raum recht verbreitet.

Schauen wir nun genauer hin – wie immer ist zuerst die Frontpartie an der Reihe:

Benz_8-20_PS_Harth_Pfingsten_1914_1_Frontpartie

Auf den ersten Blick lässt sich nur folgendes sagen: Das muss ein Auto sein, das um 1912 entstanden ist. 

Bei der Eingrenzung hilft uns die Gestaltung der ansteigenden Haubenpartie und des anschließenden, steileren Windlaufs. Dieses Element, das den Übergang von der Motorhaube zum Innenraum schafft, tauchte bereits früh bei Rennwagen auf.

Bei Serienfahrzeugen setzte es sich erst 1909/10 durch – wobei einzelne Modelle weiterhin eine rechtwinklig auf die vordere Schottwand treffende Haube besaßen. Eine Weile lang existierten also alte und neue Form nebeneinander.

Noch vor Beginn des 1. Weltkriegs beginnen bei vielen Autos die Haube und der Windlauf ein harmonisches Ganzes mit fast identischem Anstiegswinkel zu bilden.

Der Wagen auf unserem Foto liegt evolutorisch zwischen diesen beiden Schritten – daher dürften wir mit ca. 1912 als Baujahr nicht verkehrt liegen. Dummerweise ist vom Kühler fast nichts zu erkennen, er ist von Zweigen verdeckt.

Doch dank der Auflösung des originalen Abzugs lässt sich auf der Nabenkappe des rechten Vorderrads „BENZ“ lesen (auf dem Kopf stehend). Hier zum Vergleich eine moderne Aufnahme von einem Benz des Baujahrs 1906:

Benz_Nabenkappe_1906_Galerie

Benz-Nabenkappe; Bildrechte: Michael Schlenger

Das hilft uns enorm weiter, den nun können wir sogar den Typ recht gut bestimmen.

Um 1912 bot Benz Automobile in mehr als einem halben Dutzend unterschiedlichen Motorisierungen an – vom 20 PS-Typ mit 2 Litern Hubraum bis zum 100 PS-Giganten mit über 10 Litern, auch er ein Vierzylinder. Außer Protos baute kurz vor dem 1. Weltkrieg kaum ein deutscher Hersteller Sechszylinder.

Wie bei anderen Marken jener Zeit auch unterschieden sich parallel gebaute Motorenvarianten meist nur durch die Proportionen – die Grundform war gleich.

Dennoch liefert unsere Aufnahme genügend Indizien, um eine genaue Ansprache des Typs zu wagen, also nochmals genau hingesehen:

Benz_8-20_PS_Harth_Pfingsten_1914_1_Frontpartie2

Neben fünf Luftschlitzen in der Haube fallen vor allem die ungewöhnlich dünnen Schutzbleche auf.

Bei den mittleren bis starken Benz-Wagen hätten solche Bleche früher oder später Vibrationsrisse bekommen, daher sieht man dort durchgehend weit stärkere oder umgebördelte Vorderkotflügel.

Neben dem Benz 12/30 PS, der 1913/14 gebaut wurde, kommt nur noch das Einsteigermodell 8/20 in Frage, das von 1912-20 im Programm war.

Für diesen „Baby-Benz“, der nur einen Radstand von 2,85 m hatte, sprechen die Proportionen des Wagens auf dem Foto. Die fünf Luftschlitze finden sich auch beim 12/30 PS, die noch stärkeren Modelle wiesen mehr Schlitze auf.

Somit sprechen die Indizien am ehesten für den 8/20 PS, der wie der Baby Benz der 1980er Jahre nach denselben Qualitätsstandards wie „die Großen“ gebaut wurde.

Nach der Pflicht folgt nun die Kür – schauen wir uns die Herrschaften an, die einst an Pfingsten 1914 mit ihrem Benz 8/20 PS unterwegs waren, und sich dabei chauffieren ließ, wie das vor dem 1. Weltkrieg noch üblich war:

Benz_8-20_PS_Harth_Pfingsten_1914_1_Besitzer

Dieser Ausschnitt wäre für sich genommen schon preisverdächtig – besser in Szene gesetzt und zugleich so natürlich könnte ein Doppelportät kaum sein.

Vergessen wir nicht: Die beiden, die dort so ungezwungen vor ihrem Benz auf einer Decke lagern, schauen uns über eine Distanz von mehr als 100 Jahren an. Wenn sie gleich aufstünden, würde es einen kaum überraschen.

Man geht wohl auch nicht fehl in der Annahme, dass wir es mit einem Dokument einer wirklich glücklichen Beziehung zu tun haben, in der beide auf Augenhöhe miteinander standen.

Dem aufmerksamen Betrachter entgeht nicht der Ring, den der zufrieden in die Kamera schauende Herr „im besten Alter“ trägt.

Könnte das ein Regimentsring oder ein anderes Andenken an den Militärdienst sein, der damals obligatorisch im Deutschen Reich war? Auffallend ist auch das Emblem an der Schirmmütze – wer weiß mehr dazu?

Nun aber zu der dritten, nicht minder sympathischen Person auf dieser Aufnahme:

Benz_8-20_PS_Harth_Pfingsten_1914_1_Chaufreur

Es spricht sehr für unsere beiden Benz-Besitzer, dass sie ihren Chauffeur mit auf dem Bild haben wollten – und er scheint zu wissen, dass er es gut getroffen hat.

Selten lässt sich eine Chauffeurs-Montur der Zeit vor dem 1. Weltkrieg so detailgenau studieren.

Neben der obligatorischen Schirmmütze, die an Dimension noch die des Brötchengebers übertrifft, fällt der „Vatermörder“-Kragen auf, der aus der zweireihigen (und damit besonders winddichten) Jacke hervorlugt.

Natürlich trägt man als Chauffeur kräftige Lederhandschuhe – die Lenkarbeit war damals noch eine körperliche Herausforderung, die viele Autobesitzer scheuten. Sehr schön zu erkennen sind auch die Ledergamaschen über den Schnürschuhen. 

Sie sehen nicht nur eindrucksvoll aus – auf den ersten Blick wirken sie wie Reitstiefel – sie bieten auch zusätzlichen Schutz vor Luftzug und Verschmutzung.

Damit sind wir noch nicht am Ende – am selben Tag entstand eine weitere Aufnahme, auf der nun der Benz allein mit dem Chauffeur abgelichtet wurde:

Benz_8-20_PS_Harth_Pfingsten_1914_2_Galerie

Benz 8/20 PS; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Hier haben wir auf den ersten Blick dieselbe Situation, nur ohne die Besitzer. Sie waren großzügig genug, um ein weiteres Foto aufnehmen zu lassen, das wohl für den Chauffeur selbst bestimmt war.

Man könnte aus der Existenz der beiden Fotos in einer Hand schließen, dass wir es eher mit dem Nachlass des Fahrers als dem des Paars zu tun haben, dem der Benz gehörte. Leider wissen wir nichts Genaueres darüber.

Zumindest hilft uns diese zweite Aufnahme bei der Bestätigung der Marke, da hier die Kühlerpartie mit dem runden Benz-Emblem etwas besser sichtbar ist:

Benz_8-20_PS_Harth_Pfingsten_1914_2_Frontpartie

Hier ist auch der pilzförmige Deckel des Kühlwassereinfüllstutzens klarer zu sehen, der typisch für Benz-Automobile war.

Deutlicher hervor treten nicht zuletzt die Frontscheinwerfer aus Messing, die mit einem Kunstlederüberzug vor Schmutz und zu schnellem Anlaufen geschützt sind.

Ihre beeindruckende Größe im Vergleich zum Wagen ist ein weiteres Indiz dafür, dass wir es mit einem kleinen Benz-Modell zu tun haben.

Werfen wir bei der Gelegenheit noch einen letzten Blick auf den Fahrer, der hier neben seinem „Arbeitsplatz“ abgelichtet wurde:

Benz_8-20_PS_Harth_Pfingsten_1914_2_Fahrer

Sein ruhiger konzentrierter Blick vereint sich mit einer selbstbewussten Pose, ein weiteres schönes Dokument aus längst vergangenen Zeiten.

Wenige Monate, nachdem diese Fotos aufgenommen wurden, begann der 1. Weltkrieg. „Unser“ Chauffeur dürfte es vergleichsweise glücklich getroffen haben – er wurde vermutlich als Fahrer eines Offiziers eingesetzt.

Mag ihm auch das Elend des Grabenkriegs erspart geblieben sein, war auch seine Welt nach Kriegsende nicht mehr dieselbe. Konnte er in seine alte Stellung zurückkehren? Musste er sich eine neue Arbeit suchen?

Sollte er noch einmal so sichere, glückliche Tage verbringen wie einst an Pfingsten 1914? Wir wissen es nicht.

In solchen Fotos weht einen eine untergegangene Welt an und man fragt sich 100 Jahre später unwillkürlich: wie wird es mit der unseren weitergehen?

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Dem Zenit ganz nahe: Ein Oldsmobile von 1935

Dass alles Menschenwerk vergänglich ist und das große Rad der Zeit alles unter sich zermalmt, ist kein schöner Gedanke – aber einer, der dem Einzelnen dabei hilft, von ihm nicht beeinflussbares Geschehen mit Fassung zu tragen.

So wie die Errungenschaften einer Hochkultur wieder verlorengehen, wenn die sie tragenden Kräfte nachlassen oder verdrängt werden, so ist auch auf der Ebene der technischen Zivilisation keine Führungsposition von Dauer.

Über kurz oder lang erlahmt auf dem Zenit des Erfolgs der Leistungswille, Bequemlichkeit und Nachlässigkeit halten Einzug – machen Platz für junge, hungrige und rücksichtslos Schwächen ausnutzende Konkurrenten.

Das Bild trifft auch auf die US-Automobilindustrie zu, die in den 1930er Jahren einen uneinholbar erscheinenden Vorsprung hatte. Niemand sonst baute so großzügige, leistungsfähige und modern gestaltete Wagen für den Massenmarkt.

Wer damals in Europa ein souverän motorisiertes, prestigeträchtiges Auto suchte, aber nicht die Mittel für die teuren Manufakturwagen hatte, die viele lokale Anbieter im Programm hatten, kam an den „Amerikaner“-Wagen kaum vorbei.

Das galt erst recht für Länder, die über keine nennenswerte heimische Automobilindustrie verfügten. Ein schönes Beispiel dafür ist dieser eindrucksvolle Oldsmobile von 1934, den es einst in die Bergwelt der Schweiz verschlagen hatte:

Oldsmobile_1934_Schweiz_Ausschnitt

Oldsmobile von 1934; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Regelmäßige Leser dieses Vorkriegsauto-Blogs werden sich an den Wagen erinnern – wir haben ihn erst kürzlich ausführlich vorgestellt (Bildbericht).

Man präge sich bei dieser Gelegenheit die Linienführung des Wagens ein: den schrägstehenden Kühlergrill und die damit in Kontrast stehende, fast vertikale Frontscheibe. Auch auf die tropfenförmigen Positionsleuchten und die kantigen Formen des hinteren Kotflügels sei verwiesen.

So sah – wie gesagt – der Oldsmobile des Modelljahres 1934 aus. Wie es der Zufall will, verdanken wir einer Leserin ein zauberhaftes zeitgenössisches Foto aus Familienbesitz, das den Nachfolger aus dem Jahr 1935 zeigt:

Oldsmobile_1935_Galerie

Oldsmobile von 1935; Originalfoto aus Privatbesitz

Natürlich ist das Auto hier nur Staffage, der Fotograf hatte es auf die beiden jungen Damen abgesehen und sie perfekt im Schärfebereich des Objektivs platziert. Ob die beiden Verwandte oder Freundinnen waren, wissen wir nicht.

So sehr sich ihre Kleidung ähnelt, so unterschiedlich sind sie vom Typ her – die eine freundlich-verhalten, beinahe schüchtern und auf sich selbst bezogen, die andere gewinnend, selbstbewusst und raumgreifend.

Zurück zum Auto im Hintergrund. Wie bei der eingangs gezeigten Aufnahme des Oldsmobile von 1934 aus der Schweiz bedurfte es einiger Recherchen, um den Hersteller dieses Wagens und das Modelljahr zu identifizieren.

Am Ende stellte sich das Gefährt als Oldsmobile aus dem Jahr 1935 heraus. Der Vergleich mit dem nur ein Jahr älteren Modell zeigt, was sich alles getan hatte:

Oldsmobile_1935_Frontpartie.jpg

Zwar steht der Kühlergrill nicht mehr ganz so schräg im Wind und hat einige der Zierstreben verloren. Doch ist er deutlich gerundeter und besser an die Karosserie angepasst.

Damit korrespondiert die nun stärker geneigte und pfeilförmig geteilte Frontscheibe, die man am Vorgänger vermisst. Die Kotflügel sind rundlicher und voluminöser  – sie lassen die Radhäuser der späteren 1930er Jahre ahnen, die mit der Karosserie zu verschmelzen begannen.

Wenig getan hatte sich bei den tropfenförmigen Scheinwerfern und der windschnittigen Gestaltung der seitlichen Öffnung in der Motorhaube.

Doch die Positionslampen auf den Vorderschutzblechen künden vom Einfluss eines Entwurfs, der viele Elemente vorwegnahm, die man später am Chrysler Airflow und den Stromlinienwagen von Tatra und Volkswagen wiederfindet.

Die Rede ist vom Briggs-Prototyp von 1933, den wir hier vor längerem anhand eines originalen Pressefotos vorgestellt haben:

Briggs_Prototyp_1933

Briggs Prototype; Pressefoto aus Sammlung Michael Schlenger

Wie gesagt – hier geht es nur um den Einfluss, den die Gestaltung der Scheinwerfer bei diesem in Europa kaum bekannten, doch für die Entwicklung der Stromlinienautos hochbedeutenden Wagen ausübte.

Bei Oldsmobile beließ man es zwar 1935 bei freistehenden Tropfenscheinwerfern, aber die Positionsleuchten auf den Kotflügeln wurden im selben Stil wie beim Briggs Prototype ausgeführt:

Oldsmobile_1935_Frontpartie2

Auf zwei Dinge sei bei dieser Ausschnittsvergrößerung noch hingewiesen:

Das eine ist das eigentümliche Emblem auf dem Kühlergrill, auf dem die Buchstabenfolge „…ACAR“ sicher zu lesen ist. Hier kann vielleicht ein sachkundiger Leser weiterhelfen.

Keine Probleme dagegen bereitet die Interpretation des Schattenwurfs der Stoßstange des Oldsmobile. Demnach muss diese Aufnahme zur Mittagszeit entstanden sein, als die Sonne ihren sommerlichen Höchststand erreichte.

So hoch im Zenit steht die Sonne jedoch in unseren Gefilden nie. Tatsächlich entstand dieses Foto weiter südlich – in Siebenbürgen, das mehrheitlich von Deutschen bewohnt wurde, aber nach dem 1. Weltkrieg von den Siegermächten Rumänien zugesprochen wurde.

Unsere adretten Fotomodelle konnten sich damals glücklich schätzen, dort in offensichtlich wohlhabenden Verhältnissen aufzuwachsen. Denn so ein Oldsmobile verfügte je nach Austattung über kraftvolle 6- oder 8-Zylindermotoren mit über 80 PS und eine luxuriöse Ausstattung.

Das wird die beiden Blondinen nicht im Detail interessiert haben, doch Haushalte mit Automobilen waren dermaßen selten, dass sie wussten, wie gut es ihnen ging:

Oldsmobile_1935_Porträt

Womöglich hält diese Aufnahme aber auch den Zenit ihres Daseins fest, denn wenige Jahre später begann der 2. Weltkrieg, in dem Rumänien anfangs mit Deutschland verbündet war, doch später die Seiten wechselte.

Das Kriegsende und die Jahre unter rumänischer Herrschaft bedeutete für die Deutschen in Siebenbürgen bittere Zeiten, über die hierzulande Aufgewachsene kaum etwas erfahren haben, wenn nicht die eigene Familie betroffen war.

So erinnert das alte Foto eines Oldsmobile daran, wie vergänglich das Glück und vermeintlich gesicherte Positionen sein können.

Auch die US-Autoindustrie war damals ihrem Zenit nahe. Nach dem dank überlegener Industriekapazität und Logistik gewonnenen Krieg sollte der unaufhaltsame Abstieg beginnen…

© Michael Schlenger, 2017. All entries in this blog (including embedded photos) are copyrighted by the author, unless otherwise indicated. Excerpts and links may be used, provided that credit is given to Michael Schlenger and https://www.klassiker-runde-wetterau.com with appropriate and specific direction to the original content.