Ein Berliner Original – ein Protos Typ G „Spezial“

Beim Thema „Special“ scheiden sich bekanntlich die Geister.

Der Verfasser ist der Ansicht, dass man die Sache nicht zu verkniffen sehen sollte – es geht weder um Leben oder Tod noch um Krieg oder Frieden.

Ein pragmatischer Ausgangspunkt ist der, dass jeder mit seinem Auto machen kann, was er will – so war das ja einst auch, als ausgediente Wagen der 1920er in den USA nach dem Krieg zu Hotrods umgebaut oder ausgeschlachtet wurden.

Allerdings: Heute sind kaum noch originale – also nie von Grund auf „restaurierte“ – Vorkriegswagen vorhanden.

Da sollte es für jemanden mit historischem Bewusstsein klar sein, dass man nicht gerade die letzten – sagen wir: Bentleys und Rileys – mit originalem Aufbau für einen „Special“ nach eigenem Gusto opfert.

Es gibt dagegen reichlich Autos im Angebot, die nur noch zum Wiederaufbau geeignet sind, weil die originale Karosseriesubstanz und die Innenausstattung unrettbar oder verschwunden sind.

In solchen Fällen käme die Rekonstruktion des ursprünglichen Aufbaus aber einer Fälschung gleich. Da ist eine an historischen Vorbildern orientierte Eigenkreation die überzeugendere Lösung:

Autosave-File vom d-lab2/3 der AgfaPhoto GmbH

Protos „Special“; Bildrechte: Michael Schlenger

Diese Aufnahme eines Protos „Special“ ist vor einigen Jahren bei den Classic Days auf Schloss Dyck entstanden. Dem Verfasser gefiel der Stil des Wagens, obwohl er mit der Marke damals nur wenig verband.

Inzwischen gehören Wagen der in Berlin beheimateten und seit 1908 zum Siemens-Konzern gehörenden Marke zu den regelmäßigen „Gästen“ auf diesem Blog, der Vorkriegsautos auf Originalfotos präsentiert (Protos-Bildergalerie).

Bei der Beschäftigung mit der Marke ist dem Verfasser auch klargeworden, dass der Protos auf obigem Foto wahrscheinlich ein neuzeitlicher Special ist.

Dafür spricht die Kühlermaske, die sich nur oberflächlich am Original orientiert. Vermutlich waren auch hier bloß Fahrgestell und Antriebsstrang übrig.

Der Neuaubau darf jedenfalls als gelungen gelten und wahrt gleichzeitig angemessenen Abstand zum Original – dagegen wird niemand etwas haben.

Problematisch sind die Zeitgenossen, die nicht offen damit umgehen, dass ihr Special kein Original ist. Das entwertet die Fahrzeuge derer, die eine rare Spezialausführung mit echter Historie besitzen.

Verlassen wir dieses verminte Gelände und wenden uns einem Protos „Spezial“ aus einer Zeit zu, als man den Begriff noch nicht kannte und auch nicht gerade sportliche Ambitionen mit dem Umbau eines alten Wagens verband:

Protos_G1_oder_2_Berlin_Nachkrieg_Galerie

Protos G-Typ; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Wer bei der Ankündigung einen rassigen Protos-Sportwagen erwartet hat, wird über diese Ausführung vielleicht enttäuscht sein. Aber man muss zugeben: Speziell ist dieser Wagen schon, und das in mehrfacher Hinsicht.

Auf jeden Fall haben wir es mit einem nach dem 1. Weltkrieg umgebauten Vorkriegstyp von Protos zu tun. Zu diesem Ergebnis kommen wir wie folgt:

Dass es ein Protos sein muss, ergibt sich aus der einzigartigen Gestaltung der Kühlermaske, deren Oberteil v-förmig in das Kühlergitter hineinragt:

Protos_G2_Berlin_Nachkrieg_Frontpartie

Die Datierung der Aufnahme ergibt sich aus der Doppelstoßstange nach Vorbild von US-Wagen – hier nachträglich montiert. Vor dem 1. Weltkrieg findet man so etwas nicht.

Auch die legere Kleidung und Haltung einiger der Umstehenden legt einen Entstehungszeitpunkt in den 1920er Jahren nahe.

Die nach dem 1. Weltkrieg gebauten Protos-Wagen – der bereits vorgestellte C-Typ – hatten in zwei Feldern angeordnete Luftschlitze in der Motorhaube.

Das Fehlen dieses Details und der hinter der Haube steil ansteigende Windlauf sprechen für ein Baujahr des abgebildeten Fahrzeugs zwischen 1910 und 1914.

Da die Protos-Modelle jener Zeit nirgends vollständig anhand aussagefähiger und exakt zuzuordnenden Abbildungen dokumentiert sind, lässt sich der genaue Typ nur näherungsweise ermitteln.

Vergleiche mit den wenigen existierenden Abbildungen in der Literatur (z.B. „Ahnen unserer Autos“, von Gränz/Kirchberg, 1975) sprechen dafür, dass es sich um einen der ab 1910 gebauten Vierzylindertypen handelt.

Der Verfasser plädiert für einen Protos des Typs G2 mit 21 PS (später: 22 PS), der bis 1914 stetig weiterentwickelt wurde. Aufgrund der Dimensionen nicht auszuschließen ist aber auch das große Vierzylindermodell E1 mit 42 PS.

Wer hierzu Näheres sagen und brauchbare Quellen anführen kann, möge sich bitte melden. Protos gehört zu den deutschen Oberklassemarken, zu denen es bis heute keine angemessene Dokumentation gibt, auch nicht im Netz.

Jetzt aber zu unserem „Spezial“-Aufbau, für den wohl ein Tourenwagen als Basis herhalten musste – für eine Limousine wirkt der Dachaufbau zu filigran:

Protos_G2_Berlin_Nachkrieg_Aufbau

Offensichtlich diente dieser umgebaute, einst stolze Protos nach dem 1. Weltkrieg keinen sportlichen Zwecken, sondern wurde als schnöder Transporter eingesetzt.

Da hatte sich also jemand auf die Reinigung von Bierzapfanlagen von Gaststätten spezialisiert und war dazu mit einem mobilen Dampfreiniger unterwegs.

In Berlin wird man mit dieser Dienstleistung sein Auskommen gehabt haben – vielleicht eine Anregung für die vielen „Hipster“, die in der sich für „arm, aber sexy“ haltenden Hauptstadt heute brotlosen Tätigkeiten nachgehen…

Wie lange der alte Protos auf seine alten Tage wohl noch „anschaffen“ musste? Das eingeknickte Trittbrett unterhalb des Ersatzrads verrät jedenfalls, dass der harte Arbeitseinsatz von dem einstigen Luxuswagen seinen Tribut forderte.

In diesem abgewirtschafteten Stadium hatte der Wagen kaum eine Chance, bis in unsere Tage zu überleben. Das Foto ist wohl das Einzige, was von ihm geblieben ist.

Oder schlummert sein Chassis mitsamt Motor noch irgendwo einem zweiten Frühling entgegen? Dann wäre das eine Gelegenheit, aus dem Veteranen wiederum etwas Spezielles zu machen!

© Michael Schlenger, 2017. All entries in this blog (including embedded photos) are copyrighted by the author, unless otherwise indicated. Excerpts and links may be used, provided that credit is given to Michael Schlenger and http://www.klassiker-runde-wetterau.com with appropriate and specific direction to the original content.

 

 

 

An der eigenen Brillianz gescheitert – Röhr 8 Typ R

In der Automobilgeschichte der Vorkriegszeit wimmelte es vor tragischen Existenzen – tausende von Entwicklern, Konstrukteuren und Finanziers glaubten einst, dass sie etwas bahnbrechend Neues beizutragen haben.

Übriggeblieben sind nach über 125 Jahren Autoentwicklung ein Dutzend Hersteller, die den Weltmarkt beherrschen. Ihre Produkte sind meist von derselben öden Perfektion geprägt – gleichzeitig werden die Logos immer größer.

Als die Autos noch echten Charakter hatten, war die Wahl der Automarke, des Typs und der Konstruktion Ausdruck persönlicher Überzeugung.

In den 1920er Jahren statt eines „Amerikaner-Wagens“ ein in fast jeder Hinsicht unterlegenes deutsches Auto zu fahren, war ebenso ein „Statement“ wie in den 1930ern Fronttriebler zu bevorzugen oder auf Luftkühlung zu schwören.

Die Vielfalt der Anbieter und Konzepte in der Vorkriegszeit erleichterte solche automobile Distinktion.

Hinzu kam, dass Automobile hierzulande bis zum 2. Weltkrieg ein Luxusgegenstand blieben, der nur einem kleinen Bevölkerungsteil zugänglich war.

Bei den deutschen Marken, die diese spezielle Klientel bedienten und dabei auf hohem Niveau stilvoll scheiterten, denken Kenner außer an Stoewer aus Stettin auch an den hessischen Hersteller Röhr.

Fotos von Wagen dieser kurzlebigen Marke (1927-35) sind eine Rarität. Die folgende Aufnahme verdanken wir Leser Marcus Bengsch, der uns mehrere Röhr-Originalfotos aus seiner Sammlung zur Verfügung gestellt hat:

Röhr_8_R_Cabriolet-Limousine_Marcus_Bengsch_Galerie

Röhr 8 Typ R; Originalaufnahme aus Sammlung Marcus Bengsch

Dass dies eine Privataufnahme ist, mag man kaum glauben – hier wirkt alles professionell: Blickwinkel, Bildaufbau, Belichtung und Schärfentiefe – auch das „Modell“ scheint es gewohnt zu sein, vor der Kamera zu posieren.

Bevor wir uns näher mit dem Auto befassen, das Wichtigste zur Vorgeschichte der Autoproduktion von Röhr:

Der Namensgeber – Hans Gustav Röhr – war wie viele Köpfe in der Automobilgeschichte ein Naturtalent, was Neuerungen angeht, ohne sie bis ins Detail selbst konstruktiv umzusetzen – dafür hatte er einen begabten Ingenieur an seiner Seite, der ihn zeitlebens begleiten sollte: Joseph Dauben.

Mit ihm zusammen hatte Röhr noch als Minderjähriger (!) ein Flugzeug gebaut, das auch tatsächlich flog. Den 1. Weltkrieg überstand Röhr als Pilot von Aufklärungs- und Jagdmaschinen mit viel Glück.

Nach dem Krieg findet man das Gespann bei der Kölner Autofabrik Priamus wieder, von deren Wagen wir bei Gelegenheit erstmals Originalfotos zeigen werden.

Versuche der beiden, bei Priamus Erkenntnisse aus dem Flugzeugbau umzusetzen, scheiterten. Nach dem Konkurs von Priamus 1921 schlug sich Röhr in Berlin mit diversen Tätigkeiten durch.

Daneben verfolgte er sein Projekt eines neuartigen Automobils, das geringes Gewicht, niedrigen Schwerpunkt und überlegene Straßenlage vereinte. Als Antrieb vorgesehen war dafür ein Sechsyzlinder.

Nach diversen Anläufen fand Röhr – wiederum zusammen mit Joseph Dauben – einen Finanzier, der 1926 die Übernahme der insolvente Falcon-Autowerke in Ober-Ramstadt bei Darmstadt ermöglichte.

Dieser Schritt ermöglichte eine Serienproduktion der Röhr-Wagen, war aber wohl auch der entscheidende Grund für das Scheitern.

Weil die Falcon-Werke für eine Serienfertigung in großem Stil zu klein waren, entschied man sich für eine Neukonstruktion des Röhr-Wagens mit 8 Zylindern, bei der sich auch kleinere Stückzahlen rechnen sollten.

Das Ergebnis sehen wir auf dem Foto von Marcus Bengsch:

Röhr_8_R_Cabriolet-Limousine_Marcus_Bengsch_Ausschnitt

Bei seiner Vorstellung 1927 sorgte der auf den ersten Blick unscheinbare Röhr 8 Typ R – die Karosserie stammte übrigens von Autenrieth im benachbarten Darmstadt – für Aufsehen durch seine bis dahin unerreichte Straßenlage.

Das Geheimnis lag in der Kombination aus Tiefbett-Kastenrahmen, der eine niedrige Sitzposition, günstige Schwerpunktlage und niedrige Bauweise erlaubte, und Einzelradaufhängung vorn und hinten.

Das erinnert an den Lancia Lambda, mit dem Unterschied, dass der Röhr hinten keine Starrachse mehr besaß. Man erkennt dies auf dem Foto gut am Sturz der Hinterräder.

Röhr bewarb seinen Entwurf mit dem kühnen Slogan „Der sicherste Wagen der Welt“ – was in Zeiten, in denen man Reklame noch als solche aufzufassen wusste, nicht gleich Unterlassungserklärungen gieriger Anwälte nach sich zog.

Weniger brilliant fiel die Motorenkonstruktion aus. Der anfänglich nur 2 Liter messende, später vergrößerte Reihenachtzylinder wies Malaisen auf, die nie ganz beseitigt wurden.

Doch scheint das nicht der Hauptgrund gewesen zu sein, weshalb der Röhr 8 Typ R ein kommerzieller Misserfolg war, der 1930 zum Zusammenbruch der Firma führte.

Das Kernproblem der Firma wie anderer deutscher Hersteller war, dass man keine wirtschaftlich tragfähige Produktion zustandebrachte. Viele Autobauer hierzulande wollten einfach nicht begreifen: der Schlüssel zum Erfolg war eine rationelle Fertigungsweise.

Röhr hatte die Falcon-Werke gekauft, obwohl dort keine für die Produktion im großen Stil ausreichende Infrastruktur und geschulte Arbeiterschaft vorhanden war. Man hätte wohl besser auf der grünen Wiese eine angemessen dimensionierte Fabrik gebaut.

Dass Ende der 1920er in Deutschland von vielen Firmen immer noch keine Lehren aus dem Erfolg der Massenproduktion der US-Autobauer gezogen wurden, kündet von einem überheblichen Vertrauen in die eigene Brillianz und einer eigentümlichen Ignoranz gegenüber wirtschaftlichen Aspekten.

Die deutsche Neigung zur Verzettelung im Detail und die Begeisterung für irrationale Sonderwege führt aber auch heute noch zu bizarren Blüten – etwa der eklatanten Unfähigkeit, einen Flughafen in der Hauptstadt zu errichten.

Wenn die Ergebnisse dieses organisatorischen Versagens nur so brilliant daherkämen wie ein Röhr Achtzylinder der späten 1920er Jahre…

Literatur: Werner Schollenberger, Röhr – Ein Kapitel deutscher Automobilgeschichte, Darmstadt 1996

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Ausflug mit einem raren Vogel – Adler 6/24 PS

Die Wagen des einstigen Frankfurter Qualitätsherstellers Adler gehören zu den häufigsten „Gästen“ auf diesem Oldtimerblog für Vorkriegswagen.

Dabei stehen aber keineswegs die heute noch beliebten Modelle der 1930er Jahre – Adler „Trumpf“ und „Trumpf Junior“ – im Vordergrund, sondern die kaum mehr bekannten Typen der Goldenen Zwanziger.

Schon mehrfach konnten wir hier Originalfotos des ersten Großserienerfolgs der Frankfurter präsentieren. Gemeint ist der Adler 6/25 PS, von dem zwischen 1925 und 1928 über 6.000 Exemplare gebaut wurden.

Speziell für Leser, die das Modell noch nicht kennen, hier eine bislang unveröffentlichte Aufnahme aus der Sammlung des Verfassers:

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Adler 6/25 PS; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Typisch für den Typ 6/25 PS sind die schüsselförmigen Scheibenräder – üblich waren zuvor Holz- oder Drahtspeichenräder – und der flache Kühler mit dem ins Kühlernetz hineinragenden dreieckigen Adler-Emblem.

Nebenbei: Sieht der Vorgarten im Hintergrund nicht erfreulicher aus als die sich auch vor Altbauten ausbreitenden Bruchsteinwüsten mit abgesägten Zäunen und einer pflegeleichten Alibipflanze inmitten von grauem Schutt aus dem Baumarkt?

An solchen Erscheinungen – dem Senken kultureller Standards auf ein funktionelles Minimum – machen Archäologen den Niedergang von Kulturen aus. Dass wir uns hier an historischen Fotos alter Autos ergötzen, steht dem nicht entgegen…

Zurück zum Adler 6/25 PS: Kaum bekannt und in der Literatur so gut wie nicht festgehalten ist, dass er einen ähnlichen Vorläufer hatte, den Typ 6/24 PS.

Hier haben wir eine zeitgenössische Originalaufnahme, die wahrscheinlich einen dieser raren Vögel zeigt, von denen nur rund 500 Stück entstanden:

Adler_6-24_PS_2_Galerie

Adler 6/24 PS; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Diese Aufnahme, die wohl anlässlich eines Ausflugs mit der Familie entstand, zeigt den Adler bei einer möglicherweise gestellten Startprozedur.

Denn der Wagen besaß sicher bereits einen elektrischen Anlasser. Zu den sonstigen technischen Daten lässt sich aber nur wenig sagen.

Die Steuer-PS lassen vermuten, dass er wie der spätere Adler 6/25 PS über einen konventionellen Vierzylinder mit 1,6 Liter Hubraum verfügte. Über die Zahl der Gänge und die Art der Bremse (Zwei- oder Vierradbremse) ließ sich nichts in Erfahrung bringen. Möglicherweise wissen versierte Leser dazu mehr.

Klarheit besteht dagegen im Hinblick auf die formalen Unterschiede zum 6/25 PS-Typ. Folgender Ausschnitt lässt die Details besser erkennen:

Adler_6-24_PS_2_Ausschnitt_1

Die Kühlerpartie sieht zwar sehr ähnlich aus, doch die Drahtspeichenräder sprechen gegen das Adler 6/25 PS-Modell, das es nur mit Scheibenrädern gab.

Die seitlichen Schürzen an den Vorderschutzblechen sind ein nachträglich angebrachtes Zubehör, das eine starke Verschmutzung des Wagens bei ungünstigen Straßenverhältnissen verhinderte. Eine solche Ausstattung sieht man auch auf Fotos des Nachfolgers 6/25 PS (Beispiel).

Typisch für den Adler 6/24 PS dagegen ist der nach unten schlanker werdende Karosseriekörper – hier zu erkennen am scheinbar schrägen Verlauf der Luftschlitze in der Motorhaube.

Diese „Tulpenform“ ist ein formales Relikt aus der Zeit vor dem 1. Weltkrieg. Beim späteren Adler 6/25 PS verlaufen die Seitenteile der Motorhaube senkrecht, was den Wagen in Kombination mit den Scheibenrädern moderner wirken lässt.

Erwähnenswert ist auch die vertikale Unterteilung der Frontscheibe des Adler 6/24 PS, die nur auf der Fahrerseite oben ausstellbar ist. Auf Fotos des Nachfolgetyps 6/25 PS sieht man stets durchgehende Windschutzscheiben.

Wie immer sind weiterführende Hinweise von sachkundigen Lesern willkommen, denn der Verfasser ist kein Adler-Spezialist – er hat schließlich Dutzende andere untergegangene Vorkriegsmarken zu „betreuen“.

Vielleicht hat ja sogar jemand eine zündende Idee, was für ein Wagen sich hinter dem zigarrerauchenden Schirmmützenträger abzeichnet…

Adler_6-24_PS_2_Ausschnitt_2

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Doppelt hält besser: Presto „D-Typ“ Tourenwagen

Oldtimerblogs gibt es jede Menge – vor allem in der englischsprachigen Welt, in der gerade die Automobile der Frühzeit eine größere Wertschätzung genießen als im deutschsprachigen Raum, wo der „Mainstream“ meist der Moderne huldigt.

Da fällt es nicht schwer, einen eigenen Akzent zu setzen, indem man sich auf Vorkriegsautos beschränkt und diese in historischen Originalfotos präsentiert.

Wie anders das Ergebnis dieses Ansatzes ist, davon geben die Bildervorschau und die Schlagwortwolke auf diesem Blog eine Vorstellung:

„Von Adler bis Zetka“ heißt es da und unter den am häufigsten besprochenen Marken finden sich auch Hersteller der zweiten Reihe wie Stoewer und Wanderer.

Heute widmen wir uns hier einem alten Bekannten, von dem man kaum genug bekommen kann. Die Rede ist vom Tourenwagen des Typs D vom Chemnitzer Hersteller Presto, den wir in gleich zwei Exemplaren zeigen:

Presto_D-Typ_Galerie

Presto Typ D 9/30 PS, Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Auch wenn der Wagen von einer 12-köpfigen Gesellschaft belagert wird – man versuche das mal mit einem modernen Auto – hat ein guter Geist (der Fotograf?) dafür gesorgt, dass das Modell klar zu erkennen ist.

Für diejenigen, die mit dem Presto D-Typ noch nichts verbinden, an dieser Stelle im Schnelldurchgang erst einmal alles Wissenswerte:

Dem seit der Jahrhundertwende im PKW-Bau tätigen Hersteller aus Chemnitz gelang nach überschaubarem Erfolg vor dem 1. Weltkrieg mit dem D-Typ ab 1921 ein echter Treffer.

Mit dem 9/30 PS-Modell (2,4 Liter-Vierzylinder) besetzte Presto eine Nische, in der es in der ersten Hälfte der 1920er Jahre am deutschen Markt kaum Konkurrenz gab.

Adler, Brennabor, Dixi und Opel konzentrierten sich seinerzeit auf 24 bzw. 25-PS-Modelle. Der Protos C-Typ mit 10/30 PS war steuerlich ungünstiger.

Der D-Typ von Presto erreichte ein Spitzentempo von 70 km/h, so ziemlich das Maximum, das auf den unbefestigten damaligen Straßen vertretbar war.

Von Anfang an wurde ein Vierganggetriebe verbaut und die Elektrik war auf 12 Volt ausgelegt. Ab 1925 gab es Vierradbremsen, damit ließe sich das Modell auch heute noch auf dem Land entspannt bewegen.

Typisch für den Presto-D-Typ war der leicht schrägstehende Spitzkühler mit ausgeprägter umlaufender Sicke und schräg aufgesetztem Markenemblem:

Presto_D-Typ_Ausschnitt1

Die sechs Luftschlitze in der hinteren Hälfte der Motorhaube sind ein weiteres Erkennungsmerkmal des Presto D-Typs – zumindest in den ersten Jahren.

Man beachte an dieser Stelle auch die schlichte Ausführung der Nabenkappe und die im Bedarfsfall demontierbaren Felgen. Diese Details sollten sich während der Produktionsdauer ändern, wie wir noch sehen werden.

Vorher würdigen wir aber noch die Gesellschaft, die einst mit diesem Presto abgelichtet wurde. Wer meint, dass die damalige Mode unsere Vorfahren zu einem uniformen Erscheinungsbild zwang, wird hier eines Besseren belehrt:

Presto_D-Typ_Ausschnitt2

Das sind auch ohne bizarre Tätowierungen auf bleichem Gebein Individuen von Kopf bis Fuß. Wer Anregungen für den Auftritt beim nächsten Vorkriegsautotreffen sucht, wird hier fündig.

Möglicherweise sprach ein Presto mit seiner unverwechselbaren Optik einst eine Käuferschicht an, die auf ein individuelles Erscheinungsbild Wert legte.

Wie auch immer – bis Mitte der 1920er Jahre stieß der Presto D-Typ auf genügend Interesse. Dabei fand äußerlich eine gewisse Modellpflege statt.

Nachvollziehen ist das auf folgender Aufnahme eines späten Presto D-Typs:

Presto_D-Typ_spät_Galerie

Presto Typ D 9/30 PS, Originalaufnahme aus Sammlung Michael Schlenger

Auf den ersten Blick hat dieser Tourenwagen wenig gemeinsam mit dem zuvor gezeigten Fahrzeug.

Das wäre ein schwerer Fall wie viele andere noch nicht identifizierte Fahrzeuge auf Fotos aus der Sammlung des Verfassers. Doch hier hilft uns das gute alte Oldtimer-Buch weiter.

So ist in Werner Oswald Standardwerk „Deutsche Autos – 1920-1945“ auf Seite 338 ein ganz ähnlicher Presto von 1924 abgebildet.

Der Wagen trägt denselben markanten Kühler wie die frühen Exemplare, weist aber eine lange Reihe hoher Luftschlitze in der Motorhaube auf –  ganz wie das Auto auf unserem Foto.

Des Weiteren läuft das Vorderschutzblech schnurgerade auf das Trittbrett zu, die Nabenkappe ist nun verchromt und umfasst sechs Radmuttern:

Presto_D-Typ_spät_Ausschnitt1

Dieses Fahrzeug hatte nicht nur Bremsen an den Vorderrädern, sondern war auch darauf ausgelegt, dass bei einer Reifenpanne das ganze Rad – und nicht nur die Felge mitsamt Reifen – ausgetauscht wurde.

Diese Details lassen vermuten, dass wir es hier mit einem der letzten Wagen des D-Typs von Presto zu tun haben. Bis 1925 entstanden nicht ganz 10.000 Exemplare.

Auf ein Kuriosum sei an dieser Stelle hingewiesen:

Das junge Paar, das sich mit seinem Presto-Tourenwagen des Typs D hat ablichten lassen, ist hier doppelt sichtbar, wie man der veränderten Beinstellung sieht.

Presto_D-Typ_spät_Ausschnitt2

Vielleicht hat es sich mit Selbstauslöser bei langer Belichtungszeit fotografiert und während der Blendenöffnung seinen Standpunkt leicht geändert.

Oder es kam zu einer Doppelbelichtung, da der Film vor der zweiten Aufnahme nicht weitertransportiert wurde.

„Doppelt hält besser“ scheint jedenfalls die Devise gewesen zu sein und diesem Motto folgend haben wir hier gleich zwei Presto D-Typen präsentieren können. Da Fotos dieser schnittigen Wagen nicht besonders selten sind, kann man sich diesen verschwenderischen Umgang mit dem Archivmaterial leisten.

Wirklich seltene Sachen zeigen wir hier in der Rubrik Fund des Monats. In letzter Zeit hat sich dafür genug interessantes Material eingefunden, für das es teilweise keine Entsprechung in der Literatur gibt.

Also am besten öfters mal vorbeischauen, liebe Vorkriegsfreunde. Und bitte auch an Gleichgesinnte denken, für die das Netz sonst keine solche Anlaufstelle bietet…

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Treffen sich ein Hudson und ein Dampfer aus Hamburg…

Was im Titel wie der Anfang eines schlechten Witzes klingt, war vor 90 Jahren irgendwo in Südamerika Realität.

Den Beweis liefert folgende Ansichtskarte –  nebenbei: alte Postkarten sind eine unerschöpfliche Quelle historischer Aufnahmen von Vorkriegsautos, wie sie die Leser dieses Oldtimerblogs fast täglich genießen dürfen.

Hudson_Super_Six_Schnelldampfer_Cap_Norte_ab_1922_Galerie

Hudson „Super Six“; Postkarte aus Sammlung Michael Schlenger

Um es gleich zu sagen: Diese schöne Aufnahme entstand einst nicht beim Versuch, ein Auto vor möglichst eindrucksvoller Kulisse abzulichten.

Tatsächlich stand hier der Schnelldampfer „Cap Norte“ im Vorder-  bzw. Hintergrund, wie die umseitige Beschriftung der Postkarte verrät.

Auch wenn man sich nicht besonders für alte Schiffe interessiert – das Faible für Vorkriegswagen ist ja bedenklich genug – muss man sagen, dass auch klassische Ozeandampfer ihren Reiz haben.

Das gilt umso mehr, als ihre heutigen Pendants ausgemachte Scheußlichkeiten sind, die den Verfasser an Massentierhaltung auf See oder schwimmende Gefängnisse denken lassen. Hinzu kommt eine infantile Namensgebung, die sich in Variationen über „Aidebila4711“ oder „MainSchiff0815“ erschöpft.

Das Gute an diesen seegängigen Einkaufszentren ist, dass sie soviele Insassen beherbergen, dass etliche klassische Urlaubsziele davon unbehelligt bleiben.

Genug gelästert, wenden wir uns dem klassisch proportionierten, prächtig beflaggten Schiff auf der Postkarte zu:

Hudson_Super_Six_Schnelldampfer_Cap_Norte_ab_1922_AusschnittDer 1922 gebaute Dampfer „Cap Norte“ war für den kombinierten Fracht- und Passagierverkehr nach Südamerika vorgesehen und sollte ein abwechslungsreiches Dasein führen.

Das auf der Hamburger Vulcan-Werft entstandene Schiff maß gut 150 Meter in der Länge und knapp 20 Meter in der Breite. Heute soll es sogenannte „Yachten“ von Superreichen in entsprechender Größenordnung geben…

Knapp 1.900 Passagiere fanden Platz auf dem Schiff, dessen Maschinen eine Höchstgeschwindigkeit von fast 30 km/h ermöglichten. Die dazu erforderliche Leistung von rund 7.800 PS merken wir uns erst einmal.

Nun zu dem klassischen Tourenwagen links am Strand. Sehr wahrscheinlich hat hier der Fotograf sein eigenes Auto gekonnt in die Aufnahme einbezogen.

Was könnte das für ein Fahrzeug sein? Nun, die hügelige, bewaldete Landschaft im Hintergrund spricht gegen eine Entstehung des Fotos in der norddeutschen Heimat der „Cap Norte“. Wahrscheinlicher ist eine Flussmündung in Südamerika.

Ein Automobil dort war meist eines aus US-Produktion, dazu passt auch der Auftritt des Wagens mit breiter Spur, viel Bodenfreiheit und Doppelstoßstange.

Mit einiger Gewissheit haben wir es mit einem Hudson zu tun, wie das dreieckige Emblem an der Frontpartie nahelegt.

Nach dem 1. Weltkrieg baute die Firma aus Detroit, die nach Ford und Chevrolet lange die Nr. 3 am US-Markt war, 10 Jahre lang das 6-Zylindermodell „Super Six“.

Ein Exemplar dieses Typs, das etwas früher als der oben abgelichtete Hudson entstand, sehen wir auf folgender Aufnahme:

Hudson_Super_Six_um_1920_Ausschnitt

Hudson „Super Six“, Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Auf dieser Aufnahme ohne Ozeanriesen werden die eindrucksvollen Abmessungen des Hudson mit rund 3,20 Meter Radstand deutlicher.

Das schon 1916 eingeführte Modell besaß von Anfang an einen mächtigen 4,7 Liter großen Sechszylindermotor, der bis Produktionsende 1928 nur behutsam weiterentwickelt wurde.

Den frühen Modellen konnte man wahrlich keinen Leistungsmangel nachsagen – mit rund 76 PS gehörten sie zu den stärksten Großserienwagen ihrer Zeit. Etwas mehr als 100 davon hätten die „Cap Norte“ antreiben können…

Später steigerte Hudson die Leistung des Aggregats auf über 90 Pferdestärken, ohne dass dafür der Hubraum erhöht werden musste.

In Verbindung mit der zuletzt verfügbaren Vierradbremse entspricht der Hudson so gar nicht dem Klischee vom lahmen und unsicheren Vorkriegswagen.

Von den über 500.000 produzierten Exemplaren sind zudem etliche übriggblieben, die weit günstiger zu bekommen sind als ein Austin Healey, Jaguar E-Type oder Mercedes SL beispielsweise.

Generell bieten Vorkriegsautos ein höheres Maß an Exklusivität, wenn einem daran gelegen ist, speziell in Europa. Wer auf Alltagstauglichkeit und gute Ersatzteillage Wert legt, dürfte mit solchen US-Modellen glücklich werden.

Vergessen wir aber bei aller rationalen Abwägung nicht die Altauto-Liebhaber, die sich bewusst für rare Nischenmarken entschieden haben und so die Erinnerung an eine unendlich vielfältigere Welt der Mobilität wachhalten.

Wer ausschließlich mit heutigen Maßstäben an historische Fahrzeuge herangeht, bringt sich um das rare Vergnügen, ein Stück Geschichte unverfälscht nachzuerleben…

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Ein Achtzylinder mit Frontantrieb: Stoewer Greif V8

Klassikerfreunde, die sich erstmals mit Vorkriegsfahrzeugen befassen, stellen sehr schnell fest: Einige vermeintliche Errungenschaften der Moderne sind alte Hüte.

Vom weit über 100 Jahre alten – und damals erfolgreichen! – Konzept des Elektroautos über selbsttragende Karosserien, Einzelradaufhängung, Schraubenfedern, hydraulische Bremsen & Stoßdämpfer bis zu ausgefeilter Aerodynamik: alles vor dem Krieg erfunden, nur nicht breit etabliert.

Ein Großserienerfolg war jedoch bereits der Frontantrieb, der sich nach der Zäsur des 2. Weltkriegs seinen einstigen Status erst neu erarbeiten musste.

In Frankreich hatte der elegante und brilliant konstruierte Citroen „Traction Avant“ Furore gemacht – übrigens ist die legendäre Gangsterlimousine nach wie vor ein bezahlbares Vorkriegsmodell mit sehr guten Fahreigenschaften.

Auf deutschen Straßen prägten in den 1930er Jahren die gefälligen Fronttriebler von Adler und DKW das Bild. Daneben gab es einen weiteren, oft übergangenen Hersteller, der sich früh dem Frontantrieb verschrieben hatte: Stoewer aus Stettin.

Stoewer gehörte neben Steiger, Steyr und Simson zu den schillerndsten Nischenproduzenten im deutschsprachigen Raum – merkwürdig die Übereinstimmung des Anfangsbuchstabens.

Die ersten Frontantriebswagen von Stoewer – die Typen V5 und R-140 – sind auf diesem Oldtimerblog bereits anhand von Originalfotos gewürdigt worden. Heute ist ein weiteres Modell an der Reihe, das eine Klasse für sich darstellte:

Stoewer_Greif_V8_in_Saarow-Pieskow_1937_Ausschnitt

Stoewer Greif V8; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Die leider etwas unscharfe Aufnahme zeigt das letzte Meisterstück von Bernhard Stoewer, das er vor seinem unfreiwilligen Abschied aus der stets am Rande des Abgrunds lavierenden Firma schuf.

Dieses 1933 vorgestellte Frontantriebsmodell wartete nicht nur mit einem kompakten V8-Motor mit 2,5 Liter Hubraum und rund 55 PS auf. Es verfügte auch über eine ingeniöse Hinterradaufhängung, die ohne Blattfeder auskam.

Mit diesem Fahrwerk war und den hydraulischen Vierradbremsen war die Höchstgeschwindigkeit von annähernd 120 km/h auch ausfahrbar – das bot Mitte der 1930er Jahre kein deutscher Hersteller in dieser Hubraumklasse.

Leider erhielt der Stoewer Greif V8 in der 1934 anlaufenden Serienfertigung keine seiner technischen Qualität würdige Karosserie:

Stoewer_Greif_V8_in_Saarow-Pieskow_1937_Ausschnitt2

Die Frontpartie folgt der Linie der in der Auto-Union zusammengeschlossenen Marken Audi, DKW, Horch und Wanderer. Details wie die Stoßstange erinnern sogar an Brot-und-Butter-Wagen von Hanomag.

Selbst der namengebende pommersche Greif auf der Kühlermaske war hier nur noch ein Schatten seiner selbst.

Wie konnte das geschehen? Nun, mit Bernhard Stoewer verließ 1934 das letzte Mitglied der Gründerfamilie das Unternehmen und damit verlor die Stettiner Marke gleichsam ihre Identität.

Noch beim Prototyp des Greif V8 hatte Bernhard Stoewer 1933 auch in formaler Hinsicht einen ganz großen Wurf gelandet. Das hinreißende Cabriolet trug beim Concours d’Elegance in Baden-Baden den Sieg davon.

Die letzte Episode in der Geschichte der Firma sollte Bernhard Stoewer nicht mehr erleben, er starb 1937 mit knapp 62 Jahren.

Der Stoewer Greif V8 war der Schlussakkord in der Geschichte einer deutschen Automobilmarke, die sich mit Glück und Können länger als andere Nischenhersteller hielt, aber letztlich nie eine wirtschaftlich tragfähige Größe erlangte.

Solche tragisch gescheiterten Produzenten verdienen besondere Sympathie, weil ihnen Schöpfungen zu verdanken sind, die bei Großserienfabrikanten nie das Prototypenstadium erreicht hätten.

Ganze 825 Exemplare entstanden bis 1937 vom Stoewer Greif V8. Eine handvoll dieser eigenwilligen Wagen scheint noch zu existieren. Damit gehören sie wohl zu den seltensten 8-Zylinderwagen der Vorkriegszeit überhaupt…

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Leistung wird überbewertet: Hanomag 4/23 und 3/18 PS

Wenn heute überhaupt noch jemand weiß, dass der Maschinenbauer Hanomag in der Vorkriegszeit auch eine ganze Weile PKW fertigte, dann ist das wohl dem Ruf des kuriosen Erstlings 2/10 PS „Kommissbrot zu verdanken.

Der von 1925-28 gebaute „rasende Kohlenkasten“ sollte – vom Erfolgsmodell „Rekord“ der 1930er Jahre abgesehen – der meistgebaute Hanomag-PKW bleiben.

Mit knapp 16.000 Exemplaren wurde jedoch auch das Kommissbrot nicht der erhoffte Wagen für’s Volk. Dass Kleinwagen durchaus erwachsen aussehen konnten, hatten dagegen französische und britische Hersteller bereits verstanden.

Nach den schon überzeugender gestalteten Übergangstypen 3/16 und 4/20 PS der Endzwanziger stellte Hanomag 1932 endlich ein Modell vor, das großzügig und fast luxuriös daherkam – den Typ 4/23 PS:

Hanomag_4-23_PS_1_1932-34_Galerie

Hanomag 4/23 PS; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Dass dies ein vollwertiger Viersitzer war, glaubt man gern – aber wie war das mit der luxuriösen Erscheinung?

Nun, dafür ist dieses Exemplar zugebenermaßen ungeeignet. Von den schon etwas blinden Chromradkappen abgesehen, sucht man vergeblich Hinweise auf ansprechende Extras.

Das liegt aber an einer Eigenheit des hier abgebildeten Wagens. Wer genau hinschaut erkennt, dass der schräg nach vorn verlaufende Kühlergrill in Wagenfarbe lackiert ist – das sollte eigentlich nicht sein.

Andere Fotos des Typs vermitteln einen ganz anderen, fast opulenten Eindruck:

hanomag_3-18_ps_frontpartie

Hanomag 3/18 PS; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

So und nicht anders (vom Hakenkreuzwimpel abgesehen) hat die Frontpartie dieses Hanomag-Modells auszusehen – viel Chrom und wenig Leistung, damals kein Widerspruch.

Überhaupt einen vollwertigen Wagen zu besitzen, war im Deutschland der 1930er Jahre nur einer dünnen Schicht vergönnt. Da kam es nicht darauf an, ob unter der Haube nur ein 1,1 Liter großer Vierzylinder mit 23 PS werkelte.

Im vorliegenden Fall haben wir es sogar mit der Sparversion 3/18 PS zu tun, deren Motörchen gerade einmal 900 ccm maß.

Doch selbst der Hanomag 3/18 PS kam genauso erwachsen und hochwertig daher wie das parallel angebotene stärkere 4/23 PS Modell.

Übrigens unterschieden sich die Fahrleistungen kaum. Auch besaßen beide hydraulische Vierradbremsen. Allerdings war der 3/18 PS weit billiger.

Das muss zumindest einige stilbewusste Zeitgenossen überzeugt haben. Was man am von außen nicht sichtbaren Motor sparte, konnte man ja in einen schicken Anzug, fesche Hüte und eine hochwertige Kamera investieren:

Hanomag_3-18_PS_Cabrio-Limousine_Galerie

Hanomag 3/18 PS; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Diese modebewussten Herrschaften scheinen bei ihrem Hanomag 3/18 PS sogar auf Stoßstange und Radkappen verzichtet zu haben – aber wie man sich mit so einem Wagen inszeniert, das wussten sie genau – ein fast perfektes Foto!

Übrigens handelt es sich bei dem Wagen um eine von Karmann gebaute Cabriolimousine, wie sie in Werner Oswalds Standardwerk „Deutsche Autos 1920-45“ auf Seite 134 links oben abgebildet ist.

Mit seinem tiefschwarzen Lack bot dieser Hanomag den perfekten Kontrast zum schweren Chrom der Kühlermaske – das machte schon etwas her im ländlichen Schleswig-Holstein vor über 80 Jahren…

Auch folgende Aufnahme verrät etwas vom Stolz der Besitzer eines Hanomag 3/18 PS:

Hanomag_3-18_PS_Hochzeit_GalerieAnlässlich einer Feier – vielleicht Verlobung oder Hochzeit – wurde der Hanomag wie ein Familienmitglied mitabgelichtet.

Um zu verstehen, welchen Wert ein solcher 18 PS-Wagen für unsere Vorfahren repräsentierte, muss man sich klarmachen, dass der Großteil der Bevölkerung allenfalls ein Fahrrad besaß.

Schon wer ein Motorrad hatte, um damit ganzjährig bei Wind und Wetter zur Arbeit zu fahren, durfte sich privilegiert vorkommen.

In Zeiten von Luxusproblemen wie der „Work-Life-Balance“ ist es heilsam, sich anhand solcher Aufnahmen die Lebenswirklichkeit früherer Generationen zu vergegenwärtigen.

Und schöne Zeugnisse einer untergegangenen Welt, in der auch bei praktischen Gegenständen die ästhetische Qualität eine zentrale Rolle spielte, sind diese Bilder obendrein.

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Franzose mit Schweizer Genen: Donnet-Zedel Type G

Sieht man von den Massenherstellern Citroen, Peugeot und Renault ab, haben französische Vorkriegsautos hierzulande den Ruf exotischer Luxusfahrzeuge.

Den meisten Oldtimerfreunden im deutschsprachigen Raum werden eher Raritäten von Bugatti, Delage und Delahaye geläufig sein als Wagen anderer weit verbreiteter Marken links des Rheins.

Das liegt nicht nur an der uninspirierten Berichterstattung der deutschen Klassikerpresse, wenn es um französische Marken geht. Nebenbei: Beim führenden britischen Veteranenmagazin „The Automobile“ sieht das ganz anders aus.

Zu einem verzerrten Bild führt auch die starke Präsenz hochkarätiger Vertreter der französischen Luxusmanufakturen auf Spitzenveranstaltungen in Deutschland wie den Classic Days auf Schloss Dyck.

Dagegen ist natürlich nichts zu sagen – oft genug hat die automobile Haute Cuisine aus dem Frankreich der Vorkriegszeit wahre Kunstwerke geschaffen – mit einer Schönheit und Magie, die man sich in der Moderne vergeblich wünscht.

Dann gibt es natürlich noch die Fraktion der Cyclecar-Freunde, die auch auf deutschem Boden immer mehr Zulauf findet. Für diese frankophilen Sportskameraden sind Namen wie Amilcar, BNC, Rallye und Salmson Standard.

Dann wird die Luft aber auch schon recht dünn, allenfalls Mathis mag dem einen oder noch etwas sagen. Fehlanzeige dürfte wohl beim Hersteller des folgenden Wagens herrschen, der einst immerhin rund 100.000 Autos fertigte:

Donnet_Zedel_G-1_1925-26_Galerie

Donnet-Zedel, Type G; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Zugegeben, der Verfasser wäre auch nicht darauf gekommen, dass das ein Donnet-Zedel Type G aus der Mitte der 1920er Jahre ist.

Zum Glück hat der frühere Besitzer diese Information für uns auf der Rückseite hinterlassen. Bevor wir uns den kompakten Tourenwagen ein wenig genauer ansehen, ein Schnelldurchgang durch die Geschichte der Marke (Quelle):

Donnet-Zedel geht auf die 1898 in der Schweiz gegründete Motorenfabrik Zürcher & Luthi zurück. Die Anfangsbuchstaben sprechen sich im Französischen „Zedel“, womit wir den ersten Baustein der späteren Marke hätten.

Zedel begann kurz nach der Jahrhundertwende mit einer Produktion in Frankreich, um die hohen Einfuhrzölle zu umgehen. Die Firma wuchs rasch, übernahm sich aber bei ihren Investitionen und wechselte 1907 den Besitzer.

Die neuen Herren bei Zedel zogen umgehend eine Automobilproduktion auf, wobei sie anfänglich noch auf eine Motorenkonstruktion des Gründers Ernest Zürcher zurückgriffen.

Der 1. Weltkrieg setzte der raschen Abfolge neuer Typen, die international Absatz fanden, ein jähes Ende.

1919 kam Zedel wieder in schweizerische Hände: der Flugzeugbauer Donnet übernahm das Unternehmen und stellte nach kurzer Übergangszeit 1920 ein neukonstruiertes Modell der gehobenen Mittelklasse vor.

1921 folgten dann kleine 4-Zylindertypen nach Vorbild von Citroen, die sich erstmals in größeren Stückzahlen verkaufen ließen. In diese Traditionslinie gehört auch der Donnet-Zedel Type G auf unserem Foto:

Donnet_Zedel_G-1_1925-26_Ausschnitt

Zu den wenigen charakteristischen Elementen des ab 1924 gebauten Type G gehören die sieben im hinteren Drittel der Motorhaube liegenden Luftschlitze.

Unter der Haube werkelte ein konventioneller Vierzylindermotor mit 1.100 ccm und einer Höchstleistung von 20 PS. Das genügte für eine Reisegeschwindigkeit von 60-80 km/h.

Mehr war auf den französischen Landstraßen – wie auch in den Nachbarländern – ohnehin nicht drin. Wichtiger war individuelle Mobilität bei geringem Kraftstoffverbrauch – 8 Liter/100 km werden für den Type G angegeben.

Immerhin gab es ab 1926 Vierradbremsen und schon vorher war die Elektrik auf 12 Volt umgestellt worden.

Dies ist ein weiteres Beispiel dafür, dass die Franzosen in dieser Hinsicht weiter waren als deutsche Hersteller, die ihren Käufern teilweise bis in die 1960er Jahre eine funzlige 6-Volt-Beleuchtung zumuteten.

Etwa 18.000 Exemplare des Donnet-Zedel Type G entstanden bis 1928.

Bei Produktionsende war Donnet nach Mathis die fünftgrößte französische Automobilmarke, war aber bereits 1927 aus wirtschaftlichen Gründen unter ein gemeinsames Dach mit Delahaye, Unic und Chenard & Walker geschlüpft.

Die letzten Wagen unter der Marke Donnet entstanden 1934. Danach diente die Fabrik wechselnden Herstellern als Produktionsstandort.

Vom Donnet-Zedel Type G auf unserem Foto soll es noch rund 200 Exemplare geben. Ob der Wagen auf dem Abzug dazu gehört, wissen wir nicht. Auch der einstige Aufnahmeort ist unbekannt.

Doch immerhin hält dieses Bild einen glücklichen Moment vor über 90 Jahren fest:

Donnet_Zedel_G-1_1925-26_Ausschnitt2

Der junge Fahrer mit dem kräftigen Haarschopf schaut gedankenverloren irgendwo in die Ferne. Sein Hund dagegen hat die Situation erfasst und blickt direkt in die Kamera. An der Windschutzscheibe sieht man etwas Blumenschmuck.

All‘ das ist längst den Weg des Vergänglichen gegangen, doch diese schöne Aufnahme erinnert daran, dass auch ein kleiner unbekannter Tourenwagen der Vorkriegszeit und ein treuer Begleiter glücklich machen können…

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Blick in die „Fertigmacherei“: Protos Typ G

Der Reiz historischer Originalfotos von Veteranenautos liegt in den oft reizvollen Situationen, in denen die Wagen einst aufgenommen wurden.

Da gibt es Bilder im Familienkreis, im Stadtbild, auf Reisen oder im Krieg – und fast immer ist das Umfeld ein ebenso intensives Studium wert wie die abgelichteten Wagen.

Heute haben wir es mit einer außergewöhnlichen, weil nur selten aufgenommenen Situation zu tun – einem Blick in die sogenannte „Fertigmacherei“ bei Protos aus der Zeit vor dem Ersten Weltkrieg:

Protos_G2_8-22_PS-Werkstatt_um_1912_Galerie

Protos G-Typ; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

An ein solches technisch exzellentes und äußerst rares Foto zu gelangen, ist reine Glückssache. Dieses fand sich für einen fairen Preis beim Antiquitätenhändler Kottmeier in Trier, den man bei dieser Gelegenheit ruhig nennen darf.

Gerne wüsste man, auf welchen verschlungenen Pfaden dieser großformatige Abzug einst vom Aufnahmeort Berlin in die alte Römerstadt an der Mosel gelangt ist.

Zur Erinnerung: Die in der Reichshauptstadt angesiedelte Motorenfabrik Protos war einer der frühesten Automobilhersteller auf deutschem Boden. Schon 1900 baute man dort die ersten Wagen, wenn auch zunächst nur wenig erfolgreich.

Den Durchbruch, wenn der Begriff bei einem solchen Nischenhersteller erlaubt ist, brachte erst die Übernahme der Firma durch Siemens & Schuckert im Jahr 1908.

Dort hatte man bereits seit einiger Zeit selbst mit Automobilen experimentiert. Unter der Leitung von Ernst Valentin wurden nach dem Kauf von Protos neue Modelle entwickelt, die erstmals in größeren Stückzahlen abgesetzt wurden.

Hier sehen wir gleich fünf Exemplare des neuen Protos vom Typ G:

Protos_G2_8-22_PS-Werkstatt_um_1912_Ausschnitt

Diese leichten Vierzylinderwagen mit den Motorisierungen 6/18 PS (Typ G1) und 8/21 PS (G2) waren die ersten, die den typischen hufeisenförmigen Kühlergrill mit dem schwungvollen „V“ im oberen Teil trugen.

Die Hubräume von 1,6 bzw. 2,1 Liter waren für damalige Verhältnisse recht klein. Zuvor hatte Protos großvolumige Vierzylinder mit rund 40 PS angeboten, parallel zu den G-Typen gab es zudem gewaltige Sechszylinder, die über 50 PS leisteten.

Dass wir es auf unserer Aufnahme mit den kompakten G-Modellen zu tun haben, lässt sich aus Vergleichsfotos in der (äußerst spärlichen) Literatur schließen.

Typisch ist demnach die waagerecht verlaufende Haube mit den jeweils drei Luftschlitzen links und rechts des aufgesetzten Griffs:

Protos_G2_8-22_PS-Werkstatt_um_1912_Ausschnitt1

Es dürfte nur ganz wenige Aufnahmen geben, die einen Protos G-Typ in dieser Detailgenauigkeit zeigen. Hier kann man buchstäblich jeden Niet und die Lagen der Blattfedern zählen.

Noch nicht montiert sind die gasbetriebenen Frontscheinwerfer, nur die Positionslichter im Windlauf vor der Scheibe waren elektrisch. Außerdem fehlen an allen Wagen die Reifen.

Eine ganz ähnliche Situation findet sich auf einem Foto in Ulrich Kubischs Buch „Automobile aus Berlin“, das die „Fertigmachererei“ bei Protos zeigt – die Abteilung, in der die Endmontage der Wagen stattfand.

Hier haben wir einen der stolzen Arbeiter, die einst letzte Hand an die Protos-Wagen legten:

Protos_G2_8-22_PS-Werkstatt_um_1912_Ausschnitt2

Der Holzhammer in seiner Hand mag dazu gedient haben, noch etwas zu richten.

Selbstbewusst und mit sich im Reinen schaut der junge Mann in die Kamera, mit der vor über 100 Jahren in der Manufaktur von Protos die Endarbeiten an den Wagen dokumentiert wurde.

Dem Können namenloser Männer wie ihm – ebenso wie dem Erfindungsgeist der damaligen Ingenieure und dem unternehmerischen Mut der Kapitalgeber – verdanken wir unsere heutige, in der Geschichte einzigartige Mobilität…

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Die drei von der Tankstelle: Brennabor Typ R 6/25 PS

Zu den vielen Motivationen für diesen Oldtimerblog, der sich auf Vorkriegsautos aus dem deutschen Sprachraum konzentriert, gehören die Lücken in der Dokumentation einst bedeutender Marken.

Es ist ja nachvollziehbar, dass bisher niemand die Autoproduktion von Herstellern der zweiten Reihe wie Dürkopp oder Presto so umfassend aufgearbeitet hat, wie das etwa für die Marken der einstigen Auto-Union der Fall ist.

Doch sprachlos macht die Tatsache, dass es bislang kein ernstzunehmendes Buch über die anfänglich größte, später zweitgrößte Automobilfabrik Deutschlands der 1920er Jahre gibt.

Die Rede ist von Brennabor aus Brandenburg an der Havel – einer Marke, die vielen allenfalls für ihre Fahr- und Motorradproduktion bekannt ist.

Weitgehend in Vergessenheit geraten ist, dass unter dem Namen Brennabor einst auch rund 70.000 Automobile gebaut wurden. Das ist gemessen an anderen deutschen Herstellern eine stolze Zahl und einige Dutzend Wagen existieren noch.

Doch abgesehen von der verdienstvollen Typenübersicht auf Mario Steinbrinks Brennabor-Website, einem Artikel in Heft 2/2016 der Mitgliederzeitschrift des Veteranen-Fahrzeug-Verbands und einem Abriss in Ulrich Kubischs Buch „Automobile aus Berlin“ von 1985 ist dazu keine Literatur verfügbar.

Noch schwerer wiegt, dass es von den zahlreichen Autotypen, die bei Brennabor zwischen 1908 und 1933 entstanden, viel zu wenige Vergleichsfotos gibt.

Da sich in letzter Zeit einige historische Originalfotos von Brennabor-Autos in der Sammlung des Verfassers gefunden haben, gibt es hier inzwischen auch eine kleine Galerie bislang noch nicht publizierter Brennabor-Aufnahmen.

Ein besonders reizvolles Exemplar daraus stellen wir heute vor:

Brennabor_Typ_R_6-25_PS_Galerie

Brennabor Typ R 6/25 PS; Originalaufnahme aus Sammlung Michael Schlenger

Entstanden ist diese schöne Aufnahme in der zweiten Hälfte der 1920er Jahre an einer Tankstelle in einem beschaulichen Ort irgendwo in der „Rheinprovinz“.

Auf diese alte preußische Region, deren Bestandteile nach 1945 an Nordrhein-Westfalen und Rheinland-Pfalz fielen, verweisen jedenfalls die Kennzeichen der Fahrzeuge mit dem Kürzel „IZ“.

Dass die Wagen und ihre Insassen sich an einer Tankstelle befinden, ist an der Säule im Hintergrund zu erkennen. Dort steht auf einem umlaufenden Band ganz oben „Benzin“ und in dem hellen Feld darunter nochmals „Deutsches Benzin“.

Wer darüber die Stirn runzelt, übersieht zwei Dinge:

Erstens gab es damals noch eine beträchtliche Ölförderung und Benzinproduktion im Deutschen Reich. Zweitens wusste der Kunde hier, dass dieser Kraftstoff nicht mit knappen Devisen bezahlt worden war.

Angesichts der erdrückenden Reparationszahlungen, die die Sieger des Ersten Weltkriegs Deutschland im Versailler Vertrag auf Jahrzehnte hin auferlegt hatten, tat man alles, um unnötige zusätzliche Devisenabflüsse zu vermeiden.

Mit dem guten Gewissen ausgestattet, die Wagen mit heimischem Benzin aufgetankt zu haben, ließen sich diese gut aufgelegten „Drei von der Tankstelle“ von einer  weiteren Person fotografieren.

Brennabor_Typ_R_6-25_PS_Ausschnitt2

Während die beiden Herren mit ihren geschlossenen Mänteln gediegene Seriosität ausstrahlen, gefällt sich die junge Dame in einer neckischen Pose.

Ein Arm ist in die Hüfte gestemmt, der Mantel zu Seite geschoben und das rechte Bein frech auf’s Trittbrett gestellt. Wen sie zum Aufnahmezeitpunkt anschaut, werden wir wohl nicht mehr erfahren. Auch die beiden Männer schauen nicht in die Kamera. Machte da vielleicht gerade eine weitere Person Faxen im Hintergrund?

Nun, das bleibt der Fantasie überlassen. Wir wenden uns abschließend den Fakten zu und werfen einen genaueren Blick auf den Brennabor:

Brennabor_Typ_R_6-25_PS_Ausschnitt1 Das schwungvolle „B“ auf der Kühlermaske erlaubt auf Anhieb die Identifikation der Marke. Übrigens werden Fotos, die ein solches B auf der Front erkennen lassen, von ahnungslosen Anbietern gern als Aufnahme eines Bentley angepriesen…

Die eigenwillige Kühlerform und die wie abgeschnitten wirkenden Kotflügel sprechen für den Brennabor 6/25 PS Typ R, wie er von 1925-28 gebaut wurde.

Von diesem konventionellen Vierzylindermodell mit 1,6 Liter Hubraum scheint es während der Produktionszeit einige Untertypen gegeben zu haben, die sich in Details unterschieden.

So fällt auf unserem Foto etwas auf, das auf keiner der dem Verfasser bekannten Aufnahmen des Brennabor R-Typs zu sehen ist: die Reihe hoher und engstehender Luftschlitze in der Haube.

Vielleicht kann ein Kenner etwas Erhellendes dazu sagen. Die übrigen Elemente einschließlich der kuriosen dreiteiligen Stoßstange mit der weiter auskragenden Mittelleiste scheinen jedenfalls zum R-Typ zu passen.

Der Brennabor 6/25 PS Typ R wurde übrigens zeitgleich zum Adler 6/25 PS angeboten, von dem wir hier schon etliche Aufnahmen vorgestellt haben.

Beim Vergleich fällt folgendes auf: Die Motorleistung war zwar identisch, doch war der Adler schneller (80 km/h Spitze ggü. 70 km/h). Gleichzeitig war der offizielle Verbrauch des Adler mit 10 Litern/100 km etwas geringer.

Auch die (mechanische) Vierradbremse sprach klar für den Adler, beim Brennabor wirkte die Fußbremse nur auf die Hinterräder.

Doch ausschlaggebend für die Käufer war etwas anderes: der Preis! Adler verlangte für die Tourenwagenversion des 6/25 PS-Modells fast 6.000 Reichsmark. Den Brennabor R-Typ bekam man bei ähnlichen Abmessungen für unter 5.000 Mark.

So ist es kein Wunder, dass den nur 6.500 gefertigten Wagen des Typs Adler 6/25 PS im gleichen Zeitraum rund 20.000 des Brennabor R-Typs gegenüberstanden. Die rationellere Fertigungsweise bei den Brandenburgern trug hier Früchte.

Bereits 1924 hatte Brennabor eine Fließbandmontage eingerichtet, die wegen Streiks erst 1925 in Betrieb genommen werden konnte. Deshalb konnte sich Opel den Erfolg der ersten Fließbandfertigung auf deutschem Boden ans Revers heften…

So spannend kann die Beschäftigung mit den unverdient in Vergessenheit geratenen deutschen Automarken der Zwischenkriegszeit sein – und mit historischen Originalfotos bekommt die Sache einen ganz eigenen Reiz.

In Sachen „Brennabor“ wartet übrigens noch einiges Material auf Veröffentlichung.

Wer etwas zur Würdigung dieser einst stolzen Marke in Form bisher unbekannter Aufnahmen und Dokumente beitragen möchte, kann sich dazu an den Verfasser wenden. Ebenso stellt dieser seine Materialien gern kostenlos für Buchprojekte und Ausstellungen zu Brennabor zur Verfügung.

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