1914: Pfingstausfahrt im Benz 8/20 PS mit Chauffeur

Beim Sichten seines Fundus an historischen Originalfotos von Vorkriegsautos musste der Verfasser feststellen, dass sich einiges angestaut hat, was speziell die Freunde der Marke „Benz“ erfreuen dürfte.

Ein Blick in die Schlagwortwolke dieses Blogs spricht ebenfalls dafür, dass es einigen Nachholbedarf in Sachen „Benz-Automobile“ gibt – selbst vom Spätstarter BMW haben wir hier bereits mehr Aufnahmen besprochen.

Den Auftakt zu einer kleinen Zeitreise durch die enorme Typenvielfalt des Pionierherstellers aus Mannheim stellt das folgende Foto dar:

Benz_8-20_PS_Harth_Pfingsten_1914_1_Galerie

Benz 8/20 PS; Originalaufnahme aus Sammlung Michael Schlenger

Bevor wir uns mit dieser technisch wie gestalterisch hevorragenden Aufnahme im Detail befassen, sei angemerkt, dass auch das Entstehungsdatum auf der Rückseite überliefert ist: 1914.

Der beschriftete Streifen auf dem Abzug grenzt Ort und Zeitpunkt näher ein: „Harth Pfingsten“ ist dort vermerkt. Leider ist die Ortsangabe Harth nicht eindeutig, die Bezeichnung ist im deutschsprachtigen Raum recht verbreitet.

Schauen wir nun genauer hin – wie immer ist zuerst die Frontpartie an der Reihe:

Benz_8-20_PS_Harth_Pfingsten_1914_1_Frontpartie

Auf den ersten Blick lässt sich nur folgendes sagen: Das muss ein Auto sein, das um 1912 entstanden ist. 

Bei der Eingrenzung hilft uns die Gestaltung der ansteigenden Haubenpartie und des anschließenden, steileren Windlaufs. Dieses Element, das den Übergang von der Motorhaube zum Innenraum schafft, tauchte bereits früh bei Rennwagen auf.

Bei Serienfahrzeugen setzte es sich erst 1909/10 durch – wobei einzelne Modelle weiterhin eine rechtwinklig auf die vordere Schottwand treffende Haube besaßen. Eine Weile lang existierten also alte und neue Form nebeneinander.

Noch vor Beginn des 1. Weltkriegs beginnen bei vielen Autos die Haube und der Windlauf ein harmonisches Ganzes mit fast identischem Anstiegswinkel zu bilden.

Der Wagen auf unserem Foto liegt evolutorisch zwischen diesen beiden Schritten – daher dürften wir mit ca. 1912 als Baujahr nicht verkehrt liegen. Dummerweise ist vom Kühler fast nichts zu erkennen, er ist von Zweigen verdeckt.

Doch dank der Auflösung des originalen Abzugs lässt sich auf der Nabenkappe des rechten Vorderrads „BENZ“ lesen (auf dem Kopf stehend). Hier zum Vergleich eine moderne Aufnahme von einem Benz des Baujahrs 1906:

Benz_Nabenkappe_1906_Galerie

Benz-Nabenkappe; Bildrechte: Michael Schlenger

Das hilft uns enorm weiter, den nun können wir sogar den Typ recht gut bestimmen.

Um 1912 bot Benz Automobile in mehr als einem halben Dutzend unterschiedlichen Motorisierungen an – vom 20 PS-Typ mit 2 Litern Hubraum bis zum 100 PS-Giganten mit über 10 Litern, auch er ein Vierzylinder. Außer Protos baute kurz vor dem 1. Weltkrieg kaum ein deutscher Hersteller Sechszylinder.

Wie bei anderen Marken jener Zeit auch unterschieden sich parallel gebaute Motorenvarianten meist nur durch die Proportionen – die Grundform war gleich.

Dennoch liefert unsere Aufnahme genügend Indizien, um eine genaue Ansprache des Typs zu wagen, also nochmals genau hingesehen:

Benz_8-20_PS_Harth_Pfingsten_1914_1_Frontpartie2

Neben fünf Luftschlitzen in der Haube fallen vor allem die ungewöhnlich dünnen Schutzbleche auf.

Bei den mittleren bis starken Benz-Wagen hätten solche Bleche früher oder später Vibrationsrisse bekommen, daher sieht man dort durchgehend weit stärkere oder umgebördelte Vorderkotflügel.

Neben dem Benz 12/30 PS, der 1913/14 gebaut wurde, kommt nur noch das Einsteigermodell 8/20 in Frage, das von 1912-20 im Programm war.

Für diesen „Baby-Benz“, der nur einen Radstand von 2,85 m hatte, sprechen die Proportionen des Wagens auf dem Foto. Die fünf Luftschlitze finden sich auch beim 12/30 PS, die noch stärkeren Modelle wiesen mehr Schlitze auf.

Somit sprechen die Indizien am ehesten für den 8/20 PS, der wie der Baby Benz der 1980er Jahre nach denselben Qualitätsstandards wie „die Großen“ gebaut wurde.

Nach der Pflicht folgt nun die Kür – schauen wir uns die Herrschaften an, die einst an Pfingsten 1914 mit ihrem Benz 8/20 PS unterwegs waren, und sich dabei chauffieren ließ, wie das vor dem 1. Weltkrieg noch üblich war:

Benz_8-20_PS_Harth_Pfingsten_1914_1_Besitzer

Dieser Ausschnitt wäre für sich genommen schon preisverdächtig – besser in Szene gesetzt und zugleich so natürlich könnte ein Doppelportät kaum sein.

Vergessen wir nicht: Die beiden, die dort so ungezwungen vor ihrem Benz auf einer Decke lagern, schauen uns über eine Distanz von mehr als 100 Jahren an. Wenn sie gleich aufstünden, würde es einen kaum überraschen.

Man geht wohl auch nicht fehl in der Annahme, dass wir es mit einem Dokument einer wirklich glücklichen Beziehung zu tun haben, in der beide auf Augenhöhe miteinander standen.

Dem aufmerksamen Betrachter entgeht nicht der Ring, den der zufrieden in die Kamera schauende Herr „im besten Alter“ trägt.

Könnte das ein Regimentsring oder ein anderes Andenken an den Militärdienst sein, der damals obligatorisch im Deutschen Reich war? Auffallend ist auch das Emblem an der Schirmmütze – wer weiß mehr dazu?

Nun aber zu der dritten, nicht minder sympathischen Person auf dieser Aufnahme:

Benz_8-20_PS_Harth_Pfingsten_1914_1_Chaufreur

Es spricht sehr für unsere beiden Benz-Besitzer, dass sie ihren Chauffeur mit auf dem Bild haben wollten – und er scheint zu wissen, dass er es gut getroffen hat.

Selten lässt sich eine Chauffeurs-Montur der Zeit vor dem 1. Weltkrieg so detailgenau studieren.

Neben der obligatorischen Schirmmütze, die an Dimension noch die des Brötchengebers übertrifft, fällt der „Vatermörder“-Kragen auf, der aus der zweireihigen (und damit besonders winddichten) Jacke hervorlugt.

Natürlich trägt man als Chauffeur kräftige Lederhandschuhe – die Lenkarbeit war damals noch eine körperliche Herausforderung, die viele Autobesitzer scheuten. Sehr schön zu erkennen sind auch die Ledergamaschen über den Schnürschuhen. 

Sie sehen nicht nur eindrucksvoll aus – auf den ersten Blick wirken sie wie Reitstiefel – sie bieten auch zusätzlichen Schutz vor Luftzug und Verschmutzung.

Damit sind wir noch nicht am Ende – am selben Tag entstand eine weitere Aufnahme, auf der nun der Benz allein mit dem Chauffeur abgelichtet wurde:

Benz_8-20_PS_Harth_Pfingsten_1914_2_Galerie

Benz 8/20 PS; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Hier haben wir auf den ersten Blick dieselbe Situation, nur ohne die Besitzer. Sie waren großzügig genug, um ein weiteres Foto aufnehmen zu lassen, das wohl für den Chauffeur selbst bestimmt war.

Man könnte aus der Existenz der beiden Fotos in einer Hand schließen, dass wir es eher mit dem Nachlass des Fahrers als dem des Paars zu tun haben, dem der Benz gehörte. Leider wissen wir nichts Genaueres darüber.

Zumindest hilft uns diese zweite Aufnahme bei der Bestätigung der Marke, da hier die Kühlerpartie mit dem runden Benz-Emblem etwas besser sichtbar ist:

Benz_8-20_PS_Harth_Pfingsten_1914_2_Frontpartie

Hier ist auch der pilzförmige Deckel des Kühlwassereinfüllstutzens klarer zu sehen, der typisch für Benz-Automobile war.

Deutlicher hervor treten nicht zuletzt die Frontscheinwerfer aus Messing, die mit einem Kunstlederüberzug vor Schmutz und zu schnellem Anlaufen geschützt sind.

Ihre beeindruckende Größe im Vergleich zum Wagen ist ein weiteres Indiz dafür, dass wir es mit einem kleinen Benz-Modell zu tun haben.

Werfen wir bei der Gelegenheit noch einen letzten Blick auf den Fahrer, der hier neben seinem „Arbeitsplatz“ abgelichtet wurde:

Benz_8-20_PS_Harth_Pfingsten_1914_2_Fahrer

Sein ruhiger konzentrierter Blick vereint sich mit einer selbstbewussten Pose, ein weiteres schönes Dokument aus längst vergangenen Zeiten.

Wenige Monate, nachdem diese Fotos aufgenommen wurden, begann der 1. Weltkrieg. „Unser“ Chauffeur dürfte es vergleichsweise glücklich getroffen haben – er wurde vermutlich als Fahrer eines Offiziers eingesetzt.

Mag ihm auch das Elend des Grabenkriegs erspart geblieben sein, war auch seine Welt nach Kriegsende nicht mehr dieselbe. Konnte er in seine alte Stellung zurückkehren? Musste er sich eine neue Arbeit suchen?

Sollte er noch einmal so sichere, glückliche Tage verbringen wie einst an Pfingsten 1914? Wir wissen es nicht.

In solchen Fotos weht einen eine untergegangene Welt an und man fragt sich 100 Jahre später unwillkürlich: wie wird es mit der unseren weitergehen?

© Michael Schlenger, 2017. All entries in this blog (including embedded photos) are copyrighted by the author, unless otherwise indicated. Excerpts and links may be used, provided that credit is given to Michael Schlenger and https://www.klassiker-runde-wetterau.com with appropriate and specific direction to the original content.

 

 

Alter Bekannter, neue Perspektive: Benz 8/20 PS

Befasst man sich mit der Frühzeit des Automobils im deutschsprachigen Raum anhand historischer Originalfotos, begegnen einem zwei Marken besonders häufig: Adler und Benz.

Auf diese Hersteller entfallen in der Sammlung des Verfassers die meisten Autoaufnahmen aus der Zeit bis zum 1. Weltkrieg. Andere bedeutende Marken jener Zeit wie Daimler, Opel, NAG und Stoewer sind weniger zahlreich vertreten.

Trotz ihrer einstigen Verbreitung und der recht guten Dokumentation in der Literatur sind auch bei Benz-Automobilen noch Überraschungen möglich.

Das gilt sogar für das Volumenmodell der Mannheimer – den ab 1911 gebauten Typ 8/20 PS, der gewissermaßen der Baby-Benz jener Zeit war.

Ein ausführliches Porträt dieses Erfolgsautos gab es auf diesem Blog vor einiger Zeit hier. Daher soll es heute nicht um Vorgeschichte und Technik des Wagens gehen, sondern um eine außergewöhnliche historische Aufnahme:

Benz_8-20_PS_1912-14_Nachkrieg_Galerie

Benz 8/20 PS; Originalaufnahme aus Sammlung Michael Schlenger

Auch wenn wir es nur mit einem Standardaufbau als Tourenwagen zu tun haben, ist das dennoch eine beachtliche Aufnahme. Einen historischen Abzug dieser Güte nach fast 100 Jahren zu bekommen, das gelingt nicht alle Tage.

Hier wurde der Benz aus dem für uns Nachfahren idealen Winkel aufgenommen. Viele frühe Automobilaufnahmen – auch in Prospekten – zeigen die Wagen dagegen schlicht von der Seite.

Das spiegelte die damalige Interessenlage von Kunden und Besitzern wider – ein großzügiger Aufbau war wichtiger als die meist funktionell gehaltene Kühlerpartie.

Die Fixierung auf den Antrieb und damit die Fahrzeugfront kam erst später auf. Die frühen Autokäufer waren noch mit der Kutsche großgeworden, deren Sahneseite nun mal die Flanke war – das Aussehen der Pferde davor war unwesentlich.

Der moderne, dynamische Stil unseres Fotos ist kein Zufall. Dieser Schnappschuss ist deutlich nach dem 1. Weltkrieg entstanden, als der Benz schon etliche Jahre – wohl keine einfachen – auf dem Buckel hatte:

Benz_8-20_PS_1912-14_Nachkrieg_Frontpartie

Nur selten kann man die Details der Kühlerpartie eines frühen Benz 8/20 PS so studieren wie hier, beispielsweise die fast nie zu sehende seitliche Halterung des Kühlwassergehäuses.

Sehr gut ist hier auch das „Benz“-Emblem zu erkennen. Das großflächige Blech, auf dem es sitzt, ist typisch für den Benz 8/20 PS in der Vorkriegsausführung. Bei den stärker motorisierten Modellen jener Zeit nahm der Kühlergrill mehr Platz ein.

Die recht kurze Haube spricht ebenfalls für das damals kleinste Benz-Modell. Die elektrischen Frontscheinwerfer sind wahrscheinlich erst in der Nachkriegszeit montiert worden.

Den deutlichsten Hinweis auf die Entstehung der Aufnahme geben die Passagiere:

Benz_8-20_PS_1912-14_Nachkrieg_Insassen

Der Stil der Kleidung spricht stark dafür, dass dieses Foto erst in den fortgeschrittenen 1920er Jahren gemacht wurde. Der Benz war zum Aufnahmezeitpunkt demnach schon rund 10 Jahre alt.

Da die Autoentwicklung bei den meisten deutschen Herstellern in den ersten Jahren nach dem 1. Weltkrieg weitgehend stagnierte, war dieser alte Benz nicht nur ein treuer Gefährte, sondern hatte nach wie vor einigen Prestigewert.

Obiger Ausschnitt lässt übrigens erahnen, wie großzügig dimensioniert selbst dieser „Baby-Benz“ war. Damit musste man sich in der Nachbarschaft nicht verstecken, oder doch?

Immerhin verweist das Kennzeichen mit dem Kürzel „III A“ auf eine Zulassung im Raum Stuttgart. Dort schätzte man aber eher die Produkte der Daimler-Motoren-Gesellschaft, die seit 1905 ihr Werk im Stadtteil Untertürkheim hatte.

Den einstigen Besitzern dürfte die Meinung der Nachbarn gleichgültig gewesen sein.

Das sorgfältig komponierte Foto verrät, wie stolz man auf den Wagen war. Tatsächlich scheint er hier im Mittelpunkt gestanden zu haben, nicht die Umstehenden und Insassen, die teilweise anderweitig beschäftigt sind.

Der Fotograf wird doch nicht ein früher Veteranenfreund gewesen sein? Jedenfalls hatte er dem alten Benz eine gelungene neue Perspektive abgewonnen.

Leider waren für die Firma selbst die Aussichten weniger gut. 1925 musste Benz sich mit dem ebenfalls notleidenden Rivalen aus Stuttgart zusammenschließen.

Das war die Geburtsstunde von Mercedes-Benz, aber das Ende der vor dem 1. Weltkrieg mit Abstand vor Daimler führenden deutschen Automobilmarke…

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Hubraum-Riesen aus Mannheim: Benz-Modelle 1912

Um das Ansehen von Mannheim steht es nicht sonderlich gut. Eine Abkunft aus der einstigen Residenzstadt des Kurfürstentums Pfalz und späteren Industriemetropole gilt heute nicht als sonderlich erstrebenswert.

Doch aus automobilhistorischer Sicht ist Mannheim ein glanzvoller Ruf sicher. Ein gutes Vorzeichen waren die Fahrmaschinen, mit denen dort Karl Freiherr von Drais im frühen 19. Jahrhundert experimentierte.

1885 war das bis heute wohl bedeutendste Datum in der Stadtgeschichte, denn damals unternahm der Benz-Patent-Motorwagen Nr. 1 seine erste Fahrt. Es dauerte aber bis 1888, bis Carl Benz‘ bahnbrechende Erfindung als solche wahrgenommen wurde.

In jenem Jahr unternahm seine patente Frau Bertha mit den beiden Söhnen ihre legendäre Fahrt ins über 100 km entfernte Pforzheim.

Ein Jahr später war der Benz-Wagen auf der Weltausstellung in Paris die Sensation – und es begann der unaufhaltsame Siegeszug der Erfindung aus Mannheim. 

Um 1900 war die Automobilproduktion von Benz mit Abstand die bedeutendste im Deutschen Reich, wenngleich international die französischen Hersteller führend waren.

Carl Benz vermochte dem Innovationstempo der Konkurrenz nicht standzuhalten und schied 1903 aus seiner Firma aus – aus heutiger Sicht hatte er seine Mission erfüllt.

Keine zehn Jahre stand die Firma Benz & Cie. blendend da. Mit der eindrucksvollen Mannheimer Modelloffensive des Jahres 1912 beschäftigt sich der heutige Blogeintrag.

Ausgangspunkt ist folgende Originalaufnahme aus der Zeit kurz vor dem 1. Weltkrieg:

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Benz Landaulet, 1912-14; Originalaufnahme aus Sammlung Michael Schlenger

Ist das nicht eine majestätische Erscheinung? Würde man heute noch Hut tragen, so würde man selbigen vor den privilegierten Insassen ziehen.

Der Kenner sieht auf einen Blick, dass es sich um ein Landaulet handelt. Aber nicht alle Leser dieses Blogs sind auch Veteranenspezialisten, daher eine kurze Erklärung:

Beim der Kutschentradition entstammenden Landaulet-Aufbau saßen die Passagiere in einem vom Fahrer separierten Abteil und konnten bei schönem Wetter dort (und nur dort) das Verdeck niederlegen (lassen), um Licht, Luft und Landschaft zu genießen.

Das Verschwinden dieser verbreiteten Karosserieform im Automobilbau ist ein Beispiel für den gesellschaftlichen Wandel der letzten 100 Jahre. Der Exklusivität eines Landaulets vor über 100 Jahren entspricht heute der Besitz eines eigenen Düsenjets.

Mit diesem Vergleich wären wir auch beim Thema Leistung. „Was hat der denn für einen Hubraum, wieviel PS hat der denn, was schluckt der denn?“, das sind die von Oldtimer-Besitzern bekanntlich besonders geschätzten Fragen.

Im vorliegenden Fall ist das gar nicht so leicht zu beantworten.

Wir müssen uns anhand formaler Details erst einmal an mögliche Modellvarianten herantasten. Dabei gibt uns die Frontpartie einige Hinweise:

Benz_25-55_oder_33-75_PS_landaulet_Frontpartie

Beginnen wir mit dem Naheliegenden: Die Plakette oben auf dem Kühlerkasten erweist sich unter der Vergrößerung eindeutig als „Benz“-Emblem. Auf den Nabenkappen der Räder zeichnet sich der Schriftzug ebenfalls ab.

Der schräge Windlauf zwischen Motorhaube und Frontscheibe spricht für eine Entstehung ab 1910, vorher stieß die Haube (nicht nur bei Benz) rechtwinklig auf die Schottwand.

Dass wir es nicht mit einem der kleinen Benz der Jahre 1910/11 zu tun haben, verraten folgende Details:

Der Kühlergrill ist deutlich höher als breit. Beim bereits vorgestellten Benz 8/18 bzw. 8/20 PS sind die Proportionen gedrungener – das kompakte Aggregat brauchte nicht so viel Kühlung. Zudem verfügt unser Fotomodell über Räder mit zwölf Speichen, die kleineren Typen kamen mit zehn aus.

Drei Benz-Modelle kommen für diese Landaulet-Version in Betracht. Warnung: Wer eine Aversion gegen große Hubräume hat, sollte jetzt nicht weiterlesen!

Gut, man liest offenbar weiter. Neu ins Angebot nahm Benz 1912 folgende Typen auf:

Ein 25/50 PS-Modell mit über 6 Liter Hubraum, ein 29/60 PS-Modell mit über 7 Liter Hubraum und ein 33/75 PS-Modell mit exakt 8,4 Liter Hubraum – wohlgemerkt alle mit Vierzylindermotoren.

Auch an diesen technischen Relationen lässt sich ablesen, was sich in den letzten 100 Jahren im Automobilsektor geändert hat.

Dabei gefällt zumindest dem Verfasser die Möglichkeit, dank solcher Hubräume aus Schrittempo im 4. Gang bis zur Höchstgeschwindigkeit von 90-110 km/h zu beschleunigen…

Nach so vielen Zahlen und Fakten zum Abschluss ein genüsslicher Blick auf die opulente Unterbringung der Passagiere – und des Fahrers:

Benz_25-55_oder_33-75_PS_landaulet_Seitenpartie

Der Chauffeur genoss zwar nicht das Privileg eines zu öffnenden Dachs, doch wird er es geschätzt haben, dass er nicht mehr bei Regen im Freien sitzen musste, wie das einige Jahre zuvor noch üblich war.

Außerdem konnte er in der warmen Jahreszeit die Frontscheibe ausstellen, um sich vom Fahrtwind kühlen zu lassen – das gewaltige Aggregat im Motorraum wird ihm nämlich ordentlich eingeheizt haben – im Winter natürlich ein klarer Vorteil.

Wer genau hinschaut, erkennt auch, warum es bei diesen Wagen keine Seitenscheibe für den Fahrer gab. Die Betätigungshebel für Gangschaltung und Handbremse lagen noch außerhalb des Karosseriekörpers. 

In Griffweite rechts des Lenkrads sieht man außerdem den Hupenball. Wer sich schon immer gefragt hat, warum die Autos auch außerhalb Englands so lange Rechtslenkung hatten, findet hier die Erklärung: Die meisten Menschen sind nun einmal Rechtshänder…

Damit wollen wir es für heute bewenden lassen. Die Firma Benz wird uns künftig noch öfters beschäftigen – etliche spannende Originalfotos im Fundus warten auf die Veröffentlichung.

© Michael Schlenger, 2017. All entries in this blog (including embedded photos) are copyrighted by the author, unless otherwise indicated. Excerpts and links may be used, provided that credit is given to Michael Schlenger and http://www.klassiker-runde-wetterau.com with appropriate and specific direction to the original content.

Verblichener Glanz: Ein Benz 11/40 PS Tourenwagen

Bei der Beschäftigung mit Vorkriegsautos anhand alter Originalfotos stößt man im Idealfall auf sonst nicht dokumentierte Typen und Karosserieversionen. Doch die Aufnahmen selbst haben oft ihre eigene Magie. 

Zwar gibt es Abzüge, die dank geschützter Aufbewahrung auch nach 100 Jahren das längst vergangene Motiv getreu bewahrt haben. Die meisten dagegen zeigen schon Spuren fortgeschrittenen Zerfalls – dieses hier etwa:

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Tourenwagen um 1910 auf einer britischen Postkarte, eventuell Sunbeam

Diese Zeugnisse lassen sich durch Digitalisierung vor dem Verschwinden bewahren, bis vielleicht die Technologie unserer Zeit einst obsolet ist. Daher gilt es, parallel auf jeden Fall auch die analogen Originale aufzubewahren.

Lichtgeschützt überleben sie im Zweifelsfall selbst technologische Umbrüche – so wie die Bücher aus alten Bibliotheken, die oft fünf und mehr Jahrhunderte überstanden  haben und möglicherweise die zuverlässigsten Zeugen ihrer Zeit bleiben.

Bei der Beschäftigung mit historischen Automobilfotos kommt man am Thema Vergänglichkeit und Bewahrung von Zeugnissen für die Zukunft nicht vorbei. Das gilt übrigens für die noch existierenden Originalfahrzeuge ebenso.

Auch wenn es hierzulande unpopulär sein dürfte: Ein weitgehend neu aufgebauter Wagen der Vorkriegszeit -mag er noch so gut gemacht sein – ist kein historisches Original, sondern lediglich eine Nachschöpfung.

Zugegeben: Der Verfasser hat ebenfalls eine Schwäche für die oft reizvollen „Specials“ unserer Tage, die auf Basis von Vorkriegswagen entstehen:

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„Protos“-Rennwagennachbau, aufgenommen bei den Classic Days auf Schloss Dyck

Doch seien wir ehrlich: Niemand würde ein Gemälde der Renaissance original nennen, das zu 90 % nachgemalt wurde und bei dem nur noch die Signatur des Künstlers und der Rahmen aus der Entstehungszeit stammen.

Alte Fotos aus der Zeit, als die Wagen noch im Alltag genutzt wurden, lehren uns, was unter „original“ zu verstehen ist – jedenfalls nicht der nur ganz kurz gegebene Neuzustand, der das unerreichbare Ziel vieler „Restaurierungen“ ist.

Repräsentativ ist eher der Zustand, der sich über mehrere Jahre der Nutzung einstellte. Dazu gehören neben normalen Gebrauchsspuren und Alterserscheinungen auch zeitgenössische Umbauten. 

Gerade der rasante Umbruch zwischen den beiden Weltkriegen lässt sich an den Autos jener Zeit auf alten Aufnahmen ablesen. Hier haben wir ein Beispiel:

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Benz Tourenwagen, wahrscheinlich 11/40 PS Typ

Auf den ersten Blick irritiert das Foto. Links im Vordergrund liegt Gerümpel, der Wagen steht eingezwängt zwischen zwei Zäunen und der Hintergrund wirkt konfus.

Das Auto hat offenbar seine besten Zeiten hinter sich und wurde für dieses Foto nicht mehr eigens in Szene gesetzt. Dabei handelte es sich einst um einen Wagen aus bestem Hause!

Spitzkühlermodelle gab es nach dem 1. Weltkrieg in Deutschland jede Menge, doch dieses hier ist etwas ganz Feines. Blenden wir das unerfreuliche Drumherum aus und schauen wir genauer hin:

benz_16-50_ps_tourer_ausschnitt

Das ist ein Tourenwagen mit einem Radstand von weit über 3 Metern und einer so langen Haube, dass man hier von einem Sechszylinderwagen ausgehen muss.

Dafür kamen in Deutschland in den frühen 1920er Jahren nicht viele Hersteller in Frage. Die markante Kühlermaske mit der runden Markenplakette gab es genau so nur bei der Traditionsfirma Benz.

Aufnahmen von 6-Zylinder-Benz der Zeit nach dem 1. Weltkrieg sprechen für das ab 1923 gebaute 11/40 PS-Modell als wahrscheinlichsten Kandidaten.

Dabei handelte es sich um den kleinen Bruder des 16/50 PS Benz, der der letzte Typ in der Geschichte des Hauses vor dem Zusammenschluss mit Daimler werden sollte. Ein Porträt dieses mächtigen Wagens gibt es auf diesem Blog hier.

Leistungsmäßig bewegten sich die letzten Benz-Modelle oberhalb deutscher 4-Zylinderwagen von Adler, Opel, NAG und Presto, die mit 25 bis 30 PS daherkamen.

Bäume ausreißen ließ sich damit nicht, doch das war auch nicht der Anspruch der Käufer solcher Autos. Gediegene Qualität und repräsentatives Erscheinungsbild, darauf kam es Benz-Fahrern an.

Ab Mitte der 1920er Jahre sahen die Erzeugnisse deutscher Marken aber zunehmend „alt“ aus. Hersteller aus den USA machten fast alles besser und obendrein billiger.

Unser Foto zeigt nun ein Detail, das auf das modische Vorbild amerikanischer Wagen verweist, die nachträglich montierte Doppelstoßstange:

benz_16-50_ps_tourer_ausschnitt2

Man kann ein solches Zubehör für geschmacklos halten. Doch findet man auf Autoaufnahmen aus der Zwischenkriegszeit Hinweise darauf, dass viele Besitzer versuchten, so mit der Zeit zu gehen.

Wer heute das Glück hätte, solch einen herrlichen Spitzkühler-Benz in unberührtem Zustand zu ergattern, würde wahrscheinlich die Stoßstange als erstes entsorgen – aber: Wenn sie schon 90 Jahre dran ist, gehört sie doch zu dem Wagen!

Ein altes Haus, ein antikes Möbelstück, ein historisches Automobil, das man erwirbt, trägt oft die Spuren jahrzehntelanger Nutzung durch mehrere Generationen.

Man ist gut beraten, im ersten Schritt noch vorhandene Originalsubstanz zu erhalten – bei einem Haus etwa die Tondachziegel, die Holzfenster und -türen, wie das in England selbstverständlich ist, während hierzulande alles weggeworfen wird.

Im zweiten Schritt kann man überlegen, ob spätere Veränderungen ebenfalls erhaltenswert sind – sei es , weil sie den Charakter ausmachen, sei es, weil sie sinnvoll sind, sei es, weil sie selbst schon Seltenheitswert genießen.

Merke: Alles auf neu machen, kann man jederzeit – nur ist dann alles Originale unwiederbringlich verloren. „It’s original only once“, sagen die Briten. Davon kann man sich einiges abschauen, nicht nur im Hinblick auf alte Autos…

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Im „Baby-Benz“ 8/20 PS durch dick und dünn…

Beim Stichwort „Baby-Benz“ denkt man zuerst an den Mercedes 190 aus den 1980er Jahren, von dem noch etliche unverdrossen im Alltag unterwegs sind.

Hätte die Marke mit dem Stern an dieser Qualität festgehalten, würde sie wohl nicht mehr existieren. Der Anspruch war, einen Kompaktwagen zu bauen, ohne Kompromisse bei Konstruktion und Verarbeitung zu machen. 

Vor über 100 Jahren gab es schon einmal solch‘ einen Baby-Benz und damals war es ein richtiger Benz – der Zusammenschluss der Mannheimer Pionierfirma mit Daimler lag noch in weiter Ferne.

Rückblende ins Jahr 1910: Der Einkaufschef von Benz, Karl Kissel, nervt die Firmenleitung solange mit der Forderung nach einem kompakten Qualitätswagen, bis diese intern einen entsprechenden Wettbewerb ausschreibt.

Heraus kam das Modell Benz 8/20 PS, das bis nach dem 1. Weltkrieg das wichtigste Standbein der Marke blieb. Doch genug der Worte – lassen wir Bilder sprechen!

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Benz 8/20 PS, Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Die Zeitumstände wollen es, dass wir von den Benz-Automobilen, die ab etwa 1910 gebaut wurden, vor allem solche Fotos aus dem Einsatz im 1. Weltkrieg haben.

Die Benz-Wagen aus Mannheim waren in etlichen Typen als Stabs- und Kurierfahrzeuge an allen Fronten unterwegs.

Während hohe Offiziere prestigeträchtige Benz der Typen 25/55 PS oder 29/60 PS bevorzugten, die wir gelegentlich ebenfalls vorstellen, wurde das 18/20 Modell in weit größerer Zahl frontnah eingesetzt.

Hier nun der Wagen auf unserem Foto in starker Ausschnittsvergrößerung:

benz_8-20_ps_1914-15_ausschnitt Das Fahrzeug stimmt in allen wesentlichen Details mit dem 8/20 Benz überein, sei es die markante Übergangspartie von Motorhaube zu Frontscheibe, die Form und Anordnung der Luftschlitze, die Kühlermaske oder die Form der Schutzbleche.

Ein Vergleichsexemplar findet sich auf Seite 99 des Standardwerks „Benz & Cie.“, hrsg. von der Mercedes-Benz AG, 1994.

Einziger Unterschied sind die wahlweise verfügbaren Drahtspeichenfelgen und das Gepäck, das vom großen Dreieckskanister auf dem Trittbrett über die Gewehrtasche vor den Reservereifen bis hin zum Wassereimer auf dem Schutzblech reicht.

Die Pickelhauben der Reiter im Hintergrund verraten, dass das Foto in der Anfangsphase des 1. Weltkriegs entstanden sein muss. Der gegen Granatsplitter wirksamere Stahlhelm wurde auf deutscher Seite erst Anfang 1916 eingeführt.

Dass wir uns hier in Frontnähe befinden, lässt die Fracht vermuten, die das Gespann rechts von dem abgestellten Benz transportiert:

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Dem Format nach könnte es sich um einen 21cm Mörser von Krupp handeln, der zur Bekämpfung  befestigter Stellungen diente. Der Transport dieser weitreichenden Waffe erfolgte aus Gewichtsgründen in drei Teilen, hier sehen wir den Rohrwagen.

Das spektakuläre Kaliber könnte der Grund für das Foto gewesen sein, auch der Zivilist im Vordergrund schaut gebannt auf das gewaltige Stück Eisen, das von kräftigen Kaltblütern gezogen wurde.

Wir wissen, wie die Sache ausgegangen ist. Jahrelange Materialschlachten und Millionen von Toten hielten die Kriegsparteien nicht ab, bis 1918 ihre Ziele weiterzuverfolgen, bei denen es allen Seiten um die Vorherrschaft in Europa ging.

In mancher Hinsicht markierte der 1. Weltkrieg einen radikalen Schnitt. Das gilt etwa für Kleidung und Rolle der Frauen vor 1914 und nach 1918. In der Autoindustrie ging es aber erst einmal darum, die Fertigung wieder in Gang zu bringen.

Auf deutscher Seite wurden bis Anfang der 1920er Jahre meist Vorkriegsmodelle produziert. Während technisch fast alles beim alten blieb – von elektrischen Scheinwerfern abgesehen – setzte sich formal die Spitzkühlermode durch.

Der Spitzkühlertrend zeichnete sich bei vielen Herstellern im deutschsprachigen Raum bereits ab 1912 ab. Damals hatte der Kunde noch die Wahl zwischen dem konservativen Flach- und dem dynamisch wirkenden Spitzkühler.

Der Benz 8/20 PS scheint nach dem 1. Weltkrieg nur noch mit dem modischen Spitzkühler gebaut worden zu sein. So ein Exemplar sehen wir auf folgendem Foto:

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Benz 8/20 PS, Bauzeit 1918-21, Aufnahme um 1930 aus Sammlung Michael Schlenger

Hier sind die Zeiten der dicken Kaliber offenbar vorbei. Die Herren auf diesem Abzug sind jedenfalls alle gertenschlank – Hinweis auf Zeiten, in denen es in vielerlei Hinsicht sparsamer zuging, fidel war man trotzdem.

Auch der Benz, der diese Gesellschaft aus 10 Herren und 2 Damen transportiert, hat abgespeckt. Vielleicht neigte das Gefährt bei langsamem Betrieb zur Überhitzung, weshalb man für diesen karnevalesken Umzug die Motorhaube entfernt hatte:

benz_8-20_ps_tourenwagen_karneval_ausschnitt1

Die formalen Details passen genau zum Benz 8/20 PS-Tourenwagen, wie er nach dem 1. Weltkrieg bis 1921 weitergebaut wurde-  nur mit Spitzkühler, wie gesagt.

Außer der Kühlermaske sprechen auch das Erscheinungsbild der Räder, die Form der Frontscheibe und die Gestaltung der Schwellerpartie für einen „Baby-Benz“ um 1920.

Bloß die „Besatzung“ des Benz steht im Gegensatz zu dem altbewährten Modell:

benz_8-20_ps_tourenwagen_karneval_ausschnitt2

Wahrscheinlich haben wir es hier mit einem Studentenulk anlässlich bestandener Prüfung zu tun. Dafür spricht das einheitliche Alter, der geringe Anteil an weiblichen Insassen und wohl auch die „Karl Marx“-Maske, die einer der Herren trägt.

Zu beanstanden ist nur: Anlässlich solcher Studentenfeten, bei denen es auch um’s Abschneiden alter Zöpfe ging, wurden bis in die 1960er Jahre oft alte Autos reaktiviert und anschließend zum Schrottplatz gefahren.

Dieses Schicksal dürfte auch den 18/20 PS Benz auf unserem Foto ereilt haben…

1926: Zwei junge Männer und ein alter Benz

Die Welt dreht sich immer schneller und mehr denn je sind die Dinge im Wandel – das liest und hört man in unseren Tagen allerorten. Doch ist das abseits der auf Hochtouren laufenden Vermarktungsmaschinen der Industrie wirklich so?

Was hat sich im Jahr 2016 gegenüber der Zeit vor 10 Jahren grundlegend geändert? Ja, die Autos und Mobiltelefone sind größer geworden und man kann sich jetzt auch ohne Rücksicht auf Speicherplatz und Übertragungskapazität mehr oder minder belanglose Nachrichten und Bilder zuschicken.

Doch ansonsten? Nun, der Berliner Flughafen ist immer noch nicht fertig, die Infrastruktur bröckelt weiter, auch „Europa“ ist nach wie vor eine Großbaustelle. Und in der Bundespolitik sieht man immer noch dieselben Gesichter…

Vor 90 Jahren dagegen – im Jahr 1926 – war die Welt unserer Großeltern und Urgroßeltern in rasantem Wandel begriffen. Nach der Katastrophe des 1. Weltkriegs veränderte sich der Alltag der Menschen in einem kaum vorstellbaren Tempo.

Die 1920er Jahre markieren die Nahtstelle zwischen der untergehenden Welt des alten Europa und einer heraufdämmernden Zeit, in der globale gesellschaftliche Trends und neue Technologien den Takt vorgeben.

Der Atlantik konnte erstmals mit dem Flugzeug überquert werden, in den USA konnte sich praktisch jedermann ein Automobil leisten, Frauen drängten selbstbewusst nach Bildung und politischem Einfluss, in vielen Ländern Europas bahnte sich ein gewalttätiger Konflikt zwischen linken und rechten Sozialisten an.

In dieser Zeit – um genau zu sein: 1926 – entstand irgendwo im Rheinland das folgende Foto:

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© Benz-Limousine, Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Diese Aufnahme dokumentiert eindrucksvoll das Nebeneinander von Gestern, Heute und Morgen. Zwei junge Männer – wohl in ihren 20ern – haben sich hier vor einem alten Benz ablichten lassen.

Der ehrwürdigen Marke aus Mannheim war zu diesem Zeitpunkt nur noch ein Jahr der Unabhängigkeit vergönnt. 1927 kam es zur Fusion mit Mercedes, fortan firmierte man als Daimler-Benz. Ende des 20. Jahrhunderts wurde der Namensbestandteil „Benz“ ganz entsorgt, eine reife Leistung geschichtsvergessener Entscheider…

Der Benz, den wir hier sehen, stammt noch aus der Blütezeit der Marke. Die genaue Datierung fällt schwer, da der Wagen Elemente von Vorkriegs- und Nachkriegsmodellen vereint:

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Der markante Spitzkühler taucht – ähnlich wie bei Adler – an den Modellen von Benz kurz vor dem 1. Weltkrieg auf. Form und Abstand der Luftschlitze in der Motorhaube sprechen ebenfalls für eine Entstehung vor Kriegsausbruch.

Damals gab es ausweislich der Literatur („Benz & Cie. Zum 150. Geburtstag von Karl Benz“, Stuttgart 1994) zwei Modelle, die dem Wagen auf dem Foto entsprachen.

Ein weitgehend identisches Fahrzeug ist auf Seite 103 des erwähnten Buchs zu sehen (die korrekte Bildbeschreibung ist nach unten verrutscht). Das dort abgebildete Werksfoto zeigt einen Typ 14/30 PS mit 3,5 Liter Vierzylinder.

1914 wurde mit dem 21/50 PS zudem der erste Sechszylinder von Benz vorgestellt. Da der 5,3 Liter große Motor dieselben äußeren Abmessungen hatte wie die Vierzylinder, hätte er ebenfalls unter die Haube des Wagens auf dem Foto gepasst.

Das 6-Zylinder-Modell hatte aber einen größeren Radstand (3,65 m), sodass unsere Aufnahme wohl „nur“ den Vierzylinder (Radstand: 3,15 m) zeigt. Er wurde ab 1918 weitergebaut.

Zwei Details an der Frontpartie verweisen ebenfalls auf die Nachkriegszeit: die elektrischen Scheinwerfer und das Horn. Sie können freilich auch nachgerüstet sein.

So oder so: 1926 gehörte der Benz formal wie technisch zum alten Eisen. Das scheint auch die beiden jungen Herren zu beschäftigen, die vor dem Wagen posieren, womöglich sind sie Chauffeure:

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„Fritz, lass Dir gesagt sein: unsere Tage als Fahrer sind gezählt. Meine Brötchengeberin ist seit der Inflationszeit so gut wie pleite. Die lebt vom Verkauf des Familiensilbers und verlässt sich drauf, dass ich den ollen Benz noch eine Weile am Laufen halte. Schau‘ mal hier: Diese Anzeige habe ich aufgegeben!“

„Mensch, Hermann, ist das nicht ein bisschen dick aufgetragen? Intimer Kenner der besseren Gesellschaft sucht neues Betätigungsfeld als Gebietsvertreter für Luxuswaren. Positionen mit Dienstwagen amerikanischer Provenienz bevorzugt.“

„Du bist ja vielleicht von gestern, Fritz! Man muss selbstbewusst auftreten, um wahrgenommen zu werden. Wir leben nicht mehr in der Monarchie – heute kann jeder was erreichen, wenn er nur will. Und ich sag‘ Dir was: Ich will nach oben!“

„Schon klar, Hermann. Hast Dir ja auch ’nen feinen Nadelstreifenazug zugelegt. Dachte mir schon, dass Du Dich zu Höherem berufen fühlst. Wär‘ aber nix für mich, ich denk‘ da bodenständig. Schuster, bleib bei Deinen Leisten, sag‘ ich.“

So ähnlich könnte der Dialog zwischen den beiden Männern gewesen sein, die ihr Leben noch vor sich hatten. Wie die Sache wohl ausgegangen ist? Darüber wissen wir leider nichts. Den Benz hat es wohl als Erstes erwischt, dann kam der 2. Weltkrieg…

Vor 100 Jahren: Ein Benz mit Schnabelkühler

Die Beschäftigung mit Vorkriegsautos anhand alter Fotos, wie sie auf diesem Oldtimerblog betrieben wird, hat gegenüber anderen Hobbys mehrere Vorteile:

  • Es gibt keinen technischen Fortschritt, der einen von der eigentlichen Sache ablenkt – wie das z.B. bei Fotoamateuren der Fall ist.
  • Es gibt Material ohne Ende, das noch nicht aufgearbeitet ist – die Literatur zum Thema ist oft jahrzehntealt und lückenhaft.
  • Es gibt die Möglichkeit, Autos zu „besitzen,“ die man sich in echt schon deshalb nicht leisten könnte, weil sie nicht verfügbar sind.

Das Originalfoto, das wir uns heute vornehmen, ist ein gutes Beispiel dafür. Es war fast völlig verblasst und ließ sich trotz aller Technik nur in engen Grenzen verbessern. Wir müssen daher wie Archäologen mit dem wenigen arbeiten, das wir vorfinden.

Aber was wir haben, ist grandios und vielleicht einzigartig:

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© Benz Tourenwagen; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Naja, könnte man sagen, irgendein alter Tourenwagen irgendwo vor 100 Jahren aufgenommen, viel erkennt man da nicht.

Doch die Situation ist nicht alltäglich: Das zerstörte Backsteingebäude links verweist auf eine Entstehung zu Kriegszeiten. Der Holzverschlag im Hintergrund wirkt improvisiert und ausgerechnet davor steht ein majestätischer Tourenwagen.

Dieses Foto entstand mitten im 1. Weltkrieg, wann und wo genau wissen wir nicht. Die sieben Männer auf der Aufnahme deckt schon lange der kühle Rasen. Doch das grandiose Automobil übt auch nach 100 Jahren seine Faszination aus.

Schauen wir genauer hin, denn es lässt sich mehr zu dem Wagen sagen:

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Was neben dem eindrucksvollen Radstand auffällt, ist die Frontpartie mit der langen Motorhaube, den nach hinten versetzten Luftschlitzen und dem markanten Kühler.

Der Verfasser dieses Blogs hat einige Zeit damit zugebracht, diesem Gefährt auf die Schliche zu kommen. Zunächst schien es sich um ein Modell mit Spitzkühler zu handeln, doch so ausgeprägte „Nasen“ kamen erst nach dem 1. Weltkrieg auf. Ob Horch, Opel, Presto oder Stoewer – in Deutschland huldigte man ab 1918 dieser Mode.

Wenn man noch genauer hinschaut, erkennt man jedoch, dass es sich gar nicht um ein Spitzkühlermodell handelt, denn die vorkragende Kühlermaske endet im Nichts.

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Wenn nicht alles täuscht, haben wir es hier mit einem der seltenen Vertreter des „Schnabelkühlers“ zu tun. Das bedeutet, dass der Wagen einen flachen Kühlergrill besaß, die Kühlermaske aber oben vorsprang – wie der Schnabel eines Raubvogels.

Ein Schnabelkühler so ausgeprägt wie auf unserem Foto findet sich in der Literatur nur bei einer deutschen Marke: Benz. Bei Hansa und Horch gab es zeitweise ebenfalls Modelle mit Schnabelkühler, doch keines kam so aggressiv daher.

Im Standardwerk „Deutsche Autos – 1885 bis 1920“ von Halwart Schrader findet sich auf Seite 63 solch ein Wagen, ein Benz 16/40 PS mit satten 4-Liter Hubraum von 1914. Kühlerpartie, Motorhaube und Speichenräder stimmen vollkommen überein.

Der übrige Aufbau ist für die Identifikation nicht wesentlich, da er vom Baujahr bzw. vom Lieferanten der Karosserie abhing. Doch die Gesamterscheinung „passt“. Möglicherweise können Leser dieses Blogs hierzu noch Erhellendes beitragen.

Übrigens muss es einst ein kalter Tag gewesen sein, als dieses Foto mitten im 1. Weltkrieg entstand:

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Der Soldat im Vordergrund, den die Fahrerbrille als Chauffeur ausweist, hat sich einen gewaltigen Schal umgebunden. Der gehörte bestimmt nicht zur Winterausstattung bei der deutsch-österreichischen Armee und war stattdessen von einer liebevoll besorgten Person in der Heimat gestrickt worden…

Solche das einstige Leben widerspiegelnde Situationen kommen bei heutigen Präsentationen der überlebenden Veteranen-Fahrzeuge hierzulande oft zu kurz.

Als man noch ins Auto ein“stieg“: Ein Benz von 1912

Dieser Oldtimer-Blog ist schwerpunktmäßig Vorkriegsautos gewidmet, die anhand originaler Fotografien vorgestellt werden. Die besondere Sympathie des Verfassers gilt dabei Veteranenwagen aus der Zeit vor dem 1. Weltkrieg.

Zwar gibt es aus jener Zeit jede Menge interessanter Aufnahmen von Automobilen. Nur die Literatur lässt bezüglich der Typen bedeutender deutscher Marken wie Adler, Brennabor, Dürkopp und Opel zu wünschen übrig.

Das macht die Identifikation deutscher Autos aus der Frühzeit der Benzinkutsche schwierig. Selbst bei der Marke Benz, zu der es solide Literatur gibt (z.B. „Benz & Cie.“, Stuttgart 1994), wird man einen Wagen wie folgenden vergeblich suchen:

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© Benz Landaulet um 1912; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Dieses majestätische Fahrzeug ist ein Benz aus der Zeit vor dem 1. Weltkrieg. Doch keine dem Verfasser bekannte Abbildung eines Benz zeigt genau diesen Aufbau. Es handelt sich um eine Landaulet-Karosserie, bei der Passagiere in einem separaten Abteil saßen, dessen Dach bei schönem Wetter geöffnet werden konnte.

Der Chauffeur steuerte den Wagen von einer davorliegenden Sitzbank außen, die wie bei einer Kutsche anfänglich unüberdacht war (sog. Außenlenker). Später wurde der Arbeitsplatz des Fahrers ebenfalls überdacht wie auf unserem Foto.

Dass wir es mit einem Benz aus der Zeit vor 1914 zu tun haben, lässt die Frontpartie mit der markentypischen Kühlermaske vermuten, die das Firmenemblem trug:

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Vor dem 1. Weltkrieg dominierten noch gasbetriebene Frontscheinwerfer, erst später setzten sich dort elektrische Lampen durch. Flacher Kühler und Form der Schutzbleche sprechen ebenfalls eher für einen Benz vor 1914.

Danach kamen bei Benz die modischen Spitzkühler auf, wenngleich vereinzelt auch noch Flachkühler verbaut wurden – vielleicht weil ein Käufer einen konservativen Aufbau bevorzugte; so könnte es hier ebenfalls gewesen sein.

Der Benz auf dem Foto könnte also prinzipiell auch eine frühe Nachkriegsversion handeln. Dagegen sprechen aber die seitlichen Laternen am Fahrgastraum, die leider außerhalb des Schärfebereichs liegen:

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Solche Positionslampen waren schon bei Fahrzeugen der Baujahre 1913/14 elektrisch beleuchtet, nur bei den Frontscheinwerfern verließ man sich noch auf Gas.

Anhand dieses Befunds und Bilder von Benz-Modellen der Vorkriegszeit lässt sich der Benz auf etwa 1912 datieren. In jenem Jahr baute die Firma in Mannheim erstmals über 3.000 Fahrzeuge, das waren rund 15 % der gesamten Automobilproduktion im Deutschen Reich.

Benz bot damals eine große Typenvielfalt, von den verfügbaren Karosserieaufbauten ganz abgesehen. Erhältlich waren Wagen mit 20, 30, 40, 55, 60, 75 und 100 PS – alles Vierzylindermodelle übrigens.

Welche Motorisierung der Benz auf unserem alten Abzug hatte, muss mangels vergleichbarer Aufnahmen offen bleiben. Der aufwendige Landaulet-Aufbau und die eindrucksvollen Dimensionen sprechen am ehesten für ein Modell mit 60 oder 75 PS aus 7,4 bzw. 8,4 Litern Hubraum.

Damit war theoretisch die 100 km/h-Marke erreichbar. Ausprobiert haben wird as aber wohl kaum ein Besitzer, dagegen sprachen schon der Zustand der Straßen und die schwachen Bremsen. Wichtiger waren souveräne Kraftentfaltung bei voller Beladung und gute Steigfähigkeit am Berg.

Der junge Mann neben dem Benz ist sichtlich stolz, einen solchen großzügigen und starken Wagen fahren zu dürfen:

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Mit Lederhaube, Staubmantel und Handschuhen ist er gut für eine längere Ausfahrt über Land gerüstet, während sich die Herrschaften im dahinterliegenden Abteil um etwaige Unbilden des Wetters keine Gedanken machen müssen.

Gleichzeitig bietet das Verdeck die Möglichkeit, Sonne und frische Luft genießen zu können, ohne von Schmutz und Staub auf der Straße behelligt zu werden. Wer meint, den reduzierten Komfort des Chauffeurs anprangern zu müssen und reflexartig „Ausbeutung“ wittert, sollte bedenken:

Die Position als Chauffeur bei den vermögenden Besitzern dieses Benz Landaulet wurde sicher gut bezahlt. Fähige Fahrer waren nicht an jeder Ecke zu bekommen und trugen viel Verantwortung für Fahrzeug und Insassen, zu denen sie oft ein enges Vertrauensverhältnis hatten.

Der junge Mann scheint sich seines Glücks durchaus bewusst gewesen zu sein. Die meisten seiner Altergenossen verrichteten harte Arbeit auf dem Feld oder in der Industrie. Erst der Kriegsausbruch 1914 brachte es mit sich, dass das Leben plötzlich für fast alle Männer unabhängig von ihrem Status einem Roulettespiel glich.

Denkbar ist, dass unser Foto erst kurz nach dem Krieg entstanden ist. Dann konnte sich der Fahrer dieses Benz doppelt glücklich schätzen…

Der letzte Benz: 16/50 PS-Modell der 1920er Jahre

So paradox es klingt: Wenn jemand heute hierzulande von seinem „Daimler“ oder seinem „Benz“ spricht, meint er meistens bloß seinen „Mercedes“. Dass alle drei Bezeichnungen einst unterschiedliche Marken oder auch spezielle Typen bezeichneten, ist wohl nur noch den Freunden von Vorkriegswagen bewusst.

Bis zum erzwungenen Zusammenschluss der bis dato unabhängigen Hersteller im Jahr 1926 wäre niemand auf die Idee gekommen, Daimler und Benz in einen Topf zu werfen. Und dass ein Mercedes ursprünglich nur die Bezeichnung eines speziellen Modells von Daimler war, wusste einst jedes Kind.

Umso reizvoller ist es, heute einen näheren Blick auf einen echten „Benz“ zu werfen, der als letztes Modell vor der Fusion zu Daimler-Benz entstand. Dieser letzte Benz begegnete dem Verfasser auf einem historischen Foto, das 1934 vor dem Bahnhof in Luxemburg entstand – so der handschriftliche Vermerk auf der Rückseite.

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© Benz 16/50PS Tourenwagen; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Zum Aufnahmezeitpunkt waren Wagen dieses Typs mit Spitzkühler und langgestreckter Tourenwagenkarosserie schon „Oldtimer“. Die frühesten Vertreter dieser Gattung findet man kurz vor Ausbruch des 1. Weltkriegs und so unterschiedliche Marken wie Adler, Horch, Opel und Presto, aber eben auch Benz fertigten solche Fahrzeuge, die äußerlich oft schwer auseinanderzuhalten sind.

In Fällen, in denen auf Anhieb keine sichere Identifikation möglich ist, hat es sich bewährt, die entsprechenden Bilder erst einmal ruhen zu lassen. Meist findet sich später eine ähnliche Abbildung, die den entscheidenden Hinweis gibt, so auch im vorliegenden Beispiel eines Benz 16/50PS.

Der bewährte „Oswald“ (Deutsche Autos 1920-45) bietet leider zur Marke Benz auffallend wenig Bilder. Man glaubt kaum, dass die Archive zur Entstehungszeit des Werks (1977) so wenig hergaben. Vielleicht spielten persönliche Vorlieben der Bildlieferanten eine Rolle, die seinerzeit zu dem Buch von Werner Oswald beitrugen.

Doch half der „Oswald“ am Ende (buchstäblich) doch weiter. Denn das Schlusskapitel ist den vielen Herstellern von Sonderkarosserien gewidmet, die vor dem 2. Weltkrieg zu einer heute unvorstellbaren Vielfalt am deutschen Automarkt beitrugen.

Und dort findet man unter dem Eintrag „Schebera“ doch tatsächlich die Abbildung eines ganz ähnlichen Benz-Tourenwagens wie auf unserem Foto. Dabei handelt es sich um ein 16/50PS-Modell von 1923/24. Die Schebera-Ausführung weicht nur in wenigen Details ab, beispielsweise weist der Wagen eine mittig unterteilte Frontscheibe auf, auch verfügt er über Holz- statt Drahtspeichenräder.

Doch der Gesamteindruck legt nahe, dass es sich um einen Wagen desselben Typs handelt. Möglicherweise verfügte unser Benz ebenfalls über eine Karosserie der Firma Schebera, die seinerzeit einen Großteil der Aufbauten für Benz lieferte. Die Ähnlichkeit ist jedenfalls verblüffend, und natürlich gab es das 16/50 PS Modell wahlweise auch mit Drahtspeichenrädern wie auf dem Foto.

Die Technik des letzten Benz war unspektakulär: Der Sechszylindermotor war ein Aggregat konventioneller Bauart mit Seitenventilen, der seine Leistung aus fast 4,2 Liter Hubraum schöpfte. Mitte der 1920er Jahre war das kein Ausweis technischer Exzellenz, doch die konservative Kundschaft schien mit dem Gebotenen zufrieden.

Für den Alltag auf den damaligen Straßen war die Leistung allemal ausreichend und das hohe Drehmoment des Motors ermöglichte ein entspanntes Fahren, ohne dass man laufend das unsynchronisierte Getriebe bemühen musste.

Vermutlich war den damaligen Besitzern das eindrucksvolle Erscheinungsbild des fast fünf Meter langen Wagens wichtiger als sportliche Leistung, wie sie andere Marken wie Simson oder Steiger in ähnlicher Verpackung boten. Die Tatsache, dass der Benz 16/50 PS auf unserem Foto noch rund zehn Jahre nach seiner Entstehung eigens fotografiert wurde, lässt auch auf einen gewissen Stolz des Besitzers schließen.

Rasanz 2015: Automobile der Messingära in Aktion

Zu den wenigen Rallyes für Autos der Messingära – also Wagen bis etwa 1920 – hierzulande gehört die Kronprinz Wilhelm Rasanz am Niederrhein. Initiator ist Marcus Herfort, der mit den Classic Days auf Schloss Dyck Deutschlands wohl schönste Oldtimer-Party ins Leben gerufen hat.

Im Mai 2015 fand die Rasanz zum dritten Mal statt – mit gesteigerter Teilnehmerzahl und Wagen aus mehreren europäischen Ländern. Der Verfasser hatte das Vergnügen, als Gast mit von der Partie zu sein, und ließ sich in einem eindrucksvollen Cadillac 30 von 1912 chauffieren. An dieser Stelle nochmals herzlichen Dank an die Besitzer!

Cadillac_30_von_1912© Cadillac 30 von 1912 bei der Kronprinz Wilhelm Rasanz 2015; Bildrechte: Michael Schlenger

Eins vorab: Wer ein über 100 Jahre altes Auto besitzt und bewegt, muss ein Enthusiast sein. So etwas hat man nicht, weil es gerade chic ist, einen Oldtimer zu fahren, oder weil man auf Spekulationsgewinne aus ist.

Den Freunden der Messingära geht es um die Sache, sie wollen diese urigen und doch leistungsfähigen Gefährte mit all‘ ihren Unzulänglichkeiten. Die Besitzer sind durchweg gestandene, sympathische Zeitgenossen. Sie sind so individuell wie ihre Fahrzeuge, verstehen sich aber untereinander blendend.

Die zweitägige Ausfahrt führte von Schloss Krickenbeck aus über meist ruhige Nebenstraßen und war trotz teils widrigen Wetters ein großartiges Erlebnis. Für den Zuschauer sind bereits Ankunft und Ausladen der Fahrzeuge eine spannende Sache – jeder Teilnehmer hat hier seine eigene Transportlösung.

© Impressionen von der Kronprinz Wilhelm Rasanz 2015; Bildrechte: Michael Schlenger

Wer einmal diese Zeugen aus der Frühzeit des Automobils in Aktion erlebt hat, versteht den Sinn solcher Veteranen-Rallyes: Es geht darum, sie der Öffentlichkeit als lebendige Boten aus einer untergegangenen Welt zu präsentieren und ihr Überleben zu sichern. Diese Fahrzeuge dürfen nicht nur in Museen ihr Dasein fristen, sie gehören auf die Straße.

Man vergisst oft, dass vor 100 Jahren die wesentlichen Bauteile des Automobils bereits erfunden waren. Jedoch wurden die Wagen noch in Handarbeit gefertigt, was mit einer Material- und Verarbeitungsqualität einhergeht, die heute unvorstellbar ist.

© Impressionen von der Kronprinz Wilhelm Rasanz 2015; Bildrechte: Michael Schlenger

Der ästhetische Genuss der Fahrzeuge als Produkte von Erfindergeist und Handwerkskunst ist das eine – mit ihnen bei Wind und Wetter fahren ist das andere. Wer einmal Gelegenheit dazu hatte, für den ist die Reise in einem über 100 Jahre alten Automobil ein alle Sinne forderndes Erlebnis.

Vielleicht gerade weil das Wetter bei der Rasanz 2015 nicht perfekt war, dürfte die Veranstaltung den Teilnehmern in Erinnerung bleiben. Denn genau so haben unsere Vorfahren diese Wagen im Alltag erlebt, waren stolz auf das Erreichte und nahmen Härten in Kauf, die in Zeiten klimatisierter Wagen mit Servolenkung und Einparkhilfe inakzeptabel wären.

© Impressionen von der Kronprinz Wilhelm Rasanz 2015; Bildrechte: Michael Schlenger

Die Bilder lassen erkennen, dass dies keine gemütliche Ausfahrt bei Sonnenschein war. Dem Sportsgeist der Teilnehmer tat das keinen Abbruch, ganz im Gegenteil. Das gemeinsam Erlebte, das reizvolle Programm und die ausgezeichnete Organisation durch das Veranstalter-Team wogen alle Unannehmlichkeiten auf.

Es bleibt zu hoffen, dass die Rasanz eine Neuauflage im Jahr 2016 erfährt oder eine ähnliche Veranstaltung am Niederrhein ihre Nachfolge antritt. Wer sich über die Rasanz informieren möchte, kann dies auf der Website „Anno 1907″ tun. Dort gibt es auch Filmmaterial der bisherigen Veranstaltungen.

Für die Freunde der analogen Fotografie hier noch ein paar Impressionen in schwarz-weiß (Kamera: Nikon FM).

© Impressionen von der Kronprinz Wilhelm Rasanz 2015; Bildrechte: Michael Schlenger