Ganz schön schick: Chevrolet Series FB Limousine

Regelmäßige Leser diese Oldtimerblogs für Vorkriegsautos wissen: Hier werden nicht nur Autos aus dem deutschsprachigen Raum anhand historischer Originalfotos gezeigt, sondern auch einst beliebte Importwagen.

Speziell in den 1920er Jahren waren es vor allem die US-Großserienhersteller, die am deutsche Markt eine Präsenz entfalteten wie nie wieder danach. Die Konkurrenz aus Übersee heizte den rückständigen inländischen Herstellern mächtig ein.

Von daher sind hier natürlich viele „Amerikaner-Wagen“ vertreten, darunter auch Brot-und-Butter-Modelle wie das Model A von Ford.

Hier haben wir eine Tourenwagenversion dieses bis heute unter Kennern beliebten und immer noch relativ erschwinglichen Modells, das einst mit einem Fiat 520 im Berliner Grunewald unterwegs war:

Ford_Model_A und Fiat_520_Galerie

Ford Model A Tourer und Fiat 520; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Trotz positiver Grundeinstellung gegenüber US-Klassikern musste der Verfasser allerdings kürzlich eine eher frustrierende Erfahrung machen.

Bei einer markenoffenen Veranstaltung in der Region, die traditionell zum Saisonabschluss stattfindet, waren amerikanische Nachkriegswagen in der Überzahl.

Problematisch war dabei, dass etliche davon zu einer Szene gehören, in der es vorwiegend um den aufmerksamkeitsstarken Auftritt mit Polizeisirene, stark frisierten Motoren und durchdrehenden Hinterrädern geht.

Der Verfasser kann sich durchaus für opulente US-Straßenkreuzer oder auch deftige Hotrods begeistern – aber am richtigen Ort, zum richtigen Zeitpunkt und in einer angemessenen Dosis.

Man kann Veranstaltern nur nahelegen, das Profil der „erwünschten“ Klassiker klarer zu definieren – also idealerweise unrestaurierte oder möglichst originalgetreu aufbereitete Wagen, Tuningfahrzeuge nur mit Historie.

Das eine oder andere Hotrod auf Ford-Basis wäre ja akzeptabel, wenn daneben auch Model „T“ und „A“ entsprechend repräsentiert wären, die am europäischen Markt immerhin eine nicht unbedeutende Rolle spielten.

Noch reizvoller wären freilich auch Vorkriegsautos anderer US-Marken, die heute nur noch ein Schatten ihrer selbst sind. Ein Beispiel dafür sehen wir auf folgender Aufnahme, die einst deutsche Auswanderer an die Angehörigen schickten:

Chevrolet_FB-40_Sedan_1919-22_deutsch_beschriftet_Galerie

Chevrolet Series FB; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Bei dieser eindrucksvollen 6-Fenster-Limousine – ein großzügiges Konzept, bei dem ganz die Bedürfnisse der Passagiere im Mittelpunkt standen, nicht die des Fahrers – handelt es sich um einen Chevrolet Series FB vom Anfang der 1920er Jahre.

Der Chevrolet Series FB war das Spitzenmodell des Ford-Konkurrenten, das sich vom günstigeren Series 490 durch längeren Radstand und stärkeren Motor unterschied.

Zwar besaß auch der Typ FB nur einen Vierzylinder, der aber beachtliche 37 PS aus 3,7 Liter schöpfte (Series 490: 26 PS aus 2,8 Liter).

Übrigens verfügten beide Modelle bereits über im Zylinderkopf hängende Ventile (OHV), während viele Wagen der Einstiegsklasse bis in die 1930er Jahre weiterhin mit strömungshemmenden seitlich stehenden Ventilen auskommen mussten.

Soviel zu dem, was unter der Haube eines Chevrolet Series FB geboten wurde. Wie aber lässt sich das Modell überhaupt so genau ansprechen?

Klar ist zunächst nur, dass es ein Chevrolet ist, das Emblem hat sich kaum verändert:

Chevrolet_FB-40_Sedan_1919-22_deutsch_beschriftet_Frontpartie

Dank der enorm detailreichen Ausführungen im „Standard Catalogue of American Cars“ – der auf über 1.500 Seiten die meisten der zahllosen US-Automarken dokumentiert – lassen sich Typ und Entstehungszeitpunkt gut einengen.

Den frühestmöglichen Entstehungszeitpunkt geben die elektrischen Frontscheinwerfer vor – sie wurden für die Vierzylinder von Chevrolet ab 1916 als Zubehör angeboten, ab 1917 gehörten sie zur Grundausstattung. 

Gleichzeitig kann das Baudatum des Wagens nicht später als 1922 sein. Danach verlief die Motorhaube bei Chevrolet nämlich waagerecht und der Windlauf war deutlich flacher.

Ein weiteres Detail ist der abgerundete Übergang des Vorderschutzblechs zum Trittbrett. Beim Chevrolet Series FB traf das Schutzblech dagegen bis 1918 im stumpfen Winkel auf das Trittbrett, beim Basismodell Series 490 noch bis 1919.

Damit lässt sich auf jeden Fall sagen, dass der abgebildete Chevrolet um 1920 gebaut wurde. Sofern der Eindruck stimmt, dass der Wagen bereits Stahl- statt Holzspeichenräder besitzt, käme sogar nur das letzte Baujahr der Typen Series 490 und FB in Betracht: 1922.

Kann die uns so selbstbewusst fixierende junge Dame vor dem Chevy vielleicht Näheres verraten?

Chevrolet_FB-40_Sedan_1919-22_deutsch_beschriftet_Dame

Immerhin spricht ihre Kleidung ebenfalls für eine Entstehung des Fotos Anfang der 1920er Jahre. Später wurden die Damenkleider kürzer und die Taillenlinie rutschte auf die Hüften – zum Glück eine vorübergehende Verirrung.

Bleibt die Frage, ob wir es mit Chevrolets Basismodell Series 490 oder dem Spitzenmodell FB zu tun haben.

Nun, die Proportionen sprechen für den größeren FB-Typ, der sich überdies durch die verkleideten vorderen Rahmenausleger auszuzeichnen schien – wer kann hierzu Genaueres sagen?

Mit seinen Wagen bot Chevrolet seinerzeit jedenfalls eine attraktive Alternative zum zunehmend veraltenden Model T von Ford. So entstanden von der Basisversion Series 490 mehrere hunderttausend Exemplare, vom Spitzenmodell FB immerhin rund 75.000 Stück.

Wie die Ford-Wagen waren diese frühen Chevrolets – die Marke gab es erst seit 1912 – echte Volkswagen: leistungsfähig, robust und für jedermann erschwinglich.

Heute baut Chevrolet unter anderem den „Bolt“ – ein Elektro-Spielzeug für Besserverdienende, das rund dreimal soviel kostet, wie Otto Normalverbraucher hierzulande im Schnitt für ein privates Auto ausgibt, ohne etwas besser zu können.

Vielleicht wäre es um echten Fortschritt im Automobilsektor heute besser bestellt, wenn nicht Berufspolitiker ohne ernstzunehmende Qualifikation mit utopischen Quotenvorgaben ständig dazwischenfunken würden.

Vor über 100 Jahren nahm die technologische Entwicklung ganz von allein ihren rasanten Verlauf, ohne dass es eines Verbots von Pferdekutschen oder Förderprämien für solvente Käufer von Luxusautomobilen bedurfte.

Mit den anmaßenden Interventionen technikferner Staatsangestellter wäre die Demokratisierung des Automobils, wie sie die amerikanischen Hersteller einst bewerkstelligt haben, vermutlich ganz ausgeblieben…

© Michael Schlenger, 2017. All entries in this blog (including embedded photos) are copyrighted by the author, unless otherwise indicated. Excerpts and links may be used, provided that credit is given to Michael Schlenger and https://www.klassiker-runde-wetterau.com with appropriate and specific direction to the original content.

1929: Im Chevrolet „AC“ von Sachsen an den Gardasee

Wer sich mit Vorkriegsautos auf alten Fotografien befasst, wie das dieser Oldtimerblog tut, der stößt immer wieder auf Fälle, die schwierig erscheinen.

Im Fundus des Verfassers sind die meisten „Unbekannten“ Autos, die von der Seite aufgenommen wurden oder solche, bei denen jemand zielsicher vor den markentypischen Elementen der Frontpartie posiert.

Bei der folgenden Aufnahme ist beides nicht der Fall, hier hat man beste Sicht direkt von vorn auf den Kühler: 

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Chevrolet Series AC International; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Das kann ja nicht so schwer sein, Marke und Typ herauszufinden, auch wenn der Wagen in einiger Entfernung steht.

Klar ist jedenfalls, wann die Aufnahme entstanden ist, und eingrenzen lässt sich auch der Ort. Auf der Rückseite des Abzugs ist nämlich von alter Hand das Entstehungsjahr „1929“ vermerkt und der Hinweis „zwischen Riva und B…a“.

Zwar ist der zweite Ortsname nicht genau lesbar, doch die Umstände sprechen dafür, dass es sich um die oberhalb des Westufers des Gardasees verlaufende alte Ponale-Straße handelt, die von Riva del Garda nach „Biacesa“ führt.

Sie existiert noch, darf aber schon lange nicht mehr von Automobilen befahren werden. Das war 1929 noch anders und es sind viele Aufnahmen von Reisenden überliefert, die dort Halt für ein Foto machten.

Schauen wir uns nun den Wagen genauer an:

Chevrolet_International_AC_1929_zwischen Riva und Bre..a_Ausschnitt

Der gesamte Auftritt des Autos mit seiner breiten Spur wirkt „amerikanisch“. Doch das hilft erst einmal nicht viel weiter.

Der Stil der US-Wagen wurde in den späten 1920er Jahren von vielen deutschen Herstellern mit einer bisweilen ans Unverschämte grenzenden Detailgenauigkeit kopiert – man denke nur an die Opels mit „Packard-Kühler“.

Und bei den amerikanischen Wagen kamen etliche Hersteller in Betracht, die heute kaum noch jemand kennt, die aber einst auch am deutschen Markt vertreten waren.

Kenner von US-Vorkriegsautos werden längst wissen, worum es sich bei dem Wagen handelt, aber der Schwerpunkt dieses Blogs liegt nun einmal auf Marken aus dem deutschsprachigen Raum und der Verfasser ist mit amerikanischen Autos jener Zeit nur oberflächlich vertraut.

So blieb dieser Fall erst einmal offen, bis zufällig eine andere Aufnahme desselben Wagens auftauchte, und zwar diese hier:

Chevrolet_International_AC_Tourer_Galerie

Chevrolet Series AC „International“; Originalaufnahme aus Sammlung Michael Schlenger

Die Nadelbäume im Hintergrund verraten, dass wir hier nicht mehr im sonnigen Süden sind, sondern irgendwo im deutschen Mittelgebirge, wo man früher schnellwachsende Baumsorten die Tanne und Kiefer bevorzugte.

Seitdem Beton und Kunststoffe die bevorzugten Bau- bzw. Möbelmaterialien mit bekannten Ergebnissen sind, ist der Bedarf an Holz für Bauten und Wohneinrichtung stark zurückgegangen.

Den Wäldern zumindest ist’s bekommen, Misch- und Laubwald bekommen wieder die Oberhand – nur um heute durch die bis in Naturschutzgebiete vordringende Windstromindustrie bedroht zu werden. Jede Zeit hat offenbar ihre Pest…

Zurück zum Thema und zur Auflösung des Rätsels:

Chevrolet_International_AC_Tourer_Frontpartie2

Hier sieht man nicht nur dasselbe Nummernschild mit der Kennung „V“ für den sächsischen Zulassungsbezirk Zwickau, sondern in wünschenswerter Deutlichkeit auch das Kühleremblem, das auf der ersten Aufnahme bestenfalls zu erahnen war.

Demnach war es tatsächlich ein Chevrolet, der da im Jahr 1929 Halt in der Nähe des Gardasees machte. Wir erkennen hier auch die eigentümliche Plakette auf dem Grill wieder, deren Bedeutung dem Verfasser unbekannt ist.

Wer weiß, was es damit auf sich hat, kann dies gern über die Kommentarfunktion kundtun, der Blogeintrag wird dann entsprechend ergänzt.

Bleibt die Frage, um welchen Typ von Chevrolet es sich handelt. Zum Glück baute die seit 1918 zum General-Motors-Verbund gehörende Marke Ende der 1920er Jahre jeweils nur einen Typ pro Modelljahr.

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Diese Kühlergestaltung in Verbindung mit den nach hinten versetzten 15 eng beieinander liegenden Luftschlitzen in der Motorhaube verweisen auf den Chevrolet Series AC „International“ des Modelljahrs 1929.

Nachdem bereits vom Vorgänger Series AB „National“ mit Vierzylinder in nur einem Jahr fast 800.000 Exemplare gebaut worden waren, wurde der erste Sechszylinder von Chevrolet ein noch größerer Schlager: Rund 850.000 Stück des Series AC „International“ liefen weltweit vom Band – in 13 Monaten!

Dieser auch heute beeindruckende Erfolg machte Chevrolet noch vor Ford zum erfolgreichsten Autoproduzenten auf dem Planeten. Dazu trug neben der grundsoliden Konstruktion natürlich auch der Preis bei.

Während Adler aus Frankfurt für eine Limousine des nur geringfügig größeren und auf dem Papier etwas stärkeren Typs Standard 6 über 6.000 Reichsmark verlangte, war der Chevrolet für unter 5.000 Mark zu bekommen.

Dies ist ein Beispiel für die Leistungsfähigkeit der US-Automobilindustrie, der die deutschen Hersteller lange nichts entgegenzusetzen hatten.

Wer aber waren die Leute, die solche „Amerikaner“-Wagen kauften? Hier haben wir zumindest drei, die damit einst unterwegs waren:

Chevrolet_International_AC_Tourer_Insassen

Diese Herren wirken nicht gerade wie „vaterlandslose Gesellen“ – man kann sie sich hervorragend in gehobener Position irgendwo am Schreibtisch einer deutschen Amtsstube oder eines Unternehmens vorstellen.

Das waren zweifellos intelligente Leute – auch wenn es politisch unkorrekt ist, so etwas einfach aus dem Erscheinungsbild abzuleiten. Wer rechnen konnte (und wollte) fuhr Ende der 1920er Jahre vernünftigerweise einen Ami-Schlitten.

Heute wäre es abwegig, mit einem Chevrolet an den Gardasee zu fahren (man prüfe besser nicht, was aktuell unter dieser Marke fabriziert wird) und sich dort stolz ablichten zu lassen wie einst 1929.

Das alles ist keine 90 Jahre her (wir schreiben das Jahr 2017), doch wie haben sich die Zeiten seither gewandelt…

© Michael Schlenger, 2017. All entries in this blog (including embedded photos) are copyrighted by the author, unless otherwise indicated. Excerpts and links may be used, provided that credit is given to Michael Schlenger and https://www.klassiker-runde-wetterau.com with appropriate and specific direction to the original content.

Chevrolet Eagle: Ein populärer 6-Zylinder von 1933

Von Freunden deutscher Vorkriegsautos hört man mitunter kuriose Sachen, etwa dass der Mercedes 170V der schönste und tollste Oldtimer der 1930 bis 50er Jahre sei. Die Begeisterung für das eigene Automobil ist natürlich zu respektieren, doch etwas Realismus muss auch sein.

Die technisch wie formal konservativen Mittelklassewagen von Mercedes vor Kriegsausbruch stehen bei aller Qualität nicht gerade für Exzellenz. In Europa boten Citroen mit dem Traction Avant und Fiat mit dem 6-Zylindertyp 1500 modernere, agilere und auch gestalterisch raffiniertere Fahrzeuge.

Erst recht der Blick nach Übersee zeigt, dass die sich in vereinzelten Spitzenleistungen verlierende deutsche Autoindustrie in den 1930er Jahren überwiegend nicht imstande war,  leistungsfähige und von der Mittelschicht bezahlbare Wagen in Großserie herzustellen.

Ausgenommen sind die von den US-Muttergesellschaften beeinflussten deutschen Fords und Opels. Sie ließen etwas von dem Potential ahnen, das die Massenfabrikation nach US-Vorbild bei konsequent darauf ausgerichtetem Konzept ermöglichte.

Welche eindrucksvollen Qualitäten ein amerikanisches Brot-und Butterauto aus der ersten Hälfte der 1930er Jahre bot, zeigt eindrucksvoll das folgende Originalfoto:

Chevrolet_Eagle_1933_Galerie

© Chevrolet Eagle von 1933; Foto aus Sammlung Michael Schlenger

Da den Wagen hierzulande ohnehin kaum jemand kennt, machen wir es diesmal kurz: Das Auto ist ein Chevrolet Eagle des Modelljahrs 1933.

Dieses preisgünstige Fahrzeug verfügte über einen 3,4 Liter großen Sechszylinder, der knapp 65 PS leistete. Damit verteidigte man weiterhin die Marktführerschaft gegenüber den Modellen von Ford, die einst Amerikas „Volkswagen“ waren.

Eine vergleichbare Großzügigkeit und Leistung wie beim „Eagle“ von Chevrolet fand man bei den europäischen Herstellern nur in der Oberklasse. Welche Qualität bei diesem Massenfabrikat abgeliefert wurde, lässt folgender Bildausschnitt erkennen:

Chevrolet_Eagle_1933_Frontpartie

Die nach der Mode der Zeit tropfenförmigen Scheinwerfer sind komplett verchromt, ebenso die nach hinten versetzten Luftklappen in der Motorhaube, die typisch für den Chevrolet Eagle sind. Vorne angeschlagene Türen und die Dreiecksfenster sind weitere Details, die den zeitgemäßen Anspruch dieses Wagens erahnen lassen.

Der auf dem vorderen Schutzblech posierende junge Mann verdeutlicht die Dimensionen des Fahrzeugs. Sein Erscheinungsbild mit weitgeschnittenen Hosen nebst Umschlag und kurzärmeligem Hemd wäre auch Anfang der 1950er Jahre auf der Höhe der Zeit gewesen.

Man muss es nochmals betonen: Dieser eindrucksvolle, gut motorisierte und formal makellose Wagen war in den USA einst ein simples Mobil für die Massen. Von der Ausführung des Modelljahrs 1933 wurden über 450.000 Stück gefertigt.

Übrigens gab es auch eine Chevrolet-Fertigung in Europa, und zwar in Antwerpen (Belgien). Dass unser Foto aber wahrscheinlich in Amerika entstanden ist, lässt ein zweiter Blick vermuten:

Chevrolet_Eagle_1933_Heckpartie

Dieser makellos gekleidete Herr trägt – wenn nicht alles täuscht – einen Oberlippenbart, wie er durch Clark Gable und andere US-Schauspieler der 1930er Jahre populär wurde. Vom Typ her wirkt er wie ein „Latino“, also ein Abkömmling spanischer Siedler, wie es sie vor allem in den Südstaaten gab und heute mehr denn je gibt.

Mangels anderer Hinweise darf man davon ausgehen, dass dieses Foto eines Chevrolet Eagle einst an einem sonnigen Spätnachmittag irgendwo in den Vereinigten Staaten entstand.

1929: Chevrolet International wird zum Millionenerfolg

Dieser Blog widmet sich zwar schwerpunktmäßig Vorkriegswagen aus dem deutschsprachigen Raum – allein schon deshalb, weil historische Fotos davon am leichtesten für wenig Geld zu bekommen sind.

Doch kommt man beim Stöbern an amerikanischen Wagen speziell der 1920er Jahre nicht vorbei. Sie waren damals am deutschen Markt so verbreitet wie nie wieder danach. Der Grund: Sie waren durchweg gut motorisiert und zugleich billiger als die Konkurrenz.

Zwar fand auch das Vierzylinder-Modell „A“ von Ford europaweit viele Käufer. Doch beliebter waren in den späten 20ern die günstigen Sechszylinder von Buick, Chrysler und Chevrolet. Man stößt immer wieder auf entsprechende Bilder aus Deutschland und den Nachbarländern.

Das folgende Originalfoto ist ein typisches Beispiel:

Chevrolet_Series_AC_International_1929_Galerie

© Chevrolet International Series AC; Foto aus Sammlung Michael Schlenger

Die Herkunft des Wagens ist zwar derzeit noch unklar – das Nummernschild entspricht nicht der Konvention in Deutschland, der Schweiz oder Österreich –  doch der Typ als solcher lässt sich identifizieren.

Es handelt sich um einen Chevrolet International AC, der 1929 auch in Deutschland gebaut und schon Anfang 1930 durch den Nachfolger abgelöst wurde. Die beiden Modelle unterscheiden sich äußerlich nur minimal, unter anderem in der Neigung der Frontscheibe und der Reifendimension.

Chevrolet_Series_AC_International_1929_Frontpartie

Typisch für die Chevrolets jener Zeit waren – vom steilen Kühlergrill mit Markenemblem abgesehen – vor allem die nach hinten versetzten Luftschlitze in der Motorhaube.

Möglicherweise kann ein Leser etwas zu den beiden nachträglich auf dem Kühlergitter montierten Abzeichen sagen. Lassen sich diese einem Automobil-Club zuordnen?

Die Reifen des Wagens auf dem Foto sind schon recht stark abgefahren, weshalb das Fahrzeug zum Aufnahmezeitpunkt sicher bereits einige Jahre alt war. Einer Datierung der Situation in die frühen 1930er Jahre würde das Erscheinungsbild der Dame am Steuer zumindest nicht widersprechen – leider sieht man von ihr nicht viel. Der Hund im Fonds weiß vielleicht Genaueres, leider ist er im Moment etwas abgelenkt:

Chevrolet_Series_AC_International_1929_Seitenpartie

Ansonsten gäbe es zu diesem technisch wenig auffälligen, einfach nur zeitgemäßen US-Wagen wenig zu sagen, wenn da nicht die aus europäischer Sicht schier unglaubliche Stückzahl wäre:

Für die nur 13 Monate Produktionsdauer des Chevrolet International Serices AC vermelden mehrere Quellen – darunter der „Standard Catalog of Chevrolet, 1912-2003“ – eine Gesamtzahl von 1,3 Millionen Stück; das wären 100.000 Wagen pro Monat!

Die Zahl erscheint extrem hoch, doch selbst die niedrigste verfügbare Angabe beträgt über 900.000 Fahrzeuge inkl. Wagen aus Produktion in anderen Ländern.

Plausibel werden diese Größenordnungen erst, wenn man folgendes bedenkt: Chevrolet bot damals nur ein Modell an und wollte dem bisherigen Marktführer Ford den Rang streitig machen. Dies gelang 1929 mit dem Typ Chevrolet International AC.

Insofern kündet das Auto auf unserem Foto von der enormen Leistungsfähigkeit der damaligen US-Industrie, die kein anderes Land erreichte. Die überlegene Fähigkeit der Amerikaner zur radikalen Skalierung von Produktionsprozessen, beginnend bereits in der Entwicklungsphase, sollte im 2. Weltkrieg entscheidend für den Sieg werden.