Rätselhafte Versionen des Horch „8“: Typ 350 oder 375?

Für Automobilhistoriker bieten deutsche Wagen der Vorkriegszeit nach wie vor ein reiches Betätigungsfeld – leider passiert auf dem Sektor wenig Wahrnehmbares, sieht man von brillianten Nischenpublikationen zu AGA und Steiger ab.

Einst bedeutende Marken wie Adler, Apollo, Brennabor, Dürkopp, Hansa, Ley, NAG, Presto und Protos harren dagegen nach wie vor einer wirklich umfassenden Aufarbeitung, vor allem im Hinblick auf die frühen Modelle.

Doch selbst bei einem Premiumhersteller wie Horch, zu dem es eine hervorragende Gesamtdarstellung gibt (Kirchberg/Pönisch: Horch – Typen, Technik, Modelle; Verlag Delius-Klasing), tun sich immer noch Lücken auf.

Eine ganze Reihe von Originalfotos, die wir heute vorstellen, werfen jedenfalls Fragen auf, die sich mit der bisherigen Literatur nicht beantworten lassen.

Eigentlich wollte der Verfasser an dieser Stelle bloß den Horch 375 vorstellen, der eine Sonderausführung des bereits ausgiebig präsentierten Achtzylindertyps Horch 350 war.

Die wichtigsten in der Literatur genannten Merkmale des Horch 375 sind auf folgender schönen Aufnahme aus der Sammlung von Leser Klaas Dierks zu sehen:

Horch_375_Dierks_Galerie

Horch 375; Originalfoto aus Sammlung Klaas Dierks

Sieben sommerlich gekleidete Grazien sind hier um den Horch versammelt. Einige davon scheinen miteinander verwandt zu sein, wenn nicht alles täuscht.

Leider wissen wir nichts Genaues über die Damen aus unzweifelhaft gutem Hause, die sich hier so ansehnlich auf „Horch-Posten“ präsentieren.

Immerhin haben sie an uns Nachgeborene gedacht und den Blick auf wesentliche Fahrzeugdetails unverstellt gelassen:

Horch_375_Dierks_Frontpartie

Am auffälligsten ist wohl die dreigeteilte Stoßstange – der Horch 350 besaß offiziell nur eine zweiteilige. Die großen Radkappen mit gekröntem „H“, die erstmals auch die Radbolzen abdecken, gelten ebenfalls als Merkmal des Horch 375.

Ein weiteres Detail ist nicht zu sehen, was aber ebenfalls für den 1929 vorgestellten Horch 375 spricht – die auf die hinteren zwei Drittel der Haube beschränkten Luftschlitze. Beim Horch 350 dagegen reichten die Luftschlitze weiter nach vorn und wären aus dieser Perspektive sichtbar gewesen.

An dieser Stelle beginnen die bislang ungelösten Probleme. Auf der folgenden Aufnahme aus der Sammlung des Verfassers finden sich nämlich die Luftschlitze und Radkappen des Typs 350 kombiniert mit der dreiteiligen Stoßstange des Typs 375:

Horch_350_08-1932_1_Galerie

Horch 350 oder 375; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Übrigens ist auf der Originalaufnahme tatsächlich nicht mehr zu sehen – der Verfasser kaufte dieses Bild für kleines Geld vor allem aufgrund der reizvollen Inszenierung.

Das im August 1932 entstandene Foto zeigt wahrscheinlich einen Aufbau als Sedan-Cabriolet des Karosseriebauers Alexis Kellner (vgl. S. 244 des Horch-Buchs von Kirchberg/Pönisch).

Abgesehen von der Stoßstange spricht alles auf dem Foto für einen Horch 350, sodass man der Meinung sein könnte, dass hier jemand seinen Wagen „nachgerüstet“ hat.

Doch gibt es weitere Fotos, die solche Zwittertypen zeigen, die es ab Werk eigentlich gar nicht gab. Hier haben wir einen Horch mit den Luftschlitzen des Typs 350, der außer den dreiteiligen Stoßstangen auch die Radkappen des Typs 375 besitzt:

Horch_375_a_Galerie

Horch 350 oder 375; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Nun mag einer sagen: Die dreiteilige Stoßstange und die großen Radkappen sind eindeutig Merkmale des Horch 375, also muss das mit den Luftschlitzen in der Haube eine optische Täuschung sein – der Abzug weist ja auch sonst einige Mängel auf.

So weit, so gut – allerdings findet sich im Fundus des Verfassers eine weitere Aufnahme des Wagens mit der Berliner Zulassung „IA-17980“, auf der klar zu sehen ist, dass der vermeintliche Horch 375 noch die Luftschlitze des Basismodells 350 besitzt:

Horch_375_c_Galerie

Horch Typ 350 oder 375; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Auch wenn das Nummernschild unvollständig wiedergegeben ist und die Personen teilweise von denen auf der vorherigen Aufnahme abweichen, stammt das Foto aus derselben Quelle und zeigt dasselbe Auto.

Unabhängig davon weist die Kombination aus dreiteiliger Stoßstange und großer Radkappe sowie bis nach vorn reichenden Luftschlitzen darauf hin, dass Elemente des Horch 350 und der Sonderausführung 375 irgendwann parallel verbaut wurden.

Das wäre plausibel, denn laut Literatur wurde die Sonderausführung Horch 375 nur bis 1931 gebaut, während sich der Horch 350 bis 1932 verkaufen ließ.

Eine Erklärung für die Abweichungen der Horch-Wagen auf unseren Fotos und den Darlegungen in der Literatur könnte sein, dass man Elemente des Typs 375 wie die Stoßstange und die Radkappen später auch am weitergefertigten Typ 350 verbaute.

Davon ist aber in keiner der dem Verfasser zugänglichen Quellen etwas zu lesen. Bei einer Restaurierung eines solchen Horch des Typs 350 bzw. 375 besteht somit die Gefahr, dass originale Bauteile entfernt und vermeintlich richtige nachgefertigt werden.

Durch diesen Blogeintrag sollen die Verdienste von Kirchberg/Pönisch um die Dokumentation der Wagentypen von Horch keineswegs in Zweifel gezogen werden – man wäre heilfroh, gäbe es solche Ausarbeitungen für andere Marken.

Es scheint bloß, dass die Realität vor rund 90 Jahren in automobiler Hinsicht noch komplexer war, als wir sie bislang erfassen konnten. Das wiederum ist eine ermutigende Erkenntnis – es gibt also noch immer einiges zu erforschen!

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Erfolg mit 4 Zylindern: Horch 18-22 PS von 1904

Ein Horch mit vier Zylindern – damit werden auch Freunde der Zwickauer Luxuswagenschmiede am ehesten die bereits präsentierten Typen 10/35 PS und 10/50 PS der Zwischenkriegszeit verbinden.

Doch diese Modelle sind „Youngtimer“ im Vergleich zu dem Vierzylindermodell, mit dem wir uns heute anhand einer prächtigen Originalaufnahme befassen wollen.

Dazu begeben wir uns zurück in die Jugendjahre des Automobils und in die Frühzeit der 1899 in Köln (!) gegründeten Marke Horch.

August Horch hatte kurz zuvor die Firma Benz verlassen und versuchte sich zunächst an Ein- und Zweizylinderwagen eigener Konstruktion. Der Erfolg dieser schwachbrüstigen Aggregate hielt sich in Grenzen.

Erst der im Winter 1902/03 (von Ingenieur Fritz Seidel) konstruierte Vierzylinder mit 25 PS Spitzenleistung aus 3,8 Litern Hubraum brachte den erhofften Durchbruch. Daneben wurden zwei etwas schwächere Versionen mit 2,7 Liter angeboten.

Eine davon sehen wir auf folgendem Originalfoto:

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Horch 18-22 PS; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Diese schöne Aufnahme darf man als etwas Besonderes ansehen. Sie wurde einst bewusst inszeniert und von einem professionellen Fotografen angefertigt.

Der Wagen lässt sich präzise identifzieren und sogar das genaue Baujahr ist bekannt. Das findet man bei einem über 110 Jahre alten Automobilfoto nicht alle Tage.

Dass wir es mit einem frühen Horch zu tun haben, ist an der charakteristischen Haube mit niedrigem Seitenteil und weit auseinanderliegenden Luftschlitzen zu erkennen.

Horch_18-22_PS_1904_Ausschnitt1

Man beachte die flexible Anbringung der Frontscheibe und den ledernen Windschutz darunter. Ein Armaturenbrett im modernen Sinn gab es damals nicht, alle wesentlichen Bedienelemente befanden sich entweder am Lenkrad oder im Fußraum.

Eine genaue Typansprache wäre ohne Blick unter die Haube so gut wie unmöglich, doch zum Glück ist der Abzug von alter Hand mit der Bezeichnung 18-22 PS beschriftet.

Einen Horch dieses Typs gab es von 1904 bis 1905. Das entnehmen wir dem vorbildlichen Horch-Standardwerk von Kirchberg/Pönisch (Verlag Delius-Klasing). Dort findet sich auch der Hinweis, dass ab 1905 die Lenksäule stärker schräggestellt war.

Zum Vergleich hier eine historische Sammelkarte, die das ab 1907 gebaute 6-Zylindermodell 31/60 PS als Jagdwagen mit stärker geneigter Lenksäule zeigt:

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Horch 31/60 PS; historische Karte aus Sammlung Michael Schlenger

Wie man sieht, tat sich ansonsten zwischen 1904 und 1907 in formaler Hinsicht nicht viel. Doch in dieser kurzen Zeit gelang es Horch, sich als einer der führenden Autohersteller im deutschsprachigen Raum zu etablieren.

Die fünf vergnügt dreinschauenden Herren auf unserem Foto waren sich vermutlich bewusst, an welcher großartigen Entwicklung sie anno 1904 oder kurze Zeit später teilnahmen.

Nicht vorstellen konnten sie sich vermutlich, dass dieser Moment auch noch gut 110 Jahre später die Aufmerksamkeit mancher Zeitgenossen fesseln würde:

Horch_18-22_PS_1904_Ausschnitt2

Einfach herrlich, wie souverän die Fünf hier posieren. Abgesehen vom modischen Schnauzbart pflegte offenbar jeder von ihnen seinen persönlichen Stil, was sich gut an den unterschiedlichen Kopfbedeckungen festmachen lässt.

Leider wissen wir nichts über die Insassen dieses Horch 18-22 PS oder Ort und Anlass der Aufnahme. Bei der Gelegenheit sei angemerkt, dass die Leistungsangabe nicht der später üblichen Konvention „Steuer-PS/Maximale Motorleistung“ entspricht.

Vor Einführung der am Hubraum orientierten Besteuerung im Jahr 1906 – nebenbei ein wirklichkeitsfremdes Bürokratenprodukt – gab man die Leistung bei Horch und anderen Herstellern oft in einer drehzahlabhängigen Bandbreite an.

Die Bezeichnung 18-22 PS ist also nicht als 18 Steuer-PS und 22 tatsächliche Spitzenleistung zu verstehen. Nach Einführung der Hubraumsteuer firmierte der Typ 18-22 PS als 11/22 PS, was nicht gerade dem Überblick dienlich ist.

Zurück zu unserem Foto. Möglicherweise enthält es zwei Hinweise, aus denen Kenner zusätzliche Informationen ableiten können.

Da wäre zunächst das Reklameschild hinter dem Verdeck des Horch:

Horch_18-22_PS_1904_Ausschnitt3

„Görickes Westfalen-Rad“ ist da zu lesen, darüber wahrscheinlich „Eingetr. Schutzmarke“. Vermutlich waren solche Reklameschilder des Bielefelder Fahrradproduzenten einst im Deutschen Reich weit verbreitet – oder vielleicht nicht?

Hier sind sachkundige Leser gefragt ebenso wie im Hinblick auf die beiden Plaketten an der Karosserie des Horch 18-22 PS von 1904. Sind hier Hinweise auf den Hersteller des Aufbaus oder den Verkäufer des Wagens zu finden?

Horch_18-22_PS_1904_Ausschnitt4

Auch diesbezüglich wäre der Verfasser dankbar für weiterführende Hinweise:

Bekannt sind aus der Frühzeit der Horch-Automobile insbesondere Aufbauten von Kathe aus Halle. Möglicherweise sagt die Form des Emblems neben der geöffneten Tür des Wagens einem Leser etwas.

Zum Schluss noch eines: Die genaue Zahl der gebauten Horchs des Typs 18-22 PS scheint nicht bekannt zu sein. Für die von 1906-10 angebotene, identisch motorisierte Variante 11/22 PS sind 307 Exemplare überliefert.

Von dem zwei Jahre lang gebauten Vorläufer 18-22 PS dürften pro Jahr weniger Exemplare gefertigt worden. Mehr als 150 werden es insgesamt kaum gewesen sein. Gemessen an den früheren Modellen darf dies aber als „Erfolg“ gewertet werden.

Ein Originalfoto eines so frühen und entsprechend raren Horch zeigen zu können, ist heute beinahe ein solches Privileg wie vor über 110 Jahren einen zu besitzen…

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Original gesucht: Horch 350 Cabriolet Karosserie Gläser

Dieser Oldtimerblog für Vorkriegsautos hat schon einiges an historisch interessantem Fotomaterial zutagegefördert. Heute geht es aber ausnahmsweise um einen Wagen im Maßstab 1:1 – das heißt, es wird das Original zu einem zeitgenössischen Foto gesucht.

Anlass dafür ist ein atemberaubender Fund, der einem Enthusiasten aus der Nähe von Zwickau vor wenigen Jahren gelungen ist. Er konnte in Tschechien das folgende Fahrzeug erwerben:

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Horch 8 Typ 350; Bildrechte: Rudolf Stöhr

Auf den ersten Blick sieht man hier einen schwer mitgenommenen Mannschaftswagen – die grüne Lackierung lässt an ein Polizei- oder Militärfahrzeug denken.

Tatsächlich handelt es sich jedoch um ein ehemaliges Feuerwehrauto, das einst von der tschechischen Karosseriebaufirma Hrcek & Neugebauer in Brünn gefertigt wurde.

Die Basis dafür war – man halte sich fest – ein Achtzylinder-Horch des Typs 350 aus den späten 1920er Jahren.

Nun könnte einer sagen, dass ein Horch 350 zwar bei seiner Vorstellung 1928 ein veritables Luxusgefährt war, aber doch auch keine so große Rarität blieb, dass man viel Aufhebens darum machen müsste.

Es stimmt schon, Fotos des 80 PS starken Horch 350 sind auch nach 90 Jahren gar nicht einmal so selten. Der Fundus des Verfassers gibt da einiges her. Hier hätten wir beispielsweise die Ausführung als Sedan-Cabriolet:

Horch_350_Sedan-Cabriolet2_Galerie

Diesen mächtigen Wagen haben wir bereits anhand diverser Fotos vorgestellt. Bei Interesse einfach „Horch 350“ in der Suchfunktion eingeben.

Hier sieht man sehr gut eines der wesentlichen Merkmale, die den Typ 350 von früheren bzw. späteren Achtzylindermodellen von Horch unterscheidet: das seitlich auf der Motorhaube aufgenietete Blech mit den Luftschlitzen.

Von vorne sah dieser Koloss übrigens so aus:

Horch_350_1_Bamberg_04-1931_Ausschnitt

Horch 350; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Diese in Bamberg entstandene Aufnahme haben wir zusammen mit weiteren hier besprochen.

Der geflügelte Pfeil schmückte den Kühler des Horch 350 nur zeitweise, er wurde später von einer weniger expressiven geflügelten Weltkugel abgelöst.

Man kann diese auf folgendem Foto erkennen, das wir bislang noch nicht gezeigt haben. Es entstand nicht allzuweit vom Heimatort des Verfassers in der Vogelsbergregion an einem Abzweig der Straße zwischen Schlitz und Bad Salzschlirf:

Horch_350_Lindenallee_Bernshausen_AusschnittDer Aufnahmeort lässt sich anhand der Kilometerangaben auf dem Wegweiser noch heute präzise lokalisieren – eine Seltenheit bei historischen Automobilfotos.

Wie die vier Herren vor dem Wagen präsentiert sich selbiger als ziemlich dicker Brocken – wiederum ein Vertreter der Spezies Sedan-Cabriolet mit festen Fenstersäulen und komplett niederlegbarem Verdeck.

In welcher Klasse Horch damals unterwegs war, unterstreicht dieses Beispiel sehr gut. Die Scheinwerfer im Suppenschüsselformat und der riesige Kühler mit vertikalen Lamellen wiesen damals auf ein Automobil der Spitzenklasse hin.

Doch daneben war der Horch 350 auch in hocheleganten Versionen verfügbar und um eine solche geht es heute:

Horch_350_Baronin_Günderode_Wiesbaden_Concours_1928_Galerie

Horch 350; Aufnahme aus: Horch – Prestige und Perfektion, von P. Kirchberg

Diese Aufnahme ist in Paul Kirchbergs Buch „Horch – Prestige und Perfektion“ auf Seite 1926 zu finden.

Das 1928 beim Concours d’Elegance in Wiesbaden entstandene Foto zeigt den Horch 350 als edles 2-türiges Cabriolet mit vier Sitzen.

Gebaut wurde dieses herrliche Fahrzeug von der Manufaktur Gläser in Dresden, seinerzeit eine der ersten Adressen im Karosseriebau im deutschprachigen Raum.

Ein Erkennungsmerkmal der Gläser-Ausführung sind die Drahtspeichenfelgen, die sonst bei keiner der serienmäßigen Versionen des Horch 350 zum Einsatz kamen.

Das sonst recht ähnliche „Sport-Cabriolet“ desselben Typs besaß nur die üblichen Stahlspeichenräder – hier eine bislang unpublizierte Aufnahme:

Horch_350_Sport-Cabriolet_invertiert_Galerie

Horch 350; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

So ähnlich die Cabriolets auf beiden Aufnahmen erscheinen, so sehr unterscheiden sie sich im Detail.

Übrigens war die Besitzerin des von Gläser gebauten Cabriolets auf Basis des Horch 350 die Baronin von Günderrode – eine der letzten Nachfahrinnen der Karoline von Günderrode, die zu den bedeutenden Frauengestalten der deutschen Romantik gehörte.

Was aus dem Wagen der Baronin von Günderrode wurde, ist bis heute ungeklärt. An diesem Punkt wird es spannend. Denn der zum Feuerwehrauto umgebaute Horch 350, den wir eingangs gezeigt haben, verfügt über Drahtspeichenräder.

Der heutige Besitzer geht davon aus, das sein Horch 350 einst ebenfalls eine Manufakturkarosserie als zweitüriges Cabriolet von Gläser aus Dresden besaß.

Nun sucht er den Kontakt zu einem Besitzer genau solch eines Wagens, sollte es irgendwo auf der Welt noch einen geben.

Es geht ihm lediglich darum, an die Maße der Karosserie zu gelangen, um den Originalzustand seines Horch 350 wiederherstellen zu lassen.

Sollten Leser dieses Blogs diesbezüglich weiterhelfen können oder auch weitere Fotos des von Gläser karossierten Horch 350 Cabriolets besitzen, stellt der Verfasser gern diskret den Kontakt zum Besitzer des Restaurationsexemplars her.

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An der Tankstelle ein König: Hanomag „Kommissbrot“

Was haben ein Horch-Achtzylinder und ein Hanomag „Kommissbrot“ gemeinsam? Außer dem „H“ als Anfangsbuchstaben und vier Rädern nicht viel, will es scheinen.

Doch in einer Hinsicht waren der mächtige Luxuswagen aus Zwickau und das kuriose Kleinstauto aus Hannover in den 1920er Jahren Wesensverwandte: sie mussten mehr oder minder häufig an die Tankstelle.

Entsprechende Aufnahmen sind rar und werden einem oft von Sammlern mit einschlägigem „Forschungs“gebiet vor der Nase weggeschnappt. Doch manchmal hat man Glück und in einem Konvolut aus Familienfotos findet sich so etwas:

Horch_350_Sedan_Cabriolet_Tankstelle_Galerie

Horch 350 Sedan-Cabriolet; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Hier lässt es sich der Fahrer eines Horch 8 Typ 350 Sedan-Cabriolet nicht nehmen, assistiert vom Tankwart, selbst Hand anzulegen und das 90 Liter messende Benzinreservoir aufzufüllen.

Zwei Fragen mögen den Betrachter dieses schönen Schnappschusses bewegen:

  • Was trägt der freundlich in die Kamera schauende Herr auf dem Kopf?
  • Was erlaubt eine derartig präzise Ansprache des Wagentyps?

Bei der Beantwortung der ersten Frage hilft diese Ausschnittsvergößerung:

Horch_350_Sedan_Cabriolet_Tankstelle_Ausschnitt

Offenbar trägt unser Horch-Besitzer zu einer Leder- oder Baumwollkappe eine schirmartige Sonnenblende, die möglicherweise leicht lichtdurchlässig war. Als Material dafür käme Zelluloid ein Frage, ein damals vielseitig eingesetzter Kunststoff.

Die sich uns zuwendende Dame im Hintergrund soll nicht unerwähnt bleiben – sie sitzt übrigens am Steuer – wir sehen sie gleich wieder.

Im Fundus des Verfassers gibt es nämlich eine Reihe von Ausflugsfotos, auf denen wir das Auto und die Insassen wiedersehen. Diese haben wir vor längerer Zeit bereits vorgestellt, nur das Tankstellenbild musste noch auf eine passende Gelegenheit warten.

Hier haben wir denselben Horch in aller Pracht

Horch_350_Sedan_Cabriolet_Galerie

Horch 8 Typ 350; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Vermutlich hat dieses Foto der Besitzer selbst geschossen – dass die Gattin nicht eigens dafür ans Lenkrad gerückt ist, dafür spricht die vorherige Aufnahme.

Die Horch-Freunde unter den Lesern werden das mächtige Cabriolet als 8-Zylinderwagen des ab 1928 gebauten Typs 350 mit 80 PS erkennen.

Mit seinem von zwei obenliegenden Nockenwellen gesteuerten Reihenachter gehörte der Horch 8 Typ 350 seinerzeit zum Feinsten, was der deutsche Automobilbau hergab.

Besonders repräsentativ ist die hier zu sehende Ausführung als Sedan-Cabriolet.

Im Unterschied zum Tourenwagen bot sie den Komfort seitlicher Kurbelscheiben und eines üppig gefütterten Verdecks. In geschlossenem Zustand war der Wagen somit fast so behaglich wie eine Limousine (einst auch als Sedan bezeichnet).

Das andere Ende der automobilen Stufenleiter markierte einst der Hanomag 2/10 PS, landläufig auch als Kommissbrot bekannt:

Hanomag_2-10_PS_Shell-Tankstelle_Galerie

Hanomag 2/10 PS; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Das 1925 vorgestellte Miniaturmobil mit der damals als unschön empfundenen Pontonkarosserie musste sich mit einem 1-Zylinder-Motor begnügen. Dieser wurde übrigens per Seilzug links vom Fahrer gestartet.

Bereits dieses Detail lässt ahnen, warum der Traum vom Volksautomobil mit dem Hanomag „Kommissbrot“ ein solcher bleiben musste. Das Vehikel war schlicht zu primitiv, so liebenswert es auch daherkam.

Wie ein wirklich für die Motorisierung breiter Schichten geeigneter Wagen auszusehen hatte, das hatten erst Ford, später dann Austin und Citroen vorgemacht. Da half auch die rationelle Fertigung bei Hanomag nicht.

Nach nur etwas mehr als 15.000 Exemplaren endete 1928 die Fertigung des auch als „rasender Kohlenkasten“ titulierten Hanomag 2/10 PS – also im gleichen Jahr, als der Horch Typ 350 vorgestellt wurde.

Doch den Besitzer des Hanomag scheint die Konkurrenz der „richtigen“ Autos nicht angefochten zu haben. Er scheint sich auf dem Foto im offenen Zweisitzer durchaus wohlzufühlen.

Tatsächlich war er in einer Hinsicht mit seinem Wagen ungekrönter König – beim Benzinverbrauch. Während sich der schwere Horch an die 20 Liter genehmigte, bei Reisen ins Gebirge auch deutlich mehr, kam der Hanomag mit 5 Litern aus.

Kein Wunder, dass der Hanomag-Fahrer mit sich und der Welt im Reinen scheint, steht er doch gerade an einer Dorftankstelle, wo er für einen überschaubaren Betrag volltanken konnte.

Die Zapfsäule im Hintergrund ist leicht zu übersehen, daher auch hier eine Ausschnittsvergrößerung:

Hanomag_2-10_PS_Shell-Tankstelle_Detail

Interessant ist die senkrechte Beschriftung „SHELL“, die auf dem rechts angebrachten Schild zu sehen ist.

Die niederländische Firma war bereits seit Anfang des 20. Jahrhunderts am deutschen Markt aktiv, sodass eine Shell-Zapfsäule keine Seltenheit war. Doch solche Fotos mit einem Vorkriegsauto davor sind recht rar.

Ein Wunsch bleiben dürfte eine Aufnahme, die einen Horch 8 und einen Hanomag 2/10 PS gleichzeitig beim Tanken zeigt. Ganz ausschließen sollte man das jedoch nicht.

Eine ähnliche Konstellation – wieder unter Beteiligung des hier gezeigten Horch 8 Typ 350 Sedan-Cabriolet – konnten wir nämlich bereits hier präsentieren, nur nicht an der Tankstelle…

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Zwitter aus Zwickau: Horch 10/35 PS von 1922

Für die Freunde der sächsischen Automarke Horch zählen meist nur die mächtigen 8-Zylindermodelle, die ab den späten 1920er Jahren gebaut wurden.

Verständlich, denn mehr formale Opulenz und technische Raffinesse war damals im deutschen Automobilbau kaum zu finden. Hier haben wir stellvertretend – und passend zum Wintereinbruch – ein Cabriolet des Typs 780:

Horch_8_Typ_780_Galerie

Horch 8 Typ 780; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Zum ausführlichen Porträt dieses Prachtexemplars geht es hier.

Wir wollen uns aber heute mit einem der oft übersehenen Vierzylindertypen beschäftigen, mit denen die Manufaktur aus Zwickau nach dem 1. Weltkrieg wieder auf die Beine kam.

Das erfolgreichste dieser „kleinen“ Horch-Modelle – den ab 1924 gebauten Typ 10/50 PS –  haben wir bereits hier und hier präsentiert. Noch nicht gezeigt haben wir die folgende Originalreklame für das Modell:

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Originalreklame für den Horch 10/50 PS aus Sammlung Michael Schlenger

Auch ohne den Slogan „Der Wagen der guten Gesellschaft“ würde deutlich, an welche Klientel sich die Horch-Werke mit dem Typ 10/50 PS wandte.

Diese Wagen wurden oft noch mit Chauffeur gefahren, der sich auch alle 300 km mit der Fettpresse bewaffnet um über 40 Schmiernippel zu kümmern hatte. Dieses „schmutzige Geschäft“ werden die wenigsten Besitzer selbst erledigt haben.

Ungeachtet des Wartungsaufwands war der Horch 10/50 PS in technischer Sicht alles andere als rückständig. Mit seinem kopfgesteuerten Motor war er auf der Höhe der Zeit – dasselbe galt für die sachliche Optik mit Flachkühler.

Kaum bekannt ist, dass dieses Premiumautomobil einen Vorgänger hatte, der in mancher Hinsicht ein Zwitter war – er vereinte nämlich noch technische und formale Elemente der Vorkriegszeit mit modernen Details.

Die Rede ist vom 1921 vorgestellten Horch 10/35 PS, den wir hier sehen:

Horch_10-35_PS_Galerie

Horch 10/35 PS; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Bevor wir den Wagen näher unter die Lupe nehmen, ein paar Worte zum technologischen „Zwitter“status des Horch 10/35 PS.

Der 4-Zylindermotor war zwar eine Neukonstruktion, besaß aber nach wie vor seitlich stehende Ventile wie die Vorkriegsmodelle. Die hochmoderne Ventilsteuerung über eine im Zylinderkopf liegende Nockenwelle wie beim Nachfolger 10/50 PS fehlte ihm noch.

Immerhin war aber der konservativ konstruierte Motor des 10/35 PS-Typs ebenfalls bereits auf eine rationelle Fertigung in größerer Stückzahl sowie Wartungsfreundlichkeit ausgelegt.

Dass der Horch 10/35 PS eine Zwischenstellung zwischen Vor- und Nachkriegszeit einnahm, wird auch in stilistischer Hinsicht deutlich:

Horch_10-35_PS_Frontpartie

Dieser eigentümliche Spitzkühler nahm eine Modeerscheinung der Vorkriegszeit auf, die sich in Deutschland nach 1918 ungewöhnlich lange halten sollte.

Interessanterweise verbauten die Zwickauer bis 1914 meist noch urtümlich wirkende Schnabelkühler. Den auf dem Foto zu sehenden Spitzkühler findet man in dieser „verschärften“ Form erst an Horch-Wagen der Nachkriegszeit.

Eine gewisse Ähnlichkeit besteht mit Nachkriegsautomobilen von Opel, bei denen das Markenemblem ebenfalls beidseitig am Spitzkühler angebracht war. Hier haben wir aber eindeutig einen Horch-Kühler vor uns.

Prinzipiell könnte er auch zu nach 1918 weitergebauten Vorkriegsmodellen von Horch wie 8/24 PS und 18/50 PS gehören – in der Literatur finden sich jedenfalls entsprechende Aufnahmen.

„Unser“ Horch unterscheidet sich aber in einigen formalen Details von diesen Vorkriegstypen. Dasselbe gilt für den sehr selten gebauten Nachkriegstyp 15/45 PS. Die Zuschreibung „10/35 PS“ kann daher als gesichert gelten.

Genug von dieser Detektivarbeit. Was bot so ein Horch einst seinen Besitzern?

Nun, die Leistungsfähigkeit des Typs 10/35 PS mutet nach heutigen Maßstäben bescheiden an. Doch ein Spitzentempo von 80 km/h war auf den damals oft unbefestigten Straßen „das höchste der Gefühle“.

Erinnert werden muss auch daran, dass der über 4,50 m lange und je nach Aufbau weit über eine Tonne wiegende Wagen nur Hinterradbremsen besaß.

Horch erprobte 1921 beim neuen Modell 10/35 PS Vorderradbremsen, die aber nicht in Serie gingen. Erst der Nachfolger 10/50 PS sollte damit ausgestattet werden.

Den Insassen wird dieser „Mangel“ kaum bewusst gewesen sein. Einen dermaßen großzügigen Wagen mit Platz für sechs bis sieben Insassen zu besitzen und sich die Welt auf eigene Faust zu „erfahren“, war im damaligen Deutschland ein Privileg.

Den Insassen dürfte ihr besonderer Status bewusst gewesen sein:

Horch_10-35_PS_InsassenIn solch‘ herausgehobener Position ließ man sich gern ablichten, auch wenn es ein kühler Tag gewesen sein mag – eine Heizung besaßen Autos damals nicht.

Bei kühler Witterung in einem zugigen und ungeheizten Gefährt unterwegs zu sein, das war einst Luxus.

Sollte die Propaganda kleiner, aber aggressiv auftretender „Pressure Groups“ gegen die Volksmotorisierung mit Verbrennungsmotor Erfolg haben, wird individuelle Mobilität wohl aus Kostengründen künftig wieder zum Privileg Vermögender.

Mit dem Wohnwagen an den Gardasee wird mit Elektroautos ebenso unerreichbar sein wie gesicherte wohlige Wärme bei Minusgraden im mehrstündigem Stau wegen Vollsperrung am Frankfurter Kreuz.

Innovation bedeutet das Überwinden von Hindernissen und nicht das Gegenteil davon, auch daran erinnern uns die Fotos aus der Kinderstube des Automobils.

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David trifft Goliath – DKW F1 und Horch 8 Typ 350

Wer diesen Oldtimer-Blog schon länger verfolgt weiß, dass der Verfasser sich für so ziemlich jede Art von Vorkriegsautos erwärmen kann.

Ob US-Großserienfahrzeuge wie der Buick Master Six oder europäische Raritäten wie der Praga Grand 8 – ob Hubraumgiganten wie der Mercedes 28/60 PS oder Kleinwagen wie der Opel 4 PS „Laubfrosch“, ihnen allen lassen sich reizvolle Seiten abgewinnen – vor allem, wenn man sie auf historischen Originalfotos betrachtet.

Mit falsch verstandenem Prestigedenken und Geringschätzung des Bodenständigen tut man sich wie im richtigen Leben keinen Gefallen. Denn so verpasst man interessante Begegnungen wie die hier dokumentierte:

Horch_350_Sedan-Cabriolet_Galerie

Horch 8 Typ 350 und DKW F2; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Die Horch-Freunde unter den Lesern werden natürlich auf Anhieb das mächtige Cabriolet als 8-Zylinderwagen des ab 1928 gebauten Typs 350 mit 80 PS erkennen.

Mit diesem Luxusmodell aus Zwickau haben wir uns schon wiederholt befasst – für die Details sei daher auf das ausführliche Typporträt verwiesen.

Übrigens gehört das Foto zu einer ganzen Serie von Aufnahmen desselben Fahrzeugs, die die Zeiten in einem alten Fotoalbum überdauert haben. Mit diesen Fotos werden wir noch einige Blogeinträge bestreiten können.

Bevor wir uns dem spielzeughaft wirkenden Gefährt im Schlepptau des Horch nähern, hier noch ein Ausschnitt, der die Dimensionen des Wagens erkennen lässt:

Horch_350_Sedan-Cabriolet_Ausschnitt2

Ein so mächtiges Auto dennoch wohlproportioniert erscheinen zu lassen, das ist eine Kunst, die in Zeiten unförmiger PS-Monster verlorengegangen ist.

Diese Meisterwerke waren aber auch nicht für den aggressiven Auftritt auf der Autobahn, vor der Schule oder auf dem Parkplatz des Möbelmarkts gedacht. Sie sollten davon künden, dass man Geld und Geschmack hatte.

Das tat man idealerweise nicht mit einem zigtausendfach gebauten US-Automobil, sondern mit einem teureren Wagen aus einheimischer Manufaktur, der neben Technik vom Feinsten oft auch eine Spezialkarosserie edler Herkunft besaß.

Dennoch scheinen die Besitzer des Horch 8 Typ 350 auf dem Foto ihre Bodenhaftung nicht verloren zu haben. Offfenbar hatten sie keine Berührungsängste, was Automobile vom anderen Ende des Spektrums angeht:

Horch_350_Sedan-Cabriolet_Ausschnitt3

Was hier wie das Beiboot einer großen Motoryacht wirkt, ist ein DKW F1 in der Ausführung als 2-sitziges Cabriolet.

Das ab 1931 gebaute Wägelchen mit Zweizylinder-Zweitakter und 600ccm Hubraum sollte den Grundstein für den großen Markterfolg der ebenfalls im sächsischen Zwickau angesiedelten Firma DKW legen.

Mit Frontantrieb boten die DKW Zweitakter sogar eine gewisse technische Raffinesse, wenngleich der kurz vorher vorgestellte Stoewer V5 auf diesem Sektor das überzeugendere Gesamtkonzept aufwies.

Und wenn nicht gerade ein Horch-Achtzylinder neben ihm stand, wirkte selbst das kompakte 2-Sitzer-Cabrio des DKW F1 einigermaßen „erwachsen“:

DKW_F1_Cabriolet_1_Galerie

DKW F1; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Der DKW, der auf dem ersten Foto mit dem Horch wie David gegen Goliath daherkommt, verdient auf jeden Fall einen Sympathiebonus.

Das auch, weil er der formal wohl gelungenste Kleinwagen aus deutscher Herstellung war, dessen Nachfolger in der Front-Luxus-Ausführung an die gestalterische Klasse der zeitgenössischen Horch-Wagen herankamen.

So schließt sich am Ende der Kreis, an dessen Anfang eine ganz unwahrscheinlich wirkende Begegnung stand…

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1929: Ein ganz spezieller Horch 350 an der Ostsee

Freunde des sächsischen Luxuswagenbauers Horch finden auf diesem Oldtimerblog für Vorkriegsautos reichlich Anschauungsmaterial – und das alles in Form historischer Originalfotos aus der Sammlung des Verfassers.

So sind die Giganten aus Zwickau in der Schlagwortwolke unten rechts mit am häufigsten vertreten. Obwohl Horch-Wagen schon immer selten waren, findet man überproportional viele alte Fotos davon.

Klar: Wer sich so etwas leisten konnte, musste nicht am damals noch teuren Filmmaterial  sparen und konnte Ausfahrten und Reisen großzügig dokumentieren.

Im Fundus schlummert noch ein ganzes Konvolut solcher Reisefotos mit ein und demselben Horch, das heben wir uns aber für den Winter auf.

Heute wollen wir die Horch-Bildergalerie weiter bestücken, und zwar mit einem speziellen Modell des Horch 350, den wir hier zuletzt in Form einer prächtigen 6-Fenster-Limousine zeigen konnten.

Zur Erinnerung: Der ab 1928 gebaute Typ 350 war das erste Horch-Achtzylindermodell, das seine außergewöhnliche Klasse auch in der Gestaltung erkennen ließ.

Die Vorgänger hätte man auch für irgendwelche US-Sechszylinder-Massenware halten können. Doch dieses mächtige Gefährt lässt auf den ersten Blick erkennen, dass es etwas ganz Besonderes ist:

Horch_350_Sedan_Cabriolet_2_Ausschnitt

Horch 350; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Hier sehen wir außer dem für das Modell 350 typischen Lamellenkühler den geflügelten Pfeil, den der Wagen nur kurze Zeit nach Einführung trug. Er wurde bald durch eine weniger expressive geflügelte Weltkugel ersetzt.

Diese Kühlerfigur begegnet uns auch auf der Aufnahme, um die es heute eigentlich geht. Das Besonders daran ist der Aufbau, der sich in genau dieser Form in der dem Verfasser bekannten Literatur bislang nicht findet.

Bei der Gelegenheit sei wieder einmal das „Horch“-Standardwerk von Peter Kirchberg und Jürgen Pönisch gepriesen (hrsg. im Verlag Delius Klasing). Ausführlicher und sachkundiger wird man die Horch-Modellgeschichte andernorts kaum dargestellt finden. Zudem sind Fehler der älteren Literatur darin behoben.

Nun aber zu unserem Anschauungsobjekt:

Horch_350_Sedan_Cabriolet_Ostseebad_Graal_1929_Galerie

Horch 350; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Die technische Qualität des Fotos lässt zwar zu wünschen übrig, doch ein eindrucksvolles Auto haben wir allemal vor uns. Über die Identifikation sind hier nicht viele Worte zu verlieren – wie gesagt: der Aufbau ist es, was uns interessiert.

Entstanden ist die Aufnahme laut umseitiger Aufschrift übrigens 1929 im Ostseebad Graal in der Nähe von Rostock. Die helle Lackierung passt gut zu einem Sommertag an der See und findet sich bei offenen Versionen dieses Typs öfters.

So wirkt der fünf Meter lange und rund 2 Tonnen schwere Wagen zumindest optisch leicht. Der 80 PS starke Motor mit 3,9 Liter Hubraum war für gepflegtes Reisen vollkommen ausreichend. Wichtiger als die Höchstgeschwindigkeit von 100 km/h war die bis dahin in Deutschland unerreichte Laufkultur.

Der Besitzer hatte keine Kosten gescheut und sich sowie seinen Begleiterinnen einen besonders komfortablen Spezialaufbau gegönnt:

Horch_350_Sedan_Cabriolet_Ostseebad_Graal_1929_Ausschnitt

Wer schon einmal in einem offenen Tourenwagen oder viersitzigen Cabriolet der Vorkriegszeit unterwegs war, wird sich an das luftige Fahrerlebnis erinnern. Einen wirksamen Windschutz gab es nur auf den Vordersitzen, wo neben der Frontscheibe mitunter auch seitliche Windabweiser montiert waren.

Hier aber sehen wir eine offene viertürige Ausführung mit feststehender B-Säule und auf Wunsch versenkbarer Zwischenscheibe, die obendrein einen verstellbaren Sonnenschutz aufzuweisen scheint.

Eine solche Karosserie wurde als Sedan-Cabriolet bezeichnet, da sie Elemente einer Limousine (die starre B-Säule) mit einem vollständig niederlegbaren, gefütterten Verdeck verband.

Einen Horch 350 mit auf den ersten Blick ähnlichem Aufbau haben wir vor einiger Zeit schon einmal vorgestellt, nämlich diesen hier:

Horch_350_Sedan-Cabriolet2_Galerie

Horch 350; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Auch hier sehen wir eine starre B-Säule, doch fehlt hier die erwähnte zweite Scheibe zum Schutz der rückwärtigen Passagiere. Sie kann auch nicht heruntergekurbelt sein, denn dann würde man auf der Innenseite der in Fahrtrichtung rechten B-Säule eine entsprechende Führung sehen.

Demnach haben wir es auf dem 1929 an der Ostsee entstandenen Foto mit einer noch aufwendigeren Ausführung zu tun, die als Sonderversion zwar in der Literatur genannt wird, aber dort nicht abgebildet ist.

Zudem ist die Karosserie „unseres“ Horch 350 Sedan-Cabriolet „Spezial“ im Detail eleganter gearbeitet als die des zweiten, schwerfällig wirkenden Fahrzeug.

Als mögliche Hersteller dieses Sonderaufbaus des Horch 350 nennt die Literatur beispielsweise Baur aus Stuttgart und die Manufaktur Alexis Kellner aus Berlin, die für ihre extravaganten Aufbauten berühmt bis berüchtigt war.

Wie immer sind ergänzende Hinweise oder auch Korrekturen von sachkundigen Lesern hochwillkommen und werden im Blogeintrag berücksichtigt.

Bevor es mit dem Nachfolgemodell Horch 375 weitergeht, werden wir uns gelegentlich noch mit zwei weiteren Aufnahmen offener Versionen des Typs 350 beschäftigen, die auf ihre Weise ebenfalls kurios sind.

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Endlich auch optisch Luxusklasse: Horch 350

Die Wagen der legendären sächsischen Marke Horch werden auf diesem Oldtimerblog besonders genüsslich zelebriert. Nicht, weil es daneben nichts Vergleichbares gegeben hätte – ganz im Gegenteil.

Doch nach dem 1. Weltkrieg den schrittweisen Aufstieg des Premiumherstellers in die Luxusklasse nachzuvollziehen, bereitet einfach Freude. Wie wohl kein anderer deutscher Autobauer sind die Zwickauer dabei äußerst planvoll gegangen.

Während andere Marken in den 1920er Jahre meinten, nebenher natürlich auch Achtzylinder entwickeln zu können, war man sich bei Horch der Komplexität der Aufgabe bewusst und investierte erst einmal drei Jahre Entwicklungsarbeit.

Denn ein Achtzylinder ist nicht einfach ein doppelter Vierzylinder. Um seine Stärken, souveräne Kraftentfaltung und im Idealfall vollkommen ruhigen Lauf, voll zum Tragen kommen zu lassen, bedarf es sorgfältiger Abstimmung.

Nach Vorstellung des ersten Achtzylindermodells Ende 1926 war man bei Horch von der Qualität des Geleisteten so überzeugt, dass man sich ganz darauf beschränkte – unternehmerisch mutig, aber letztlich genau der richtige Weg.

Schon mit den ersten ab 1927 gebauten Achtzylindern hatte Horch einen Erfolg, der anderen Anbietern verwehrt blieb. Dies war weder eine Frage des Preises noch des formalen Erscheinungsbilds:

Horch_305_früh_Photo_Berlin-Wilmersdorf_Ausschnitt

Horch 305; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Die frühen Horch Achtzylinder waren mächtige Automobile, doch sahen sie nicht annähernd so teuer aus, wie sie waren.

Wäre da nicht das gekrönte „H“ auf der Kühlermaske, könnte man den Wagen auf obigen Foto für einen Sechszylinderwagen aus US-Massenproduktion halten. Wir haben uns mit diesen frühen Horch-Achtzylindern übrigens bereits hier befasst.

1928 war dann das Jahr, in dem Horch nicht nur bei der Motorisierung eine Schippe drauflegte, sondern nun auch in formaler Hinsicht alle Register zog.

Der Hubraum wurde von 3,4 auf 4 Liter gesteigert, die Höchstleistung erhöhte sich von 65 auf 80 PS. Dabei hielt man an der präzisen Ventilsteuerung über zwei obenliegende Nockenwellen fest, die über eine Königswelle angetrieben wurde.

Die Frontpartie dieses neuen Typs Horch 350 wurde deutlich aufgewertet, wie wir auf dieser Aufnahme sehen können, die im April 1931 in Bamberg entstand:

Horch_350_1_Bamberg_04-1931_Galerie

Horch 350; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Dass der Wagen mit Berliner Zulassung (Kennung: „I A“) hier auf den ersten Blick nicht sonderlich groß wirkt, liegt weniger an der eindrucksvollen Kulisse der historischen Bauten im Hintergrund, die Bamberg sehenswert machen.

Nein, es ist die schiere Größe des stattlichen Herrn, der hier neben dem 1,90m hohen Horch posiert. Für ihn hätte der Wagen kaum kleiner ausfallen dürfen…

Für sich betrachtet, stellt sich die Sache ganz anders dar – hier haben wir klar ein Fahrzeug der Luxusklasse vor uns:

Horch_350_1_Bamberg_04-1931_Ausschnitt

Bei unveränderter Grundform hatte man dem Horch 350 größere Scheinwerfer und an der Motorhaube angebrachte Positionsleuchten spendiert. Doch vor allem die verchromten Lamellen im Kühler lassen den Wagen weit wertiger erscheinen.

Zum eleganten Auftritt tragen außerdem die harmonisch gerundeten Vorderschutzbleche bei, die im Unterschied zu den Vorgängertypen nun wie „aus einem Guss“ wirken und ohne rustikale Sicken auskommen.

Zu verdanken war das überzeugende neue Erscheinungsbild dem zuvor nur als Werbegrafiker bekannten Gestalter Oskar Hadank, der mit der Frontpartie des Horch 350 sein Können auch auf einem ungewohnten Feld bewies.

Kein Wunder, dass der neugestaltete und noch souveräner motorisierte Horch 350 der bis dahin größte Erfolg der Zwickauer Manufaktur wurde.

Von 1928 bis 1932 – in einer für den Absatz von Luxuswagen in Deutschland denkbar ungünstigen Zeit – fanden fast 3.000 dieser Automobile einen Käufer. Kein anderer deutscher Hersteller von 8-Zylinderwagen konnte da mithalten.

Wer den Horch 350 noch gern aus einer anderen Perspektive sehen würde, dürfte an der folgenden Aufnahme desselben Fahrzeugs Freude haben:

Horch_350_2_Galerie

Horch 350;  Originalaufnahme aus Sammlung Michael Schlenger

Hier sehen wir „unseren“ Berliner Horch irgendwo im Alpenraum, vermutlich ebenfalls Anfang der 1930er Jahre.

Es ist nicht ganz eindeutig, ob der Herr, der sich auf’s Ersatzrad stützt, identisch ist mit der voluminöser wirkenden Person auf der Aufnahme aus Bamberg.

Jedenfalls steht sein (mutmaßlicher) Sprößling auf der anderen Seite dem Horch in punkto kolossaler Erscheinung nicht nach. Wie gesagt, dieses Modell war 1,90 m hoch, doch offenbar waren diese Horch-Besitzer „gut genährt“.

Der Abzug lässt im übrigen einige Details besser erkennen als die erste Aufnahme:

Horch_350_2_Galerie

Hier ist das gekrönte „H“ auf der Kühlermaske und die „8“ auf der Strebe zwischen den Scheinwerfern klar zu sehen, ebenso das mit einem Bären dekorierte Emblem des „Berliner Automobil Clubs“ (BAC).

Die Kühlerfigur – eine geflügelte Weltkugel – verweist auf eine Entstehung ab 1929, zuvor trug der Horch 350 kurzzeitig einen geflügelten Pfeil als Markenzeichen.

Doch dieses Detail behalten wir uns für ein anderes Originalfoto eines Horch 350 mit einer ganz besonderen Karosserie vor…

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Die ersten 8-Zylinder von Horch: Typen 303 bis 305

Die Typengeschichte von Vorkriegswagen aus dem deutschen Sprachraum möglichst vollständig in historischen Fotos zu dokumentieren – das ist eines der Ziele dieses Oldtimerblogs.

Was bei Herstellern wie DKW, Hanomag und Opel recht einfach ist, wird bei Nischenmarken wie NAG, Protos und Stoewer zum Geduldspiel. Doch die Bildergalerien füllen sich auch dort allmählich – zur Freude von Kennern auf der ganzen Welt.

Erstaunlich leicht dokumentieren lässt sich die komplexe Modellhistorie von Horch. In der Sammlung des Verfassers finden sich inzwischen Belegfotos von fast jedem Typ, die hier nach und nach publiziert werden.

Heute füllen wir eine Lücke zwischen dem letzten 4-Zylinderwagen der Zwickauer Marke – dem Modell 10/50 PS – und dem bereits vorgestellten frühen 8-Zylindertyp 305 von 1927/28. 

Der Horch 305 hatte einen Vorläufer, der der erste Achtzylinder des sächsischen Luxusherstellers war. Das war der Typ 303 bzw. 304, der im Herbst 1926 präsentiert wurde und Horch in die automobile Oberliga katapultierte:

Horch_303_oder_304_Galerie

Horch 303 oder 304; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Das also soll der erste 8-Zylinderwagen von Horch sein, der den bis heute anhaltenden Ruhm der 1945 untergegangenen Marke aus Sachsen begründete?

Ja, so unauffällig kann Luxus daherkommen und es muss einst Leute gegeben haben, denen es genügte, selbst zu wissen, wie gutsituiert sie waren. Nur 1.700 Wagen dieses weit über 10.000 Reichsmark teuren Typs wurden hergestellt.

Technisch gehörte der Wagen zum Feinsten, was es in Deutschland zu kaufen gab: Der 3,1 Liter messende, 60 PS starke Motor verfügte über eine Ventilsteuerung mittels Königswelle und zwei obenliegenden Nockwellen, präziser geht es kaum.

Trotz des hohen Gewichts von fast 2 Tonnen erreichte der Horch-8-Zylinder im 4. Gang die Marke von 100 km/h. Alle Räder wurden über eine servounterstützte Bremse verzögert; die Elektrik war auf 12 Volt ausgelegt.

Woran erkennt nun man ein solches Fabeltier? Schauen wir genauer hin:

Horch_303_oder_304_Ausschnitt0

Auf der schlichten Kühlermaske zeichnet sich das gekrönte „H“ ab, das erstmals beim Vierzylindertyp Horch 10/50 PS auftauchte. An der Marke gibt es somit keinen Zweifel.

Dass wir aber einen der frühen 8-Zylindertypen vor uns haben, verrät ein Detail: Die seitlichen Luftschlitze in der Motorhaube sind in einem aufgesetzten Blech zusammengefasst und nehmen deutlich mehr Platz ein als beim Vorgänger.

Für das Modell 303/304 spricht außerdem die Form der Vorderschutzbleche, die im Unterschied zum Nachfolger 305 noch ausgeprägte Sicken besaßen und nicht wie „aus einem Guss“ wirkten.

Unser Foto vermittelt außerdem etwas von der Selbstzufriedenheit der Besitzer, die an einem sonnigen Tag mit Chauffeur und Wagen abgelichtet wurden.

Horch_303_oder_304_Ausschnitt1

Auch der Chauffeur scheint bester Laune zu sein – ein schöner Schnappschuss!

Nebenbei sei auf die stattliche Trockenmauer verwiesen, die von einer der untergegangenen handwerklichen Fertigkeiten unserer Altvorderen kündet.

Heutzutage sieht man allerorten außer barbarischem Sichtbeton entweder in schauerliche Metallgerüste gekippte Bruchsteine („Gabionen“) oder nach Manier von Fred Feuerstein aufgestapelte Riesenblöcke aus dem Steinbruch.

Man muss kein Kulturpessimist sein, um die grassierende Hässlichkeit und Unfähigkeit zu dauerhaften und ansprechenden Bauten in unserer Zeit bedenklich zu finden – der Verlust an über Jahrhunderten gewachsenen Gewissheiten und Kompetenzen ist in jedem Neubaugebiet zu besichtigen…

Dem setzen wir hier bewusst die Hervorbringungen einer Vergangenheit entgegen, in der man noch eine klassische Formensprache beherrschte. Dazu gehören die klaren, jeden Exzess meidenden Karosserien der 1920er Jahre:

Horch_305_früh_Photo_Berlin-Wilmersdorf_Galerie

Horch 305; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Diese majestätische Sechsfenster-Limousine ist sehr wahrscheinlich eine frühe Version des Horch 305, der Ende 1927 den 8-Zylinder-Erstling 303/304 ablöste.

Hinter dem konservativen Erscheinungsbild verbirgt sich ein auf 3,4 Liter vergrößerter Reihenachter mit nunmehr 65 PS. Die Fahrleistungen blieben jedoch im wesentlichen unverändert.

Die Doppelstoßstange verweist auf ein fortgeschrittenes Stadium der Modellpflege, während die kantigen Kotflügel und das Fehlen von Positionslampen noch an den Vorgänger erinnern.

Die Karosserie scheint ein Aufbau nach Weymann-Patent zu sein. Demnach ist nur der Vorderwagen in Stahl ausgeführt, der Rest in einer leichten und geräuscharmen Holz-Textil-Konstruktion:

Horch_305_früh_Photo_Berlin-Wilmersdorf_Ausschnitt

Die umseitige Aufschrift des Fotos verrät, dass dieser Horch einst in Berlin-Wilmersdorf zugelassen war. Die Aufnahme selbst dürfte in einer der waldreichen Gegenden im Umland der Hauptstadt entstanden sein.

Wie so oft bei diesen Aufnahmen der Vorkriegszeit fragt man sich, was aus den  darauf abgebildeten Personen in den folgenden Jahren geworden ist. NS-Diktatur, Krieg und Bombenterror forderten auch von den Vermögenden ihren Tribut.

Während von den hochkarätigen Horch-Automobilen der 1930er Jahre immerhin etliche das Inferno des 2. Weltkriegs überlebt haben, scheinen ihre Vorgänger der späten 20er weitgehend ausgestorben zu sein.

Oft genug sind solche Fotos alles, was von ihnen, ihren Besitzern und glücklichen Momenten geblieben ist…

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Zu Unrecht vergessenes Erfolgsmodell: Horch 10/50 PS

„Es geht ungerecht zu in Deutschland“, diese bedeutende Feststellung machte kürzlich ein zu Höherem berufener Politiker, dessen Name dem Verfasser gerade entfallen ist.

Aus Sicht der Freunde von Vorkriegsautos, um die es auf diesem Oldtimerblog geht, sind ebenfalls schwerwiegende Ungerechtigkeiten zu beklagen.

Beispielsweise kann nicht jeder eines der grandiosen 8-Zylinder-Cabriolets haben, die die sächsische Manufaktur Horch einst in den 1930er Jahren baute:

Horch_930_V_Galerie

Horch 930 V; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Immerhin kann man auf einschlägigen Veranstaltungen eine beachtliche Zahl an Überlebenden dieser durch den 2. Weltkrieg dezimierten Gattung bestaunen.

Vom oben gezeigten Typ 930 V wurden von 1937 bis 1940 über 2.000 Stück gefertigt. Damit gehört das Modell zu den meistgebauten Horchs überhaupt.

Doch ein anderes Zwickauer Erzeugnis, das noch etwas öfter produziert wurde – in über 2.300 Exemplaren – bekommt man heute praktisch nie zu sehen. Das liegt vor allem daran, dass es sich nicht um einen der prestigeträchtigen 8-Zylinder handelte.

Hinzu kam die für ein Luxusauto bemerkenswert einfallslose Gestaltung. Bei anderen Hervorbringungen derselben Ära – den Bauhaus-Produkten – würde dies heute als grandiose Schlichtheit gepriesen.

Gemeint ist also ein Horch aus den 1920er Jahren, als Walter Gropius mit seiner funktionalistischen Bauhaus-Ideologie die Zerstörung unserer Großstädte durch gesichtslose Einheitsarchitektur vorbereitete.

Vorgestellt haben wir das Fahrzeug, um das es heute geht, schon vor längerer Zeit. Allerdings fand sich damals kein besseres Foto als dieses hier:

Horch_10-50_PS_1924-26_Galerie

Zwar ließ sich dieser Tourenwagen als Horch 12/50 PS identifizieren, doch dass die Kühlerpartie verdeckt ist, war unbefriedigend. Heute können wir diesem Mangel ein Ende bereiten.

Zuvor sei noch einmal an die technischen Qualitäten des von 1924-26 gebauten Wagens erinnert: Der Horch 12/50 PS hatte nur einen 2,6 Liter messenden Vierzylindermotor, aber einen von der feinsten Sorte.

Die im Zylinderkopf hängenden Ventile wurden von einer obenliegenden Nockenwelle betätigt, die ihrerseits von einer Königswelle angetrieben wurde – damals die präziseste und zugleich aufwendigste Ventilsteuerung.

Der Motorblock bestand aus einer Aluminiumlegierung, auch die Kolben waren aus Leichtmetall gefertigt. Hochbelastete mechanische Elemente wurden nitridiert, also mit Stickstoff oberflächengehärtet.

Der Antrieb genügte trotz des Gewichts von bis zu 2 Tonnen (je nach Aufbau) für 100 km/h Spitze – aber das war ein theoretischer Wert. Durchzugsvermögen und Steigfähigkeit waren wichtiger, dazu passend besaß der Horch 12/50 PS serienmäßige Vierradbremsen.

Mit diesem technischen Glanzstück machte Horch seinem hervorragenden Ruf alle Ehre und so wurde das 12/50 PS-Modell zum ersten größeren Absatzerfolg der Zwickauer, obwohl die Banalität des Serienaufbaus schwer zu übertreffen war:

Horch_10-50_PS_Limousine_Galerie

Horch 12/50 PS; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Fast könnte man meinen, Bauhaus-Diktator Gropius habe sich bereits hier einmal an einem Automobil versucht und nicht erst 1930 am Adler Standard 6 bzw. 8.

Ähnlich schlichte Kühlerformen fanden sich damals auch bei anderen Herstellern, zum Beispiel Fiat. Doch dort waren sie mit klassischen Proportionen verknüpft, die Linien waren konzentrierter und das Ganze saß wie ein italienischer Maßanzug.

In England oder gar Frankreich wäre ein Hersteller von Luxuswagen mit so einem „Kohlenkasten“ jedenfalls durchgefallen, und auch in Deutschland fanden sich bei Nischenherstellern wie Simson und Steiger weit raffiniertere Linien. 

Doch möglicherweise kam gerade die Schlichtheit des ersten Horchs, der nach dem 1. Weltkrieg einen Flachkühler statt des zuvor modischen Spitzkühlers trug, gut an. Denn mit diesem unscheinbaren Auto wirkte man nicht wie ein „Kriegs- und Krisengewinnler“, was im politisch spannungsreichen Alltag der 1920er Jahre Vorteile hatte.

Auch wenn das Modell weit von den späteren Großtaten der Karosseriegestalter bei Horch entfernt ist, werfen wir einen näheren Blick auf die Frontpartie, an der sich die typischen Elemente gut nachvollziehen lassen:

Horch_10-50_PS_Limousine_Ausschnitt

Förmlich ins Auge springt auf diesem Ausschnitt das Markenemblem, ein gekröntes H, das Horch bei diesem Modell erstmals verwendete.

Ein weiteres Merkmal, das bei der Identifikation hilft, ist die sehr weit unten angebrachte Reihe an Luftschlitzen in den Flanken der Motorhaube. Horch-typisch, zumindest um diese Zeit, sind außerdem die pilzförmigen Nabenkappen.

Auffallend ist der stark gebrauchte Zustand des in Sachsen (Kennung „IM“) zugelassenen Horch 10/50 PS. Offenbar bereitete es den Besitzern des Wagens keine Probleme, mit einem verbogenen Schutzblech herumzufahren.

Zu solcher Gleichgültigkeit erzogen die damaligen Straßenverhältnisse mit reichlich Dreck auf den Chausseen und ein entspannteres Verhältnis zu Spuren des Gebrauchs.

Der eigentliche Luxus bestand darin, über ein derartiges Vehikel zu verfügen, das einen unabhängig von Zugfahrplänen und vom Wetter machte.

Besitzer solcher Wagen reisten viel, denn dabei entfaltete sich der eigentliche Nutzen – nach Gusto durch die Welt fahren zu können, sei es über gepflasterte Alleen an die Strände der Ostsee oder über geschotterte Alpenpässe an den Gardasee.

Das malträtierte Schutzblech verrät auch, dass diese Karosserie möglicherweise nicht im Werk gefertigt wurde. Die Kühlerpartie ist zwar typisch für das Modell und dürfte kaum variiert worden sein, aber der übrige Aufbau scheint woanders entstanden sein.

Dafür sprechen die vorn flach und abgerundet auslaufenden Schutzbleche. Bei Werkskarosserien sah das nämlich so aus:

Horch_10-50_PS_Tourer_Frontausschnitt

Neben den spitz zulaufenden Kotflügeln sehen wir die mächtigen Trommeln der Vorderradbremsen, die sich Mitte der 1920er Jahre durchzusetzen begannen.

Interessant ist auch, dass die typischen Nabenkappen hier verchromt sind. Könnte das ein Hinweis auf eine spätere Entstehung des eingangs gezeigten Horch 10/50 PS sein?

Bei solchen Details muss man sich jedoch bewusst sein, dass man es mit Manufakturwagen zu tun hat. Da darf man nicht erwarten, dass einer wie der andere aussah, schon gar nicht nach ein paar Jahren der Nutzung.

Außerdem wurden Automobile schon immer gern „individualisiert“ oder auf „aktuell“ getrimmt. Das abschließende Foto eines Horch 10/50 PS-Tourers ist ein Beispiel:

Horch_10-50_PS_Tourenwagen_Galerie

Horch 10/50 PS Tourenwagen; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Was man hier schön nachvollziehen kann, ist die schiere Größe des Horch 10/50 PS. Selten ist das kolossale Platzangebot eines großen Tourenwagens so gut zu erkennen.

Hier finden sechs Personen mühelos Platz, was auch bei Limousinen dieser Klasse Standard war. Auf Reisen war immer noch Platz genug für das Gepäck von vier Insassen.

Am vergessenen Konzept des Tourenwagens, der bis Mitte der 1920er Jahre das Automobil schlechthin darstellte, lässt sich vielleicht am ehesten veranschaulichen, was sich in den letzten 90 Jahren in punkto Mobilität geändert hat.

Aus dem für die Wunder von Stadt und Land offenen Wagen, die ein zuvor undenkbar privilegiertes Reisen ermöglichten, wurden geschlossene, unübersichtliche Kabinen auf vier Rädern, die vor allem dem individuellen Transport abhängig Beschäftigter zum Arbeitsplatz dienen.

Kein Wunder, dass die Besitzer heutiger Gefährte, die bizarre Bezeichnungen wie „Captur“ und „Cactus“ tragen und eine wirre Formensprache aufweisen, kein Bedürfnis verspüren, ihre zum baldigen Austausch bestimmten Mobile zu verschönern.

Dagegen meinte der einstige Besitzer der Horch 10/50 PS Tourenwagens, zumindest in einem Detail mit der Zeit gehen zu müssen:

Horch_10-50_PS_Tourenwagen_Ausschnitt1

Dieser Horch, dessen Bleche ebenfalls etliche Veränderungen erfahren haben, die moderne Besitzer zur Weißglut bringen würden, ist eindeutig ein 10/50 PS-Modell.

Doch auf dem Kühler trägt er die 1928 für die 8-Zylinder-Typen eingeführte Kühlerfigur, einen geflügelten Pfeil – heute der Alptraum aller TÜV-Prüfer.

Auch diese Aufnahme gibt Anlass, über die Originalitäts-Ideologie nachzudenken, die hierzulande oft zur Rückrüstung auf den Auslieferungszustand führt – auch bei Autos, die komplett und strukturell intakt die Zeiten überdauert haben.

Im Fall des Horch 10/50 PS scheint die Frage „Restaurieren oder Erhalten?“ aber ohnehin eine eher theoretische zu sein. Denn von diesem einstigen Erfolgsmodell haben wohl kaum welche die Zeiten überdauert.

Hinweise auf noch existierende Wagen dieses Typs – ganz gleich in welchem Zustand – sind daher hochwillkommen.

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