1931 der Stolz der Familie: Hotchkiss 6-Zylinder

Warum sich mit Vorkriegsautos beschäftigen? Sind das nicht entweder lahme Fahrzeuge mit mangelhaften Bremsen oder unbezahlbare Luxus- oder Sportgefährte für die Schönen und Reichen?

Nun, wenn man nichts anderes als – sagen wir: DKW-Zweitakter oder Horch-Achtzylinder kennt – mag das eine berechtigte Frage sein. Doch beispielsweise ein Blick zu unseren französischen Nachbarn fördert reizvolle Alternativen zutage.

Dort sind nicht nur nach wie vor bezahlbare „Brot- und Butter-Autos“ aus der Zwischenkriegszeit für überschaubares Geld zu bekommen. Es gibt bisweilen auch gut motorisierte Prestigewagen zu ergattern, die hierzulande kaum einer kennt.

Das folgende Foto zeigt einen leistungsstarken Qualitätswagen aus französischer Produktion, den man in hiesigen „Oldtimer“-Magazinen und auf Klassiker-Messen für eine „Besser als neu“-Klientel kaum antreffen wird:

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Hotchkiss AM 73 oder AM 80; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Der Hintergrund mit barackenartigen Wohnhäusern, die auf eine Situation nach dem 2. Weltkrieg hinweist, täuscht. Das ist alles andere als ein Auto für „kleine Leute“ – diese Limousine würde auch heute noch Eindruck machen.

Wie so oft bei schwierigen Fällen gelang die Identifikation nur durch Zufall. Beim Durchblättern eines älteren Autobuchs blieb der Blick an einem Wagen mit ganz ähnlicher Frontpartie hängen – einem Hotchkiss aus den späten 1920er Jahren.

Zunächst ein paar Worte zur Marke als solcher: „Hotchkiss“ klingt englisch und war es ursprünglich auch.

Gründer der gleichnamigen Firma war ein amerikanischer Waffenfabrikant, der im späten 19. Jh. nach Frankreich ging. Seine Firma begann dort 1903 parallel zur Rüstungsproduktion mit dem Bau von Automobilen, um weniger abhängig von staatlichen Aufträgen zu sein.

Von Anfang an baute Hotchkiss – nun in französischer Aussprache „Otschkiss“ – erstklassige Wagen mit damals beachtlicher Leistung.

Nach dem 1. Weltkrieg versuchte man zunächst vergeblich, in der Luxuswagenklasse anzutreten. Erfolgreich war erst der Typ AM, der ab 1926 einen 4-Zylinder-Motor mit strömungsgünstig im Kopf hängenden Ventile besaß und rund 50 PS leistete.

Auf ihn folgte 1928 das Sechszylindermodell AM 80, das wir auf unserem Foto sehen:

Hotchkiss_AM73_oder_AM80__datiert_1931_Frontpartie

Der 3-Liter Motor des Hotchkiss AM 80 leistete 70 PS und ermöglichte souveräne Fahrleistungen. Daneben wurde ein kleinerer Sechszylinder angeboten, der AM 73. Später sollte es noch eine 3,5 Liter-Version mit weit über 100 PS geben.

Ob sich die Frontpartien wesentlich unterschieden, ließ sich nicht feststellen. Jedenfalls sprechen die Dimensionen des Wagens auf dem Foto für ein Sechszylindermodell.

Details wie die Radkappen, der vorne schräge Schutzblechausschnitt und die Stoßstange mit den drei senkrechten Rillen verweisen auf eine Entstehungszeit des Autos Anfang der 1930er Jahre.

Erst 1936 wurde diese Baureihe durch einen moderner gestalteten Nachfolger ersetzt. Die Käufer der Qualitätswagen von Hotchkiss scheinen mit der bis dato konservativen Formgebung zufrieden gewesen zu sein.

Zwar schaut das Paar auf unserem Foto etwas ernst drein, doch stolz muss man auf den Wagen gewesen sein, sonst hätte man nicht damit posiert:

Hotchkiss_AM73_oder_AM80__datiert_1931_Besitzer

Über die Umstände dieser raren Aufnahme und den Ort, an dem sie entstand, wissen wir nichts. Vermerkt ist umseitig nur das Datum: 1931.

Wieviele solcher Wagen Hotchkiss einst baute, ließ sich nicht in Erfahrung bringen. Auch im französischen Teil des Internets sind jenseits der einschlägigen Wikipedia-Artikel nur spärliche Informationen verfügbar.

Immerhin gibt es heute noch eine Reihe dieser großzügigen und einst prestigeträchtigen Wagen. Hier ein kurzes Videoporträt, das bei einer kleinen Veranstaltung in der französischen Provinz entstand:

© Videoquelle YouTube; hochgeladen von: Mister59Bean

© Michael Schlenger, 2017. All entries in this blog (including embedded photos) are copyrighted by the author, unless otherwise indicated. Excerpts and links may be used, provided that credit is given to Michael Schlenger and http://www.klassiker-runde-wetterau.com with appropriate and specific direction to the original content.