Hudson „Six“: Sensation vor’m Grand Hotel

Unter Freunden von US-Vorkriegswagen genießt die einstige Marke Hudson durchaus einen soliden Ruf – an Luxus wird man dabei aber eher nicht denken.

In der amerikanischen Hersteller-Hierarchie rangierten die Modelle der 1909 gegründeten Marke oberhalb von Ford und Chevrolet – zumindest nach dem 1. Weltkrieg.

Ursprünglich hatte man gezielt preisgünstige Autos gefertigt. In den 1920er Jahren rückten die Hudsons dann nach oben, weshalb man daneben die Marke Essex schuf, die eine Weile sehr erfolgreich Einsteigermodelle wie dieses hier baute:

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Essex von 1928

Hudsons wurden meist mit großen 6-Zylindermotoren ausgestattet, die den für hubraumstarke Vorkriegswagen typischen „bulligen“ Drehmomentverlauf aufwiesen, der schaltfaules Fahren begünstigt.

Ab 1927 leistete der 4,7 Liter messende Hudson „Super Six“ rund 90 PS, die bei etwas mehr als 3.000 Umdrehungen anfielen. Eine entsprechend souveräne Leistungsentfaltung boten in Europa sonst nur Wagen der Luxusklasse.

Und damit wären wir beim enormen Ansehen, das selbst US-Wagen der mittleren Kategorie am europäischen Markt genossen. Das galt auch für Deutschland, aber noch mehr für Länder ohne eigene Autoindustrie wie die Balkanstaaten.

Und genau dorthin führt uns das folgende Originalfoto der frühen 1930er Jahre:

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Hudson „Super Six“ von 1928

Der eindrucksvolle Wagen ist hier vor dem Grand Hotel in der Stadt Bitola abgestellt, die damals zu Serbien gehörte und heute Teil Mazedoniens ist.

Wie bei vielen US-Automobilen der 1920er Jahre lassen sich Hersteller und Typ erst bei näherem Hinschauen anhand kleiner markentypischer Elemente erkennen.

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Hier sind die dreieckigen Embleme auf Kühlermaske und Nabendeckel die untrüglichen Hinweise auf Hudson als Hersteller.

Die Detailgestaltung des Kühlergrills und die Scheinwerferhalter finden sich so beim Modell „Super Six“ des Baujahrs 1928 wieder.

Nicht serienmäßig ist die überbreite Stoßstange, an der vermutlich das Originalteil befestigt ist. Offenbar hatte der Besitzer einschlägige Erfahrung mit schlechten Wegen gemacht, in die Äste und Gestrüpp hineinwuchsen…

Der stark gebrauchte Zustand der Vorderschutzbleche passt ebenso gut zu intensivem Einsatz auf unerschlossenem Land wie die fast profillosen Reifen.

Geht man davon aus, dass die Zahl 1933 auf dem Nummernschild für das Jahr steht, in dem der Wagen zugelassen war oder für das Steuern entrichtet worden waren, hatte er erst fünf Jahre auf dem Buckel, die aber auf dem Balkan wohl doppelt zählten.

Als der Hudson einst vor dem Grand Hotel in Bitola parkte, muss er trotz des Zustands eine Sensation dargestellt haben – so einen Wagen gab es gewiss nicht alle Tage im Zentrum der altehrwürdigen Stadt zu sehen.

Entsprechend groß ist die Menschenmenge, die sich dort eingefunden hat:

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Was nun genau der Anlass dieses außergewöhnlichen Fotos war, werden wir wohl nicht mehr erfahren. Gegen eine Aufnahme anlässlich einer Familienfeier spricht, dass alle abgebildeten Personen gehobene Straßenkleidung tragen.

Denkbar ist, dass es sich um eine Aufnahme anlässlich der Durchfahrt eines Fernreisenden handelte, dessen Ankunft für Aufsehen in der Stadt sorgte.

Ansonsten beschränkten sich die Verbindungen des nahe der Grenze zu Griechenland liegenden Orts mit der großen weiten Welt vermutlich eher auf Nachrichten in der Zeitung oder den einen oder anderen Kinofilm.

Heute sieht es in der Altstadt von Bitola noch ganz ähnlich aus – nur die Automobile und das Erscheinungsbild der Passanten sind heute keine Aufnahme mehr wert – wie leider fast überall in Europa – umso reizvoller sind Fotos wie dieses…

Ein Essex Super Six von 1928 in Bayern

Auch wenn der Schwerpunkt dieses Oldtimerblogs auf Vorkriegswagen von Herstellern aus dem deutschprachigen Raum liegt, werden immer wieder auch interessante Wagen ausländischer Marken präsentiert, die einst in größeren Stückzahlen am deutschen Markt verkauft wurden.

Neben Austin, Fiat, Citroen und Mathis waren vor allem einige US-Hersteller in Deutschland aktiv, sogar mit lokaler Montage. Dazu zählten vor allem Buick, Chevrolet und Ford.

Einige solche hierzulande gebaute US-Wagen wurden hier bereits anhand von Originalfotos besprochen (siehe Schlagwortwolke bzw. Bildergalerie). Heute befassen wir uns mit einer kaum noch bekannten amerikanischen Marke, die einst ebenfalls in Deutschland eine gewisse Popularität erlangte: Essex.

Essex, das klingt erst einmal „very British“, denn so heißt eine uralte Grafschaft nordöstlich von London, die nach dem Ende der fast 400-jährigen römischen Epoche eine der ersten Regionen war, in der sich sächsische Eroberer breitmachten.

Und so bedeutet Essex im germanischen Dialekt, den man mitbrachte, schlicht „Ostsachsen“. Wofür dann Sussex und Wessex steht, kann man sich denken…

Die Automarke Essex war aber eine durch und durch amerikanische. Die namengebende Essex Motor Company aus Detroit war nie eigenständig, sondern wurde 1917 von der Hudson Motor Company gegründet.

Die seit 1909 aktive Firma Hudson war nach dem 1. Weltkrieg einer der schärfsten Konkurrenten von Ford und Chevrolet. Mit den ab 1919 verfügbaren erschwinglichen und als extrem robust geltenden Essex-Wagen wilderte Hudson anfänglich insbesondere im Revier des Ford Model T.

Dass dieser Wagen ein echtes „go anywhere car“ war, belegt folgendes Foto im Vintage-Look:

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© Essex Tourenwagen, Baujahr 1920, aufgenommen beim Goodwood Revival Meeting 2016; Bildrechte: Michael Schlenger

Dieser Essex von 1920 mit 55 PS starkem Vierzylinder hat 2007 an der berüchtigten Rallye Paris-Peking teilgenommen, die über tausende Kilometer unbefestigter Pisten führt. So etwas macht man nur mit einer besonders zuverlässigen Konstruktion.

Das Bild des Essex ist übrigens auf dem Besucherparkplatz des Goodwood Revival 2016 entstanden, das passenderweise in der Grafschaft Sussex stattfindet.

In Abwandlung eines Bonmots, das auf den legendären Teilemarkt in Beaulieu gemünzt ist, kann man überspitzt sagen: Ein Auto, das nicht auf dem Besucherparkplatz beim Goodwood Revival zu finden ist, hat es auch nicht gegeben.

Zugegeben: Einen Essex in England anzutreffen, ist so unwahrscheinlich nicht, denn Autos dieser Marke wurden dort einige Jahre auf Grundlage angelieferter Chassis mit lokalen Aufbauten gefertigt.

Die Stückzahlen der britischen Essex-Wagen müssen beträchtlich gewesen sein, denn sie wurden von England auch in andere europäische Länder exportiert. Im reizvollen Buch „American Cars in Europe 1900-1940“ von Bryan Goodman (2006) finden sich Fotos von Essex-Vierzylindern in Belgien, Deutschland und Schweden.

Dieses Kapitel der Essex-Markengeschichte kennen immerhin auch einige Freunde von Autos der 1920er Jahre hierzulande. Doch dass die Hudson-Tochtergesellschaft noch Wagen eines ganz anderen Kalibers fertigte, ist weniger bekannt.

Der Verfasser stieß darauf auch erst durch das folgende Originalfoto von 1928:

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© Essex Super Six, Baujahr 1928; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Was auf den ersten Blick wie einer der ersten Horch-Achtzylinder aussieht – den Zwickauern fiel am Anfang außer einer lauen Ami-Kopie nichts Besseres ein – ist ein Essex Super Six, Ende der 1920er einer billigsten Sechszylinder überhaupt. 

Die Leistung des Super Six entsprach derjenigen des Vierzylinders. Allerdings war der 2,5 Liter-Motor ab 1927 drehfreudiger und erreichte sein Maximum bei 4.000 U/min. Zeitgenössische Anzeigen nennen 100km/h Höchstgeschwindigkeit. Auch Vierradbremsen mit drei Bremsbacken pro Rad waren nicht selbstverständlich.

Woran erkennt man so ein 6-Zylindermodell von Essex? Dazu schauen wir uns den Wagen auf dem Foto genauer an:

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Hauptmerkmal ist das sechseckige Markenemblem, das sich außer auf der Kühlermaske auch auf der Verbindungsklammer auf der Stoßstange findet. Dort kann man den Firmennamen recht gut lesen.

Unterschied zu den Vierzylindermodellen sind der Kühlergrill mit senkrechten statt waagerechten Lamellen und das abgerundete Oberteil der Kühlermaske. Ansonsten entspricht die Linie des Essex Super Six zeitgenössischen Modellen anderer US-Hersteller, die damals in jeder Hinsicht tonangebend waren.

Wer sich mit deutschen Vorkriegskennzeichen auskennt, wird bemerkt haben, dass dieser Essex einst im Zulassungsbezirk München registriert war. Gern wüsste man, wer den Vertrieb dieser attraktiven Fahrzeuge in Deutschland organisierte.

Dass die einstigen bayrischen Besitzer mit ihrem Essex glücklich gewesen sein müssen, zeigt unser Foto deutlich:

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Einfach köstlich, wie einträchtig unser Paar neben dem Essex posiert. Die Dame im schlichten Sommerkleid scheint mit der linken Hand einen Hund auf dem Beifahrersitz zu tätscheln, was man auf dem Originalfoto besser erkennt.

Der verschmitzt lächelnde Herr trägt einen sportlich karierten Anzug, nach britischer Manier verkehrt geknöpft – so subtil kann Lässigkeit wirken. Zu den Knickerbockern trug man seinerzeit selbstverständlich Strümpfe.

Bei der Betrachtung der beiden stellt man sich schon die Frage, was in punkto Sommerkleidung in der Moderne eigentlich schiefgelaufen ist.

Wenn man etwas aus der Geschichte lernen kann, dann das: Die Gegenwart ist nicht automatisch die beste aller Welten – und die verbreitete Begeisterung für alte Autos ist nur ein Indiz dafür, was uns an Stilsicherheit verlorengegangen ist…