NSU und Bugatti beim Hohensyburg-Rennen 1925

NSU und Bugatti – das klingt nach einer arg merkwürdigen Paarung.

Manch einer fragt sich vielleicht, ob denn die Neckarsulmer Fahrzeugwerke überhaupt schon vor dem Krieg Autos gebaut haben – und dann Sportwagen?

Ja, haben sie und das eine ganze Zeit mit beträchtlichem Erfolg. Tatsächlich haben wir genau solch eine Konstellation auf diesem Blog schon einmal besprochen.

Damals ging es um den Sieg eines aufgeladenen NSU 5/25/40 PS im Taunusrennen des Jahres 1925 gegen überlegene Gegner, darunter auch Wagen von Bugatti.

Wie es der Zufall will, zeigt das Foto, mit dem wir uns heute befassen, eine ganz ähnliche Situation, übrigens ebenfalls aus dem Jahr 1925:

NSU_Bugatti_Brescia_Hohensyburgrennen_1925_Ahlefelder_Galerie

NSU 8/24 PS und Bugatti „Brescia“; Originalfoto aus Sammlung Holger Ahlefelder

Diese reizvolle Aufnahme, die auf der Start-Ziel-Gerade des Hohensyburg-Rundkurses entstand, hat uns Holger Ahlefelder zur Verfügung gestellt. Regelmäßige Leser erinnern sich vielleicht an seinen wunderbaren Mercedes „Stuttgart“, den wir anhand mehrerer Originalfotos zeigen durften.

Die von 1925-37 ausgetragenen Hohensyburg-Rennen sagen wohl nur noch Kennern der deutschen Vorkriegssporteinsätze etwas. Hier haben wir eine zeitgenössische Abbildung des Rundkurses südlich von Dortmund:

Hohensyburg_Kurs

Start und Ziel sind eingezeichnet, sodass wir sagen können, wo genau das Foto einst entstand, auch wenn sich die Umgebung seither stark verändert hat. Zumindest scheint die heutige Bundesstraße 54 einem Teil der Strecke zu folgen.

Leider ist im „allwissenden“ Netz über die Hohensyburgrennen außer einem Zeitungsartikel kaum Gehaltvolles zu finden. Von daher wäre der Verfasser für einschlägige Buchtipps zum Thema ausgesprochen dankbar.

Nun aber zu den beiden Autos, die beim Eröffnungsrennen 1925 abgelichtet wurden. Das vordere ist eindeutig ein NSU – auch wenn das Kühleremblem nur auf dem Originalabzug gut zu erkennen ist:

NSU_Bugatti_Brescia_Hohensyburgrennen_1925_Ahlefelder_NSU_8-24

Markant ist an dem Wagen zweierlei: Zum einen verfügt dieser NSU noch über einen moderaten Spitzkühler, während das Kompressormodell, das 1925 das Taunusrennen gewann, einen Flachkühler besaß. Zum anderen wirkt der Wagen trotz des leichten Zweisitzeraufbaus „erwachsener“.

Dies legt nahe, dass wir es mit einer Sportversion des 1920 neu aufgelegten Vorkriegsmodells 8/24 PS handelte, das mittlerweile tatsächlich 32 PS leistete.

Hier eine Originalreklame der Serienausführung von 1921:

NSU-Reklame_um_1921_Galerie

NSU-Reklame von 1921; Original aus Sammlung Michael Schlenger

Rasch entwickelte der NSU 8/24 PS ein sportliches Image. Dazu trug der zweite Platz des Sportmodells bei, das es beim Eröffnungsrennen der AVUS in Berlin 1921 errang.

Aus dem Jahr 1924 gibt es dann Fotos von Sportzweisitzern des Typs NSU 8/24 PS, die dem Wagen auf unserer Aufnahme stark ähneln. Siehe dazu „NSU Automobile“ von Klaus Arth (Delius-Klasing), Seite 70.

Dieses Modell wurde von Fahrern wie Adolf Wickenhäuser und seiner ebenso motorsportbegeisterten Gattin Hilda mit großem Erfolg eingesetzt.

Überliefert ist, dass der NSU 8/24 PS Sport auf dem Foto von einem Willy Erlenbruch aus Elberfeld bewegt wurde, der damit beim Hohensyburgrennen prompt den 2. Platz seiner Klasse belegte.

Diese Information verdanken wir Michael Müller, einem profunden Kenner der Bugatti-Renneinsätze. Er konnte daher auch zu dem zweiten Wagen auf dem Foto Erhellendes beitragen:

NSU_Bugatti_Brescia_Hohensyburgrennen_1925_Ahlefelder_Bugatti

Hier haben wir einen Bugatti des Typs 13 „Brescia“, benannt nach dem brillianten Abschneiden beim Brescia Grand Prix für Voiturettes 1921, wo das Modell die vier ersten Plätze belegte.

Die Geschichte des Bugatti Typ 13 beginnt aber schon 1910, als Ettore Bugatti nach Ende seiner Tätigkeit für Deutz in Köln erstmals ein Auto unter eigenem Namen vorstellte.

Der für die damalige Zeit hochmoderne Ventiltrieb mit königswellengesteuerter obenliegender Nockenwelle ermöglichte eine ideale Leistungsausbeute aus dem nur 1,4 Liter „großen“ Reihenvierzylinder.

In Verbindung mit einem Fahrzeuggewicht von nur wenigen hundert Kilogramm erlaubte das anfänglich 30 PS leistende Aggregat unerwartet souveräne Fahrleistungen.

Wie es scheint, wurden einige auf dem Bugatti Typ 13 basierende Wagen in Lizenz von der Rheinische Automobilbau AG (RABAG) in Düsseldorf gefertigt. 

Gut möglich, dass wir einen dieser raren Lizenz-Bugattis auf dem Foto sehen. Dank Michael Müller wissen wir sogar, wer diesen Wagen damals beim Hohensyburgrennen gefahren hat – Lokalmatador Carl Brackelsberg aus Milspe.

Schließen möchten wir aber mit einer weiteren Aufnahme des rassigen NSU 8/24 PS, der zum Zeitpunkt des Rennens 1925 deutlich mehr Leistung hatte, als es die traditionelle Bezeichnung verraten lässt:

NSU_5-24_PS_Hohensyburgrennen_1925_Ahlefelder

NSU 8/24 PS Sport; Originalfoto aus Sammlung Holger Ahlefelder

Das ist eine schöne Momentaufnahme, die viel vom Charakter dieses auf kaum befestigten Landstraßen stattfindenden Rennens verrät.

 

 

© Michael Schlenger, 2017. All entries in this blog (including embedded photos) are copyrighted by the author, unless otherwise indicated. Excerpts and links may be used, provided that credit is given to Michael Schlenger and https://www.klassiker-runde-wetterau.com with appropriate and specific direction to the original content.

Auch in „ziviler“ Version ganz schön flott: NSU 5/25 PS

Mit der Marke NSU verbinden selbst Freunde von Vorkriegsautos am ehesten Motorräder – erst recht, wenn es um sportlichen Einsatz geht.

Klar, aus der Nachkriegszeit kennt man die Krawallschachteln vom Schlage eines NSU „Prinz“ TT, die mit hervorragendem Leistungsgewicht punkteten. Dass NSU aber schon vor dem Krieg Autos baute, wissen die wenigsten.

Am ehesten bekannt sind die NSU-Fiats der 1930er Jahre, die jedoch mit NSU nur so viel zu tun hatten, dass sie im einstigen NSU-Werk in Heilbronn gefertigt wurden.

Tatsächlich gehörte NSU bis in die 1920er Jahre zu den bedeutendsten Automarken im deutschsprachigen Raum. Entsprechend häufig sind historische Fotos von NSU-Wagen –  auch auf diesem Blog sind einige vertreten.

In hiesigen „Oldtimer“-Magazinen wird man Vorkriegs-NSUs kaum finden. Noch weniger bekannt sein dürften die sportlichen Einsätze von NSU-Autos in der Zwischenkriegszeit.

Dabei hat einer der Rennboliden, mit denen NSU spektakuläre Erfolge einheimste, sogar überlebt – der bis zu 175 km/h schnelle NSU 6/60 PS mit Kompressor.

Im Archiv des Verfassers befinden sich Aufnahmen von Renneinsätzen des ebenfalls aufgeladenen Vorgängermodells NSU 5/25 PS. Eines davon haben wir hier als Fund des Monats gezeigt.

Hier nun ein weiteres Bild desselben Autos, das 1925 beim Taunusrennen den Gesamtsieg errang und damit diverse Bugattis bezwang:

NSU_5-25_PS_Kompressor_Taunusrennen_1925_Ausschnitt

NSU 5/25 PS Kompressor; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Die unbedingte Zuverlässigkeit, der NSU diesen Sieg gegen eine überlegene Konkurrenz verdankte, ließ sich in Verkaufserfolge des „zivilen“ 5/25 PS Modells ummünzen, das von 1925-28 gebaut wurde.

Der neue Typ löst das 5/15 PS-Modell ab, das wir hier anhand einer schönen Originalaufnahme vorgestellt haben. Im ersten Produktionsjahr besaß der NSU 5/25 PS noch einen moderaten Spitzkühler wie der Wagen auf folgender Reklame:

NSU-Reklame_um_1920_Galerie

NSU-Reklame der frühen 1920er Jahre; Original aus Sammlung Michael Schlenger

Doch schon 1926 erhielt der NSU Typ 5/25 PS einen Flachkühler und – was weit wichtiger war – Vierradbremsen als Extra.

Bis dahin wirkte die Fußbremse nur auf die Kardanwelle und musste durch Einsatz der auf die Hinterräder wirkenden Handbremse unterstützt werden.

Sportlich veranlagte Käufer konnten den NSU Typ 5/25 PS zudem mit längerer Hinterradübersetzung ordern, die eine höhere Endgeschwindigkeit als die offizielle Spitze von 75 km/h erlaubte.

Wer bei dieser Angabe lächelt, hat vermutlich die damaligen Straßenverhältnisse nicht bedacht und kann sich nicht vorstellen, wie schnell sich ein Tempo von 70-80 km/h in einem über 90 Jahre alten Automobil anfühlt.

Einen sportlich bewegten NSU des Typs 5/25 PS sehen wir auf folgender Aufnahme, auch wenn dies erst auf den zweiten Blick deutlich wird:

NSU_5-25_PS_1926_Dierks_Galerie

NSU 5/25 PS; Originalfoto aus Sammlung Klaas Dierks

Dieses zauberhafte Dokument – so reizvoll sind nur historische Fotos von Vorkriegsautos – verdanken wir Klaas Dierks, der uns bereits einige Vintageaufnahmen aus seiner Sammlung zur Verfügung gestellt hat.

Nicht ausschließen können wir aus dieser Perspektive, dass es sich um ein Exemplar des parallel gebauten, aber deutlich stärkeren NSU Typ 8/40 PS handelt, der für eine Höchstgeschwindigkeit von über 100 km/h gut war.

Von vorne sahen die beiden Wagen praktisch identisch aus, soweit sich dies anhand der spärlichen Dokumente sagen lässt.

NSU_5-25_PS_1926_Dierks_Ausschnitt1

Die Wahrscheinlichkeit spricht aber für den gängigeren Typ 5/25 PS. Offenbar hat sich hier der Besitzer von den sensationellen Erfolgen der Werksrennwagen mit Kompressor zu eigenen wettbewerblichen Aktivitäten inspirieren lassen.

Auf der Motorhaube kann man die aufgepinselte Startnummer 130 erkennen, wenn nicht alles täuscht. Dazu passend weist der Wagen Spuren eines kürzlichen Einsatzes auf. Wie die Sache ausgegangen ist, wissen wir leider nicht.

Doch muss der Besitzer in Sektlaune gewesen sein, als er dieses Foto seiner zierlichen Partnerin schoss. Selbige scheint ebenfalls guten Mutes gewesen sein, denn auf dem Kühlergehäuse eines Autos balanciert man nicht so ohne weiteres:

NSU_5-25_PS_1926_Dierks_Ausschnitt2

Es gehört zu den Privilegien der Beschäftigung mit Vorkriegsautos auf alten Fotos, die einstigen Besitzer genauso zu erleben, wie sie mit diesen Fahrzeugen umgingen.

Generell kannte man keine Scheu, wenn es darum ging, sich möglichst vorteilhaft mit dem eigenen Wagen zu präsentieren – Bilder von Damen, die neckisch auf der Motorhaube posieren, gibt es aus jenen Zeiten zuhauf.

Doch so eine charmante Kühler“figur“, die jedem Modemagazin Ehre gemacht hätte, findet man auch auf Bildern von Vorkriegsautos nicht alle Tage.

Schon gar nicht heute, wo die Besitzer historischer Fahrzeuge hierzulande nur selten so stilbewusst unterwegs sind wie diese ansehnlichen Damen bei den Classic Days 2014 auf Schloss Dyck:

SchlossDyck_2014

Classic Days Schloss Dyck 2014; Bildrechte: Michael Schlenger

Na, meine Herren, wäre das nicht eine Anregung für die beste aller Beifahrerinnen bei der nächsten Ausfahrt?

© Michael Schlenger, 2017. All entries in this blog (including embedded photos) are copyrighted by the author, unless otherwise indicated. Excerpts and links may be used, provided that credit is given to Michael Schlenger and https://www.klassiker-runde-wetterau.com with appropriate and specific direction to the original content.

 

 

 

Gab’s nicht? Gab’s doch: NSU mit 6 Zylindern

PKW von NSU kennt man heute meist nur in Form des kompakten „Prinz“ der Nachkriegszeit und des hypermodernen „RO 80“ mit Wankelmotor.

Manch einer wird sich noch an die NSU-Fiats erinnern, die aber mit NSU nichts zu tun hatten, außer dass Fiat sie eng angelehnt an die italienischen Versionen im einstigen NSU-Werk in Heilbronn herstellte.

Dass NSU bereits von 1905 bis 1929 in Eigenregie Autos fertigte, ist heute kaum noch bekannt. Und so dürften auch nur noch Spezialisten wissen, dass NSU Ende der 1920er Jahre dem allgemeinen Trend zu 6-Zylinderwagen folgte:

nsu-reklame_6-30_ps_2_galerie

NSU 6/30 PS Tourenwagen; Originalreklame aus Sammlung Michael Schlenger

Zwar hatte NSU 1908/09 bereits einen Sechszylinderwagen im Angebot. Das war aber ein Modell, das nach Lizenz der belgischen Firma Pipe gebaut wurde, die wir hier ebenfalls gelegentlich vorstellen wollen.

Erst mit dem 1928 verfügbaren NSU 6/30 PS Modell aus obiger Reklame gelang der Bau eines komplett selbstentwickelten Sechszylinders.

Das nur 1,6 Liter messende Aggregat galt als sehr laufruhig, scheint aber eine zähe Charakteristik gehabt zu haben. Darauf verweist auch die erst bei 3.000 Umdrehungen anfallende Höchstleistung von 30 PS.

Die zuvor gebauten NSU-Vierzylindermodelle wiesen eine deutlich elastischere Charakteristik auf. Die in der Praxis wenig überzeugende Leistung scheint ein Grund für den Misserfolg des Typs 6/30 PS gewesen zu sein.

Wieviele davon während der einjährigen Bauzeit entstanden, ist auch dem Standardwerk „NSU Automobile“ von Klaus Arth nicht zu entnehmen.

Mehr als einige hundert werden es kaum gewesen sein. Umso erfreulicher ist nach rund 80 Jahren eine historische Originalaufnahme eines NSU 6/30 PS wie diese:

NSU_6-30_PS_Hardheim_08-1928_Galerie

NSU 6/30 PS; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Dieses Bild ist ein Ausschnitt aus einer deutlich größeren Aufnahme, auf der anfänglich nur zu ahnen war, dass das Auto darauf ein NSU sein könnte.

Umseitig ist der Abzug wie folgt beschriftet: „August 1928 in Hardheim“. Das Foto wurde also einst in der Odenwaldregion geschossen, was gut zum Kennzeichen passt, das auf eine Zulassung im Raum Baden verweist.

Würde vorne auf dem Kühler nicht das NSU-Emblem prangen, könnte man das Auto auch für einen Fiat 512 halten. Bei der Gestaltung der Frontpartie scheint sich NSU eng an den international erfolgreichen Wagen aus Turin orientiert zu haben.

Dass wir es tatsächlich mit einem NSU des Typs 6/30 PS und nicht mit dem Nachfolger 7/34 PS zu tun haben, verraten nur wenige Details:

NSU_6-30_PS_Hardheim_08-1928_Ausschnitt

Die relativ kleinen Scheinwerfer waren wohl nur am 6/30 PS Modell zu finden, auf Bildern des 7/34 PS sieht man größere – wenn auch immer noch trommelförmige.

Den markanten Knick im Frontscheibenahmen, der den oberen Abschluss des Kühlers wiederholt, findet man nur beim NSU 6/30 PS und selbst dort nicht immer.

Die ausgeprägten Sicken in den Vorderschutzblechen sprechen ebenfalls eher für den Typ 6/30 als für den 7/34 PS, bei dem glattflächigere Formen überwogen.

Mit seiner klassischen Optik wirkt der NSU 6/30 PS unprätentiös, fast bescheiden. Wer aber glaubt, dass wir ein billiges Auto vor uns haben, täuscht sich.

Die Leute, die sich so etwas leisten konnten, mussten gutsituiert sein – die Insassen „unseres“ NSU 6/30 PS konnten sich glücklich schätzen und waren es ausweislich dieser Aufnahme wohl auch:

NSU_6-30_PS_Hardheim_08-1928_Ausschnitt2

Der sorgfältig verarbeitete Wagen mit seiner komfortablen Innenaustattung (u.a. Lederpolsterung beim Tourer, beleuchtete Instrumente und 8-Tage-Uhr) kostete in der günstigsten Ausführung mehr als 20 Monatsgehälter eines Angestellten.

Ein heftiger Preis, auch wenn man dafür Sechszylinder-Laufkultur bekam. Die bot aber Opels Typ 7/34 PS weit billiger, weshalb sich dieser auch besser verkaufte (Bildbericht folgt).

So konnte der attraktiv gezeichnete NSU 6/30 PS aus dem Jahr 1928 das Schicksal der angeschlagenen Neckarsulmer Fahrzeugwerke ebenso wenig zum Besseren wenden wie der NSU 7/34 PS, der ihn 1929 ablöste

© Michael Schlenger, 2017. All entries in this blog (including embedded photos) are copyrighted by the author, unless otherwise indicated. Excerpts and links may be used, provided that credit is given to Michael Schlenger and https://www.klassiker-runde-wetterau.com with appropriate and specific direction to the original content.

Fund des Monats: Sieg von NSU beim Taunusrennen 1925

Nachdem im gestrigen Blog-Eintrag zum Lancia Lambda nebenbei die Mille Miglia in Italien gewürdigt wurde, befassen wir uns heute mit einem der weitgehend vergessenen Rennen, die zwischen 1904 und 1926 im Taunus stattfanden.

Es gibt dazu ein wundervolles Buch von Holger Rühl „Die Automobilrennen im Taunus“, hrsg. 2004, das leider vergriffen ist. Diesem Werk ist es zu verdanken, dass wir den Wagen auf dem folgenden Originalfoto identifizieren können:

NSU_5-25_PS_Rennwagen_Taunus_1925_Galerie

NSU 5/25 PS Kompressor; Originalaufnahme aus Sammlung Michael Schlenger

Bevor wir uns diesen kompakten Rennwagen näher ansehen, ein paar Worte zu der Veranstaltung, bei der er mit unglaublichem Erfolg eingesetzt wurde.

Im August 1925 richtete der AvD auf einem über 30 km langen Kurs im Taunus den „Großen Preis von Deutschland“ aus. Dabei traten 20 Rennwagen an, die 14 Runden zu absolvieren hatten, insgesamt knapp 440 Kilometer.

Das drei Hubraumklassen abdeckende Starterfeld umfasste unter anderem reinrassige Sportwagen von Bugatti, Mercedes und Simson, außerdem aus heutiger Sicht exotische Kandidaten von Bignan, Faun, HAG, NAG – und NSU!

Ja, so vielfältig war die Sportwagenwelt in Deutschland vor über 90 Jahren. Doch wie ist die Sache damals ausgegangen? Nun, auf jeden Fall ganz anders, als es man es sich bei der Präsenz von drei Bugattis vorstellt…

Der Held des Tages sollte dieser Wagen werden:

NSU_5-25_PS_Rennwagen_Taunus_1925_Ausschnitt

Hier sehen wir in rasanter Fahrt den NSU 5/25 PS mit der Startnummer 23, der von August Momberger aus Frankfurt gesteuert wurde. Der gerade einmal 1,3 Liter „große“ Motor entsprach weitgehend dem Serienmodell – bis auf ein Detail.

NSU-Ingenieur Karl Rank hatte dem kleinen Vierzylinder einen Kompressor verpasst, der perfekt mit dem Triebwerk harmonierte, ohne es zu überfordern.

Damit deklassierten die beiden 1925 beim Taunusrennen eingesetzten NSU 5/25 PS die komplette Konkurrenz. Nach dem Ausfall des Mercedes mussten sich selbst die Bugattis den wie Uhrwerke laufenden NSU-Wagen geschlagen geben.

Der Lohn war ein deutlicher Doppelsieg im Gesamtklassement – ein ungeheurer Erfolg, der auch der Kühnheit der NSU-Fahrer Momberger und Isslinger zu verdanken war.

Dem damals 20 Jahre alten August Momberger sollte noch eine abwechslungsreiche Karriere bevorstehen:

Beim Eröffnungsrennen am Nürburgring 1927 siegte er auf Bugatti in der Hubraumklasse bis 5 Liter. Danach sicherte er sich auf Kompressor-Mercedes zwei dritte Plätze bei Grand Prix-Rennen.

1934 bestritt Momberger sieben Rennen auf den kapriziösen Mittelmotorwagen von Auto-Union, teils vom Pech verfolgt, teils mit hervorragenden Ergebnissen.

Nach Ende seiner Rennkarriere sollte Momberger noch einigen Einfluss bei Wanderer und Borgward haben – bis in die Nachkriegszeit hinein.

Doch das ist eine andere Geschichte, die eines eigenen Buches würdig wäre. Soviel Inspiration steckt in einem Schnappschuss eines Fotoamateurs von 1925…

© Michael Schlenger, 2017. All entries in this blog (including embedded photos) are copyrighted by the author, unless otherwise indicated. Excerpts and links may be used, provided that credit is given to Michael Schlenger and http://www.klassiker-runde-wetterau.com with appropriate and specific direction to the original content.

Schlammschlacht in Serbien 1914/15: NSU 8/24 PS

Dieser Oldtimerblog präsentiert Vorkriegsautos nicht bloß aus technischer Perspektive. Die zeitgeschichtliche Einordnung und die menschliche Komponente spielt eine ebensowichtige Rolle.

Im Unterschied zu meist steril aufbereiteten Museumsstücken unserer Tage lassen die Wagen auf historischen Fotos etwas von ihrer einstigen Rolle und einem oft harten Dasein ahnen. Ein hochglanzpoliertes, neuwertiges Gefährt ist auf alten Aufnahmen eher selten zu sehen.

Die Realität sah für Automobile und ihre Insassen vor über 100 Jahren häufig so aus:

nsu_8-24_ps_serbien_galerie

© NSU 8/24 PS Tourenwagen, Postkarte aus Sammlung Michael Schlenger

Diese Postkarte aus dem Jahr 1914 oder 1915 zeigt unverblümt die „Straßen“verhältnisse, denen Soldaten und Material der Mittelmächte – also Österreich-Ungarns und des verbündeten Deutschlands – auf dem serbischen Kriegsschauplatz ausgesetzt waren.

Auf den vom Regen aufgeweichten Wegen waren Pferdegespanne die einzigen zuverlässigen Transportmittel. Sie leisteten – wie in der Frühphase des 2. Weltkriegs – den Großteil der Transportleistung abseits des Eisenbahnnetzes.

Autos dagegen gerieten unter solchen Verhältnissen rasch an ihre Grenzen. Im 1. Weltkrieg gab es noch keine auf schwieriges Gelände ausgelegten Wagen. Für die wichtige Aufgabe der raschen Nachrichtenübermittlung hinter der Front standen ausschließlich zivile Modelle zur Verfügung.

Dem Wagen auf der Postkarte begegnet man auf Fotos aus dem 1. Weltkrieg sehr oft. Es war das erfolgreichste Modell von NSU jener Zeit, der Typ 8/24 PS.

nsu_8-24_ps_serbien_ausschnitt

Dieses Mittelklassemodell wurde im Herbst 1911 vorgestellt und nach dem Krieg bis 1925 weitergebaut. Die hier zu sehende Ausführung mit dem geschwungenen Kühlerausschnitt wurde erstmals 1913 gefertigt.

Bis Kriegsausbruch war der Vierzylinderwagen mit 2,1 Liter Hubraum das erfolgreichste Modell der seit 1905 im Automobilbau tätigen Marke NSU. Wie damals üblich, war der 8/24 PS-Typ nicht nur als Tourenwagen erhältlich, sondern auch als Zweisitzer,  Limousine und Landaulet.

Für den Kriegseinsatz wurde der NSU 8/24 PS in großer Zahl als robuster Stabswagen, außerdem auch als Verwundetentransporter gebaut. Von den Strapazen, denen diese Autos ausgesetzt waren, lassen zeitgenössische Briefe etwas ahnen:

„Die Straßen sind schon an sich schlecht. Durch die hinter der Front verkehrenden Kolonnen sind sie grundlos geworden… Hier verkehren mehrere NSU-Fabrikate, mit denen die Fahrer sehr zufrieden sind. Wer die Verhältnisse nicht kennt, kann sich nicht vorstellen, was ein Lob über einen Wagen in unserer Gegend bedeutet“.

So schrieb ein vor über 100 Jahren im deutschen Heer eingesetzter Kraftfahrer an das Werk von NSU (Quelle: Klaus Arth, NSU Automobile, Delius-Klasing, 2015).

Ein NSU 5/15 PS unterwegs im Schwarzwald

Regelmäßige Leser dieses Oldtimerblogs mögen sich fragen: Warum präsentiert der Kerl hier eigentlich nur alte Fotos von Vorkriegsautos? Ist das nicht „diskriminierend“ gegenüber jüngeren Fahrzeugen?

Ist der Verfasser am Ende ein reicher Schnösel mit Bugattisammlung? Ein Ewiggestriger mit Herrenhaus, Raucherzimmer und Dienstmädchen? Nun, das ist er nicht – ihm fehlen nämlich leider die Mittel dazu…

Wer seine Oldtimerkarriere mit einem VW Käfer von 1985 begonnen hat und sich dann über MGB und Innocenti-Mini in die Vorkriegszeit zurückgearbeitet hat, stellt irgendwann fest, dass die wirklich alten Autos spannender sind.

Das bemisst sich gerade nicht an der Leistung – das heute zu behandelnde Modell ist ein gutes Beispiel dafür. Es geht vielmehr um die schiere Vielfalt – noch so ein Zeitgeistbegriff, ausnahmsweise passend – die die noch junge Welt des Automobils in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts ausmachte.

Ob Antrieb, Karosserieformen, Ausstattungsdetails, Hersteller und Konstrukteure: In den Pionierjahren war Platz für die unglaublichsten Konzepte und Persönlichkeiten, von denen die meisten in heutigen Firmen schon beim „Global Executive Comittee“ und der Gleichstellungsbeauftragten durchfallen würden.

Und da zu Nachkriegsautos und 80er Jahre-Plastikbombern („Youngtimer“) in der deutschsprachigen Presse und im Netz genug, über Veteranenwagen aber zu wenig geboten wird, gibt es diesen meinungsstarken Blog mit starker Vorkriegs-Schlagseite und ausgeprägtem Sinn für das historische Drumherum.

Die jüngste Entdeckung schlummert schon eine Weile im Fundus, doch erst kürzlich gelang die Identfikation:

nsu_5-15_ps_nachkrieg_galerie

© NSU 5/15 PS Tourenwagen; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Der hufeisenförmige Kühler, die schmale Silhouette, die v-förmige Windschutzscheibe deuten auf ein leichtes Sportmodell der frühen 1920er Jahre hin – vielleicht ein Typ aus Frankreich?

Nun, Hersteller ähnlicher Wagen gab es dort einst rund 100! Amilcar, Rally und Salmson sind die bekanntesten Hersteller solcher Cyclecars. Doch bei näherem Hinsehen verflüchtigt sich der Eindruck.

Zum einen ist die Aufnahme in Deutschland entstanden, am einstigen Kurhaus Hundseck an der Schwarzwaldhöhenstraße. Das macht einen französischen Sportwagen kurz nach dem 1. Weltkrieg eher unwahrscheinlich.

Zum anderen ist der Wagen in Wahrheit größer, als er auf den ersten Blick wirkt. Die beiden stattlichen Herren daneben lassen den Tourer vergleichsweise kompakt wirken. Dem Auto fehlen außerdem die für Cyclecars typischen freistehenden Schutzbleche an den Vorderrädern.

Was ist das nun für ein Modell? Dazu werfen wir einen genaueren Blick auf das Auto:

nsu_5-15_ps_nachkrieg_ausschnitt

Zwar sind von dem runden Emblem auf der Kühlermaske keine Details zu erkennen. Seine Placierung und der markante wellenförmige Schwung der oberen Einfassung des Grills verraten aber, dass es sich höchstwahrscheinlich um ein Modell von NSU handelt, genauer: einen 5/15 PS Tourenwagen.

Der in Neckarsulm beheimatete Fahr- und Motorradhersteller fertigte ab 1906 selbstentwickelte Automobile an. Neben gut motorisierten Mittelklassewagen (BeispielBeispiel) bot NSU ab 1910 auch einen zunächst 10, später 15 PS leistenden Kleinwagen an.

Dieser der Papierform nach wenig eindrucksvolle, aber in Deutschland durchaus konkurrenzfähige 5/15 PS-Typ mit blitzsauber konstruiertem, laufruhigen 1,2 Liter-Vierzylinder wurde nach dem 1. Weltkrieg kaum verändert weitergebaut.

Typisch für die offene Version war schon vor dem Krieg die gepfeilte Windschutzscheibe, die wir auf dem Foto sehen. Die kleinen Scheinwerfer dürften bereits elektrisch betrieben sein und sprechen für ein Nachkriegsmodell.

Bis 1925 fand dieser attraktiv gezeichnete, wenn auch schwache NSU-Tourer Absatz. Aus der ersten Hälfte der 1920er Jahre dürfte auch die hier gezeigte Aufnahme stammen.

Das im Hintergrund zu sehende, aus dem 19. Jahrhundert stammende Kurhaus Hundseck war eines von zahlreichen hochklassigen Hotels an der Schwarzwaldhöhenstraße, die damals beliebt bei Ausflüglern waren.

Im Netz finden sich etliche historische Ansichtskarten der einst beeindruckenden Anlage. Leider wurde das Gebäude 1999 bei einem Sturm stark beschädigt. Die damaligen Eigentümer hatten offenbar keinen Sinn für den Wert des historischen Baus und verzichteten auf die notwendigen Reparaturen. In der Folge wurde das Gebäude einsturzgefährdet und wurde auf öffentliches Betreiben hin abgerissen.

Warum die lokale Denkmalbehörde nicht auf eine Sicherung des noch sehr originalen Baus hinwirken konnte, soll hier nicht erörtert werden. Das Studium zeitgenössischer Presseartikels hinterlässt den Eindruck, dass das Kurhaus Hundseck nicht das einzige Gebäude seiner Art war, an dessen Erhalt der lokalen Bürokratie nicht gelegen war.

So zählt unsere Aufnahme nicht nur zu den raren Originalfotos eines NSU 5/15 PS, sondern auch zu den Dokumenten, die an die einst reiche Hotelinfrastruktur und den Erholungswert der Region erinnern.

Heute hat auch im Schwarzwald eine rabiate Ideologie die Oberhand, die zugunsten der Kapitalinteressen weniger Investoren die Zerstörung ganzer Landschaften durch Windindustrieanlagen in Kauf nimmt. Damit wären wir wieder in der Gegenwart…

Literaturtipp: Klaus Arth: NSU-Automobile, Verlag Delius Klasing, 2. Auflage, 2015; der hier gezeigte Wagen ist dort auf Seite 47 ebenfalls abgebildet!

Ein NSU-Tourenwagen in Belgien im 1. Weltkrieg

Man könnte meinen, einem Oldtimer-Blog, der sich schwerpunktmäßig Vorkriegswagen und Marken aus dem deutschen Sprachraum anhand historischer Aufnahmen widmet, geht früher oder später das Material aus.

Weit gefehlt! Fast täglich finden sich auf dem bekannten Marktplatz im Netz für symbolische Beträge Fotos antiker Automobile aus dem Deutschen Reich und Österreich-Ungarn. Heute stellen wir wieder einen außerordentlichen Fund vor:

nsu_10-30ps-tourenwagen_1914_in_battice_galerie

© NSU Tourenwagen in Battice (Belgien) 1914/15; Ansichtskarte aus Sammlung Michael Schlenger

Diese Aufnahme wurde einst als Postkarte vervielfältigt. Das originale Foto wurde zu Beginn des 1. Weltkriegs im belgischen Städtchen Battice geschossen.

Die Pickelhauben der berittenen Begleiter des Wagens verweisen auf eine Entstehung im Jahr 1914/15. Erst 1916 wurde bei den Truppen des Deutschen Reichs und Österreich-Ungarns der Stahlhelm M1916 eingeführt, dessen Form bis heute fortwirkt.

Der Tourenwagen im Vordergrund wirkt zunächst wenig individuell, sodass die Identifikation schwierig scheint. Es könnte ein Fahrzeug aus deutscher Produktion sein oder ein französischer Beutewagen. Auch belgische Marken kommen in Frage.

Zur Erinnerung: Noch in den 1920er Jahren gab es in Europa und den USA hunderte Hersteller von Serienautomobilen. Besonders vielfältig war die Markenlandschaft in Frankreich. Dort sind insgesamt über 1.000 PKW-Marken verbürgt!

Im vorliegenden Fall erlaubt ein Detail aber die Ermittlung des Herstellers:

nsu_10-30ps-tourenwagen_1914_in_battice_ausschnitt

So fällt auf, dass auf der ovalen Oberseite der Kühlermaske ein waagerechtes Element thront, auf dem wiederum der Kühlwassereinfüllstutzen montiert ist.

Dieses markante Detail fand sich bei PKW aus dem deutschen Sprachraum seinerzeit nur bei NSU. Wer hier stutzt, ist nicht alleine. Viele Klassikerfreunde verbinden NSU mit den gleichnamigen Motorrädern oder den NSU-Fiats, die ab 1934 in Heilbronn gebaut wurden.

Doch von 1906 bis zur Übernahme des Werks durch Fiat entstanden unter der Marke NSU eigenständige Mittelklassewagen. Vor dem 1. Weltkrieg fertigte man vor allem 4-Zylinder-Modelle, die zwischen 24 und 35 PS leisteten. Eines davon dürfte auf unserem Foto zu sehen sein.

Noch ein Wort zur Aufnahmesituation: Die belgische Ortschaft Battice war 1914 Schauplatz besonderer Grausamkeiten. Nachdem Freischärler das Feuer auf die Richtung Frankreich durchmarschierenden deutschen Truppen eröffneten – ohne dadurch irgendetwas erreichen zu können – „revanchierte“ sich die deutsche Führung durch Erschießung von Zivilisten und Zerstörung vieler Häuser. 

Diese als Kriegsverbrechen zu klassifizierenden Taten begründen keine „Schuld“ heutiger Generationen. Doch sie ermahnen zu einem besonders sensiblen Umgang der einst am 1. Weltkrieg beteiligten europäischen Nationen miteinander.

Die Aufnahmen aus dem 1. Weltkrieg erinnern daran, dass damals die maßgeblichen Länder Europas durch geschickt gewählte „Beistandspakte“ in jeden Konflikt hineingezogen wurden, den Österreich-Ungarn mit seinen Nachbarn haben konnte.

Aus der Ermordung des österreichischen Thronfolgers durch serbische Terroristen 1914 hätte nicht der 1. Weltkrieg entstehen müssen, wenn nicht ein halbes Dutzend europäischer Staaten auf eine solche Gelegenheit gewartet hätten.

Insofern erinnern uns alte Fotos wie dieses an die Urkatastrophe des 20. Jahrhunderts…

Fiat 508 A „Nuova Balilla“ – gebaut in Deutschland

Leser dieses Blogs stoßen hier öfters auf Varianten von Fiats 1100er „Millecento“ – dem langlebigsten Modell in der Markenhistorie. Im Unterschied zum heute bekannteren 500er war dies kein Kleinstwagen, sondern ein erwachsenes Auto – nichts gegen den einzigartigen „Cinquecento“ übrigens.

Den ersten 1100er baute Fiat 1937 und begründete damit eine Tradition, die erst im Jahr 2001 mit dem indischen Lizennachbau Premier Padmini enden sollte. Doch eigentlich gehört schon der Vorgänger – der 1932 vorgestellte Fiat 508 „Balilla“ – zum Stammbaum des „Millecento“.

Dabei handelte es sich um ein Modell mit knapp 1 Liter Hubraum und einer Leistung von anfänglich 20 PS. Der weniger als 700kg schwere Wagen schaffte damit 85 km/h Spitze. Innerhalb von zwei Jahren setzte Fiat von der ersten Version über 40.000 Stück ab.

Den größten Erfolg hatte der Fiat 508 naturgemäß in Italien. Doch auch in Deutschland wurde das Modell gefertigt. Fiat hatte 1929 eine Produktionsstätte von NSU in Heilbronn übernommen und baute dort fortan NSU-Fiats.

Einen Fiat 508 aus deutscher Produktion zeigt folgendes Originalfoto:

NSU-Fiat_508_Galerie

© NSU-Fiat 508 A „Nuova Balilla“, Mitte der 1930er Jahre; Foto aus Sammlung Michael Schlenger

Ein solches Auto ohne erkennbare Markenembleme zu identifizieren, gelingt nur, wenn man wieder und wieder Literatur mit Abbildungen historischer Wagen durchgeht.

Dabei ist ein Klassiker der Autoliteratur wie Werner Oswalds „Deutsche Autos 1920-1945“ nach wie vor unverzichtbar – denn das Internet ermöglicht trotz sonstiger Vorzüge eine solche markenunabhängige und dennoch zielgerichtete Suche nicht.

Fündig wurde der Verfasser in besagtem Werk bei NSU-Fiat. In der entsprechenden Rubrik ist solch eine Limousine mit den markanten Luftklappen in der Motorhaube abgebildet, die es nur bei den in Deutschland gebauten Wagen des Typs gab.

Das Modell mit dem schrägstehenden Kühlergrill stellt die von 1934-37 gebaute zweite Version des Fiat 508 dar, für die verschiedene Bezeichnungen zur Abgrenzung vom Vorläufer üblich waren: „Nuova Balilla“ oder „Fiat 508“.

Daneben gab es die technische Bezeichnung Fiat 508.4m. Hierbei steht „4m“ für „quattro marche“ – also das 4-Gang-Getriebe der neuen Version. Die Leistung des 1 Liters-Motor war gegenüber dem Vorgänger auf 24 PS gestiegen.

Ein schönes Detail sind die markant gestalteten Felgen, die es offenbar anstatt der häufiger anzutreffenden Scheibenfelgen als Extra gab:

NSU-Fiat_508_Frontpartie

Auch die Radkappen weichen von denjenigen an den Standardmodellen ab. Möglicherweise weiß ein Leser, ob es sich um Ausführungen speziell für den deutschen Markt handelte. Interessant ist, dass man die später übliche Einprägung des Markennamens auf den Radkappen damals noch nicht für notwendig hielt.

An der Heckpartie des Wagens fällt neben einigen Beulen am Schutzblech die Position des Fahrtrichtungsanzeigers – des elektrisch ausklappbaren Winkers – auf. In der C-Säule wurden diese selten verbaut. Für die gleichermaßen gute Sichtbarkeit von vorne und von hinten war eher eine Anbringung in Wagenmitte sinnvoll.

NSU-Fiat_508_Heckpartie

Der Fiat 508 A „Nuova Balilla“ markierte den Auftakt zu einer bis in die 1960er Jahre anhaltenden Erfolgsgeschichte der in Deutschland gebauten NSU-Fiats. Allein 1934 und 1935 wurden fast 5.000 Stück davon als NSU/Fiat 1000 verkauft.

So wundert es nicht, dass etliche dieser sorgfältig konstruierten und solide verarbeiteten Fiats auch noch im Nachkriegs-Deutschland unterwegs waren. Solche Exemplare werden hier gelegentlich separat vorgestellt.

Tropfenform – Designtrend der 1930er Jahre

Ein Fahrzeug, das auf Klassikerveranstaltungen immer wieder formal aus dem Bild fällt, ist der VW Käfer. Selbst die letzten in Mexiko produzierten Exemplare wiesen noch die typische tropfenähnliche Grundform auf.

Mexiko-Käfer© Mexiko-Käfer Bj. 1985; Bildrechte: Michael Schlenger

Der Käfer hat sich im kollektiven Gedächtnis als einzigartiges Auto verankert, auch aufgrund jahrzehntelanger Präsenz. Doch bei seiner Entstehung in den 1930er Jahren war er mit seiner an der Stromlinie orientierten Form ganz ein Kind seiner Zeit.

Beschäftigt man sich mit den Vorläufern und Geschwistern des Volkswagens, wird es rasch unübersichtlich. Nachfolgend der Versuch, für mehr Klarheit zu sorgen:

Die aerodynamische Vorarbeit wurde schon in den 1920er Jahren geleistet, im Wesentlichen von Paul Jarays Stromlinien-Karosserie-Gesellschaft. In der Folge kristallisierte sich die Tropfenform als gestalterisches Ideal heraus, an dem sich Konstrukteure in mehreren Ländern abarbeiten sollten.

Noch vor Tatra und den ersten VW-Versuchswagen hatte die US-Karosseriefirma Briggs 1933 einen Prototypen vorgestellt, der technisch und formal alle Charakteristika aufwies, die in den Folgejahren in zahllosen Varianten durchdekliniert wurden (ausführlicher Bericht). Hier der Ausschnitt eines Originalfotos:

Briggs_Prototyp_1933© Briggs Prototyp 1933; Fotoabzug: Sammlung Michael Schlenger

Ebenfalls 1933 entwickelte das Konstruktionsbüro Porsche für NSU einen Wagen, der die Wesensmerkmale des Volkswagens vorwegnahm. Das Auto wurde in einigen Exemplaren gebaut, aber von NSU letztlich nicht in Produktion genommen. Tatsächlich markiert dieser Entwurf den Anfang des VW-Stammbaums.

Porsche_Typ_32© Porsche Typ 32; Bildquelle: http://www.flickr.com; Urheberrecht: Georg Sander

Im Frühjahr 1934 stellte Tatra seine Interpretation des Themas vor, den Typ 77. Dabei ähnelt vor allem die Seitenpartie ab der A-Säule dem Briggs von 1933, ohne dass man eine direkte Beeinflussung behaupten kann. Hier eine Abbildung des Tatra-Prototyps, der in einigen Details vom Serienmodell abwich:

Tatra77_Prototyp_1934

© Sammelbild Tatra 77 Prototyp 1934; Sammlung Michael Schlenger

1935 wurden von Porsche die Vormodelle des Volkswagens entwickelt. Während die Grundform dem Entwurf für NSU folgt, erinnern Dachline und Fensterpartien an den Briggs-Prototypen und den ab 1934 gebauten Chrysler Airflow.

Die freistehenden Scheinwerfer waren dagegen nicht auf der Höhe der Zeit. Gleichzeitig fällt der Verzicht auf Trittbretter auf, die im Serienmodell wieder auftauchten.

Volkswagen-Versuchsmodell_1935-36

© Sammelbild Volkswagen Versuchsmodell 1935/36; Sammlung Michael Schlenger

1936 stellte die Steyr-Daimler-Puch AG in Österreich den Typ 50 vor. Mit vorn eingebautem Motor fällt er zwar technisch aus dem Rahmen. Doch formal gehört der Wagen in die hier vorgestellte Familie. Markant ist der Verzicht auf Trittbretter, der VW beim Käfer in 65 Jahren Produktionsdauer nicht gelungen ist.

Im Vergleich zum Kleinwagenversuch von Mercedes in Form des Typs 130 war der Steyr überzeugender. Der kompakte 4-Zylinder-Boxer erlaubte eine stromlinienförmige Frontpartie, gleichzeitig war die Gewichtsverteilung dank Heckantrieb ausgewogen. Hier eine Abbildung des leistungsstärkeren Steyr 55:

Steyr_55_1938-40

© Sammelbild Steyr 55; Sammlung Michael Schlenger

Die Fahrleistungen des Steyr entsprachen denen des Mercedes 130. Mit 12 Volt-Elektrik, 4-Gängen, Einzelradaufhängung und erstaunlich geräumigen Innenraum stellte Steyrs „Baby“ trotz seines Erscheinungsbildes ein erwachsenes Auto dar. Der Absatzerfolg war beachtlich (13.000 Stück bis 1940).

Vom Steyr war es nicht weit zum 1937 vorgestellten Adler 2,5 Liter, dem Autobahnadler. Seine Karosserie war das Werk von Karl Jenschke, der den Steyr 50 entworfen hatte. Die Seitenlinie entspricht weitgehend dem Briggs-Prototypen, während die Frontpartie an den Tatra 77 Prototypen, den Steyr 50 und an den Chrysler Airflow erinnert:

Adler_2,5_Liter_1938-40

© Sammelbild Adler 2,5 Liter „Autobahnadler“; Sammlung Michael Schlenger

Lässt man diese Vertreter des Stromlinientrends in den 1930er Jahren Revue passieren, gewinnt man den Eindruck, dass damals viele Köpfe gleichzeitig in dieselbe Richtung gedacht haben.

Oft liest man, Porsches Volkswagen sei von Tatra oder den Mobilen von Josef Ganz abgekupfert. Doch die Betrachtung zeigt, dass hier in kurzer Zeit ähnliche Konzepte realisiert wurden, die aus derselben Grundidee abgeleitet waren.

An diesem Designkonzept hielt nach dem Krieg neben Volkswagen auch Tatra bis in die 1950er Jahre fest. So wurde ab 1948 in über 6.000 Exemplaren der Tatra 600 „Tatraplan“ gefertigt.

Er war eine verkleinerte Version des Vorkriegsmodells 87 mit 4-Zylinder-Motor. Dessen 52 PS reichten je nach Übersetzung für bis zu 140 km/h Spitzengeschwindigkeit – ein schöner Beleg für die Wirksamkeit des Tropfenkonzepts.

Tatraplan_Pressefoto_1949© Tatra 600 „Tatraplan“; Pressefoto aus Sammlung Michael Schlenger

Heute ist dieser Verwandte des VW Käfer ein Exot. Sieht man den Tatraplan „in natura“, wird einem klar, wie großzügig er im Vergleich zum Volkswagen war. Mit den Fertigungskapazitäten von VW hätte das Modell großen Erfolg haben können.

1952 wurde die Produktion infolge planwirtschaftlicher Fehlentscheidungen eingestellt. Tatra sollte künftig nur noch LKWs bauen. Die späteren Wagen vom Typ 613 hatten außer dem Heckmotor wenig mit ihren Vorgängern gemeinsam.