Der „Bauern-Buick“ von Opel und sein Vorbild

Wir hatten das Thema auf diesem Oldtimerblog für Vorkriegsautos schon des öfteren: In der zweiten Hälfte der 1920er Jahre stand die deutsche Autoindustrie mit dem Rücken zur Wand.

Viele einheimische Hersteller hatten zu lang an veralteten Modellen aus der Zeit vor dem 1. Weltkrieg festgehalten oder verschwendeten ihre Energie in der Entwicklung nicht massenmarktfähiger Nischenkonstruktionen.

Die sich auftuende Lücke füllten leistungsfähige, formal moderne, gut ausgestattete und dank Großserienproduktion relativ billige US-Wagen.

Ende der 1920er Jahre hatten Marken wie Buick, Chevrolet, Chrysler, Essex, Ford und Hudson einen heute unvorstellbaren Marktanteil in Deutschland. Selbst Hersteller der zweiten Reihe wie Graham oder Overland waren verbreitet.

Die Frankfurter Marke Adler reagierte mit US-Wagen nachempfundenen Konstruktionen wie dem „Standard 6“; der Chemnitzer Hersteller Presto versuchte sein Glück mit den 6-Zylindertypen F und G, die wir demnächst vorstellen werden.

Brennabor aus Brandenburg bemühte sich mit mäßigem Erfolg in derselben Klasse mit den A-Modellen, die ebenfalls über Sechszylinder verfügten. Auch sie kommen noch zu ihrem Recht.

Einen ähnlichen Versuch unternahm Opel mit dem folgenden Typ:

Opel_12-50_oder 15-60_PS_Pullman_Galerie

Opel 12/50 PS oder 15/60 PS; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Regelmäßige Leser dieses Blogs werden sich an diese eindrucksvolle Sechsfenster-Limousine mit sieben Sitzen erinnern, die wir anhand einer anderen Aufnahme vor einiger Zeit präsentiert haben.

Es handelt sich um einen Opel der Modelle 90 (12/50 PS) bzw. 100 (15/60 PS), die nur 1927/28 in wenigen tausend Exemplaren entstanden.

Der Volksmund fand für diese den US-Vorbildern technisch unterlegenen Opel-Typen die spöttische Bezeichnung „Bauern-Buick“.

Dass so ein „Bauern-Buick“ tatsächlich nicht immer in den besten Kreisen landete, zeigt die folgende Aufnahme aus Thüringen (Raum Bad Berka):

Opel_12-50_oder_15-60_PS_Fotoatelier_Bad Berka_Ausschnitt

Opel 12/50 oder 15/60 PS; Originalaufnahme aus Sammlung Michael Schlenger

Für diese Herrschaften scheint ein Opel Sechszylindertyp Ende der 1920er Jahre zwar erreichbar gewesen zu sein. Nur für die Instandhaltung des bäuerlichen Anwesens im Hintergrund reichten Mittel oder Wille offenbar nicht aus.

Beim Anbringen der zeitgenössischen Werbeschilder für diverse Lieferanten von Automobilzubehör- bzw. Betriebsstoffen hätte man sicher dem Holz des Fachwerks und der Tore etwas Farbe gönnen können.

Zurück zum Thema. Wie sah eigentlich ein echter Buick zu jener Zeit aus? Nun, da findet sich zum Beispiel diese Aufnahme eines Wagens mit Berliner Zulassung im Fundus des Verfassers:

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Buick Series 121 oder 129; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Das ist einer der Buick-Sechszylinderwagen in der ab 1929 gebauten Version, die mit zwei unterschiedlichen Radständen verfügbar war (Serie 121 und 129).

Identisch war die Leistung von etwas über 90 PS aus 5,1 Liter Hubraum. Bereits der parallel zu den Opel-Sechszylindern gebaute Vorgänger „Master Six“ leistete 80 PS aus 4,5 Litern.

Nebenbei besaßen die Buick-Aggregate schon strömungsgünstig im Zylinderkopf hängende Ventile, während die Opel-Modelle schlichte Seitenventiler waren.

Die Rüsselsheimer haben sich mit diesem Versuch, es den Amerikaner-Wagen nachzutun, nicht gerade mit Ruhm bekleckert. Die enttäuschenden Absatzzahlen deuten darauf hin, dass nicht einmal der sprichwörtliche Bauer einen solchen Möchtegern-Ami fahren wollte.

Auch auf dem Land scheint man dem Vorbild den Vorzug gegeben zu haben. Zumindest deutet darauf die rustikale Umgebung hin, in der 1935 dieser Sechszylinder-Buick des Typs 121 bzw. 129 abgelichtet wurde:

Buick_Series_121_oder_129_datiert_1935_Galerie

Buick Series 121 oder 129, Baujahr: 1929; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Ob der Wagen mit Zulassung im Großraum Berlin tatsächlich auf dem Land zuhause war oder aber einem Besucher aus der Hauptstadt gehörte, ist ungewiss.

Jedenfalls handelte sich um eine Sechsfenster-Cabriolimousine, die vermutlich speziell für den deutschen Markt angefertigt worden war. Eventuell haben wir es auch mit einem Sedan-Cabriolet zu tun.

Die wie die Orgelpfeifen nach Größe davor angeordneten Kinder machen von der Kleidung her eher den Eindruck, dass sie aus der Stadt stammen, vielleicht wurden sie aber anlässlich eines Verwandtenbesuchs auch besonders herausgeputzt.

Auf jeden Fall ist dies eine schöne und ungewöhnliche Aufnahme, die einen echten Buick in bäuerischer Umgebung in Deutschland zeigt.

Welcher von den „Bauern-Buicks“ nun besser gefällt, das leistungsstarke US-Vorbild oder der brave Opel-Sechszylinder, ist Geschmackssache. Reizvolle Dokumente aus einer Zeit, in der US-Wagen das Maß aller Dinge waren, sind es beide.

© Michael Schlenger, 2017. All entries in this blog (including embedded photos) are copyrighted by the author, unless otherwise indicated. Excerpts and links may be used, provided that credit is given to Michael Schlenger and https://www.klassiker-runde-wetterau.com with appropriate and specific direction to the original content.

 

Anschauungsunterricht mit Opel-Taxi von 1911

Wer als Oldtimerfreund seine Interessen auf Nachkriegsfahrzeuge beschränkt, ist selbst schuld, wenn ihm irgendwann langweilig wird.

Ein paar Dutzend Marken, die meisten Typen zigtausendfach gebaut, abgesehen von einem grandiosen Abgesang der Karosseriebaukunst im Italien der 1950/60er Jahre überwiegend Konfektionsware.

Der Verfasser besitzt zwar selbst einige Autos der 1960 bis 80er Jahre. Aber: Das Gefühl, dass man es mit einem geheimnisvollen Boten aus einer untergegangenen Welt zu tun hat, das stellt sich nur bei Vorkriegsautos ein.

Dabei gilt die Devise „je älter, desto besser“. Hier zählen nicht Pferdestärken, Höchstgeschwindigkeit oder prominente Vorbesitzer.

Die Beschäftigung mit den frühen Automobilen lässt einen an der Entwicklung einer Innovation teilhaben, die unser Leben so stark verändert hat wie zuvor nur die Dampfmaschine. Das gilt besonders für Autos aus der Zeit vor dem 1. Weltkrieg.

Die Fahrzeuge aus der Pionierzeit sind jedoch leider in der einschlägigen Literatur häufig nur mäßig bis gar nicht dokumentiert.

Über 100 Jahre alten Automobilen muss man sich daher mit der Sorgfalt eines Archäologen nähern, der es gewohnt ist, einen Fund anhand von Münzen, formalen Details und Fertigungstechniken zu datieren.

Heute geben wir etwas Anschauungsunterricht in dieser Hinsicht, und zwar anhand dieses Taxis:

Opel_Taxi_um_1911_Galerie

Opel Taxi um 1911; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Diese prachtvolle Aufnahme liefert perfektes Ausgangsmaterial. Der Wagen wirkt auf das ungeschulte Auge beliebig, doch das Foto ist detailliert genug, um eine präzise Ansprache zu ermöglichen.

Vergessen kann man in solchen Fällen allerdings, dass man in der Literatur genau dieses Fahrzeug abgebildet findet.

Zum einen sind – wenn überhaupt – nur wenige der prinzipiell unzähligen Karosserievarianten dokumentiert. Denn meist lieferten unabhängige Stellmacherfirmen den Aufbau in individueller Manier.

Zum anderen handelt es sich bei historischen Abbildungen oft um Darstellungen aus Prospekten, die nicht den Anspruch fotografischer Genauigkeit hatten.

Häufig hilft nur das detektivische Verfahren der Eingrenzung bzw. des Ausschlusses anhand bekannter Merkmale. Und genau das wenden wir jetzt an:

Opel_Taxi_um_1911_Frontpartie

Der erste Blick bei sehr frühen Automobilen gilt immer der Frontpartie. Wenn man einen Ausschnitt des Kühlers zu sehen bekommt, ist das oft die halbe Miete.

Hier haben wir Glück, denn oben auf der Kühlermaske – dem Bauteil, das das eigentliche Kühlernetz einrahmt – sehen wir klar das augenförmige Opel-Emblem.

Bei Wagen aus der Pionierzeit ist dies oft der einzige Hinweis auf die Marke, weil zu Beginn die meisten Wagen auch formal bewährten Vorbildern von Benz, DeDion oder Panhard folgten bzw. Lizenznachbauten von deren Konstruktionen waren.

Der birnenförmige Kühlerausschnitt ist typisch für Opel-Wagen der Zeit vor dem 1. Weltkrieg. Nach 1918 baute Opel dagegen vor allem Spitzkühlermodelle, wenngleich es erste Vorläufer bereits 1914 gab.

In die Zeit vor dem Krieg verweisen auch die prachtvollen Scheinwerfer, die mit Karbidgas betrieben wurden, also ihre Energie noch nicht von einer Lichtmaschine erhielten. Typisch für die Zeit sind zudem die spitz zulaufenden Schutzkappen.

Ein Illustrator von Jules-Verne-Romanen oder ein Ausstatter früher futuristischer Filme hätte sich dies nicht schöner ausdenken können. Selbst bei Benzinkanistern findet man diese Ästhetik bisweilen.

Zwar gab es schon 1914 elektrische Scheinwerfer als Sonderausstattung, doch sind Gaslampen am Auto nach dem Krieg kaum zu finden.

Auch die Häufigkeitsverteilung des Zwirbelbartes bei den sieben Herren auf dem Foto spricht klar für eine Vorkriegsaufnahme:

Opel_Taxi_um_1911_InsassenNach dem 1. Weltkrieg überwiegen auf solchen Fotos einfache Schnauzbärte oder man ist ganz glattrasiert wie der blasiert dreinschauende junge Mann auf der Rückbank. Den „Kaiser-Wilhelm“-Bart trugen später nur noch ältere Herren, auch dies ein wichtiges Leitfossil bei solchen Aufnahmen.

Wer die Kleidung der Männer betrachtet, wird außerdem feststellen, dass jeder im Detail seinen eigenen Stil pflegt. „Boss“-Anzüge von der Stange oder uniforme „Jack-Wolfskin“-Freizeitjacken gab es damals noch nicht.

Die Kopfbedeckungen sind Varianten der Prinz-Heinrich-Mütze und der Schieberkappe – auch heute perfekte Accessoires bei einer Veteranenausfahrt.

Auto und Aufnahme sind nach der Lage der Dinge klar vor dem 1. Weltkrieg entstanden.

Wie können wir nun den Wagen weiter eingrenzen? Dabei hilft ein Blick auf die Partie zwischen der Motorhaube und der Schottwand zum Innenraum:

Opel_Taxi_um_1911_Windlauf

Bei ganz frühen Automobilen stieß die waagerecht verlaufende Motorhaube auf die vertikale Schottwand mit Frontscheibe (so vorhanden).

Im Rennsport bemühte man sich jedoch früh um die Reduzierung des Luftwiderstands. So verfiel man auf Luftleitbleche, die für einen fließenden Übergang von der Motorhaube zur Frontscheibe und dem eigentlichen Aufbau sorgten – der „Windlauf“ war geboren.

1909/10 setzte sich dieses Element auf breiter Front bei Serienwagen durch. Es gibt auch hier Ausnahmen, doch grundsätzlich kann man Autos mit Windlauf auf die Zeit ab 1909 datieren.

Anfänglich stieg der Windlauf steil von der fast flachen Motorhaube nach oben an, ab 1912 begannen die beiden Linien miteinander zu verschmelzen.

Auf unserem Foto sehen wir ein Zwischenstadium: Die Motorhaube steigt leicht an, stößt dann abrupt auf den Windlauf, der wiederum in etwas steilerem Winkel nach oben reicht. Der Übergang scheint bewusst akzentuiert, auch wenn dies unter dem aerodynamischen Aspekt nicht ideal war.

Doch für Serienautos war die Windschnittigkeit kein relevantes Kriterium, dafür waren die auf den damaligen Straßen erzielbaren Geschwindigkeiten zu niedrig. Zunächst war der Windlauf ein sportlich wirkendes Accessoire – vergleichbar manchem Spoiler an braven Familienautos der 1970/80er Jahre.

Damit hätten wir für unseren Opel als Arbeitshypothese ein Entstehungsdatum um 1911. Lässt sich dies weiter untermauern? Ja, und zwar anhand dieses Ausschnitts:

Opel_Taxi_um_1911_Seitenpartie

So prosaisch dies auch wirken mag – hier können wir der Geburt des „Schwellers“ beiwohnen.

Die waagerecht verlaufende hellgraue Partie mit der vorderen Aufhängung der hinteren Blattfedern ist der Rahmen des Wagens. Das Trittbrett war dort ursprünglich an vertikalen Auslegern befestigt, wie wir hier auch einen sehen – nur, dass man anfänglich zwischen Rahmen und Trittbrett hindurchsehen konnte.

Diesen Zwischenraum kaschiert hier zwar bereits ein Blech. Dennoch sieht man hier noch die Blattfederaufnahme und einen Spalt zwischen dem hinteren Kotflügel und der Rahmen- bzw. Schwellerpartie.

Ab 1913/14 wird der Blick auf die Federaufnahme und die Trittbretthalterung durch das Schwellerblech bzw. eine kastenförmige Ausbuchtung kaschiert. Das gilt näherungsweise auch für andere deutsche Marken.

Im Grunde folgten die frühen Automobile dem Gestaltungsgrundsatz „form follows function“, bevor dieser formuliert wurde.

Nur auf den ersten Blick wirken Veteranenautos fremdartig, bisweilen verspielt. Betrachtet man sie genauer, kann man sie präzise in ihre funktionalen Elemente zerlegen. Das versuche man heute einmal bei einem Renault „Koleos“…

Bevor wir es vergessen: So eindrucksvoll der Opel auf dieser Aufnahme auch wirkt – die dünnen Vorderschutzbleche und der kurze Radstand verweisen auf ein eher kleines Modell wie den Typ 6/16 PS, wie er ab 1911 gebaut wurde.

Die größeren Opel-Modelle wiesen durchweg Radstände von rund 3 Meter und mehr auf. Selbst wenn der Herr, der am Heck steht, nur 1,65m groß gewesen sein sollte, kann der Radstand kaum mehr als 2,80 m betragen haben.

Und da kommen nur sehr wenige Opel-Modelle in Frage, denn vor über 100 Jahren bauten die Rüsselsheimer überwiegend Oberklassefahrzeuge – tempi passati…

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Ganz schön flott – 6 Porträts mit dem Opel 4 PS-Modell

Eigentlich hatten wir das Opel 4 PS-Modell – Liebhabern von Vorkriegsautos auch als „Laubfrosch“ bekannt – auf diesem Oldtimerblog bereits umfassend gewürdigt.

Doch der Fundus des Verfassers birgt noch einige historische Originalaufnahmen dieses Typs, die zu schön sind, um im Fotoalbum weiterzuschlummern.

So gehen wir heute auf eine Tour mit dem Opel 4 PS, ohne technische Unterschiede oder Ausstattungsdetails zu erörtern. Stattdessen befassen wir uns mit Porträtaufnahmen, auf denen der Wagen nur eine Statistenrolle einnimmt.

Beginnen wir mit dem Opel 4/12 PS-Modell:

Opel_4-12_PS_Galerie

Opel 4/12 PS, Baujahr 1924; Originalaufnahme aus Sammlung Michael Schlenger

Die sieben Luftschlitze in der Motorhaube und der angedeutete Spitzkühler verraten, dass wir es mit einem der ersten Opel 4 PS-Modelle zu tun haben.

So wurde der Typ nur im Jahr 1924 gebaut. Wer sich damals einen dieser ersten Opel-Großserienwagen leisten konnte – und das war nur ein Bruchteil der Bevölkerung – durfte stolz darauf sein.

Das Paar auf der Aufnahme ließ dieselbe vom Fotoatelier Schröck im oberbayrischen Tittmoning (damals Landkreis Laufen) zur Erinnerung anfertigen.

Das war kein Schnappschuss, sondern eine professionelle Fotografie, und das Besitzerpaar durfte zufrieden mit dem gelungenen Konterfei sein:

Opel_4-12_PS_1924_Ausschnitt

Man präge sich bei der Gelegenheit das markante Profil der Lenkradspeichen und die Details des Verdeckgestänges ein – wir kommen noch darauf zurück.

Wer heute so einen Wagen besitzt, kann sich hier abschauen, wie man selbst mit einem 12 PS „starken“ Zweisitzer einen gelungenen Auftritt hinbekommt.

Wer sich von dem Blick der beiden nicht losreißen kann, der einen Moment vor über 90 Jahren konserviert, dem sei gesagt: es ist noch einiges auf Lager.

Hier haben wir eine weitere Porträtaufnahme, bei der ein Opel 4 PS – wohl das 1925/26 gebaute 4/14 PS-Modell – bloß eine Nebenrolle spielt:

Opel_4-14_PS_Alphons_Fryland_Mitte_1920er_Galerie

Opel 4/14 PS, Baujahr: 1925/26; Postkarte aus Sammlung Michael Schlenger

Dies ist ein Porträt des österreichischen Schauspielers Alphons Fryland, der in den 1920er Jahren in zahlreichen Stummfilmen mitwirkte.

Leser Klaas Dierks verdanken wir folgende Details: Das Foto läßt sich anhand der Nummer auf ca. Februar 1927 datieren. In jenem Jahr war Fryland in Deutschland in sechs Filmen zu sehen, u.a. in „Das Spielzeug schöner Frauen“.

Man sieht: Einst genügte ein Opel 4 PS-Modell, um sich wirkungsvoll als Sportsmann und Frauenheld zu inszenieren.

Keck nach oben gestellte Schirmmütze, Manschettenhemd mit Krawatte sowie das Lenkrad entschlossen packende Lederhandschuhe ergeben ein perfektes Bild, das zu einem echten Sportwagen jener Zeit passen würde.

Auch hier kann man nur sagen: Es bedarf bloß einiger Details, um die Goldenen Zwanziger mit einem zeitgenössischen Wagen wiederaufleben zu lassen.

Weiter geht’s mit dem Opel 4/16 PS-Modell, wie es ab Herbst 1927 gebaut wurde:

Opel_4-16_spät_oder_4-20_PS_2_Ausschnitt

Zu erkennen ist das Modell an der Form der Kühlermaske, die man beim US-Premiumhersteller Packard geklaut hatte – auch das ein Plagiat also.

Der nachdenklich wirkende junge Mann neben dem Opel scheint sich dagegen seinen Stil nicht woanders abgeschaut zu haben. Sein Erscheinungsbild mit Scheitel, schmaler Krawatte, Jackett und Weste in Kombination mit Knickerbocker-Hosen wirkt absolut typgerecht.

Bevor sich der Verfasser jetzt über heutige Dreiviertelhosen, Baseball-Kappen, Tätowierungen auf bleichem Gebein, Piercings  im Gesicht und andere Peinlichkeiten auslässt, wenden wir uns lieber der nächsten Aufnahme zu:

Opel_4-20_PS_1929-30_Galerie

Opel 4/20 PS; Originalaufnahme aus Sammlung Michael Schlenger

Die Qualität des Abzugs lässt etwas zu wünschen übrig, doch eine charmante Aufnahme ist das allemal.

So gekonnt der Opel – mit Verbindungsstange zwischen den Scheinwerfern, wohl ein später 4/16 PS oder früher 4/20 PS – hier auch inszeniert wurde, stehlen ihm die beiden kessen Thüringer Mädels auf dem Trittbrett die Schau.

Doch auch der zufrieden wirkende Schirmmützenträger hinter dem Opel ist ein angenehmer Anblick. Bei heutigen Veranstaltungen mit historischen Fahrzeugen versucht man eher, keine Zeitgenossen mit abzulichten…

Kommen wir zum nächsten Kandidaten: dieses Mal ein junger Opelfahrer, der die Lässigkeit von Filmhelden der Nachkriegszeit vorwegzunehmen scheint:

Opel_4-20_PS_Freudenstadt_09-1935_AusschnittAn seinem äußeren Erscheinungsbild wirkt nichts wie auf Krawall gebürstet: sauberer Kragen, ordentlich sitzende Krawatte, Armbanduhr und Ring am Finger.

Doch es ist etwas Lauerndes, Unzufriedenes an ihm – so einem traut man einiges zu. Die Mischung aus korrekter Oberfläche und abschätzigem Blick hat etwas Unheimliches.

In Hollywood hätte er damit vielleicht Chancen gehabt, doch kam der Krieg dazwischen. Die Aufnahme entstand 1935 in Freudenstadt, dazu passt die Zulassung des Opel 4/20 PS (Kennung „IV B“ für Baden).

Damit wären wir bei der letzten Version des Opel 4 PS angelangt, dessen Produktion 1931 nach über 100.000 Exemplaren endete.

Das Beste hebt man sich bekanntlich auf bis zum Schluss:

Opel_4PS_Galerie

Opel 4 PS Zweisitzer; Originalaufnahme aus Sammlung Michael Schlenger

Nein, das ist keine Ausschnittsvergrößerung – diese Aufnahme wurde einst genau so gemacht – einfach perfekt!

Wer aufgepasst hat, wird an Details wie Lenkrad, Fensterrahmen und Verdeckgestänge erkennen, dass auch hier ein Opel 4 PS im Spiel ist. Doch bei diesem Foto hat der Wagen nur eine sehr untergeordnete Rolle.

Hier haben wir einen Opel-Besitzer, wie ihn sich die Werbung nicht besser hätte ausdenken können: Jung, sorgfältig gekleidet und frisiert, entschlossen blickend – stolz und glücklich!

Dieses berührende Bild verrät mehr als tausende Worte darüber, was ein Opel 4 PS im Deutschland der 1920er Jahre für seinen Besitzer bedeutete. 

Solche Fotos macht man heute nicht mehr – und schon daran kann man ermessen, was sich seither verändert hat. Doch wer sich heute in seinem Opel 4 PS derartig zurechtmacht, kann sicher sein, das ihn niemand belächeln wird.

Mit stilgerechter Aufmachung ist selbst ein simples Vorkriegsauto wie dieses eine Zeitmaschine, und die Leute hungern nach allem, was sie aus ihrem banalen Arbeitsbienen-  und Abgabenzahlerdasein in eine andere Welt transportiert…

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Vom Herdentrieb gepackt: Opel 6-Zylinder 12/50 PS

Die Automobile, die Opel in den 1920er Jahren baute, sind auf diesem Oldtimerblog inzwischen recht gut dokumentiert – und zwar anhand zeitgenössischer Originalfotos aus der Sammlung des Verfassers.

Vom heute äußerst raren 8/25 PS Modell, das ab 1921 gefertigt wurde, über den legendären 4 PS-Typ „Laubfrosch“ in seinen unterschiedlichen Evolutionsstufen bis hin zum kaum mehr bekannten Opel 10/40 PS – hier lässt sich die Rüsselsheimer Autoproduktion der 1920er in bislang unpublizierten Bildern nachvollziehen.

Heute schließen wir eine weitere Lücke, die vielleicht manchem Altopel-Freund gar nicht aufgefallen wäre, denn es geht um ein sehr seltenes Modell.

Als Einstieg eignet sich die folgende reizvolle Aufnahme, die um 1928 entstand:

Opel_12-50_PS_oder größer_um_1928_Galerie

Opel 12/50 PS; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Was da in einer bergaufwärts strebenden Rinderherde unterwegs ist und aus einem entgegenkommenden Wagen fotografiert wurde, sieht auf den ersten Blick wie ein Fahrzeug der US-Marke Packard aus.

Auch wenn dieser Schnappschuss im deutschsprachigen Raum entstand, wäre ein Packard im Rahmen des Möglichen. Wie viele andere US-Hersteller war Packard in der zweiten Hälfte der 1920er Jahre am deutschen Markt aktiv (Bildbericht).

Den mit leistungsstarken 6- und 8-Zylindermotoren ausgestatteten und günstigen Amerikaner-Wagen, wie sie damals genannt wurden, hatten die deutschen Autobauer wenig entgegenzusetzen.

Im Hinblick auf Gestaltung, Technik und Produktionsweise war man nach dem 1. Weltkrieg hinter die Konkurrenz aus Übersee zurückgefallen. Viel mehr als die US-Konzepte zu kopieren, fiel selbst Marken wie Adler und Opel nicht ein.

Die Rüsselsheimer waren sich nach ihrem Citroen 5 CV-Plagiat – dem 4 PS „Laubfrosch“ – nicht zu schade dafür, ab 1927 sämtliche Modelle mit einer bei Packard abgeschauten markanten Kühlermaske auszustatten.

Genau solch ein Pseudo-Ami aus hessischer Produktion kommt uns hier entgegen:

Opel_12-50_PS_oder größer_um_1928_Ausschnitt Die Rinder scheinen von dieser Konkurrenz auf ihrem Viehtrieb gar nicht begeistert zu sein, obwohl Opel mit diesem Modell ebenfalls nur dem Herdentrieb folgte.

Durch Bau eines 6-Zylinderwagens auf simplem Fahrgestell und mit Karosserie in US-Optik glaubten die Rüsselsheimer wie viele andere Hersteller, die Landsleute zu einem „patriotischen“ Kaufverhalten zu bewegen.

Leistungsmäßig war an den „großen Opels“ wenig auszusetzen. Erhältlich waren die Motorisierungen 12/50 PS mit 3,2 Liter und 15/60 PS mit 3,9 Liter Hubraum.

Entsprechend der Höchstgeschwindigkeit wurden die beiden Sechszylinder als Modell 90 bzw. Modell 100 angeboten. Allerdings fehlte ihnen die beim Adler Standard 6 serienmäßige hydraulische Vierradbremse. 

Imposant sahen die Opel-Sechszylinder auf jeden Fall aus. Die folgende Aufnahme zeigt die siebensitzige 3-Fenster-Limousine des Typs 12/50 bzw. 15/60 PS:

Opel_12-50_PS_oder_größer_Limousine_1927-29_Galerie

Opel 12/50 oder 15/60 PS; Originalaufnahme aus Sammlung Michael Schlenger

Hier kann man gut das „Opel-Auge“ auf der von Packard abgeschauten Kühlermaske erkennen.

Auch die beiden Trittschutzbleche am Schweller unterhalb der Türen trugen dieses markante Emblem, das auf eine Skizze von Hessens kunstsinnigem und den Opel-Automobilbau fördernden Großherzog Ernst-Ludwig zurückging.

Rund 8.000 Reichsmark kostete diese von 1927-28 gebaute Ausführung. Damit war der Opel zwar billiger als der gleichstarke Buick Standard Six, doch in Sachen Laufkultur und Ausstattung hatten die Amerikaner die Nase vorn.

Unterdessen hatte General Motors in Rüsselsheim das Regiment übernommen und hatte wenig Interesse an einer konzerninternen Konkurrenz.

So endete 1929 die Karriere der großen 6-Zylinder-Opels nach nur 3.500 Exemplaren. Dem Herdentrieb zu folgen hatte sich – wie so oft – nicht ausgezahlt.

Erfolgversprechend blieben am deutschen Markt Einsteigermodelle, und das Ziel der Volksmotorisierung sollte Opel von nun an konsequenter verfolgen.

Diese populären Modelle wollen wir hier nach und nach ebenfalls präsentieren.

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Nicht nur der Doktor fährt Opel: Typ 6/12 PS von 1909

Für die Liebhaber richtig früher Automobile sind die meisten Vorkriegswagen, die auf diesem Oldtimerblog anhand historischer Fotos gezeigt werden, „Youngtimer“.

Für die gusseiserne Veteranenfraktion zählt nur, was vor dem 1. Weltkrieg an Motorfahrzeugen gebaut wurde, oder noch besser: alles, was bis etwa 1910 entstand.

Ab dann unterschied sich das Automobil formal deutlich von einer Kutsche mit davorgesetztem Antrieb: Frontpartie und Aufbau begannen um diese Zeit zu einem harmonischen Ganzen zu verschmelzen.

Fahrzeuge aus der automobilen Frühzeit, in der noch vieles offen war, konnten wir hier bisher nur wenige zeigen. Originalfotos solcher Wagen sind heute kaum häufiger als die Autos selbst.

Zuletzt haben wir hier gleich zwei Fahrzeuge der Pionierära vorgestellt, die um 1903 entstanden, Wagen des französischen Herstellers Gladiator.

Nicht ganz so weit in die Vergangenheit tauchen wir heute ein – auch die Marke, um die es geht, ist vertrauter: Opel. Heute steht der Name nicht gerade für automobile Exzellenz – vor dem 1. Weltkrieg sah das ganz anders aus.

Um die Jahrhundertwende hatten die französischen Autobauer die Führung inne, auch Opel stützte sich anfangs auf Patente aus Frankreich (Darracq).

Opel_Darracq

Originalreklame für Opel-Darracq um 1902 aus Sammlung Michael Schlenger

Doch ab 1905/06 gewannen die Opel-Wagen rasch an Eigenständigkeit, Qualität und Renommee.

Zu diesem Zeitpunkt war das Automobil kein Spielzeug der oberen zehntausend mehr, sondern stiftete zunehmend Nutzen im Alltag. Ein Beispiel dafür war der Doktorwagen, ein Zweisitzer für Landärzte mit leichtem Verdeck.

Damit war man im Notfall die entscheidende halbe Stunde schneller beim Patienten als mit der Kutsche. Fahrer und Pferde mussten nicht eigens bereitgehalten werden.

Bei den Classic Days auf Schloss Dyck am Niederrhein war 2016 ein solcher Doktorwagen in Form des Opel Typ 4/8 PS von 1908 zu bewundern:

Nur ein Jahr, nachdem dieser prächtige Veteran entstand, ging für kurze Zeit ein neuer Opel-Typ in Produktion, der eine neue Käuferschicht erschließen sollte.

Die Rede ist vom nur 1909 hergestellten Typ 6/12 PS, der der erste „volkstümliche“ Opel werden sollte. Er verfügte über vier Sitze, musste aber mit einem 2-Zylinder-Motor auskommen – ein damals schon veraltetes Konzept.

Natürlich war selbst so ein Kleinwagen für die meisten Deutschen unerschwinglich – wer sich ein Opel-Fahrrad leisten konnte, gehörte bereits zur Mittelschicht.

So ist es kein Zufall, dass der Opel 6/12 PS auf folgendem Foto vor einem großbürgerlichen Haus abgelichtet wurde.

Opel_6-12_PS_Doppel-Phaeton_Ak_von_1910_Galerie

Opel 6/12 PS Doppel-Phaeton; Originalaufnahme aus Sammlung Michael Schlenger

Wie am Stempelabdruck oben links erkennbar, ging diese seltene Aufnahme einst als Postkarte auf die Reise, und zwar im Jahr 1910.

Der Opel auf dem Foto – man konnte damals die Abzüge gleich im Postkartenformat ordern – war zum Aufnahmezeitpunkt noch fast neu und bestimmt einer der ersten Wagen in der Gegend.

Im Vergleich zu den großzügigen Opel-Tourenwagen jener Zeit, die 40 bis 60 PS stark waren, wirkt das 6/12 PS-Modell, als sei es in der Wäsche eingegangen. Die Insassen hätten jedenfalls etwas mehr Platz vertragen können:

Opel_6-12_PS_Doppel-Phaeton_Ak_von_1910_AusschnittDem finanziellen Status gemäß waren die Herrschaften im Opel deutlich „besser genährt“ als das Personal im Hintergrund, das wohl zum Hausstand gehörte.

Die schlecht gelaunt schauende Dame auf dem Rücksitz ist ein Beispiel für die oft ins Absurde abdriftende Hutmode der Kaiserzeit – aber im Unterschied zu den heute üblichen Tätowierungen ließ sich das Ungetüm auf dem Kopf immerhin abnehmen…

Die beiden Herren vermitteln eine Vorstellung davon, welche Kopfbedeckungen sich auch heute in einem solchen Veteranenwagen gut machen.

Wer sich für solche Details interessiert, wird übrigens feststellen, dass an dem Opel bei einer Reifenpanne nicht einfach die Felge mit Reifen ausgewechselt werden konnte. Da musste noch der Reifen selbst getauscht werden, eine Heidenarbeit.

Doch gleichzeitig weist etwas anderes in die Zukunft: die Windschutzscheibe ließ sich bereits schrägstellen, sodass sie weniger Luftwiderstand bot und den Straßenstaub besser über die Insassen hinwegleitete.

Als diese Aufnahme entstand – wie gesagt 1910 – baute Opel die ersten Wagen, bei denen die Motorhaube leicht anstieg und die Verbindung mit der Scheibenpartie über einen strömungsgünstigen Windlauf hergestellt wurde.

Ab diesem Moment sah das Automobil nicht länger aus wie eine Kutsche ohne Pferde, sondern wurde zu etwas formal Eigenständigem, das bis heute fortwirkt.

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Des Laubfroschs großer Bruder: Opel 10/40 PS

Dieser Oldtimerblog soll ein einigermaßen stimmiges Bild der Automobillandschaft im deutschsprachigen Raum in der Vorkriegszeit zeichnen.

Dazu werden hauptsächlich Originalabzüge aus der Sammlung des Verfassers gezeigt – also nicht irgendwelche im Netz kopierten Fotos. Präsentiert werden hin und wieder auch außergewöhnliche Bilder, die Leser zur Verfügung stellen.

Es ist eine faszinierend-fremde Welt, die sich einem so eröffnet. Was war da einst für eine Vielfalt an Marken und Modellen auf unseren Straßen unterwegs! Und wie anrührend sind oft die Momente, die auf den Fotos festgehalten sind

Bei aller Begeisterung muss man aufpassen, dass man neben Raritäten von Horch, Mercedes & Co. den gängigeren Modellen gebührenden Platz einräumt, auch wenn dort außergewöhnliche Aufnahmen selten sind.

So zeigen wir heute einige Fotos, die speziell den Altopel-Freunden gefallen werden, aber auch so Freude machen, weil sie eine Ausstrahlung haben, die man auf modernen Abbildungen vergeblich sucht:

Opel_10-45_oder_50_PS_1925-27_1_Galerie

Opel 10/45 oder 10/50 PS; Originalaufnahme aus Sammlung Michael Schlenger

Solche Charaktertypen beherbergte ein Opel in der 2. Hälfte der 1920er Jahre – kein Vergleich mit dem oft unsensiblen Auftreten der Insassen bei heutigen Oldtimerveranstaltungen – kurze Hosen, Baseballkappe, reden wir nicht drüber.

Der in die Kamera schauende weißhaarige Herr ist noch im 19. Jahrhundert geboren. Er hat sich Schnauzbart und „Vatermörder“ in die Weimarer Republik hinübergerettet, der er wohl ebenso skeptisch gegenübersteht wie den in Straßenkämpfen um die Vorherrschaft buhlenden braunen und roten Sozialisten.

Der bullige Typ, der sich aufs Trittbrett stützt, wirkt weniger distinguiert. Schwer zu sagen, welcher politischen Richtung er anhängt. Man traut ihm jedenfalls eine gewisse Gewaltbereitschaft zu…

Im Wagen scheint eine Dame am Steuer zu sitzen, leider ist der Abzug in diesem Bereich beschädigt, sodass sie nicht zur Geltung kommt.

Jetzt aber zum Auto – ein Opel, das ist klar. Das Markenemblem am Kühler sagt alles, auch wenn es unscharf ist. Man denkt spontan an einen weiteren Abkömmling des Opel 4 PS-Typs, der einst als „Laubfrosch“ Furore machte.

Stilistisch scheint alles zu passen – hier zum Vergleich ein Foto eines Opel 4/16 PS Tourenwagens, das ungefähr zur selben Zeit aufgenommen wurde:

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Opel 4/16 PS; Originalaufnahme aus Sammlung Michael Schlenger

Das, liebe Leser, ist eine Aufnahme, wie sie sich nicht alle Tage findet: Belichtung, Kontrast, Schärfe – einwandfrei, auch Aufnahmewinkel und Ausschnitt sind perfekt.

Man merke sich an dieser Stelle folgende Details: vier Radbolzen, relativ kurzer Radstand mit einer Tür, ein Schutzblech am Schweller.

Dort erkennt man übrigens ebenfalls das Opel-Auge, das auf eine Anregung des kunstsinnigen und auch der Technik gegenüber aufgeschlossenen Großherzogs Ernst-Ludwig von Hessen aus der Zeit vor dem 1. Weltkrieg zurückgeht.

Das langgezogene Vorderschutzblech und die ununterbrochene Reihe an Luftschlitzen in der Motorhaube sprechen für eine Entstehung dieses 4/16 PS-Opels zwischen Herbst 1926 und Herbst 1927.

Kommen wir zur Auflösung der Frage, ob der eingangs gezeigte, sehr ähnlich wirkende Opel derselbe Typ ist. Dazu schauen wir uns ein drittes Fahrzeug an:

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Opel 10/40 oder 10/50 PS; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Dieser Opel weist eine entscheidende Gemeinsamkeit mit dem Wagen auf dem ersten Foto auf: Er hat vier Türen und sechs Seitenfenster – das gab es beim 4 PS-Modell serienmäßig nicht.

Neben dem langen Radstand mit den zwei Schutzblechen am Schweller verraten auch die sechs Radbolzen, dass wir es mit dem großen Bruder des Opel 4 PS „Laubfrosch“ zu tun haben, dem ab 1925 gebauten 10/40 PS (zunächst 10/45 PS).

Das war eine größere, konstruktiv fast identische Variante des 4 PS-Modells. Neben dem doppelt so starken 4-Zylindermotor und dem größeren Platzangebot waren die Vierradbremsen ein Vorteil, die der Laubfrosch erst 1927 bot.

Ab 1926 wurde das Modell zeitweise als 10/50 Modell angeboten, danach wieder als 10/40 PS – der Grund dafür geht aus der Literatur nicht hervor. Kann ein Leser etwas Erhellendes dazu beitragen?

Jedenfalls war der große Bruder des Laubfroschs diesem in fast jeder Hinsicht überlegen, allerdings war er weit teurer. So wurden davon bis 1929 bloß gut 13.000 Exemplare gebaut – bei US-Großserienherstellern entsprach das dem Ausstoß einiger Wochen.

Entsprechend selten sind zeitgenössische Fotos des Opel 10/40 PS-Modells wie das erste und dritte hier gezeigte. Überlebende Fahrzeuge dürften ebenfalls eine Rarität sein, während es vom Laubfrosch noch etliche einsatzfähige Wagen gibt.

So sind wir nun ungewollt wieder bei etwas Außergewöhnlichem gelandet, obwohl es sich einst um den „meistgefahrenen deutschen Mittelklassewagen“ handelte, wie Altautoguru Werner Oswald einst konstatierte…

Halbstarker Auftritt: Opel 8/25 PS Sport-Zweisitzer

Selbst Kenner von Opel-Vorkriegsmodellen zucken oft mit den Schultern, wenn es um Typen geht, die vor Beginn der Fließbandfertigung des legendären 4 PS-„Laubfrosch“ im Jahr 1923 gebaut wurden.

Kein Wunder, wie andere europäische Hersteller auch stellte Opel seine Wagen zuvor in Manufaktur her – entsprechend niedrig waren die Stückzahlen. Doch was man auf den Markt brachte, war auf der Höhe der Zeit und von bester Qualität.

Tatsächlich verschafften diese frühen Prestigefahrzeuge – und etliche Rennerfolge – der Rüsselsheimer Marke einen ausgezeichneten Ruf. Leider gibt es nur wenige überlebende Fahrzeuge aus dieser großen Epoche in Opels langer Geschichte.

Raritäten sind auch historische Aufnahmen, weshalb selbst ein Standardwerk wie das von Barthels/Manthey (Opel Fahrzeug-Chronik Band 1, 2012) für die Typen bis zum Ende des 1. Weltkriegs meist auf alte Prospektabbildungen zurückgreift.

Dieser Oldtimerblog soll dazu beitragen, unzureichend dokumentierte Vorkriegstypen wieder in Erinnerung zu bringen, und zwar mit bisher unpublizierten Originalfotos!

So finden sich in der Opel-Bildergalerie bereits einige außergewöhnliche Aufnahmen ganz früher Opel-Modelle. Heute können wir eine weitere hinzufügen:

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Opel 8/25 Sport-Zweisitzer, aufgenommen 1925 in Langelsheim (Niedersachsen)

Auch wenn jemand einst den Abzug beschnitten und in ein Fotoalbum geklebt hat, ist das in mehrfacher Hinsicht eine großartige Aufnahme.

Hier hat sich im Jahr 1925 ein junger Mann in selbstbewusster Pose und aus kühner Perspektive im offenen Wagen fotografieren lassen. Wer auch immer dieses Bild im niedersächsischen Langelsheim geknipst hat, verstand etwas von Inszenierung – der Wagen mit seinem messerscharfen Spitzkühler wirkt enorm dynamisch.

Bei näherer Betrachtung zeigt sich zwar, dass wir es hier eher mit einem „halbstarken“ Auftritt zu tun haben, doch das schmälert den Reiz der Situation nicht.

Um den Wagen richtig einzuordnen, werfen wir erst einmal einen näheren Blick auf die schnittige Frontpartie:

opel_8-25_ps_zweisitzer_langelsheim_1925_ausschnitt2

Von den vielen deutschen Herstellern, die ab 1913 der Spitzkühlermode huldigten – Adler, Audi, Benz, Dürkopp, NAG, Presto, Simson, Steiger, Stoewer usw. – hatte Opel erkennbar eine der „schärfsten“ Varianten im Programm.

Den Anfang in dieser Hinsicht machte 1916 – mitten im 1. Weltkrieg – der Typ 18/50 PS. Das war der erste 6-Zylinderwagen von Opel, mit dem man zeigte, wie sich die Erfahrungen aus dem Flugmotorenbau auf PKW übertragen ließen.

Von diesem eindrucksvollen Gefährt wurden nur wenige Exemplare gebaut. Doch legte der Opel 18/50 PS technisch wie stilistisch die Grundlage für die Nachkriegszeit.

So taucht seine aggressive Optik in identischer Form beim Opel 8/25 PS wieder auf, der ab 1921 gebaut wurde. Allerdings war das rassige Aussehen mit nur noch halb so starker Motorisierung und einem 2-Liter-Vierzylinder verbunden…

Vom 8/25 PS-Modell haben wir auf diesem Oldtimerblog bereits zwei Exemplare in Originalfotos dokumentiert, wobei wir eine Aufnahme einem Leser zu verdanken haben, dessen Großvater einst solch einen Wagen fuhr (Bildbericht).

Das Besondere an dem Exemplar auf dem heute präsentierten Foto erschließt sich auf folgendem Bildausschnitt:

opel_8-25_ps_zweisitzer_langelsheim_1925_ausschnitt3

Unser beherzt nach dem außenliegenden Schalthebel greifender Sportsmann sitzt nämlich offenbar nicht in einem Tourenwagen – der gängigsten Variante des Opel 8/25 PS (wie anderer Autos jener Zeit auch).

Nein, dieser Ritter der Landstraße war einst stolzer Besitzer des raren Sport-Zweisitzers des 8/25 PS-Typs. Dank geringeren Gewichts wies der Opel damit eine dynamischere Charakteristik als der Tourenwagen auf.

Viel mehr als 80 km/h waren damit zwar nicht drin. Das war aber auch gut so – mit Starrachsen und ohne Vorderradbremse brauchte es schon Verwegenheit, um einen solchen Wagen auf den damaligen Straßen auszufahren.

Unser Opel-Pilot wirkt aber bereits im Standbild enorm schnell – und wir erfreuen uns heute nach über 90 Jahren an diesem seltenen Dokument eines „Halbstarken“…

© Michael Schlenger, 2017. All entries in this blog (including embedded photos) are copyrighted by the author, unless otherwise indicated. Excerpts and links may be used, provided that credit is given to Michael Schlenger and http://www.klassiker-runde-wetterau.com with appropriate and specific direction to the original content.

Alter Opel im neuen Gewand – Reutter sei Dank…

Was sich heutzutage in der Welt der Automobilhersteller abspielt, ist auf diesem Oldtimerblog normalerweise kein Thema.

Da produzieren gut ein Dutzend Anbieter aufgeblasene Gefährte mit meist chaotischer Linienführung außen und wenig Platz innen – der Mangel an Übersichtlichkeit wird durch Assistenzsysteme wettgemacht (?).

Wer heute einen 20, 30 Jahre alten Wagen aus gutem Hause fährt, fragt sich wo der Fortschritt geblieben ist, abgesehen vom Internetanschluss und steigenden Preisen.

Begeisterung und Leidenschaft ziehen ohnehin nur noch alte Autos auf sich. Wen interessiert es da, wenn aktuell eine Langweilermarke wie Opel von einem anderen Massenproduzenten wie Peugeot geschluckt werden soll?

Die Zeiten, da Opel und Peugeot für Innovationskraft, für technisch und formal herausragende Qualität standen, sind ohnehin lange vorbei.

Ignorieren wir daher weiter das Tagesgeschehen und wenden uns dieser Aufnahme eines alten Opel zu, der einst Gegenstand einer freundlichen „Übernahme“ war:

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Opel 20/50 PS mit Landaulet-Aufbau von Reutter (Werksaufnahme von 1927)

Dieses eindrucksvolle Landaulet wäre ein schwerer Fall, wenn mit dem alten Abzug nicht auch die Details zu dem Wagen und seiner Verwandlung mitgeliefert worden wären.

Dass es sich um einen Opel der Zeit kurz nach dem 1. Weltkrieg handelt, verrät der Spitzkühler mit dem ovalen Markenemblem, das der kunstsinnige Großherzog (und Opel-Enthusiast) Ernst-Ludwig von Hessen einst skizzierte.

Wer genau hinsieht, wird das legendäre Opel-Auge auch auf der Nabenkappe des Vorderrads entdecken:

opel_21-50_ps_reutter_landaulet_1927_frontpartie

Der übrige Aufbau gibt zwar keinen Hinweis auf den genauen Wagentyp. Doch wer auch immer einst dieses Foto gemacht hat, ging vorbildlich dokumentarisch vor.

Denn die Aufnahme zeigt ein Bild aus dem alten Werksarchiv der Stuttgarter Karosseriewerk Reutter & Co. GmbH. Dort wurden in den 1920er und 30er Jahren individuelle Aufbauten für anspruchsvolle Kunden mit Qualitätswagen gefertigt.

Im vorliegenden Fall handelte es sich um einen Opel des Typs 21/50 PS, einst ein ausgewiesenes Oberklasse-Automobil. Sein Sechszylindermotor mit 5,6 Liter Hubraum ging auf eine im Kriegsjahr 1916 vorgestellte Entwicklung zurück.

Von 1919 bis 1923 war der Typ 21/50 PS neben dem 30/75 PS das Spitzenmodell der Rüsselsheimer Firma. Die explodierende Inflation jener Jahre brachte schließlich die Produktion des mächtigen Wagens zum Erliegen.

Offenbar fand aber im Jahr 1927 noch jemand Gefallen an dem stilistisch überholten Wagen. So ließ der unbekannte Besitzer bei Reutter in Stuttgart den filigranen Aufbau schneidern, den wir hier sehen:

opel_21-50_ps_reutter_landaulet_1927_seitenpartie

Dem heutigen Betrachter fallen zuerst die großen Fensterflächen ins Auge.

Spektakulär muss außerdem das Platzangebot im Heckabteil gewesen sein, in das man einstieg wie in einen Eisenbahnwaggon. Dort gab es damals noch den Luxus intimer Abteile, der in unseren Tagen auch bei der Bahn auf der Strecke bleibt.

Bei näherer Betrachtung scheint es sich bei dem Aufbau um kein echtes Landaulet zu handeln. Denn die Dachpartie über der Rückbank wurde zwar in Kunstleder ausgeführt, doch öffnen konnte man sie wohl nicht.

Hier legte jemand Wert auf eine traditionelle Optik, begnügte sich aber mit dem Zitat des althergebrachten Aufbaus. Dafür eigens eine „neue“ Karosserie schneidern zu lassen – das ist Snobismus im besten Sinne.

So etwas kann sich nur eine unabhängige Persönlichkeit leisten, die es nicht nötig hat, mit der Zeit zu gehen. Motto: Der sogenannte Fortschritt kommt von ganz alleine, da muss ein souveräner Mensch nicht vorne mitmarschieren…

Für dieses bemerkenswert unzeitgemäße Fahrzeug sei Reutter gedankt – und ebenso der unbekannten Person, die die auf 1927 datierte Aufnahme aus dem Werksarchiv irgendwann abfotografiert hat.

© Michael Schlenger, 2017. All entries in this blog (including embedded photos) are copyrighted by the author, unless otherwise indicated. Excerpts and links may be used, provided that credit is given to Michael Schlenger and http://www.klassiker-runde-wetterau.com with appropriate and specific direction to the original content.

München vor 80 Jahren: Cabriotreffen im Regen

Die Beschäftigung mit Vorkriegsautos auf historischen Fotografien hat viele reizvolle Seiten. Dazu gehört, dass man die Fahrzeuge aus der Perspektive ihrer einstigen Nutzer im Alltagseinsatz sieht.

Während die überlebenden Fahrzeuge heute hingebungsvoll gepflegt und meist nur schonend eingesetzt werden, sah das einst ganz anders aus. Von wenigen Luxusmobilen abgesehen waren Autos in erster Linie Fortbewegungsmittel, die bei jedem Wetter zu funktionieren hatten.

Und so kommt es, dass man auf folgender Originalaufnahme gleich mehrere Gefährte bei Regenwetter entdeckt, die heute nur bei Sonnenschein gefahren würden:

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© Straßenszene in München um 1936; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Ins Auge fällt als Erstes die markante Frontpartie eines DKW – von Ahnungslosen gern auch als Auto-Union oder noch besser als Audi oder Horch angesprochen.

So bescheiden die Motorisierung der frontgetriebenen Zweitakter aus Sachsen auch anmutet, waren diese Autos doch immer kleine Schmuckstücke. Dieser Blog deckt übrigens die gesamte Palette an Vorkriegs-DKW ab, darunter auch die weniger populären Hecktriebler (Bildergalerie).

Der Zufall will es, dass unser Foto sogar eine der schönsten Ausführungen der DKW-Frontantriebswagen zeigt. Darauf kommt man aber nur bei näherem Hinsehen:

dkw_f5_luxus-cabrio_und_opel_2_liter_munchen_ausschnitt1Die Form der Vorderschutzbleche und der Kühlermaske deuten auf einen DKW F4 oder 5 hin (Bauzeit: 1934-38). Der kantige Verlauf des oberen Frontscheibenrahmens verrät aber, dass dies ein Cabriolet des Typs F5 sein muss. Den F4 gab es nur als Cabrio-Limousine, die oberhalb der Scheibe einen stabilen Querholm aufwies.

Wer genau hinsieht, erkennt am hinteren Ende des Verdecks die cabriotypische Sturmstange. Wir können daher sicher sein, dass dieses Fahrzeug eines der begehrten DKW F5 Front Luxus-Cabriolets war, die bei Horch in Zwickau eine herrliche Ganzstahlkarosserie erhielten. Nicht zufällig wurde diese Variante im Volksmund als „Der kleine Horch“ bezeichnet.

Der Wagen hinter dem DKW ist eine Cabrio-Limousine von Opel, wahrscheinlich ein 2-Liter-Typ mit 6 Zylindern, wie er ab 1934 gebaut wurde.

Liebhaber des Offenfahrens werden außerdem den Tourenwagen im Hintergrund rechts bemerken. Dieser Viertürer dürfte entweder ebenfalls ein Opel oder ein amerikanischer Wagen der 1920er sein. Die seitlichen Steckscheiben sind nicht montiert, was bei Regenwetter ein hübsches Frischlufterlebnis garantiert.

Den besten Kontakt mit der Luftfeuchtigkeit ermöglichte allerdings das Motorrad im Vordergrund. Wer aufgepasst hat, wird die Fahrerbrille in der Hand des jungen Manns links im Bild registriert haben.

Er wird also nicht in den schönen DKW einsteigen und auch nicht in den zweiten 6-Zylinder-Opel auf der gegenüberliegenden anderen Seite des Platzes, sondern muss sich mit dem Zweirad begnügen:

dkw_f5_luxus-cabrio_und_opel_2_liter_munchen_ausschnitt2

Doch schon der Besitz eines Motorrads war in der Vorkriegszeit etwas Besonderes. Die meisten „Volksgenossen“ hierzulande mussten sich mit Fahrrad oder (Straßen-)Bahn begnügen, wenn sie nicht ohnehin zu Fuß unterwegs waren.

Wenn nicht alles täuscht, handelt es sich bei dem Zweirad auf dem Foto um eine Zündapp des Typs K200 mit Kastenrahmen – im Unterschied zu den großen Zündapps heute ein immer noch recht günstiges Motorrad mit sehr markanter Optik.

Zum Schluss noch kurz zum Aufnahmeort: Das Bild entstand einst auf dem Rathausplatz in München, wobei man sich den eindrucksvollen Rathausbau linker Hand vorstellen muss. Trotz der weiträumigen Zerstörungen durch alliierte Bombenangriffe hat der Platz nur wenig von seinem ursprünglichen Reiz eingebüßt.

München war nach 1945 die einzige deutsche Großstadt, die ihr über Jahrhunderte gewachsenes Stadtbild weitgehend wiederhergestellt hat. Die Münchener sind dafür von „fortschrittlichen“ Architekten, die ihr Handwerk meist unter dem NS-Regime gelernt haben, einst als rückständig verspottet worden.

Heute ist München die deutsche Großstadt mit dem intaktesten historischen Zentrum und einer beinahe südlich anmutenden Lebensqualität – nur die Autos sind dort leider ebenso langweilig wie überall…

Eroberer von Stadt und Land: Opel 4 PS-Modell

Freunde von Vorkriegsautos finden auf diesem Oldtimerblog zum einen Vertreter legendärer Prestigemarken – erst gestern wurde ein Horch 8 vorgestellt – zum anderen vermeintlich unscheinbare Großserienfahrzeuge.

Dabei ist nicht nur der markenübergreifende Ansatz eine Besonderheit im deutschsprachigen Teil des Netzes, sondern auch die Art der Präsentation. Hier werden anstelle von Aufnahmen moderner Hochglanzrestaurierungen bevorzugt zeitgenössische Originalfotos aus dem Fundus des Verfassers gezeigt.

Diese historischen Bilder zeigen die Fahrzeuge im Alltag, mit oft deutlichen Benutzungsspuren, mit ihren Besitzern und Bewunderern in der Umgebung, die von einer untergegangenen Welt kündet.

Heute stellen wir Aufnahmen vor, die anhand nur eines Autotyps alles vereinen, was diese alten Fotos über die automobile Komponente hinaus so reizvoll macht.

Das Fahrzeug selbst ist denkbar unspektakulär – ein Opel 4/16 bzw 4/20 PS-Modell, mit dem die Rüsselsheimer Ende der 1920er Jahre den Durchbruch in der Großserienproduktion schafften. Den Typ als solchen nebst Vorgängern haben wir bereits ausführlich besprochen (4/14 PS, 4/16 PS, 4/20 PS).

Hier geht es daher nicht mehr um technische und formale Details des populären Opel „Laubfrosch“, sondern darum, wie er die individuelle Mobilität in Deutschland einst vorangebracht hat.

So ist auf vielen Ansichtskarten deutscher Großstädte aus der Zeit um 1930 einer der kleinen Opelwagen zu sehen. Hier ein erstes Beispiel aus Frankfurt am Main:

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© Opel 4 PS in Frankfurt/Main; Ansichtskarte aus Sammlung Michael Schlenger

Das Auto rechts könnte ein US-Wagen sein, dafür spricht die breite Spur. Links steht aber auf jeden Fall ein zweitüriger Opel 4/16 oder 4/20 PS, zu erkennen am geschwungenen Oberteil der Kühlermaske, das man von Packard geklaut hatte.

Das herrliche spätmittelalterliche Gebäudeensemble südlich des Doms ist wie die übrige Fachwerkaltstadt beim alliierten Bombenangriff im März 1944 verbrannt.

Von diesen – wie deutsche Kriegsverbrechen verwerflichen – Aktivitäten alliierter Schreibtischtäter verschont blieben nur die historischen Zentren weit östlich gelegener Städte. Sie lagen außerhalb der Reichweite der Bomber und Begleitjäger.

Neben dem Kleinod Görlitz an der polnischen Grenze blieb auch Zittau in Sachsen unversehrt, das direkt an der Grenze zu Tschechien liegt. Die folgende Ansicht können Besucher heute nach wie vor genießen – von den Autos abgesehen:

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© Opel 4 PS in Zittau/Sachsen; Ansichtskarte aus Sammlung Michael Schlenger

Die vorderen vier Wagen, die auf dem Marktplatz abgestellt sind, sind wahrscheinlich Opel der Typen 4 PS bzw. 10 PS (letzterer wird bei Gelegenheit vorgestellt).

Auch hier sieht man, wie die Autos von Opel einst die deutschen Groß- und Kreisstädte eroberten. Kein anderer Hersteller hierzulande verstand es, sich dem Vorbild der enorm leistungsfähigen US-Marken zumindest anzunähern.

Und so begegnen wir den 4 PS-Modellen von Opel Ende der 1920er Jahre nicht nur in Metropolen wie Frankfurt oder mittelgroßen Orten wie Zittau, sondern auch in Kleinstädten, wie folgende Ansichtskarte belegt:

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© Opel 4 PS in Iphofen/Unterfranken; Ansichtskarte aus Sammlung Michael Schlenger

Dieses Idyll scheint wie aus einem Werk des romantischen Malers Spitzweg gefallen zu sein. Zu sehen ist das Rödelseer Tor des Orts Iphofen in Unterfranken.

So unglaublich es klingt: Von dem Opel abgesehen, bietet sich dem Flaneur dort noch heute genau dieselbe Ansicht. Selbst das Kopfsteinpflaster hat man bewahrt, das ist ohnehin die beste Entschleunigungstechnik innerorts.

Übrigens hat man hier die seltene Gelegenheit, die auffallend schmale Silhouette des Opel 4PS-Modells zu studieren:

opel_4-16_oder_4-20ps_iphofen_ausschnitt

Gut zu erkennen ist auch der Packard-Kühler, der von 1927 bis zum Ende der Produktion des 4 PS-Modells verbaut wurde. Demnach muss es sich um einen späten Opel 4/16 PS oder einen 4/20 PS-Typ handeln.

Schön ist der Blick durch das Tor in die Landschaft, wie er vielerorts noch bis in die 1950er Jahre genießen war. Was hier verlorengegangen ist und im Zuge einer zerstörerischen Energiepolitik weiter dezimiert wird, bemerkt man erst, wenn man historische Orte im Elsass oder der Toskana durch das Stadttor verlässt: Unvermittelt steht man vor einer über Jahrhunderte kaum veränderten Kulturlandschaft.

Damit wären wir an der letzten Station unserer Reise im Opel 4 PS – auf einem Gutshof auf dem Land irgendwo in Westfalen:

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© Opel 4 PS mit Zulassung Westfalen; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Von der zweitürigen Opel-Limousine sieht man nicht viel, aber genug, um sie als 4/16 oder 4/20 PS-Modell der Baujahre 1927-29 anzusprechen. Typisch ist die seitliche Zierleiste auf Höhe der Motorhaubenkante. Auch die Zweifarblackierung kündet von der Verfeinerung, die das anfangs sehr simple Modell inzwischen erfahren hatte.

Im Hintergrund erkennt man solide Ziegelsteinarchitektur und ein gefällig geformtes Hoftor – hier wohnen Leute, die auf ein gepflegtes Entree Wert legen.

Und diese Leute, die einst um 1930 so lässig und selbstsicher an ihrem Opel posierten, sind einen näheren Blick wert:

opel_4-16_oder4_20_ps_ausschnittDas sind allesamt gestandene Charaktere, die trotz Anzug mit Krawatte eine natürliche Individualität ausstrahlen. Solche echten Persönlichkeiten brauchten weder auffällige Tätowierungen, durchbohrte Ohläppchen oder sonstige Insignien einer herbeiphantasierten „Stammeszugehörigkeit“.

Von diesem großartigen Foto lässt sich einiges lernen und sei es nur, dass ein würdiges Erscheinungsbild immer noch vom einzelnen Menschen abhängt. Dazu kann dann durchaus der ein oder andere alte Opel als Zierde gehören…