Startklar für’s Neue Jahr – ein Packard 120

Noch vor ein paar Tagen hörte man allerorten die Frage, wo denn der Winter bliebe. Nun, abgesehen davon, dass er weite Teile der USA und Osteuropas schon länger im Griff hatte, ist er zu Beginn des Jahres 2017 auch in Deutschland eingezogen.

Wie üblich sorgt der erste Schnee bei zeitgenössischen Automobilisten für Verstörung. Es wird geschlichen, als gäbe es keine Winterreifen, Spurkontrolle und ABS. Je besser die Fahreigenschaften der Autos, desto unsicherer wirken viele Fahrer…

Vor rund 80 Jahren – wohl im Winter 1937 – entstand in Siebenbürgen (Rumänien) folgende schöne Aufnahme, die wir einer Leserin dieses Blogs verdanken:

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Packard 120, zweite Hälfte der 1930er Jahre

Man stelle sich den heutigen Durchschnittsfahrer, dessen Konzentration oft durch die Bedienung diverser Mobilgeräte während der Fahrt beansprucht wird, mit einem Vorkriegswagen bei dieser Witterung vor.

Einen Vorteil hätte dies vermutlich – der morgendliche Stau auf dem Weg zur Arbeit würde mangels Teilnehmern ausfallen. „Chef, ich hab‘ vergessen, die Batterie über Nacht im Hausflur aufzuladen. Wie das mit der Anlasserkurbel geht, weiß ich nicht; es soll auch gefährlich sein. Ich mach‘ diese Woche Homeoffice, okay?“

Ein anderer hat immerhin die Startprozedur absolviert, doch der Motor will nicht warm werden und der Vergaser vereist laufend: „Chef, ich hab‘ vergessen, die Kühlermanschette anzubringen und bin liegengeblieben. Wird etwas später werden, aber diese Woche erzählen wir uns ja eh‘ nur, wie die Feiertage waren…“.

Ein Dritter hat es immerhin bis auf den Firmenparkplatz geschafft. Doch da die Frontscheibe beschlagen ist, sieht er den neuen Achtzylinder-Horch des Chefs nicht und nimmt ihm die Vorfahrt. „Chef, tut mir leid, ich hab‘ vergessen, eine Scheibenheizung nachzurüsten. Toller Schlitten übrigens, ist das ein Ami?“

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Man sieht – diese alten Vehikel boten jede Menge Gelegenheit für peinliche Ausrutscher. Ganz zu schweigen von durchdrehenden Rädern beim Anfahren, heftigem Untersteuern in scharfen Kurven und mäßigen Bremsen hangabwärts.

Dennoch: Wer sich in Europa vor dem 2. Weltkrieg ein Auto leisten konnte, genoss damit auch im Winter eine Mobilität und einen Komfort, wie er für den Großteil der Zeitgenossen undenkbar war.

Das galt erst recht, wenn man über so ein großartiges Fahrzeug wie das auf unserem  Foto verfügte:

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Format und Linienführung sprechen für ein amerikanisches Fabrikat. Zwar ist vom Kühler außer der davor angebrachten Manschette kaum etwas zu erkennen, doch lassen sich Marke und Typ genau identifizieren.

Den entscheidenden Hinweis auf den Hersteller liefert die Sicke im Oberteil der Motorhaube. Sie läuft bis zu Kühlermaske durch, deren Oberseite eine entsprechende Einkerbung aufweist – das muss ein Packard sein! Dazu passen auch die Radkappen.

Mit wenig Aufwand lässt sich anhand weiterer Details der Typ feststellen. Dabei helfen die tropfenförmigen Scheinwerfern mit dem markanten Chromkamm und die eigentümliche Gestaltung der seitlichen Haubenschlitze.

Von der Stoßstange abgesehen – die bei Wagen für den europäischen Markt anders ausgefallen sein mag- spricht alles für einen Packard Typ 120, wie er von 1935-37 gebaut wurde.

Der „One-Twenty“ – so die offizielle Bezeichnung – war bei dem traditionsreichen Luxuswagenhersteller aus Detroit das Einstiegsmodell. Doch in Europa gehörte man mit dem Packard 120 zu den „happy few“.

Denn der Wagen bot einen Reihenachtzylindermotor mit 110 bis 120 Pferdestärken, unabhängige Radaufhängung vorne und einen luxuriösen Innenraum mit reichlich Platz, auch auf der durchgehenden Sitzbank vorne.

Die heutige Schnellfahrfraktion mag über die Höchstgeschwindigkeit dieses Wagens von über 130 km/h lächeln. Doch damals zählten nicht Maximaltempo, sondern souveräne Kraftentfaltung und schaltfaules Fahren, speziell am Berg – Tugenden, die in Zeiten kleinvolumiger Motoren in Vergessenheit geraten sind.

Von den Extras hatte der einstige Eigner – übrigens der Großvater der Spenderin des Fotos – zumindest das Reserverad im Kotflügel geordert. Ob er auch Zeituhr, Radio und Heizung bestellt hatte, wissen wir nicht – verfügbar waren sie jedenfalls.

Die winterliche Ausfahrt mit dem Packard 120 scheint auch die beiden Passagiere erfreut zu haben, die unsere Aufnahme zeigt. Es muss kalt gewesen sein, doch Mutter und Sohn wirken in diesem Moment sehr zufrieden:

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Dieses Dokument erzählt uns etwas von der Freude, ein Automobil zu besitzen und damit auch unter widrigen Bedingungen nach eigenem Gusto unterwegs zu sein.

Das geht übrigens auch heute noch mit Vorkriegsautos ganz hervorragend. Neben dem intensiven Fahrerlebnis ohne Navigationsgerät und Internetanschluss kommen mit etwas Glück und Gefühl für die Situation solche Ergebnisse heraus:

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Opel Super 6 im Originalzustand, Ende 2016

In diesem Sinne wünscht der Verfasser allen Freunden von Vorkriegsfahrzeugen einen guten Start ins Neue Jahr und viel Freude mit dem alten Blech auf allen Wegen!

1935: Ein Packard Six Roadster vor dem Berliner Dom

Dieser Vorkriegs-Oldtimerblog dokumentiert die einstige Markenvielfalt im deutschsprachigen Raum anhand historischer Originalfotos aus der Sammlung des Verfassers.

Das Bild, das sich dabei zeigt, ist ein ganz anderes als das, was man auf modernen Straßen präsentiert bekommt. Heute stark präsente Hersteller wie Audi, BMW und Mercedes spielten bis zum 2. Weltkrieg kaum eine Rolle. Und Volkswagen war nur als ein gedankliches Konzept bekannt, an dem sich viele vergeblich abarbeiteten.

Beherrscht wurden Deutschlands Straßen vielmehr von Adler, DKW und Opel. Eine gewisse Bedeutung hatten außerdem Wagen von Brennabor, Dürkopp, Hanomag, NAG und NSU. Aus dem europäischen Ausland waren vor allem Citroen und Fiat vertreten.

Die eigentliche Überraschung aus heutiger Sicht ist die Verbreitung amerikanischer Wagen. Selbst wenn man Ford außen vor lässt, stößt man auf alten Aufnahmen ständig auf Marken wie Buick, Chevrolet und Chrysler.

Sogar Exoten wie Auburn, Essex, Overland und DeSoto laufen einem über den Weg. Warum US-Automobile speziell in den späten 1920er und frühen 1930er Jahren hierzulande so erfolgreich waren, lässt folgendes Foto gut erkennen:

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© Packard „Six“ Roadster, Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Dieser Zweisitzer war das kleinste und günstigte Fahrzeug aus dem Hause Packard – doch nach europäischen Maßstäben ein repräsentatives und beeindruckend motorisiertes Gefährt.

Es handelt sich um einen Sechszylinderwagen des Typs 533, der in der hier zu sehenden Ausführung nur 1927/28 gebaut wurde. Mit über 80 PS aus 4,7 Liter Hubraum war der „kleine“ Packard so stark wie sonst nur weit teurere Achtzylinder deutscher Hersteller.

Neben der üppigen Leistung zeichnete sich der Packard durch dieselbe hervorragende Qualität wie die großen Luxusmodelle der Marke aus, die sich an Rolls-Royce maßen. Auch formal setzte Packard Maßstäbe:

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Die Kühlerform mit der markant gestalteten Oberseite, die sich in entsprechenden Kerben in der Motorhaube widerspiegelt, wurde ziemlich dreist von Opel kopiert, wo man in punkto Plagiaten auch sonst wenig Skrupel hatte (siehe Opel Laubfrosch).

Typisch amerikanisch war der massive Chromschmuck, hier blieb man bei den deutschen Herstellern meist zurückhaltender. Ein sportliches Detail ist die nach vorn herunterklappbare obere Hälfte der Frontscheibe.

Für US-Wagen jener Zeit eher untypisch – aber bei diesem Modell original – sind die Scheibenräder. Ansonsten verbaute man in Amerika meist satt verchromte Speichenräder.

Dass der stolze Besitzer ein Deutscher und kein Amerikaner war, belegt die Tatsache, dass dieses Foto einst von ihm als Postkarte nach Bad Hersfeld versandt wurde, wo seine Mutter lebte:

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Offenbar hatte er sie kurz zuvor mit dem Packard besucht und auf der Postkarte schreibt er, dass er das Foto als Beweis seiner gesunden Rückkehr hat machen lassen. Datiert ist die Nachricht auf den 1. April 1935. Das Foto ist also vermutlich an einem recht kalten Märztag jenes Jahres entstanden.

Dank der eindrucksvollen Kirchensilhouette im Hintergrund können wir auch sagen, wo er den Packard hat ablichten lassen: vor dem Dom in Berlin. Das hohe Gebäude, dessen Kante man rechts auf der ersten Aufnahme sieht, ist übrigens das nach dem 2. Weltkrieg aus ideologischen Gründen gesprengte Schloss, das in diesen Tagen wiederaufersteht.

Dieser einst repräsentativste Platz Berlins erhält mit der Rekonstruktion des Schlosses ein Stück seiner Identität wieder – was heutige Architekten nicht zustandebekämen. Aber auch die US-Autohersteller haben ja einen langen Abstieg absolviert…

Der Laubfrosch wird erwachsen: Opel 4/16 und 4/20 PS

Auf diesem Oldtimer-Blog wird die Geschichte von Vorkriegsautos anhand originaler Fotografien aus der Sammlung des Verfassers erzählt. Im Mittelpunkt stehen Marken aus dem deutschsprachigen Raum (einschließlich Lizenzfabrikaten).

Wer sich für die PKW-Produktion von DKW und Hanomag bis 1945 interessiert, fndet hier bereits eine fast vollständige Fotodokumentation der einzelnen Typen. Bei AdlerBMWHorch, Mercedes-Benz, NAG und Wanderer bestehen noch einige Lücken, die aber im Lauf der Zeit ebenfalls geschlossen werden sollen.

Fortschritte macht derzeit die Typenbesprechung bei Opel vom 4PS-Typ „Laubfrosch“ bis zu den Modellen der späten 1940er Jahre. Zuletzt hatten wir hier die ab 1925 gebaute frühe Variante des Opel 4/16 PS präsentiert. Heute ist die von Oktober 1927 an erhältliche Ausführung an der Reihe, die sich formal von der ersten Serie unterschied.

Bei der Herausarbeitung der Unterschiede sind uns drei Originalfotos behilflich:

© Opel 4/16 PS und 4/20 PS; Originalfotos aus Sammlung Michael Schlenger

Keine Sorge, wir schauen uns die Wagen noch genauer an, doch soll hier auch die originale Situation festgehalten werden, die den Blick der damaligen Fotografen widerspiegelt.

Wir beginnen dort, wo wir aufgehört haben, beim Opel 4/16 PS in der frühen Variante, und rufen uns seine äußeren Merkmale anhand folgenden Ausschnitts der ersten Fotografie in Erinnerung:

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Der ab Oktober

1926 erhältliche Typ 4/16 PS verfügte anfänglich noch über die weit ausladenden Vorderschutzbleche des Vorgängers 4/14 PS. Der Tankeinfüllstutzen lag aber nicht mehr außen vor der Windschutzscheibe und die Reihe Luftschlitze in der Motorhaube war durchgehend statt in der Mitte unterbrochen.

Übrigens sehen wir hier die viersitzige Tourenwagenversion des Opel 4/16 PS vor einem Haus, das wahrscheinlich einem Besitzer aus dem bayrischen Städtchen Königsbrunn gehörte, wie eine Netzrecherche anhand des Firmennamens ergab.

Wenden wir uns nun dem zweiten Foto zu, das die ab Oktober 1927 gebaute Nachfolgeversion des Opel 4/16 PS auf einer Reise im Alpenraum zeigt:

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Gegenüber dem vorigen Foto fällt das abgerundete Vorderschutzblech auf, das das Rad enger umfasst und weniger vom Unterbau des Vorderwagens preisgibt. Auch der hintere Kotflügel verläuft nun nicht mehr so exaltiert.

Ansonsten scheint auf den ersten Blick alles beim alten zu sein. Mit den beschriebenen Änderungen wurde aber auch ein Detail eingeführt, das nur ansatzweise zu erkennen ist.

Dazu schaue man auf der Höhe der rechten Hand des vor dem Opel stehenden Reisenden auf die Gestaltung der Motorhaubenoberseite. Dort zeichnet sich eine nach hinten auslaufende Einkerbung ab, die von einer Stufe in der Kühlermaske ausgeht.

Tatsächlich wurde bei der hier gezeigten späteren Version des Opel 4/16 PS  (ab 1927) der bisherige Rundkühler durch einen markanten Kühler abgelöst, den die Rüsselsheimer bei der US-Luxusmarke Packard abgekupfert hatten.

Nachdem der erste Opel 4/12 PS „Laubfrosch“ ein Plagiat des Citroen 5CV war, setzte man mit der bei Packard geklauten Kühlerpartie noch einen oben drauf. Kurioserweise wurde Opel später von einem Packard-Konkurrenten – General Motors – übernommen…

Da man dieses Detail auf dem von der Seite aufgenommenen Foto kaum erkennen kann, schauen wir uns den am Opel ab 1927 verbauten Packard-Kühler auf der dritten Aufnahme genauer an:

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So unscharf der vordere der beiden abgebildeten Opels auch abgebildet ist, so deutlich tritt doch die abgestufte Form des „Packard“-Kühlers hervor.

Ein Detail weist aber daraufhin, dass dieser Wagen – vom identischen Kühler abgesehen – wohl kein Opel 4/16 PS mehr ist, sondern eine frühe Version des Nachfolgers 4/20 PS, der ab 1929 in der hier zu sehenden offenen Zweisitzer-Ausführung verfügbar war.

So tauchen im Jahr 1929 anstelle der bisher oben abgerundeten Trittschutzbleche am Schweller breitere auf, die oben leicht spitz zulaufen. Das sind subtile Details, aber nur sie erlauben eine Einordnung der Versionen des Opel 4 PS „Laubfroschs“.

Mit der letzten Variante 4/20 PS war das Modell erwachsen geworden und hatte den Makel des Plagiats hinter sich gelassen. Über 100.000 Exemplare wurden bis zum Ende der Produktion im Jahr 1931 gefertigt, mehr als von jedem anderen deutschen Auto zuvor.

Und so kam ein Opel Laubfrosch meist nicht allein. Auf dem dritten Bild ist er auch im Doppelpack unterwegs, irgendwo auf dem Lande zu Erntezeit. Daher noch ein Blick auf den zweiten Opel auf dem Foto:

opel_4-20_ps_2-sitzer_und_tourenwagen_wagen2_1930-31Auch dies muss ein Typ 4/20 PS sein, und zwar eine späte Version, wie sie 1930/31 gebaut wurde. Das verrät der Verlauf der von der A-Säule ausgehenden Zierleiste.

Über die Menschen, die auf den drei Aufnahmen zu sehen sind, ist längst das große Rad der Zeit hinweggegangen. Doch die alten Fotos und die überlebenden Fahrzeuge aus vergangener Zeit erinnern an sie.

Das macht einen Teil der Magie der Oldtimerei aus…

Vor 85 Jahren: Ein Packard „Six“ bei feinen Leuten…

Wo sind eigentlich all‘ die gut motorisierten US-Wagen geblieben, die auf dem deutschen Markt Ende der 1920er Jahre „wie geschnitten Brot“ weggingen?

Auf zeitgenössischen Fotos stößt man immer wieder auf Sechszylinder-Modelle von Buick, Chevrolet oder Chrysler mit deutschen Nummernschildern. Dank wirklich industrieller Fertigung, wie sie in vergleichbarer Größenordnung kein europäischer Hersteller zuwegebrachte, waren diese hochwertigen Wagen unschlagbar günstig.

Einige US-Firmen richteten in Deutschland sogar eigene Fertigungsstätten ein, um die hohen Einfuhrzölle zu vermeiden. Doch selbst Wagen amerikanischer Marken ohne lokale Produktion gelangten nach Deutschland.

Ein Beispiel dafür zeigt das folgende Originalfoto, das im Mai 1931 aufgenommen wurde:

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© Packard „Six“ der späten 1920er Jahre; Foto aus Sammlung Michael Schlenger

Zur Abwechslung ist die Identifikation des Wagens recht einfach. Dass es ein Modell des unabhängigen Traditionsherstellers Packard ist, wäre auch ohne den Schriftzug auf dem Kühlergitter zu erkennen. Die Form der Kühlermaske ist nämlich typisch genug, wenngleich Opel diese eine Weile ziemlich dreist abkupferte.

Der Form nach handelt es sich um ein Modell der späten 1920er Jahre, sehr wahrscheinlich um einen Vertreter des von 1925-28 gebauten Sechszylindertyps „Six“.

Damals wurde noch nicht jedes Jahr eine neue Karosserie verbaut. Stattdessen wurde die Form behutsam weiterentwickelt und man muss schon genau hinsehen, um ein frühes von einem späten Modell des Packard „Six“ zu unterscheiden:

Packard_Six_526_Gut_Schrevenborn_Mai_1931_Ausschnitt_1 Die vorne abgerundeten Schutzbleche mit der schmalen umlaufenden Sicke sprechen für ein Modell der Jahre 1927/28. Dass es kein Wagen der ab 1929 gebauten Achtzylinderserie ist, lässt sich an den hier noch trommelförmigen Scheinwerfern erkennen.

Die späten Exemplare des Packard „Six“ leisteten rund 80 PS. Das bot in der Sechszylinder-Klasse kein deutscher Hersteller zu einem vergleichbaren Preis.

Dass der Packard auf unserem Bild intensiv genutzt wurde, ist am Zustand von Stoßstange und Kennzeichen abzulesen. Das war kein Schönwetterauto zum Herzeigen auf dem Boulevard, sondern ein echter Kilometerfresser.

Damit wären wir bei der Aufnahmesituation. Der Packard stammt dem Nummernschild nach zu urteilen aus dem Zulassungsbezirk Berlin (Kürzel „IA“). Das Foto ist laut umseitiger Beschriftung aber auf Gut Schrevenborn an der Ostsee entstanden.

Der im Landkreis Plön in Schleswig-Holstein befindliche Gutshof ist über 400km von Berlin entfernt. Der Packard dürfte gerade eine entsprechende Fahrt über Landstraßen hinter sich haben – Autobahnen gab es 1931 in Deutschland noch nicht.

Eine solche Reise in einem so gehobenen Automobil konnten sich nur „bessere Leute“ leisten. Auf diesem Bildausschnitt sehen wir einige davon:

Packard_Six_526_Gut_Schrevenborn_Mai_1931_Ausschnitt_2

Das „Empfangskomitee“ hat sich ganz entzückend auf der Treppe zum Eingang platziert. Nebenbei: Eine derartig raffiniert angeordnete Sitzgruppe kann man von modernen Architekten nicht mehr erwarten – ebensowenig die Freundlichkeit der Fassade.

Eine Offenbarung ist auch das Erscheinungsbild der vier Damen: jede individuell frisiert und typgerecht gekleidet – keine Spur von Modediktat und dennoch absolut geschmackssicher. Man kann in Zeiten angeblicher Weltoffenheit und Vielfalt, die oft nur ein Vorwand für jede Form von Vulgarität ist, einiges von solchen alten Fotos lernen…

Schloss Dyck 2015: Rückblende in Analogtechnik

Die Classic Days auf Schloss Dyck am Niederrhein müssen nicht mit vielen Worten angepriesen werden. Wer einmal dort war, ist süchtig nach Deutschlands schönster Klassikerparty. Das Warten auf die nächste Ausgabe des Spektakels lässt sich vielleicht mit einigen Bildern aus dem Jahr 2015 erträglicher gestalten.

Der Verfasser hat von dort Aufnahmen mitgebracht, die nach alter Väter Sitte in Analogtechnik entstanden sind. Auf einer Klassikerveranstaltung, bei der historische Technik gefeiert wird, liegt es nahe, auch eine Kamera einzusetzen, an der ebenfalls alles manuell eingestellt werden muss.

Hier ein erster Vorgeschmack, die Brücke über den Wassergraben von Schloss Dyck:

Schlosspark

© Schloss Dyck Classic Days 2015; Bildrechte: Michael Schlenger 

Ja, aber gibt es für die alten Kameras überhaupt noch Filme? Sicher, so wie es auch noch Kerzen und handgefertigte Schuhe gibt. Bei allem Fortschritt überleben die meisten alten Handwerke und Technologien in einer Nische – zur Freude von Individualisten. Und so entdecken heute selbst Leute, die mit der Digitaltechnik großgeworden sind, den Reiz der klassischen, auf Chemie basierenden Fotografie wieder.

Die Beschränkung auf 36 Aufnahmen pro Film erzieht dazu, über jedes Bild nachzudenken. Mangels Programmen muss der Fotograf den Prozess der Bildentstehung verstehen – und kann ihn daher auch bewusst steuern. Letztlich liefert die auf Chemie basierende klassische Fotografie andere Ergebnisse als die digitale.

Man sieht das den folgenden Bildern an – auch wenn es sich um datenreduzierte Digitalscans handelt; die Negative liefern natürlich weit mehr Details. Beginnen wir mit Cyclecars und kompakten Sportwagen der 1920/30er Jahre:

© Schloss Dyck Classic Days 2015; Bildrechte: Michael Schlenger 

Zu sehen waren hier ein Cyclecar der französischen Marke Amilcar, ein MG-Roadster und ein Bugatti-Rennwagen – alles feingliedrige Sportfahrzeuge, die einst viele Erfolge feierten.

Eine ganz andere Dimension stellen die Bentleys der Zwischenkriegszeit dar. Sie sind groß, schwer und selten elegant. Doch sind sie so opulent motorisiert, dass sich damit heute noch auf der Autobahn mithalten lässt. Von diesem Potential machen die Mitglieder des Londoner Benjafield’s Racing Club Gebrauch, die jährlich zu den Classic Days auf Schloss Dyck auf eigener Achse anreisen. Hier eine Auswahl dieser mächtigen  Vehikel:

© Schloss Dyck Classic Days 2015; Bildrechte: Michael Schlenger 

In der Bentley-Liga treten stets auch „Specials“ auf, also umgebaute Fahrzeuge auf Basis von Werkschassis. Das können im Idealfall zeitgenössische Wagen sein, aber ebenso Kreationen der Nachkriegszeit, bei der jemand aus einem Wrack etwas Eigenes gezaubert hat. Heute noch dienen kaum restaurierungswürdige Limousinen von Marken wie Alvis oder Riley als Basis für solche Sportgeräte. Das Resultat ist oft sehr ansehnlich – und selbst aus einem braven Austin Seven lässt sich ein Sportwagen machen!

Natürlich ist auch die Klasse der Luxuswagen der Vorkriegszeit auf Schloss Dyck stets mit großartigen Exemplaren vertreten. Hier sind majestätische Limousinen, Roadster und Tourer von Marken wie Mercedes, Lagonda und Rolls-Royce in Bewegung unter freiem Himmel zu sehen. Diese Fahrzeuge muss man außerhalb eines Museums erlebt haben, um ihre phänomenale Präsenz zu begreifen. Eine kleine Auswahl davon:

© Schloss Dyck Classic Days 2015; Bildrechte: Michael Schlenger 

Doch auch Klein- und Mittelklassewagen der 1930er Jahre kommen auf Schloss Dyck zu ihrem Recht. Dabei sind neben Werkskarosserien auch Sonderanfertigungen zu sehen, die etwa aus einem kleinen Tatra ein mondänes Gefährt machen. Zu sehen gibt es auch seltene Transporter-Ausführungen wie im Fall des Lancia Aprilia:

© Schloss Dyck Classic Days 2015; Bildrechte: Michael Schlenger 

Zum Schluss noch einige Leckerbissen für die Freunde klassischer Wagen der 1950er und 60er Jahre. Hier gibt es traumhafte GTs von Marken wie Lancia oder Maserati zu sehen, die einen von der verlorengegangenen Schönheit im Automobilbau träumen lassen. Jedes Jahr wird außerdem ein besonderer Marken- oder Typenakzent gesetzt. 2015 wurden beispielsweise herausragende Exemplare der britischen Marke Bristol präsentiert:

© Schloss Dyck Classic Days 2015; Bildrechte: Michael Schlenger 

Last but not least sei erwähnt, dass man bei den Classic Days stets auch ein glückliches Händchen hat, was die Auswahl des begleitenden Showprogramms angeht. Diese jungen Damen etwa begeisterten mit einem perfekten Auftritt im Stil der 1940er Jahre:

© Schloss Dyck Classic Days 2015; Bildrechte: Michael Schlenger

Vorfreude auf die Classic Days 2016 auf Schloss Dyck

2015 wurden auf dem herrlichen Areal von Schloss Dyck unweit von Düsseldorf zum zehnten Mal die fabelhaften Classic Days zelebriert.

Wenn es sie nicht gäbe, müsste man sie glatt erfinden, denn eine zweite Klassikerveranstaltung dieser Größenordnung, in der das Umfeld sowie die Vielfalt und Qualität des Gebotenen zu einem harmonischen Ganzen verschmelzen, gibt es in Deutschland kein zweites Mal.

© Impressionen von den Classic Days 2015; Bildrechte: Michael Schlenger

Hier kommen nicht nur die Freunde klassischer Fahrzeuge der 1950er bis 60er Jahre auf ihre Kosten – auch die Vorkriegsfraktion ist stets mit einer erlesenen Auswahl an seltenen und eindrucksvollen Gefährten vertreten.

Besonders charmant: Man kann einen Großteil der Autos in Aktion erleben, denn auf einer eigens abgesperrten Rundstrecke treten die ganze Veranstaltung über die unterschiedlichsten Felder an.

Zwar wird überwiegend gemächlich gefahren, doch beim Start der Motoren im Fahrerlager und beim Einnehmen der Startaufstellung kommt durchaus Rennatmosphäre auf. Viele Besucher genießen das Treiben bei einem entspannten Picknick.

© Impressionen von den Classic Days 2015; Bildrechte: Michael Schlenger

Übrigens lohnt es sich, bereits am Freitagnachmittag über das weitläufige Gelände zu flanieren. Ein Großteil der Fahrzeuge steht dann schon an seinem Platz oder trifft nach und nach ein. Gleichzeitig ist die Besucherzahl noch überschaubar und man kann ungestört fotografieren.

Neben den obigen Bildern der Classic Days 2015 soll auch der folgende Film Appetit auf die Neuauflage am 5. bis 7. August 2016 machen. Er nimmt sich viel Zeit für die Veranstaltung und gibt die Atmosphäre in allen ihre Facetten wieder.

© Videoquelle: Vimeo; Urheberrecht: Guido Marx

Mit dem Film lassen sich auch Zeitgenossen für die Classic Days gewinnen, die sich bisher nicht für altes Blech und laute Motoren erwärmen konnten. Der Magie des Ortes und der prachtvollen Vehikel kann man sich jedenfalls kaum entziehen.

Auf ein Wiedersehen im Sommer 2016!