Ideal als Zweitwagen: Der Praga „Piccolo“

Einer der Gründe, weshalb der Verfasser seit Jahren keine deutschsprachige Oldtimer-Zeitschrift mehr bezieht, ist das beschränkte Markenspektrum, das dort abgebildet wird.

Das mag aus Sicht der Redaktionen durchaus Gründe haben, die hier nicht bewertet werden sollen. Wer nach Alternativen sucht, wird beim britischen Magazin „The Automobile“ fündig.

Die Engländer „beschränken“ sich dort konsequent auf Fahrzeuge bis Ende der 1950er Jahre. Tatsächlich wird dem Leser aber eine unglaubliche Vielfalt an Marken, Typen und Karosserievarianten präsentiert.

Im deutschsprachigen Raum gibt es keine annähernd vergleichbare gedruckte Publikation. Im Internet finden sich aber immerhin einige wenige Anlaufpunkte für die Freunde ungewöhnlicher Fahrzeuge der Vorkriegszeit.

Eine Fundgrube speziell für französische und britische Wagen der 1920er Jahre ist der bekannte Blog von Michael Buller.

Wer sich daneben für deutsche, österreichische und italienische Marken interessiert, mag den Oldtimer-Blog des Verfassers als Ergänzung betrachten.

Als geradezu ideale Illustration eignet sich folgende zeitgenössische Aufnahme, mit der wir uns heute beschäftigen:

Praga_Piccolo_Fiat_509_Prellenkirchen_Galerie

Fiat und Praga der 1920er Jahre; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Solche Aufnahmen transportieren uns in die Zeit zurück, in der die heute gehegten und gepflegten überlebenden Vehikel noch im Alltag genutzt wurden. 

Heute würde kein Mensch mehr die Familie vor der Garage versammeln, um sich mit seinen vierrädrigen Gefährten ablichten zu lassen.

Von den heutigen Autos wird es daher solche Bilder in 90 Jahren kaum geben – abgesehen davon, dass sie zwischenzeitlich längst der x-ten Datenrevolution oder einem banalen Computervirus zum Opfer gefallen wären.

Nun wollen wir aber schauen, womit genau wir es hier zu tun haben. Beginnen wir mit dem klein wirkenden Wagen links:

Praga_Piccolo_Fiat_509_Prellenkirchen_Fiat

Ungeachtet der mangelnden Schärfe wird Lesern dieses Blogs die klassisch durchgeformte Frontpartie mit der Kühlermaske im Stil antiker Tempelfassaden bekannt vorkommen.

Der vorn herausschauende Dynastarter komplettiert das Bild: Das ist ein Fiat 509, von dem zwischen 1925 und 1929 über 90.000 Exemplare entstanden. Kein deutscher Hersteller vermochte damals, in diesem industriellen Maßstab zu fertigen.

Dabei handelte es sich keineswegs um eine unscheinbare Konstruktion, die auf billige Fertigung getrimmt war. Nein, beim Fiat 509 mit gerade einmal 1 Liter Hubraum wurden die Ventile von einer obenliegenden Nockenwelle gesteuert.

Diese moderne Konstruktion erklärt die Leistungsreserven des Aggregats. In der Serienausführung begnügte man sich mit 22 PS, doch bei den heißgemachten Sportversionen waren bis zu 36 Pferde drin.

Doch halt, hier geht es ja gar nicht um das Volumenmodell der Turiner Marke, von dem man in der deutschen Oldtimerpresse selten bis nie etwas lesen wird.

Uns soll vielmehr der größer wirkende Wagen daneben interessieren:

Praga_Piccolo_Fiat_509_Prellenkirchen_Praga

Hier haben wir einen Bildausschnitt, der für sich bereits ein ganz entzückendes Motiv abgeben würde.

Die ganze Familie mit Hund hat sich um den Wagen eingefunden. Während die Erwachsenen eher geduldig auf den Auslöser zu warten scheinen, schaut das kleine Mädchen in einer Mischung aus Freundlichkeit und Schüchternheit in die Kamera.

Das ist eine schöne Momentaufnahme, wie man sie bei Vorkriegsaufnahmen nicht oft findet – meist schaut dort einer etwas kariert drein oder kann nicht stillhalten. Auch Belichtung und Perspektive sind nicht immer ideal gewählt.

Nun aber zu dem Wagen, der äußerlich eine Nummer größer wirkt als der Fiat:

Praga_Piccolo_Fiat_509_Prellenkirchen_Praga_Front

Den Namen des Herstellers – Praga – verrät der Schriftzug auf dem Grill.

Die Kühlereinfassung mit dem eigentümlichen Knick nach unten sowie das markante Abdeckblech zwischen den vorderen Rahmenauslegern ist typisch für das Modell „Piccolo“, und zwar in der ab 1926 gebauten 4.-6. Serie.

Mit dem 1924 vorgestellten Piccolo wollte Praga ein Einstiegsmodell unterhalb des über die Jahre gewachsenen Praga Alfa anbieten. Technisch bot der Piccolo dabei allerdings keine dem Fiat vergleichbare Raffinesse.

Der seitengesteuerte Vierzylinder mit knapp 825 ccm leistete lediglich 12,5 PS. Für einen internationalen Erfolg wie bei den Italienern war das Gebotene zu wenig. Hinzu kam, dass Praga auf keine Großserienproduktion eingestellt war.

Wenn man den Quellen trauen kann, wurden vom Praga Piccolo in der hier gezeigten Ausführung nur rund 1.500 Stück gefertigt. Umso rarer und interessanter ist das Modell natürlich aus heutiger Sicht.

Was einst den Fiat 509 und den Praga Piccolo auf unserem Foto zusammengeführt hat, wissen wir nicht. Überliefert ist auf der Rückseite des Abzugs nur der Aufnahmeort: Prellenkirchen in Niederösterreich.

Die Kennzeichen der beiden Wagen verweisen auf eine Zulassung im Raum Wien (Fiat) bzw. Niederösterreich (Praga). Möglich, dass ein Besuch von Verwandten oder Bekannten der Anlass dieser schönen Aufnahme war.

Wenn die beiden Autos einst zusammengehörten, hätte der Praga neben dem Fiat einen guten Zweitwagen abgegeben, der durchaus respektabel daherkam.

Dass man sich bei Praga neben solchen Brot-und-Butter-Autos auch auf automobile Leckerbissen verstand, beweist der Blogbeitrag zum Praga Grand 8

© Michael Schlenger, 2017. All entries in this blog (including embedded photos) are copyrighted by the author, unless otherwise indicated. Excerpts and links may be used, provided that credit is given to Michael Schlenger and http://www.klassiker-runde-wetterau.com with appropriate and specific direction to the original content.

FUND DES MONATS: Ein Praga „Grand 8“

Der Januar 2017 neigt sich seinem Ende entgegen – mancher Leser dieses Oldtimerblogs mag schon ungeduldig auf das „Fundstück des Monats“ warten.

Zur Erinnerung: In dieser Rubrik präsentiert werden Originalfotos von Vorkriegswagen, die entweder besonders selten, außergewöhnlich schön oder in einer einzigartigen Situation abgebildet sind.

Der Wagen auf folgendem Foto erfüllt gleich zwei dieser Kriterien, auch wenn sich das nicht unmittelbar erschließt:

praga_grand_olmutz_1930_galerie

Diverse Wagen beim Autokurs in Ölmütz 1930

Mindestens sieben konventionell erscheinende Limousinen und Tourenwagen der späten 1920er Jahre sind hier vereint.

Aus der Entfernung wirkt das Ganze wie eine Ansammlung irgendwelcher US-Fahrzeuge. Dem Anbieter des Fotos fiel dazu entsprechend wenig ein, angegeben wurde lediglich die umseitige Aufschrift „Autokurs Ölmütz 1930“.

Wer das Glück hatte, die Defizite staatlicher Bildungsanstalten in puncto europäischer Geografie und Geschichte durch familiäre Umstände, Reisen oder pures Interesse ausgleichen zu können, dürfte hier aufmerken.

Ölmütz ist der deutsche Name der tschechischen Stadt Olomouc in Mähren, das bis 1918 zu Österreich-Ungarn gehörte. So bunt das Völkergemisch in dieser Region einst war, so abwechslungsreich war auch das Straßenbild in automobiler Hinsicht.

Entsprechend stößt man auf Autobildern der Vorkriegszeit aus den Gebieten des einstigen K.u.K-Reichs auf alle möglichen Wagen deutscher, österreichischer, tschechischer und – unvermeidlich – amerikanischer Hersteller.

Zwar erschien die Qualität unseres Abzugs zunächst mäßig, doch sprach die Wahrscheinlichkeit dafür, dass etwas Interessantes darauf zu sehen ist.

Dass wir es tatsächlich mit einem unglaublichen Glücksfall zu tun haben, zeigte sich erst unter der Lupe:

praga_grand_autokurs_olmutz_1930_ausschnitt

Der Wagen ganz rechts fällt nicht nur durch seine majestätische Größe aus dem Rahmen – er lässt auch nicht den geringsten Zweifel an seiner Identität.

Dieses trotz seiner enormen Abmessungen perfekt proportionierte Automobil gehört zum Großartigsten und zugleich Seltensten, was die an Sensationen nicht gerade arme tschechische Autoindustrie hervorgebracht hat.

So etwas, werte Leser, dürften die meisten nicht einmal aus der Literatur kennen – schon gar nicht aus den sich ewig um dieselben Marken und Typen drehenden deutschsprachigen Klassiker-Magazinen.

Dieses kolossale Automobil ist eines von nur 299 gebauten Exemplaren des Praga „Grand 8“ – das Spitzenprodukt des traditionsreichen, auf Qualität bedachten Prager Fahrzeugbauers.

Wer’s nicht glaubt, findet alle nötigen Informationen am Wagen selbst. Auf der Abdeckung des Ersatzrads steht die Modellbezeichnung „Praga Grand“ und die „8“ vor dem Kühler schafft endgültige Klarheit hinsichtlich der Motorisierung:

praga_grand_autokurs_olmutz_1930_frontpartie

Der 3,6 Liter messende 8-Zylinder-Reihenmotor des Wagens war auf möglichst weichen Lauf und anstrengungslose Kraftentfaltung hin optimiert, nicht auf Maximalleistung.

Wer von der reinen Papierform ausgeht – das Aggregat leistete 70 PS bei bloß 3.000 Umdrehungen –  gewinnt keine wirkliche Vorstellung davon, wie anstrengungslos sich so ein Wagen unter den damaligen Verhältnissen fuhr.

Die über 5 Meter lange und fast 2 Tonnen schwere Limousine bot ihren Insassen allen damals erdenklichen Luxus, reichlich Leder und Plüsch – verbunden mit ruhigem Motorlauf in allen Lagen.

Die Spitzengeschwindigkeit von 120km/h war für die Besitzer eines solchen Luxuswagens ebenso irrelevant wie es das theoretische Beschleunigungsvermögen moderner Prestigewagen im Alltag ist.

Wer diesen mächtigen Praga in Mähren einst fuhr, muss offen bleiben. Ein Auto, von dem zwischen 1927 und 1933 keine 300 Stück gebaut wurden, war jedenfalls etwas für echte Gourmets.

Denkbar ist, dass beim „Autokurs 1930 in Ölmütz“, bei dem unser Foto entstand, der Chauffeur des Praga mit von der Partie war. Doch wer von den Personen auf der Aufnahme könnte das gewesen sein?

praga_grand_autokurs_olmutz_1930_teilnehmer

Von den sechs Personen, die hier posieren, wissen wir leider nichts – außer dass jeder von ihnen individueller wirkt als all‘ die „Hipster“ unserer Tage, die ängstlich darauf achten, dieselbe Markenkleidung und dasselbe Brillengestell zu tragen…

Tja, auch die Welt der Automobile war einst unendlich „vielfältiger“, um einmal den vielstrapazierten Begriff zu bemühen, als das überschaubare heutige Angebot, das den doch angeblich so „einzigartigen“ Zeitgenossen vollauf zu genügen scheint.

Selbst Käufer von Großserienwagen der Marken Jaguar, Saab und Volvo galten hierzulande lange als Sonderlinge. Wer würde da erst einen Neuwagen kaufen, von dem pro Jahr ein paar Dutzend in Prag in Handarbeit zusammengebaut werden?

Nun, das ist der Unterschied zwischen Luxus und Pseudo-Exklusivität von der Stange – zwischen echtem Enthusiasmus und risikofreiem Modemitläufertum. Ein über 80 Jahre altes Foto eines Praga Grand 8 erinnert uns daran…

Ein „Alfa“ der 1920er Jahre aus Prag…

Alfa-Freunde sind auf diesem Oldtimerblog bisher zu kurz gekommen. Der Grund ist keineswegs in einer Abneigung des Verfassers gegen die einst stolze Turiner Marke zu sehen.

Es ist leider so, dass Vorkriegswagen von Alfa-Romeo auf alten Fotos nur selten zu sehen sind, wenn man von Sportwagenmodellen wie dem folgenden absieht:

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© Alfa-Romeo RL Super Sport von 1925; originales Kosmos-Zigarettenbild aus Sammlung Michael Schlenger 

Was dagegen die „zivilen“ Typen von Alfa angeht, müssen sich die Leser dieses Netztagebuchs noch ein wenig gedulden. Das alte Jahr 2016 soll aber nicht ganz ohne „Alfa“ ausklingen, auch wenn wir dabei etwas mogeln müssen.

Liebhaber echter Alfas werden es hoffentlich verzeihen, wenn sie statt eines  sportlichen Coupés oder einer kultivierten Limousine mit dem markanten Logo folgendes Gefährt vorgesetzt bekommen – das ebenfalls ein „Alfa“ ist:

praga_alfa_limousine_galerie

© Praga „Alfa“ der 1920er Jahre, Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Wer die Qualität des Abzugs bemängeln zu dürfen meint, hat das Original noch nicht gesehen, an dem der Zahn der Zeit heftig genagt hat. Die Partie oberhalb des Ersatzrads vermittelt eine Vorstellung von der Ausgangsbasis…

Mit aufwendigen Retuschen ließ sich viel von der ursprünglichen Anmutung wiederherstellen. Das lohnt sich, denn diese Limousine im US-Stil der 1920er Jahre ist eine Rarität, ein Wagen des Typs „Alfa“ des tschechischen Herstellers Praga.

Diesmal geht es also nicht um sportliche Wagen aus Mailand, sondern um soliden Maschinenbau aus Prag…

Den entscheidenden Hinweis zur Identifikation gab die Aufschrift auf dem Überzug des Reserverads:

praga_alfa_limousine_ausschnitt

In Verbindung mit der Kühlerfigur und den Scheibenrädern erlaubte dieses Detail eine eindeutige Ansprache als Praga „Alfa“ der 1920er Jahre. Allerdings baute die Firma schon vor dem 1. Weltkrieg ein Modell Alfa – daher erst einmal eine Rückblende:

Am Anfang der Marke Praga steht eine Gründung des Unternehmers Franz Josef Ringhoffer im Jahr 1907 – also noch zu Zeiten der Donaumonarchie.

Zunächst baute Praga in Lizenz Wagen von Charron, doch ab 1911 fertigte man selbstentwickelte Wagen. Den Anfang machte der Praga Mignon, ein 30 PS starker Vierzylinder der gehobenen Mittelklasse, der bis 1924 im Programm blieb.

1913 taucht erstmals ein Modell „Alfa“ im Angebot von Praga auf. Das war ein solider Kleinwagen mit 1,1 Liter Motor und 15 PS. Dessen Produktion wurde ab 1922 wieder aufgenommen und damit nähern wir uns dem Fahrzeug auf unserem Foto.

In den 1920er Jahren leistete der Praga „Alfa“ bereits 20 PS aus 1,2 Liter Hubraum. 1927 wurde dann parallel ein äußerlich ähnlicher 6-Zylindertyp angeboten, dessen 1,5 Liter Motor für knapp 30 PS gut war.

Ob der Wagen auf unserem Foto einer der Vierzylinder oder ein 6-Zylindertyp ist, muss vorerst offen bleiben. Sicher ist: Praga setzte von den „Alfa“-Modellen bis 1929 nur wenige tausend Exemplare ab. 

Man hat den Eindruck, dass die PKW-Produktion beim frühzeitig in andere Fahrzeugkategorien ausgreifenden Maschinenbaukonzern Praga eher nebenher lief. Umso erfreulicher, einem solchen raren Fahrzeug zumindest auf einem historischen Foto zu begegnen…