Ein Protos Typ G von 1912/13 im Nachkriegseinsatz

Die letzten Einträge auf diesem Blog waren Fahrzeugen gewidmet, die bei den Classic Days 2016 auf Schloss Dyck zu sehen waren. Nun kehren wir zum gewohnten Schema zurück und befassen uns mit schönen, raren oder skurrilen Automobilen auf historischen Originalfotos.

Heute ist die Berliner Marke Protos an der Reihe, von der wir hier bislang erst ein Fahrzeug präsentieren konnten (Bildbericht). In Vorkriegskreisen genießt Protos zwar einen guten Ruf – sofern man den Hersteller kennt – doch alte Bilder davon sind heute beinahe so schwer zu finden wie überlebende Wagen.

Eines der wenigen Beispiele (ein Special) ist auf folgendem Foto zu sehen, das 2011 – wiederum auf Schloss Dyck – entstand:

Protos_Rennwagen_SchlossDyck_2011

© Protos „Special“ bei den Classic Days auf Schloss Dyck 2011; Bildrechte: Michael Schlenger

Zur Geschichte von Protos: Ursprung war die 1899 in Berlin gegründete gleichnamige Motorenfabrik, die schon bald mit eigenen Wagen von sich reden machen sollte.

1905 trat Protos mit einem 45PS-Modell bei der ersten Herkomer Konkurrenz an. Beim Kaiserpreisrennen, das 1907 im Taunus ausgetragen wurde, setzte Protos einen neuen 6-Zylinderwagen ein und errang ohne jede Vorbereitung einen Achtungserfolg.

Im Jahr darauf, 1908, stellte Protos ein 4-Zylindermodell mit 35 PS für die Teilnahme am legendären Rennen von New York nach Paris zur Verfügung. Der Protos absolvierte die 22.000 Meilen lange Fahrt durch die USA, Sibirien und Russland bis Paris mit Bravour.

Das Ganze fand im Winter statt – und muss für Mensch und Maschine unvorstellbare Strapazen bedeutet haben. Der brave Protos existiert übrigens noch und steht heute im Deutschen Museum in München.

1908 übernahm Siemens die Firma Protos und ließ neue Modelle entwickeln, die höchste Anerkennung fanden. Selbst der in automobiler Hinsicht anspruchsvolle Kronprinz Wilhelm von Preussen fuhr Protos-Sechszylinderwagen.

Daneben bot Protos bis zum 1. Weltkrieg weiterhin 4-Zylinder-Modelle an. Mit einem solchen Wagen haben wir es höchstwahrscheinlich auf folgendem Originalfoto zu tun:

Protos_TypG_Tourenwagen_Galerie

© Protos Typ G1 oder G2, Baujahr ca. 1912/13; Foto aus Sammlung Michael Schlenger

Der Wagen erweist sich bei näherer Betrachtung als Wanderer zwischen den Welten. Denn die Basis des Fahrzeugs stammt aus der Zeit vor dem 1. Weltkrieg, während einiges auf spätere Umbauten hindeutet.

Nach Ansicht des Verfassers handelt es sich um einen Typ G1 bzw. G2 von 1912 oder 1913, der einen Vierzylindermotor mit 18 bzw. 21 PS hatte. Zwar ist in der spärlichen Literatur zu Protos-Wagen keine 100%ige Entsprechung zu finden, doch ein Indizienbeweis lässt sich führen.

Sehr wahrscheinlich handelt es sich um einen Protos der Zeit vor Kriegsausbruch, wie die Frontpartie erkennen lässt:

Protos_TypG_Tourenwagen_Frontpartie

Der markante, nach unten weisende Spitzbogen der Kühlermaske findet sich zwar auch bei Nachkriegs-Protos. Doch den gewölbten oberen Abschluss des Kühlers findet man nur bei Vorkriegsmodellen. Noch 1914 taucht dann bei den neuen C-Typen erstmals der spitz zulaufende Kühler auf.

Zur Veranschaulichung dieses Details eine zeitgenössische Reklame die aufgrund der schlechten Papierqualität auf die Zeit des 1. Weltkriegs oder kurz danach zu datieren ist:

Protos-Reklame_1920er.jpg

© Protos Reklame, ca. 1914-20; Foto aus Sammlung Michael Schlenger

Man beachte die offenbar bereits elektrisch betriebenen Scheinwerfer, darauf kommen wir noch zurück.

Auf unserem Foto zu sehen ist der geschwungene Windlauf von der waagerecht verlaufenden Motorhaube zur Schottwand mit der Frontscheibe. Die Durchsicht der Abbildungen in der Literatur („Autos aus Berlin: Protos und NAG“, Hans-Otto Neubauer, Verlag Kohlhammer, 1983) erlaubt die Annahme, dass dieses Detail frühestens 1912 bei Protos-Wagen auftaucht. Vorher stieß die Motorhaube rechtwinklig auf die Schottwand.

Welche Protos-Modelle der Zeit ab 1912 kommen nun in Frage? Die 6-Zylinderwagen Typ E2 27/65 PS und F 18/45 PS kann man ausschließen. Zum einen erscheint die Motorhaube für die Aggregate mit 6,8 bzw. 4,6 Liter Hubraum zu kurz. Zum anderen wiesen diese Typen Radstände von 3,30m und mehr auf. Das erscheint zuviel für den Wagen auf unserer Aufnahme.

Das Modell G1 bzw. G2 mit 1,6 Liter großem Vierzylindermotor und 2,70m Radstand passt zum Erscheinungsbild des Wagens auf dem Foto. Dieser war ab Werk auch als Doppel-Phaeton verfügbar, also als viersitziger Tourenwagen wie auf unserem Bild:

Protos_TypG_Tourenwagen_Insassen

Das Erscheinungsbild der Insassen spricht dafür, dass diese Aufnahme nach dem 1. Weltkrieg entstand. Aufwendige Hüte bei den Damen und üppige Bärte bei den Herren waren nach 1918 jedenfalls passé.

Unterstützt wird die Datierung in die Nachkriegszeit auch durch die nachgerüsteten (?) elektrischen Scheinwerfer und den stark gebrauchten Zustand des Wagens. Das schon reichlich patinierte Nummernschild mit dem Kürzel „IM“ verweist übrigens auf eine Entstehung des Fotos in der Provinz Sachsen.

Mehr wissen wir leider nicht über Ort und Anlass der Aufnahme. Vielleicht kann ein Protos-Kenner Näheres zum Wagentyp und Besonderheiten wie den auffallend gewölbten Schutzblechen sagen, die nicht so recht zu einem Vorkriegsauto passen wollen.

Tourenwagen der 1920er Jahre aus Berlin: Protos Typ C

Berlin wird nachgesagt, dass es die einzige Hauptstadt sei, in der das mittlere Einkommen unter dem Landesdurchschnitt liege.

Vor 100 Jahren sah das anders aus: Die Metropole mitten im Deutschen Reich war ein boomendes Industriezentrum, in dem Konzerne aus Maschinenbau, Elektrotechnik, Fahr- und Flugzeugproduktion ansässig waren.

Die in Berlin angesiedelte PKW-Produktion von AEG wurde auf diesem Blog bereits eingehend besprochen (Stichwort: NAG). Heute soll es um die Autofertigung des ebenfalls in Berlin ansässigen Konzerns Siemens gehen. Gemeint ist die Marke Protos, die 1899 gegründet wurde und 1908 von Siemens übernommen wurde. 

Protos beanspruchte für sich, weniger sportliche denn zuverlässige Wagen zu bauen. Das gelang mit einigem Erfolg, doch der 1. Weltkrieg verhinderte die weitere Entwicklung. Erst 1921 trat man mit neuen Modellen in Erscheinung. Ein solcher Wagen ist auf dem folgenden Originalfoto zu sehen:

Protos_Typ_C_Tourenwagen_1920er_Jahre

© Protos Typ C, Mitte der 1920er Jahre; Sammlung Michael Schlenger

Das Auto wirkt aus dieser Perspektive unscheinbar und man meint, aufgrund der winterlichen Kühlerverkleidung sei eine Identifikation nicht möglich. Tatsächlich enthält die Aufnahme genügend Hinweise, die Ansprache des Wagens erlauben.

Werfen wir dazu einen näheren Blick auf das Auto mit Tourenwagenkarosserie:

Protos_Typ_C_Tourenwagen_1920er_Jahre_Ausschnitt

Zunächst fallen die eindrucksvollen Dimensionen des Wagens auf, der Fahrer hinter dem Lenkrad veranschaulicht dies.

Folgende Elemente ermöglichen die Identifikation als Protos-Tourenwagen: Die auf Winterbetrieb hinweisende Kühlerabdeckung lässt erkennen, dass der obere Teil der spitz zulaufenden Kühlermaske außergewöhnlich hoch ist; das gab es so nur bei Protos.

Markentypisch ist auch die Anordnung der Luftschlitze in der Motorhaube. Des Weiteren deckt sich die Anbringung von Batteriegehäuse und Werkzeugkasten auf dem bzw. im Trittbrett mit zeitgenössischen Aufnahmen des Protos Typ C.

Dieses Modell wurde als einziges von Protos nach dem 1. Weltkrieg in fast 20 Karosserievarianten gebaut. Verfügbar waren zwei Motorisierungen: ein 10/30 PS Modell (bis 1924) und bis 1927 ein 10/45 PS-Modell, beide mit 2,6 Liter großem Sechszylinder. Sie verfügten bereits über 4-Gang-Getriebe und 12-Volt-Elektrik.

Leider wissen wir nicht mehr über Ort, Anlass und Datum unseres Fotos eines Protos Typ C. Vielleicht kann ein Leser den Ort identifizieren. Die Buchstabenkombination „IA“auf dem Nummerschild verweist jedenfalls auf eine Zulassung im Bezirk Berlin.

Nach dem Zustand des Wagens zu urteilen, war dieser zum Zeitpunkt der Aufnahme wohl schon einige Jahre alt. So ist beispielsweise das linke Vorderschutzblech verbogen.

Eine Datierung auf die Mitte der 1920er Jahre dürfte realistisch sein. Im Jahr 1927 wurde Protos von der Marke NAG übernommen, die zum Berliner AEG-Konzern gehörte.

Am 1. Juli 1927 wurde der letzte Protos gebaut. Nur wenige davon existieren noch, was sie um Längen exklusiver macht als die in der Presse derzeit hochgeschriebenem Großserienautos.