Schwäbische Automobil-Gourmets fahren Salmson!

„Dies fuhr alles einst auf unseren Straßen“, so lautet der Titel eines reizenden Bildbands des 2013 verstorbenen Automobiljournalisten Paul Simsa.

Das 2011 neu aufgelegte Werk befasst sich mit dem Überleben von Vorkriegsautos im Nachkriegsdeutschland – ein Kapitel, das auf diesem Blog ebenfalls einigen Raum einnimmt (Überblick hier).

Doch unser Schwerpunkt liegt auf Originalfotos, die Veteranenfahrzeuge im Alltagseinsatz zu einer Zeit zeigen, als sie noch keine „Oldtimer“ waren. So ist das auch bei der Aufnahme, die wir heute vorstellen.

Laut umseitiger Aufschrift ist diese während einer „Spritztour nach Nagold“ entstanden.

Nie gehört? Nun, auch der Verfasser kennt den beschaulichen Ort im Schwarzwälder Landkreis Calw nur, weil es seine schlesische Großmutter nach einigen Umwegen im Alter dorthin verschlagen hat.

Fern der Heimat fand sich auch der Wagen auf unserer Aufnahme wieder:

Salmson_VAL_ca_1925_Tour_nach Nagold_Galerie

Salmson Typ VAL; Originalaufnahme aus Sammlung Michael Schlenger

Was hier mit Zulassung im einstigen Bezirk Baden vor uns steht, ist nämlich eindeutig vom anderen Ufer – des Rheins, versteht sich.

Man muss kein besonderer Kenner der unzähligen französischen Automarken der Vorkriegszeit sein, um diesen Tourenwagen als Salmson zu identifizieren. Das Andreaskreuz auf dem Kühler sagt alles.

Wie aber wurde das Kreuz, an dem christlicher Überlieferung zufolge einer der Jünger Jesu gekreuzigt wurde, zum Markenzeichen eines Autoherstellers?

Dazu müssen wir ein wenig ausholen:

Die Firma Salmson geht auf eine Gründung des französischen Luftfahrtpioniers Émile Salmson zurück, der ab 1908 Flugmotoren herstellte. Im 1. Weltkrieg begann das Unternehmen außerdem, komplette Flugzeuge zu bauen.

Émile Salmson starb 1917 und sein Unternehmen Société des Moteurs Salmson wurde nach dem 1. Weltkrieg neu ausgerichtet.

Ein gewisser André Lombard überzeugte die Geschäftsführung davon, dass eine Lizenzfertigung der bewährten und steuerlich günstigen Cyclecars der britischen Firma GN (Godfrey & Nash) eine lohnende Angelegenheit sei.

Die Idee erwies sich als richtig und André Lombard betätigte sich erfolgreich als Werksfahrer für die aufstrebende junge Automobilfirma.

Unterdessen machte sich Salmson an die Weiterentwicklung der 4-Zylinder-Motoren. Den Durchbruch brachten die kopfgesteuerten Aggregate von Èmile Petit, die auch in den Serienwagen wie auf unserem Foto zum Einsatz kamen.

Ab 1921, nachdem ein Salmson mit zwei obenliegenden Nockenwellen mit André Lombard am Steuer die Konkurrenz deklassiert hatte, wurde ihm zu Ehren das Croix d’André im Kühlergrill integriert.

Die Sportmodelle jener Zeit trugen außerdem die Initialen von André Lombard in der Typbezeichnung: „AL“. Nebenbei: Bis 1928 heimsten die Cyclecars von Salmson über 500 Rennsiege ein.

Die „zivile“ Ausführung der erfolgreichen Salmson-Cyclecars wurde als Typ „VAL“ bezeichnet, wobei das V für „Voiturette“ stand, also Kleinwagen. Mit solch einem Salmson VAL aus der Mitte der 1920er Jahre haben wir es heute zu tun.

Und so sahen die wackeren Schwaben aus, die damals mit der Wahl ihres Wagens hervorragenden Geschmack bewiesen, lange bevor ihre Nachkommen ihren automobilen Horizont auf „Youngtimer“ aus lokaler Produktion beschränkten:

Salmson_VAL_ca_1925_Tour_nach Nagold_Ausschnitt

Man hat den Eindruck, dass das glückliche Leute waren, die einst mit ihrem französischen Tourenwagen tief im Badischen auf Spritztour unterwegs waren.

Kann es sein, dass es für Leute mit Sachkenntnis und Stil damals in vielerlei Hinsicht eine vielfältigere und aufregendere Auswahl gab als heute?

Für alles und jeden offene Grenzen werden in unseren Tagen ja gerne als kolossale Errungenschaft dargestellt. Aber was, wenn es nun – im günstigsten Fall – überall nur den gleichen Einheitsbrei gibt?

Vielleicht ein Grund mehr, warum die Klassikerszene einen immer größeren Zulauf hat. Wenn heute beinahe jeder BMW, Mercedes oder Porsche fährt, findet sich das Edle fast nur noch in den Relikten der Vergangenheit.

Der heutige Blogeintrag beschäftigt sich übrigens nicht zufällig mit einem Wagen der französischen Marke Salmson.

Denn an diesem Wochenende (6./7. Mai 2017) treffen sich hunderte Gleichgesinnte aus ganz Europa an der historischen Rennstrecke von Monthléry bei Paris, um dort ein Festival wahrer Vielfalt zu feiern:

© Videoquelle YouTube; hochgeladen von Jean-Baptiste AVRIL

Die Cyclecars von Salmson, Amilcar, BMC, Rally und wie sie alle heißen stellen dort die stärkste Fraktion – unsere französischen Nachbarn lieben diese Tradition.

Enthusiasten aus England, den Niederlanden, Belgien und Deutschland sind seit vielen Jahren begeistert mit von der Partie – denn nichts kommt diesem Spektakel auf der einzigen noch befahrbaren Steilkurvenstrecke der Welt gleich.

Die faszinierende Welt der Vorkriegswagen lebt und ist unendlich abwechslungsreicher und begeisternder als das, was unsere Tage in automobilistischer Hinsicht (und vielleicht auch sonst) hervorbringen…

Der Verfasser wäre 2017 gern dabei gewesen – doch ist etwas dazwischengekommen – daher allen Lesern vor Ort auf diesem Weg: Hals- und Beinbruch!

© Michael Schlenger, 2017. All entries in this blog (including embedded photos) are copyrighted by the author, unless otherwise indicated. Excerpts and links may be used, provided that credit is given to Michael Schlenger and http://www.klassiker-runde-wetterau.com with appropriate and specific direction to the original content.

 

 

„Rally“-Cyclecar: Der Bugatti des kleinen Mannes

Die Tradition der „Cyclecars“ – kleiner, leichter Sportwagen der 1920er und frühen 1930er Jahre – wird auch hierzulande von Enthusiasten gepflegt. Bei den Classic Days 2014 auf Schloss Dyck waren einige im Einsatz zu sehen.

© Cyclecars, Classic Days 2014; Bildrechte: Michael Schlenger

Im Cyclecar-Segment dominieren französische Marken wie Amilcar, Mathis und Salmson. Deutsche Fabrikate sind kaum anzutreffen, obwohl hierzulande einst zahllose Produzenten kleinvolumige Wagen fertigten.

Vermutlich war seinerzeit in Frankreich der Markt für Privatfahrer größer, die sich solche Schätzchen leisten konnten. Die Dominanz französischer Hersteller in dieser Klasse wird auch beim alle zwei Jahre stattfindenden Vintage Revival Monthléry deutlich, wo an die 50 Cyclecars über den einzigen noch befahrbaren Steilkurvenkurs der Welt toben.

© Videoquelle: YouTube; Urheberrecht: Michael Buller

Zu den hierzulande kaum bekannten Herstellern solcher Kleinsportwagen gehörte von 1921 bis 1933 die Firma Rally, die in einem Vorort von Paris ansässig war.

Der Verfasser erstand vor einiger Zeit beim Goodwood Revival Meeting folgendes Foto der 1930er Jahre, das einen Rally ABC zeigt.

Rally_Pressefoto

© Rally ABC, Bj. 1930; Sammlung: Michael Schlenger

Auf der Rückseite sind die technischen Daten des Wagens vermerkt:  4-Zylinder-Motor mit 1100 ccm, hängende Ventile, 3-Gang-Getriebe, Baujahr 1930.

Der Zufall wollte es, dass 2013 auf dem Teilemarkt im elsässischen Lipsheim ein Rally zum Verkauf angeboten wurde – allerdings ohne Angabe des Kaufpreises. Hier ein Foto des Fahrzeugs:

Rally_Lipsheim_sw

© Rally, Teilemarkt Lipsheim; Bildrechte: Michael Schlenger

Amilcar-Freunde mögen es verzeihen – aber Rally baute die optisch attraktiveren Wagen. Man ist geneigt, angesichts der hufeisenförmigen Kühlermaske vom „Bugatti des kleinen Mannes“ zu sprechen.

Rally fertigte übrigens zeitweise eigene Motoren, für die auch ein Roots-Kompressor verfügbar war. Ab 1931 trat Rally dann mit Motoren von Salmson an, die über zwei Nockenwellen verfügten.

Rally ging 1933 in Konkurs, die Rennaktivitäten hatten offenbar zuviel Kapital verschlungen. Schön zu sehen, dass dennoch etliche Wagen dieser feinen Marke überlebt haben. Hier ein spätes Modell:

Rally_Schloss_Dyck_2014

© Rally, Classic Days 2014; Bildrechte: Michael Schlenger