Stanley Steamer: Magie des Dampfantriebs

Vor über 100 Jahren stießen Autos mit Verbrennungsmotor auch bei fortschrittlich Gesinnten noch auf Skepsis:

Das Starten von Hand erforderte Geschick, die ungedämpften Auspuffgeräusche der Motoren und der Abgasgeruch wurden als Plage empfunden. Kompliziert und defektanfällig waren die Wagen obendrein. Speziell Vergaser und Zündung waren wenig zuverlässig und wartungsintensiv.

Dabei gab es mit dem Dampfantrieb eine ausgereifte Alternative. Nach dem Vorheizen war der Start kinderleicht, dampfmaschinentypisch stand die volle Leistung sofort zur Verfügung. Ein Übersetzungsgetriebe war dank stufenloser Anpassung der Zylinderfüllung überflüssig. Geräusch- und Abgasentwicklung waren geringer als beim Benziner. Zudem kamen Dampfwagen mit weniger, kaum anfälligen Bauteilen aus.

Kein Wunder, dass es um 1900 allein in den USA über 100 Hersteller von Dampfautomobilen gab. Einer der erfolgreichsten war die Stanley Motor Carriage Company. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts gehörten die Stanley Steamer zu den populärsten Automobilen in den USA.

Stanley_Steamer_SchlossDyck_2014© Stanley Steamer bei den Classic Days 2014; Bildrechte: Michael Schlenger

Der Erfolg der Stanley Steamer beruhte auf ihrer gründlich durchdachten Konstruktion und zuverlässigen Funktion. Das waren repräsentative und leistungsfähige Fahrzeuge, die nichts Improvisiertes oder Unsolides an sich hatten.

Doch Stanley versäumte den Einstieg in die Großserienfertigung, wie Ford sie 1908 mit dem günstigen T-Modell begann. Und mit Einführung des elektrischen Anlassers bei Cadillac im Jahr 1912 standen auch luxuriöse Benzinwagen zur Verfügung, bei denen das Ankurbeln von Hand entfiel.

Dank rapider Entwicklung stellte das benzingetriebene Auto den Dampfwagen bald in den Schatten, wozu auch größere Reichweite und Wegfall des Vorheizens beitrugen. Dennoch endete die Produktion von Stanley-Dampfautos erst 1924. Schätzungsweise 11.000 Wagen waren bis dahin gefertigt worden.

Im hier verlinkten Film kommt der junge englische Besitzer eines besonders raren Stanley Steamer zu Wort. Er hat ein Exemplar des nur 75mal gebauten M-Modell von 1908 komplett in Eigenregie restauriert (O-Ton: „A life-changing experience“).

Besonders betont er die Leistungsfähigkeit des 30 PS starken Wagens, die seine Erwartungen weit übertroffen hat. Ein Tempo von weit über 100 km/h ist damit möglich. Wie rasant sich der Stanley bewegen lässt, kommt in dem Film gut zur Geltung, der den Wagen auf einer seiner ersten Fahrten in der südenglischen Grafschaft Somerset zeigt.

Übrigens ein Beispiel dafür, dass sich auch die junge Generation durchaus für die Automobile der Frühzeit begeistern kann. In England ist das öfters der Fall, wie ein Blick auf Teilnehmer und Publikum bei einschlägigen Veranstaltungen zeigt.

Wer sich auch für den stationären Einsatz der Dampfkraft begeistert, der kann der ältesten noch an ihrem Einsatzort befindlichen und funktionstüchtigen Dampfmaschine der Welt hier bei der Arbeit zusehen.

Bei der Gelegenheit wird einem auch klar, welchen zeitlichen Entwicklungsvorsprung die Dampfautomobile vor über 100 Jahren hatten.